Der Sohn des Schah wirbt in Berlin für sich als Figur eines Übergangs nach einem Ende des Mullah-Regimes: Spricht gegen Reza Pahlavi, was gegen dessen Vater sprach, die Menschenrechtsverletzungen von dessen Monarchie zwischen 1941 und 1979?


Reza Pahlavi vor der Bundespressekonferenz in Berlin, attackiert mit Tomatensoße

Foto: Bernd Elmenthaler/Imago


Wenn Reza Pahlavi in Berlin, wie gestern geschehen, aus einer Pressekonferenz kommend mit Tomatensoße bespritzt wird, weckt das bei alten Berlinern wie mir Erinnerungen. Am 2. Juni 1967 hatte Pahlavis Vater, der damalige Schah von Iran, die Deutsche Oper in der Westberliner Bismarckstraße besucht, wo Mozarts Zauberflöte gespielt wurde. Der westdeutsche Bundespräsident Heinrich Lübke und Westberlins Bürgermeister Heinrich Albertz begleiteten ihn und seine Frau. Gegen diesen Besuch wurde vor der Oper heftig und folgenreich protestiert. Man kann sagen, es war das Ereignis, das hierzulande die 1968er studentische Revolte auslöste.

Um die Mittagszeit war der Schah im Schöneberger Rathaus gewesen, dort hatten die studentischen Proteste schon angefangen. Ich war dabei und stand nicht weit von der Absperrung entfernt. Wir wussten, was in Iran geschah: Eine westlich orientierte Modernisierungsdiktatur, gestützt von den USA, hielt sich mit schweren Menschenrechtsverletzungen an der Macht.

Die politische Opposition wurde vom iranischen Geheimdienst SAVAK unterdrückt. Der war nach Westberlin mitgereist und lieferte uns vor dem Rathaus Anschauung: Von ihm angeheuert, stand hinter der Absperrung eine nicht kleine Gruppe von „Jubelpersern“, wie wir sie nannten, die mit Holzlatten, Knüppeln und Stahlrohren auf uns einschlugen. Einige von uns wurden schwer verletzt. Die Westberliner Polizei sah dem Treiben tatenlos zu, außer dass sie ein paar friedliche Demonstrant:innen festnahm.

2026 protestieren die einen gegen, die anderen jubeln für den Sohn des Schah

Am Abend vor der Oper übernahm die Polizei selber die SAVAK-Rolle. Sie griff die wieder protestierenden Studenten und Studentinnen an, zersprengte sie und jagte sie durch die Nebenstraßen. Eine kleine Gruppe war in einen Hinterhof geflüchtet, auch dorthin verfolgte man sie, und ein Student, Benno Ohnesorg, wurde von einem Polizisten erschossen. Einfach so.

Wir leben heute in einer anderen, aber doch nicht ganz anderen Welt. Ja, der Besuch des Schahsohns eignet sich, den Unterschied zu damals wie aber auch das unverändert Gebliebene hervorzuheben. Reza Pahlavi der Jüngere provozierte gestern in Berlin teils zustimmende, teils gegnerische Kundgebungen. Der liberalkonservativ gesinnte Mann sieht sich als Führer der Opposition gegen das Mullah-Regime und wird in diesem Anspruch von vielen Exil-Iranern bestärkt. Wie groß seine Anhängerschaft im Iran selber ist, ist schwer einzuschätzen. Manche verurteilen ihn, weil sie ihn mit seinem Vater identifizieren, das scheint aber zu kurz gegriffen zu sein.

Das Ende der griechischen Obristendiktatur

Dafür, dass er eine plausible Übergangsfigur hin zur iranischen Demokratie sein könnte, steht jedenfalls sein Programm: Nach einer Übergangsphase von hundert Tagen soll die Bevölkerung in freien Wahlen über ihre zukünftige Staatsform entscheiden. Das kann auch wieder eine Monarchie sein, er sagt aber, eine konstitutionelle wie in Großbritannien oder Norwegen. Er selbst will nur in diesem Übergang eine politische Rolle spielen. Für ihn spricht, dass er nicht nur die städtische Opposition repräsentiert, sondern durch seine monarchische Herkunft auch auf die konservative Landbevölkerung ausstrahlen könnte.

Darin, dass er den Krieg der USA und Israels gegen sein Land unterstützt, werden ihm wenige in Europa folgen, aber auch wenn wir diesen Krieg ablehnen, können wir seine Haltung wenigstens nachvollziehen. Er ist ja nicht der Erste, der mit allen Feinden seiner Feinde zusammenarbeitet. Schwerer wiegt, dass wir natürlich nicht wissen, ob er sich an seine demokratischen Versprechen hält, wenn es einmal wirklich zu der von ihm erwarteten Übergangsphase kommt. Aber man kann nicht einfach unterstellen, dass er lügt. Zumal sich eine weitere Erinnerung aufdrängt: ans Ende der griechischen Obristendiktatur.

Konstantinos Karamanlis und Reza Pahlavi

Das war 1974, und da spielte einer die Rolle, die sich heute Pahlavi zuschreibt. Konstantinos Karamanlis war vor dem Obristenputsch Ministerpräsident gewesen, lebte danach im Pariser Exil und wurde von den Obristen selber, als sie scheiterten, ins Land zurückgerufen. Viele misstrauten ihm, doch er ließ noch im selben Jahr eine Volksabstimmung zur Wiedereinführung der Republik durchführen. Er war wieder Ministerpräsident, wurde 1980 sogar zum Staatspräsident gewählt. Wenn auch Pahlavi der Jüngere solchen Erfolg hätte, es wäre nichts einzuwenden.

Von den „Jubelpersern“ führt der Bogen nicht zu ihm, sondern zum Terror der „Revolutions“garde des Mullah-Regimes. Wir wünschen, dass es stürzt, wie wir 1967 den Sturz des Schahs wünschten. Was gegen Pahlavi den Vater sprach, spricht nicht von selbst auch gegen den Sohn. Das ist der Unterschied zwischen damals und heute.

Aber genauso wichtig sind die Gemeinsamkeiten. Die US-Regierung führte schon damals ungerechtfertigte Kriege, vor allem den Vietnamkrieg, gegen den meine Generation aufgestanden war. Diese Regierung scherte sich nicht darum, ob sie mit Demokraten oder Volksunterdrückern zusammenarbeitete.

An der Rolle der USA im Iran ändert Pahlavi, der Jüngere, nichts

Bezeichnend war damals auch ihre Haltung zur griechischen Obristendiktatur: Öffentlich mahnte sie die Peiniger des griechischen Volkes zur Umkehr, hinter den Kulissen gab sie ihnen grünes Licht. Als der griechische Oberkommandierende dem US-Präsidenten Richard Nixon einige, wie er sagte, „kosmetische“ Gesten in Richtung Demokratie ankündigte, gab dieser „zu verstehen, dass ihm die griechischen Divisionen wichtiger waren als eine Demokratisierung“ (nach dem Bericht des Historikers Heinz A. Richter).

Die USA verfolgen rücksichtslos ihre Interessen. Ob es damals um militärische Stützpunkte ging oder heute geschäftliche Deals noch wichtiger sind, gleichviel. Dieser Kurs wird immer gefährlicher. Daran ändert Pahlavi, der Jüngere, nichts.

das Ereignis, das hierzulande die 1968er studentische Revolte auslöste.Um die Mittagszeit war der Schah im Schöneberger Rathaus gewesen, dort hatten die studentischen Proteste schon angefangen. Ich war dabei und stand nicht weit von der Absperrung entfernt. Wir wussten, was in Iran geschah: Eine westlich orientierte Modernisierungsdiktatur, gestützt von den USA, hielt sich mit schweren Menschenrechtsverletzungen an der Macht.Die politische Opposition wurde vom iranischen Geheimdienst SAVAK unterdrückt. Der war nach Westberlin mitgereist und lieferte uns vor dem Rathaus Anschauung: Von ihm angeheuert, stand hinter der Absperrung eine nicht kleine Gruppe von „Jubelpersern“, wie wir sie nannten, die mit Holzlatten, Knüppeln und Stahlrohren auf uns einschlugen. Einige von uns wurden schwer verletzt. Die Westberliner Polizei sah dem Treiben tatenlos zu, außer dass sie ein paar friedliche Demonstrant:innen festnahm.2026 protestieren die einen gegen, die anderen jubeln für den Sohn des SchahAm Abend vor der Oper übernahm die Polizei selber die SAVAK-Rolle. Sie griff die wieder protestierenden Studenten und Studentinnen an, zersprengte sie und jagte sie durch die Nebenstraßen. Eine kleine Gruppe war in einen Hinterhof geflüchtet, auch dorthin verfolgte man sie, und ein Student, Benno Ohnesorg, wurde von einem Polizisten erschossen. Einfach so.Wir leben heute in einer anderen, aber doch nicht ganz anderen Welt. Ja, der Besuch des Schahsohns eignet sich, den Unterschied zu damals wie aber auch das unverändert Gebliebene hervorzuheben. Reza Pahlavi der Jüngere provozierte gestern in Berlin teils zustimmende, teils gegnerische Kundgebungen. Der liberalkonservativ gesinnte Mann sieht sich als Führer der Opposition gegen das Mullah-Regime und wird in diesem Anspruch von vielen Exil-Iranern bestärkt. Wie groß seine Anhängerschaft im Iran selber ist, ist schwer einzuschätzen. Manche verurteilen ihn, weil sie ihn mit seinem Vater identifizieren, das scheint aber zu kurz gegriffen zu sein.Das Ende der griechischen ObristendiktaturDafür, dass er eine plausible Übergangsfigur hin zur iranischen Demokratie sein könnte, steht jedenfalls sein Programm: Nach einer Übergangsphase von hundert Tagen soll die Bevölkerung in freien Wahlen über ihre zukünftige Staatsform entscheiden. Das kann auch wieder eine Monarchie sein, er sagt aber, eine konstitutionelle wie in Großbritannien oder Norwegen. Er selbst will nur in diesem Übergang eine politische Rolle spielen. Für ihn spricht, dass er nicht nur die städtische Opposition repräsentiert, sondern durch seine monarchische Herkunft auch auf die konservative Landbevölkerung ausstrahlen könnte.Darin, dass er den Krieg der USA und Israels gegen sein Land unterstützt, werden ihm wenige in Europa folgen, aber auch wenn wir diesen Krieg ablehnen, können wir seine Haltung wenigstens nachvollziehen. Er ist ja nicht der Erste, der mit allen Feinden seiner Feinde zusammenarbeitet. Schwerer wiegt, dass wir natürlich nicht wissen, ob er sich an seine demokratischen Versprechen hält, wenn es einmal wirklich zu der von ihm erwarteten Übergangsphase kommt. Aber man kann nicht einfach unterstellen, dass er lügt. Zumal sich eine weitere Erinnerung aufdrängt: ans Ende der griechischen Obristendiktatur.Konstantinos Karamanlis und Reza PahlaviDas war 1974, und da spielte einer die Rolle, die sich heute Pahlavi zuschreibt. Konstantinos Karamanlis war vor dem Obristenputsch Ministerpräsident gewesen, lebte danach im Pariser Exil und wurde von den Obristen selber, als sie scheiterten, ins Land zurückgerufen. Viele misstrauten ihm, doch er ließ noch im selben Jahr eine Volksabstimmung zur Wiedereinführung der Republik durchführen. Er war wieder Ministerpräsident, wurde 1980 sogar zum Staatspräsident gewählt. Wenn auch Pahlavi der Jüngere solchen Erfolg hätte, es wäre nichts einzuwenden.Von den „Jubelpersern“ führt der Bogen nicht zu ihm, sondern zum Terror der „Revolutions“garde des Mullah-Regimes. Wir wünschen, dass es stürzt, wie wir 1967 den Sturz des Schahs wünschten. Was gegen Pahlavi den Vater sprach, spricht nicht von selbst auch gegen den Sohn. Das ist der Unterschied zwischen damals und heute.Aber genauso wichtig sind die Gemeinsamkeiten. Die US-Regierung führte schon damals ungerechtfertigte Kriege, vor allem den Vietnamkrieg, gegen den meine Generation aufgestanden war. Diese Regierung scherte sich nicht darum, ob sie mit Demokraten oder Volksunterdrückern zusammenarbeitete.An der Rolle der USA im Iran ändert Pahlavi, der Jüngere, nichtsBezeichnend war damals auch ihre Haltung zur griechischen Obristendiktatur: Öffentlich mahnte sie die Peiniger des griechischen Volkes zur Umkehr, hinter den Kulissen gab sie ihnen grünes Licht. Als der griechische Oberkommandierende dem US-Präsidenten Richard Nixon einige, wie er sagte, „kosmetische“ Gesten in Richtung Demokratie ankündigte, gab dieser „zu verstehen, dass ihm die griechischen Divisionen wichtiger waren als eine Demokratisierung“ (nach dem Bericht des Historikers Heinz A. Richter).Die USA verfolgen rücksichtslos ihre Interessen. Ob es damals um militärische Stützpunkte ging oder heute geschäftliche Deals noch wichtiger sind, gleichviel. Dieser Kurs wird immer gefährlicher. Daran ändert Pahlavi, der Jüngere, nichts.



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