Hallo,

manche Menschen machen sich fremde Städte zu eigen, indem sie auf Spuren ihrer berühmten Bewohner und Bewohnerinnen wandeln, Dichtern, Filmstars oder Rocklegenden. Paris ist wie gemacht dafür, die ganze Welt war schon da. Gertrude Stein, Françoise Sagan, Joyce, Hemingway, Juliette Gréco, Jim Morrison, Romy Schneider.

Das linke Seineufer und sein Viertel Saint-Germain-des-Prés wurden zum Sehnsuchtsort für Literaten und Bohemiens, für Künstler und Künstlerinnen oder Möchtegern-Intellektuelle. Bis heute kann man im diskreten Café-Restaurant Les Éditeurs (Die Verleger) manch angesagtem Autor oder einer Autorin begegnen, die beim verre de rouge ein Manuskript durchgehen oder am neuesten Theatercoup feilen.

Dass jetzt ein weit rechtsstehender Milliardär den traditionsreichen Verlag Grasset übernommen und den hochgeschätzten Chef Olivier Nora gefeuert hat, das hat in der französischen Literaturszene ein Beben ausgelöst, wie unsere Frankreichkorrespondentin Romy Straßenburg schreibt.

Um die 200 Autoren haben den Verlag inzwischen verlassen, darunter große Namen. Aber es gehen auch Schreibende, die weniger bekannt sind und in eine prekäre Zukunft schauen. Ein Kulturkampf ist ausgebrochen. Sogar Präsident Macron hat sich eingeschaltet und verteidigt die „Diversität der Verlagslandschaft“. Er nannte explizit Grasset, den Verlag, der sowohl für linke als auch für konservative Stimmen offen war. Nur nicht für Rechtsextreme.

Man muss an das deutsche Mini-Beben im März denken, als Wolfram Weimer drei linke Buchhandlungen wegen „verfassungsrechtlicher Bedenken“ von der Liste für den Deutschen Buchpreis ausgeschlossen hat. Auch diese Einmischung löste eine enorme Solidaritätswelle aus – und bescherte den Buchhandlungen den Umsatz ihres Lebens. Allons enfants, auf die Barrikaden!

Hier geht’s zum Text von Romy Straßenburg

1. Heute wichtig

2. Made My Day

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Italo-Rock Jetzt noch aufraffen? Null Energie. Das geht Ihnen abends bestimmt ebenso. Der Alltag schlaucht. Aber diese italienische Indie-Kultband, die uns seit Jahren begleitet, spielt. Zen Circus ist in Berlin – wir gehen natürlich hin. Schon das italienische Stimmengewirr, diese Ansammlung von bärtigen, hipster-bebrillten Exil-Italienern und lässig coolen Italienerinnen ist Musik.

Als die „Zen“ den ersten Akkord spielen, rockt der Laden, jeder Song wird mitgesungen. Der Sänger sagt: „Als wir in München gespielt haben, waren die Leute lauter!“ Wie in Italien und seinem campanilismo, eine Stadt gegen die andere ausspielen, das kommt überall an. Sie singen über die Jugend, die keine Hoffnung hat, kein Geld, keinen Job, die ein bisschen nihilistisch ist, über die leeren Versprechen der Rechten.

Zen Circus kommen aus Pisa in der Toskana, in Italien füllen sie größere Clubs, aber hier genießen sie die persönliche, intime Atmosphäre. Wie vor ihnen schon andere italienische Bands, es gibt mittlerweile eine Reihe von Musica Italiana in Deutschland.

Man sagt, München sei die nördlichste Stadt Italiens. An diesem Abend in Berlin sieht es ganz anders aus. Ich habe wieder Energie, muss für die ganze Woche reichen.

Zum Video von Zen Circus

3. Kultur-Tipp

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➜ Gut zu lesen: Ostfrauen wurden in den vergangenen 30 Jahren immer wieder beschrieben, aber die Ostfrau gibt es einfach nicht. Es gibt Geschichten von Menschen, von Verlust und Aufbruch.

Annette Schumann, Forscherin am Leibniz-Institut in Potsdam, versammelt in ihrem Buch Wir sind anders weibliche Biografien mit ostdeutschem Hintergrund, Porträts von 13 Frauen, die sie persönlich getroffen hat. Sie stammen aus verschiedenen Milieus, manche Frauen sind bekannt.

Die Machart erinnert an Maxie Wanders legendäre Tonbandaufzeichnungen, aber die Frage hier ist eine andere: Was macht eine Ostfrau trotz aller individueller Unterschiede spezifisch? Die Prägungen der DDR-Zeit, die Zerrissenheit in den Neunzigern? Oder die Brüche der Eltern, die sich auf jüngere Generationen übertragen? Und die sie manchmal von ihrer Herkunft entfremden? Unter anderen kommen eine Yogalehrerin aus Brandenburg, eine Bibliothekarin, die Schauspielerin Jutta Wachowiak, die Psychoanalytikerin Irene Misselwitz oder eine Studentin vor, die glaubt, ein Unterschied zwischen Ost und West liege im Umgang mit Privatheit.

Eine Stadtplanerin erzählt, wie sie während eines Studiums in Rom zum ersten Mal registriert, dass sie aus dem Osten kommt, als eine Freundin sagt, sie habe zum Abendessen auch eine Isländerin eingeladen, die irgendwie merkwürdig sei. Der Vater sei nämlich Maurer. Da seien die Klassenunterschiede zum ersten Mal real geworden: „Sie fragt sich, was daran komisch sein soll, wenn der Vater Maurer ist?“

Ich finde mich da wieder. Die „feinen Unterschiede“ habe ich während meines Studiums in Paris wirklich erlebt, als der Concierge mit der Dogge des aristokratischen Hausbesitzers Gassi ging.

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4. Lese-Empfehlung

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➜ Elena Ferrante über ihr Schreiben

Kaum jemand weiß, wer sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt, höchstwahrscheinlich ist sie eine Frau. Ihre neapolitanische Saga Meine geniale Freundin wurde zum Weltbestseller und mehrmals verfilmt. Nun sinniert die Autorin in Vorträgen darüber, welche Schriftstellerinnen und Schriftsteller sie selbst geprägt haben und wie weibliche Wahrheit auch aus männlichem Erbe entstehen kann – vor allem Dante spielt eine Rolle.

Freitag-Autorin Anna Raab erzählt in ihrem wunderbar leichten und gleichzeitig tiefsinnigen Text davon, warum sich Ferrante, genauso wie ihre berühmteste Protagonistin Elena, mit der Frage des Realismus konfrontiert sah. Und warum man als Schriftstellerin nicht eitel sein darf.

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Im Jahr 2020 erhielt Elena Ferrante eine Einladung der Universität Bologna, sie sollte dort eine Poetikvorlesung abhalten. Ungewöhnlich daran ist weniger, dass die Pandemie den Plan durchkreuzte – die bereits konzipierten Vorträge wurden später in einem Theater präsentiert – als dass die Autorin nicht physisch hätte erscheinen können. Denn Elena Ferrante ist ein Pseudonym, die Identität der italienischen Bestsellerautorin ist bis heute nicht offiziell bestätigt, aller ambitionierten bis übergriffigen Recherchen von Journalisten zum Trotz.

Ein nicht zu unterschätzender Kniff in dieser Mythologisierung ist die auktoriale Entscheidung, explizit als Frau rezipiert zu werden: Nicht nur der weiblich gelesene Name, auch ihre so lebendigen Protagonistinnen (die mitunter selbst „Elena“ heißen) und das Erzählen von Frauenrealitäten machen es schier unmöglich, sich einen Mann hinter der Feder Ferrantes vorzustellen.

In Form von vier funkelnden Essays füllt Ferrante nun den vagen Begriff des „weiblichen Schreibens“ mit persönlicher Expertise. „Mein aus Texten gemachtes Ich hat vom sechsten Lebensjahr an zum größten Teil männliches Schreiben verwurstet und für universal gehalten, ja meine ganze Schreiblust rührt überhaupt daher“, heißt es einmal. Sie will damit zeigen, wie schwierig, aber umso notwendiger es dieses männliche Erbe an Literatur macht, von den „Wahrheiten“ als Frau zu erzählen.­

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Das war’s von mir für heute, die Woche feiert Bergfest. Wann sind Sie zuletzt durch eine fremde Stadt gewandelt? Oder freuen Sie sich auf ein Konzert?

Viele Grüße,

Ihre Maxi Leinkauf

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