In einem aktuellen Interview mit Richter Andrew Napolitano auf dem Podcast „Judging Freedom“ (20. April 2026) hat der ehemalige UN-Waffeninspekteur und Militärexperte Scott Ritter eine vernichtende Analyse der aktuellen US-Iran-Politik geliefert. Ritter wirft Präsident Donald Trump und Verteidigungsminister Pete Hegseth vor, weder die militärischen noch die diplomatischen oder völkerrechtlichen Realitäten im Nahen Osten zu verstehen. Stattdessen betreibe Washington eine Mischung aus illegaler Machtdemonstration, psychologischer Kriegsführung und gefährlicher Selbstüberschätzung, die den Frieden im Golf weiter gefährde.
Der Vorfall auf hoher See: „Akt der Piraterie“
Ritter beginnt mit den Ereignissen vom Wochenende. Ein iranisches Frachtschiff wurde im Golf von einem US-Kriegsschiff gestoppt. Nachdem das Schiff nicht anhielt, feuerte die US-Marine auf den Maschinenraum, brachte das Schiff zum Stehen und ließ ein Marines-Raid-Team das Schiff entern.
Für Ritter ist dies ein klarer Akt der Piraterie ohne jede völkerrechtliche Legitimation. Er verstoße gegen das in Islamabad vereinbarte Waffenstillstandsabkommen und die Freiheit der Schifffahrt. Ziel sei keine echte Unterbrechung des Schiffsverkehrs gewesen, sondern eine reine psychologische Operation (PsyOp): Trump solle als starker Mann dastehen, der die Iraner durch Blockade und Gewalt zum Einlenken zwingt.
Gescheiterte Verhandlungen in Islamabad
US-Seite völlig unvorbereitet
Ritter schildert detailliert, wie nah man einem Abkommen bereits war. Die iranische Delegation sei mit vollständigen Verhandlungspapieren, Fakten und einem fertigen Deal nach Islamabad gekommen.
Die US-Seite – JD Vance, Jared Kushner und ein weiterer Berater – habe hingegen nichts mitgebracht. Die Amerikaner hätten die iranischen Vorschläge lediglich geprüft, Fragen gestellt und dann per Telefon Rücksprache mit Trump halten müssen.
Trump selbst sei ohne Briefing-Papiere und ohne Vorbereitung gewesen – eine „reine Reaktionspolitik“.
Als ein Memorandum of Understanding fast unterschriftsreif war, habe Benjamin Netanjahu interveniert und Trump gewarnt, ein solches Abkommen mache ihn „schwach“. Die Verhandlungen wurden abgebrochen, stattdessen folgte die Blockade-Drohung.
Ritter betont: Die Iraner haben längst erkannt, dass die USA nicht in gutem Glauben verhandeln. Deshalb sitzen die iranischen Unterhändler jetzt wieder in Teheran, während Vance und Co. in einem Hotel in Islamabad warten.
Die drohende Eskalation: Iran hat die besseren Karten
Sollte der Krieg am Mittwoch – wie Trump angekündigt hat – wieder aufflammen, werde Iran nicht zögerlich reagieren.
Ritter warnt: Die Iraner würden sofort „an die Kehle“ gehen. Sie könnten durch gezielte Angriffe auf Kraftwerke und Entsalzungsanlagen in den Golfstaaten (Abu Dhabi, Dubai, Kuwait-Stadt, Manama) ganze Städte unbewohnbar machen. Diese Staaten würden innerhalb kürzester Zeit „leer laufen“.
Saudi-Arabien drohe der dauerhafte Verlust seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Die Huthi-Rebellen hätten zudem angekündigt, die Straße von Bab al-Mandab zu schließen – ein Todesstoß für die saudische Öl-Wirtschaft und die globale Energieversorgung.
Die USA und Israel hätten in den ersten 40 Kriegstagen keinen nennenswerten Schaden angerichtet: Nur leere Gebäude, einige Brücken – keine Beeinträchtigung der strategischen Fähigkeiten Irans.
Die unterirdischen Raketenfabriken produzierten sogar schneller als zuvor. Iran verfüge über modernste, präzise Raketen und werde sie von Beginn an massiv einsetzen.
Nukleare Fantasien und die Weigerung des Generalstabschefs
Besonders alarmierend schildert Ritter Trumps Umgang mit der Nuklearoption. Trump habe nach Informationen aus dem Weißen Haus zweimal versucht, sich über den Einsatz von Atomwaffen zu informieren – General Charles „CQ“ Brown (Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff) habe beide Male abgelehnt.
Der Einsatz wäre völkerrechtswidrig, unverhältnismäßig und ein Verstoß gegen das Prinzip der Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Zielen.
Ritter, der selbst im Situation Room der Regierung gearbeitet hat, betont: Das Militär nehme seinen Eid auf die Verfassung ernst – auch gegenüber einem Präsidenten, der diesen Eid offenbar nicht teile.
Trumps jüngste Äußerung, wonach USA und Iran „gemeinsam“ das angereicherte Uran „ausgraben“ sollten, bezeichnet Ritter als „Flucht aus der Realität“.
Tatsächlich sei lediglich eine Überprüfung unter Aufsicht der IAEA mit Beteiligung amerikanischer Inspektoren vereinbart gewesen – keine militärische Besetzung.
Völkerrechtsbruch und Kriegsverbrechen
Ritter kritisiert scharf die Argumentation von US-Vertretern, die Zerstörung von Brücken und Kraftwerken sei kein Kriegsverbrechen, weil sie angeblich vom iranischen Revolutionsgarden-Korps (IRGC) betrieben würden.
Er erklärt: Nach dem Iran-Irak-Krieg habe der IRGC bewusst zivile Infrastrukturprojekte übernommen, um ehemalige Kämpfer in die Wirtschaft zu integrieren. Die meisten dieser Anlagen hätten keine militärische Funktion.
Hätten sie eine gehabt, wären sie bereits in den ersten 40 Tagen angegriffen worden.
Die nachträgliche Erweiterung der Zielliste auf rein zivile Infrastruktur sei kollektive Bestrafung – ein klassisches Kriegsverbrechen.
Wer kontrolliert die Straße von Hormus?
Ritter stellt klar: Die Straße von Hormus wird von Iran kontrolliert. Sie ist offen, wenn Teheran es will, und kann jederzeit geschlossen oder eingeschränkt werden.
Die USA haben hier keinerlei Handhabe.
Das sogenannte „Board of Peace“, das Trump angeblich für den Frieden schaffen wollte, sei faktisch gescheitert – vor allem, weil es von den Golfstaaten finanziert wurde, die Trump inzwischen nicht mehr vertrauen.
Fazit: Trump hat sich selbst in die Ecke manövriert
Scott Ritter zeichnet ein düsteres Bild: Trump und Hegseth seien in einer Fantasiewelt gefangen. Sie überschätzten massiv die eigenen militärischen Erfolge, unterschätzten die iranische Entschlossenheit und hätten sich durch die eigene Rhetorik und die Blockade in eine Lage manövriert, in der ein Rückzug politisch unmöglich erscheine.
Gleichzeitig fehle jede realistische militärische Lösung.
Das Ergebnis könne eine verheerende Eskalation sein, bei der nicht nur Israel, sondern vor allem die Golfstaaten und amerikanische Interessen massiv leiden würden.
Ritter schließt mit einer klaren Warnung: Die größte Gefahr für die Freiheit liege derzeit nicht bei den angeblichen Feinden Amerikas, sondern bei einer Regierung, die völkerrechtswidrige Gewalt als Normalität betrachtet und sich weigert, die Realität anzuerkennen.
Ob die Welt diese Lektion noch rechtzeitig lernt, werde sich in den nächsten Tagen entscheiden.