London im Ausnahmezustand: Die Hitze steht zwischen den Häusern, Körper rücken zu nah zusammen, Gespräche kippen schneller ins Intime. Oisín McKennas Roman Hitzetage beginnt nicht mit einer klassischen Exposition, sondern mit einem irritierenden Bild – einem gestrandeten Wal an der Themse –, das sofort die eigentliche Frage freilegt: Wie lebt man heute in einer Stadt, die gleichzeitig Versprechen und Überforderung ist?

McKenna interessiert sich weniger für spektakuläre Wendungen als für Zustände: für Gespräche, die abbrechen, für Blicke, die zu lange dauern, und für Beziehungen, die sich eher verschieben als klar beginnen oder enden. Über ein einziges Wochenende während einer extremen Hitzewelle im Jahr 2019 begleitet der Roman ein vielstimmiges Ensemble.

Mehrere personale Perspektiven verweben sich zu einem Panorama einer Londoner Freundesgruppe, ohne dass eine Figur dauerhaft ins Zentrum rückt. Dabei dreht sich die Handlung immer wieder um ein zentrales Quartett – Maggie, Ed, Phil und Rosaleen – und wechselt dann zu der Perspektive ihres Umfelds: Ein Paar steht kurz vor der Hochzeit, ein anderes erwartet ein Kind und weiß nicht, ob es London verlassen sollte, während eine Mutter mit einer schweren Krankheit ringt.

Und der an der Themse gestrandete Wal, dessen Schicksal offenbleibt, ist dabei mehr als ein skurriles Detail: Er wird zur absurden Metapher für Figuren, die selbst feststecken, erschöpft sind oder nicht recht wissen, wie sie weiterkommen sollen. Dass die Meeresbiologin Valerie, die ihn zu retten versucht, im Internet wegen ihrer Ähnlichkeit mit Diana augenzwinkernd zur „Princess of Whales“ wird, zeigt zudem McKennas Gespür für jenes feine, typisch irische Augenzwinkern, mit dem der Roman selbst in seinen traurigeren Momenten das Absurde der Gegenwart mitführt. McKenna schreibt mit spürbarer Empathie, lässt seinen Figuren Raum zum Stolpern und Weitergehen.

Der Roman erinnert stellenweise an Zadie Smith und Sally Rooney

Dabei wird die Stadt London selbst zum Charakter. Hitze, Lärm und Enge prägen jede Szene; die Stadt ist nicht Kulisse, sondern Motor der Begegnungen. Man fühlt sich beim Lesen in die Central Line versetzt, in stickige Pubs oder auf Parkbänke an der Themse. McKenna interessiert sich weniger für Sehenswürdigkeiten als für Übergänge: U-Bahnsteige, Raucherecken vor Clubs, Küchen nach Mitternacht. In diesen Zwischenräumen entstehen Gespräche, Missverständnisse und flüchtige Intimitäten. Die Darstellung erinnert stellenweise an Zadie Smith und Sally Rooney: beobachtend, präzise, sozial wach.

Im Zentrum des Romans steht moderne Liebe – nicht als privates Drama, sondern als Teil eines größeren sozialen Systems. Klasse und Geld bestimmen, wer sich welche Zukunft vorstellen kann, wer bleibt und wer weiterzieht. Statt romantischer Höhepunkte zeigt McKenna Reibungsflächen – das Nebeneinander von Sehnsucht und Pragmatismus, von Nähe und Erschöpfung.

Beziehungen wirken manchmal wie Verlängerungen des Nachtlebens, fast wie eine rauere, queere Version von „Love Actually“ – nur ohne romantische Verklärung. So entsteht das Bild einer Generation, die sich im permanenten „buzz“ bewegt, rastlos und aufmerksam zugleich.

Die Partys wirken wie Vorboten eines neuen Lebens

Hinter der Hitze und den Begegnungen liegt ein leiser Gedanke, der den Roman zusammenhält: das Gefühl eines Lebens im Aufschub. Viele Figuren bewegen sich durch London, als stünden sie kurz vor einer Veränderung, die nie ganz eintritt. McKenna selbst spricht davon, dass seine Figuren in einem Zustand des „fast Möglichen“ leben – in einer Stadt, die Transformation verspricht, sie aber selten einlöst.

Gerade darin liegt eine melancholische Spannung: Die Partys wirken wie Vorboten eines neuen Lebens, doch am Ende bleibt vieles in der Schwebe. London erscheint weniger als Ort der Ankunft denn als permanenter Zwischenzustand, in dem sich Sehnsucht und Erschöpfung überlagern.

Gerade diese empathische Haltung prägt auch die Konflikte des Romans. Sie bleiben leise, oft unausgesprochen, und entfalten sich eher in Blicken und Gesten als in dramatischen Konfrontationen. Das wirkt wie ein bewusster Gegenentwurf zu klassischen Erzählmustern: Entscheidungen entstehen aus Stimmungen, nicht aus klaren Wendepunkten. Darin liegt eine große Genauigkeit im Blick auf gegenwärtige Beziehungen, zugleich aber auch das Risiko, dass Spannung zugunsten von Atmosphäre zurücktritt.

Der queere Aspekt zeigt sich bei Oisín McKennas leise

Dabei lebt McKennas Stil weniger von großen Pointen als von Rhythmus. Dialoge wirken beiläufig, fast abgehört, während Beschreibungen plötzlich ins Sinnliche kippen – Hitze, Haut, Geräusche, das diffuse Licht eines späten Abends. Die Kapitel bewegen sich wie ein Strom durch die Stadt, wechseln Perspektiven, ohne sich aufzudrängen, und erzeugen so ein Gefühl von Gleichzeitigkeit.

Oft entstehen die stärksten Momente nicht aus Handlung, sondern aus Beobachtung: ein Blick im Vorbeigehen, ein Gespräch, das nicht zu Ende geführt wird. Gerade diese präzise, leicht fließende Sprache lässt London nicht nur sichtbar, sondern hörbar werden – als permanentes Hintergrundrauschen, das die Figuren trägt und zugleich überfordert.

Der queere Aspekt des Romans entfaltet sich leise. Sexualität wird nicht erklärt, sondern gelebt; sie ist Teil des Alltags und zugleich Quelle von Unsicherheit. Manche Figuren bewegen sich scheinbar selbstverständlich durch offene Beziehungsmodelle, während andere sichtbar damit ringen, Begehren zu formulieren oder Grenzen zu ziehen.

Ein kluges Gegenwartsbuch

McKenna interessiert sich weniger für Identitätsdebatten als für Situationen, in denen Nähe neu ausgehandelt werden muss. Queerness erscheint hier als Prozess – geprägt von Verletzlichkeit, Humor und dem Wunsch, gesehen zu werden, ohne sich festlegen zu müssen.

Am Ende bleibt Hitzetage ein kluges Gegenwartsbuch, das weniger Antworten liefert als ein Lebensgefühl einfängt. McKenna beobachtet eine Generation zwischen Freiheit und Überforderung, zwischen Nähe und Selbstschutz, und zeichnet ein London, das gleichzeitig Versprechen und Belastung ist. Der Roman überzeugt nicht durch große Dramen, sondern durch seine Fähigkeit, flüchtige Momente festzuhalten. Ein Sommerroman voller Nähe, Unsicherheit und moderner Beziehungen, der zeigt, wie sehr sich das Leben selbst manchmal wie ein vorbeiziehendes Wochenende anfühlt.

Hitzetage Oisín McKenna Hans-Christian Oeser und Alexandra Titze-Grabec (Übers.), Residenz 2026, 360 S., 26 €

Eva Pramschüfer, geboren 1997, arbeitet als Journalistin in München. Ihre Begeisterung für Literatur teilt sie auf Social Media mit über 25.000 Follower:innen auf TikTok, Instagram und YouTube. Soeben ist ihr Debütroman Weißer Sommer (Rowohlt 2026, 272 S., 24 €) erschienen

sich eher verschieben als klar beginnen oder enden. Über ein einziges Wochenende während einer extremen Hitzewelle im Jahr 2019 begleitet der Roman ein vielstimmiges Ensemble.Mehrere personale Perspektiven verweben sich zu einem Panorama einer Londoner Freundesgruppe, ohne dass eine Figur dauerhaft ins Zentrum rückt. Dabei dreht sich die Handlung immer wieder um ein zentrales Quartett – Maggie, Ed, Phil und Rosaleen – und wechselt dann zu der Perspektive ihres Umfelds: Ein Paar steht kurz vor der Hochzeit, ein anderes erwartet ein Kind und weiß nicht, ob es London verlassen sollte, während eine Mutter mit einer schweren Krankheit ringt.Und der an der Themse gestrandete Wal, dessen Schicksal offenbleibt, ist dabei mehr als ein skurriles Detail: Er wird zur absurden Metapher für Figuren, die selbst feststecken, erschöpft sind oder nicht recht wissen, wie sie weiterkommen sollen. Dass die Meeresbiologin Valerie, die ihn zu retten versucht, im Internet wegen ihrer Ähnlichkeit mit Diana augenzwinkernd zur „Princess of Whales“ wird, zeigt zudem McKennas Gespür für jenes feine, typisch irische Augenzwinkern, mit dem der Roman selbst in seinen traurigeren Momenten das Absurde der Gegenwart mitführt. McKenna schreibt mit spürbarer Empathie, lässt seinen Figuren Raum zum Stolpern und Weitergehen.Der Roman erinnert stellenweise an Zadie Smith und Sally RooneyDabei wird die Stadt London selbst zum Charakter. Hitze, Lärm und Enge prägen jede Szene; die Stadt ist nicht Kulisse, sondern Motor der Begegnungen. Man fühlt sich beim Lesen in die Central Line versetzt, in stickige Pubs oder auf Parkbänke an der Themse. McKenna interessiert sich weniger für Sehenswürdigkeiten als für Übergänge: U-Bahnsteige, Raucherecken vor Clubs, Küchen nach Mitternacht. In diesen Zwischenräumen entstehen Gespräche, Missverständnisse und flüchtige Intimitäten. Die Darstellung erinnert stellenweise an Zadie Smith und Sally Rooney: beobachtend, präzise, sozial wach.Im Zentrum des Romans steht moderne Liebe – nicht als privates Drama, sondern als Teil eines größeren sozialen Systems. Klasse und Geld bestimmen, wer sich welche Zukunft vorstellen kann, wer bleibt und wer weiterzieht. Statt romantischer Höhepunkte zeigt McKenna Reibungsflächen – das Nebeneinander von Sehnsucht und Pragmatismus, von Nähe und Erschöpfung.Beziehungen wirken manchmal wie Verlängerungen des Nachtlebens, fast wie eine rauere, queere Version von „Love Actually“ – nur ohne romantische Verklärung. So entsteht das Bild einer Generation, die sich im permanenten „buzz“ bewegt, rastlos und aufmerksam zugleich.Die Partys wirken wie Vorboten eines neuen LebensHinter der Hitze und den Begegnungen liegt ein leiser Gedanke, der den Roman zusammenhält: das Gefühl eines Lebens im Aufschub. Viele Figuren bewegen sich durch London, als stünden sie kurz vor einer Veränderung, die nie ganz eintritt. McKenna selbst spricht davon, dass seine Figuren in einem Zustand des „fast Möglichen“ leben – in einer Stadt, die Transformation verspricht, sie aber selten einlöst.Gerade darin liegt eine melancholische Spannung: Die Partys wirken wie Vorboten eines neuen Lebens, doch am Ende bleibt vieles in der Schwebe. London erscheint weniger als Ort der Ankunft denn als permanenter Zwischenzustand, in dem sich Sehnsucht und Erschöpfung überlagern.Gerade diese empathische Haltung prägt auch die Konflikte des Romans. Sie bleiben leise, oft unausgesprochen, und entfalten sich eher in Blicken und Gesten als in dramatischen Konfrontationen. Das wirkt wie ein bewusster Gegenentwurf zu klassischen Erzählmustern: Entscheidungen entstehen aus Stimmungen, nicht aus klaren Wendepunkten. Darin liegt eine große Genauigkeit im Blick auf gegenwärtige Beziehungen, zugleich aber auch das Risiko, dass Spannung zugunsten von Atmosphäre zurücktritt.Der queere Aspekt zeigt sich bei Oisín McKennas leiseDabei lebt McKennas Stil weniger von großen Pointen als von Rhythmus. Dialoge wirken beiläufig, fast abgehört, während Beschreibungen plötzlich ins Sinnliche kippen – Hitze, Haut, Geräusche, das diffuse Licht eines späten Abends. Die Kapitel bewegen sich wie ein Strom durch die Stadt, wechseln Perspektiven, ohne sich aufzudrängen, und erzeugen so ein Gefühl von Gleichzeitigkeit.Oft entstehen die stärksten Momente nicht aus Handlung, sondern aus Beobachtung: ein Blick im Vorbeigehen, ein Gespräch, das nicht zu Ende geführt wird. Gerade diese präzise, leicht fließende Sprache lässt London nicht nur sichtbar, sondern hörbar werden – als permanentes Hintergrundrauschen, das die Figuren trägt und zugleich überfordert.Der queere Aspekt des Romans entfaltet sich leise. Sexualität wird nicht erklärt, sondern gelebt; sie ist Teil des Alltags und zugleich Quelle von Unsicherheit. Manche Figuren bewegen sich scheinbar selbstverständlich durch offene Beziehungsmodelle, während andere sichtbar damit ringen, Begehren zu formulieren oder Grenzen zu ziehen. Ein kluges GegenwartsbuchMcKenna interessiert sich weniger für Identitätsdebatten als für Situationen, in denen Nähe neu ausgehandelt werden muss. Queerness erscheint hier als Prozess – geprägt von Verletzlichkeit, Humor und dem Wunsch, gesehen zu werden, ohne sich festlegen zu müssen.Am Ende bleibt Hitzetage ein kluges Gegenwartsbuch, das weniger Antworten liefert als ein Lebensgefühl einfängt. McKenna beobachtet eine Generation zwischen Freiheit und Überforderung, zwischen Nähe und Selbstschutz, und zeichnet ein London, das gleichzeitig Versprechen und Belastung ist. Der Roman überzeugt nicht durch große Dramen, sondern durch seine Fähigkeit, flüchtige Momente festzuhalten. Ein Sommerroman voller Nähe, Unsicherheit und moderner Beziehungen, der zeigt, wie sehr sich das Leben selbst manchmal wie ein vorbeiziehendes Wochenende anfühlt.



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