Von Oleg Issaitschenko

Das Modell des vielversprechenden Passagierflugzeugs Tu-454 wurde erstmals auf dem Russischen Venture-Forum in Kasan vorgestellt. Fotos der Präsentation wurden von der Vereinigten Flugzeugbaukorporation veröffentlicht. Auf den Bildern sind Rustam Minnichanow, das Oberhaupt von Tatarstan, der russische Minister für Wissenschaft und Hochschulbildung Waleri Falkow sowie der Assistent des Präsidenten Andrei Fursenko zu sehen.

Details zum Projekt wurden bislang nicht bekannt gegeben. Projektleiter Alexei Schadanow merkte an, dass sich der Flugzeugbauer Tupolew zwar auf die Produktion der Tu-214 konzentriere, die Entwicklung neuer Technologien jedoch nicht eingestellt werde.

Über die Tu-454 selbst ist bisher nur wenig bekannt. Das Flugzeug könnte aber die Nische der Langstrecken-Großraumflugzeuge besetzen, die in ihrer Klasse mit der Boeing 787 Dreamliner und dem Airbus A350 vergleichbar sind. Der Jet könnte jedoch in seinen Abmessungen etwas kleiner sein als seine westlichen Pendants. Als Antrieb werden zwei PD-26-Triebwerke in Betracht gezogen, die eine Weiterentwicklung des PD-35-Triebwerkmodells darstellen.

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Nach Ansicht von Experten könnte das auf dem Forum vorgestellte Flugzeug eine Art Prototyp eines wirklich zukunftsfähigen Flugzeugs sein – für das in Russland tatsächlich Bedarf besteht. Bei seiner Entwicklung müssen jedoch zahlreiche Faktoren berücksichtigt werden: von den Produktionskosten bis hin zur Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt. Oleg Pantelejew, Geschäftsführer des Analysedienstes „Awiaport“, erinnert:

„Russland hat seine Absicht bekundet, eine eigenständige, von Importen unabhängige Luftfahrtindustrie aufzubauen – einschließlich des zivilen Flugzeug- und Triebwerksbaus. Im Rahmen dieses Konzepts wurden bereits Arbeiten an Flugzeugen verschiedener Größenordnungen – ab neun Sitzen aufwärts – aufgenommen.“

Was die Großraum-Langstreckenflugzeuge betrifft, so ist derzeit die Il-96-300 im umfassenden Entwicklungsprogramm der Branche vertreten. Nach Ansicht des Analysten ist dieses Flugzeug jedoch bereits veraltet und auf dem Markt nicht mehr wettbewerbsfähig, weshalb im nächsten Jahrzehnt eine Alternative auf den Markt kommen müsse.

Wichtig sei, dass im Inland Nachfrage nach solchen Flugzeugen bestehe. Dabei weist der Experte auf ein zentrales wirtschaftliches Problem hin: Wenn man die Kosten für die Entwicklung eines neuen Passagierflugzeugs mit den potenziellen Einnahmen aus dem Verkauf allein auf dem Binnenmarkt vergleicht, werde sich das Projekt niemals rechnen. Daraus ergibt sich laut Pantelejew ein Dilemma:

„Entweder entwickeln wir von vornherein ein bekanntermaßen unrentables Flugzeug, um das Problem der Importunabhängigkeit zu lösen, oder wir bauen ein auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähiges Flugzeug, allerdings in Zusammenarbeit mit anderen Ländern.“

Die erste Option scheine durchaus realisierbar zu sein – zumal das Flugzeug in diesem Fall technisch weniger komplex sein könne. Die zweite Option wäre deutlich schwieriger. Der Experte hebt hervor:

„Ich möchte daran erinnern, dass unsere Versuche, eine Allianz mit China einzugehen, dazu geführt haben, dass die Volksrepublik China nun eigenständig ein Großraumflugzeug entwickelt.“

Wenn die Tu-454 jedoch fast vollständig vom Staat finanziert wird, könnte sich die Situation anders entwickeln. Nach Ansicht von Pantelejew reichen die technischen Kompetenzen der russischen Institute, der Hauptentwickler und der Zulieferer aus, um ein vollwertiges Flugzeug zu bauen.

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Der Experte ging auch auf die Ankündigung der Entwicklung eines neuen Triebwerks – des PD-26 – ein. Die Abkürzung „PD“ steht für „perspektivisches Triebwerk“ – so werden in Russland neue zivile Flugzeugtriebwerke bezeichnet. Für deren Produktion ist die Vereinigte Triebwerkbaukorporation zuständig. In diesem Jahrhundert wurden drei Hauptprogramme gestartet, in deren Rahmen sogenannte einheitliche Gasturbinen entwickelt werden.

Man bezeichnet sie auch als das „Herz des Motors“ – es handelt sich um den komplexesten, technisch und wissenschaftlich anspruchsvollsten Teil der Konstruktion. Pantelejew erklärt dies anhand eines Beispiels: Wenn man einen Gasgenerator hat, der für einen Motor mit zehn Tonnen Schub ausgelegt ist, kann man auf dieser Basis sowohl einen schwächeren Motor (mit acht Tonnen) als auch einen stärkeren (mit 12,5 Tonnen) bauen. Der Gasgenerator ist sozusagen eine universelle Basis.

Was wurde bereits in der Praxis umgesetzt? Der PD-14-Motor ist in Serie gegangen und zertifiziert. Auf seiner Basis können Varianten mit unterschiedlicher Leistung – von 12 bis 16 Tonnen – hergestellt werden. Außerdem wird der PD-8 entwickelt – auf der Basis seines Generators ist die Herstellung eines Hubschraubermotors geplant. Darüber hinaus hat der PD-35 bereits die Prüfstandtests bestanden und könnte in Zukunft zum PD-26 modifiziert werden. Der Luftfahrtexperte Roman Gussarow ist seinerseits optimistischer in seinen Prognosen hinsichtlich der Perspektiven der Tu-454. Er ist ebenso wie Pantelejew der Ansicht, dass die russische Luftfahrtindustrie ein solches Flugzeug benötige. Der Analyst meint:

„Das Flugzeug wird in der Lage sein, die Entfernung zwischen den äußersten Punkten unseres Landes zu überbrücken. Darüber hinaus ist es dringend notwendig, eine ganze Reihe von Passagierflugzeugen mit unterschiedlicher Rumpflänge zu entwickeln, um den Bedürfnissen verschiedener Fluggesellschaften gerecht zu werden.

Außerdem ist es für Russland von grundlegender Bedeutung, über einen vollständigen Entwicklungs- und Produktionszyklus für Flugzeuge zu verfügen – von der Herstellung der Materialien bis zur Fertigung der äußeren Rumpfteile. Die Praxis zeigt: Probleme können schon allein aufgrund von Sanktionen gegen die Lieferung eines einzigen Bauteils entstehen.“

Der Experte erinnert daran, dass die Entwicklung eines Flugzeugs mit einem technischen Auftrag beginnt, woraufhin das Ministerium für Industrie und Handel eine Ausschreibung veröffentlicht. Das Konstruktionsbüro legt mehrere Entwürfe vor, und anschließend erhält der erfolgreiche Bewerber die erforderliche Finanzierung. Seiner Meinung nach könnte die Boeing 777 als Vorbild für das neue Großraumflugzeug dienen – sie ist derzeit bei den Fluggesellschaften am gefragtesten.

Gussarow räumte auch ein, dass die Entwicklung an ein anderes Konstruktionsbüro (KB) – „KB Jakowlew“ oder „KB Iljuschin“ – übertragen werden könnte, falls der Staat der Ansicht sei, dass sich „Tupolew“ auf die Modernisierung der Militärflugzeuge Tu-160 und Tu-22 konzentrieren sollte. All diese Phasen werden jedoch nicht vor der Abschlussphase der Triebwerkentwicklung beginnen. Gussarow sagt:

„Es gibt weniger Länder, die moderne Flugzeugtriebwerke entwickeln und herstellen, als es Atommächte gibt. Dies ist eine äußerst wissenschaftsintensive und komplexe Branche. Daher denke ich, dass die Arbeiten am PD-35 in den 2030er Jahren abgeschlossen sein werden.

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Derzeit durchläuft es Standversuche einzelner Komponenten. Danach muss das Triebwerk seine Leistungsmerkmale im Rahmen von Tests in Start-, Reise- und anderen Betriebsmodi am Gromow-Forschungsinstitut für Flugtechnik unter Beweis stellen. Anschließend werden die Konstrukteure mit der Entwicklung des PD-26 beginnen, eines Triebwerks mit geringerer Schubkraft, aber höherer Wirtschaftlichkeit, das auf dem Gasgenerator des PD-35 basiert. Es handelt sich um eine äußerst komplexe Brennkammer, an die eine Turbine, ein Kompressor und weitere Ausrüstung angebaut werden. Was den Zeitpunkt der Indienststellung des Flugzeugs selbst angeht, so ist daran zu erinnern, dass die Entwicklung des Suchoi Superjet 100 im Jahr 2002 begann und er bereits 2011 die Zulassung des Zwischenstaatlichen Luftfahrtausschusses erhielt. Im optimistischen Szenario könnte die Tu-454 etwa im gleichen Zeitrahmen in Produktion gehen.“

Theoretisch, so räumt der Experte ein, könnte Russland die Tu-454 auch ins Ausland liefern. Gussarow meint:

„Ich denke, in erster Linie wird Indien daran interessiert sein. Außerdem könnten wir Lieferungen von Triebwerken nach China aufbauen. Peking arbeitet derzeit an Plänen für die Entwicklung eines ähnlichen Flugzeugs, und die Verwendung eines russischen Triebwerks mit einem chinesischen Rumpf ist ein durchaus praktikables Konzept. Dies würde beiden Ländern die Möglichkeit bieten, ihre technologische Zusammenarbeit auszuweiten.“

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 13. April 2026 zuerst auf der Website der Zeitung „Wsgljad“ erschienen.

Oleg Issaitschenko ist ein Analyst bei der Zeitung „Wsgljad“.

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