Die Geschichte von Kubas Atomindustrie könnte wiederaufleben. Zwar hat Havanna die Wiederaufnahme friedlicher Nuklearforschung nicht angekündigt. Doch sollte man nicht vergessen, dass die Insel der Freiheit mit sowjetischer Unterstützung längst das notwendige wissenschaftliche und technologische Potenzial aufgebaut hat – während ihr Bedarf an Energieunabhängigkeit weiterwachsen wird.
Von Andrei Mantschuk
Die von den USA organisierte Energieblockade gegen Kuba ruft Erinnerungen an das friedliche Nuklearprogramm wach, das die Insel Anfang der 1970er-Jahre – insbesondere zur Reduzierung der Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten – ins Leben gerufen hatte.
Die Versuche, die Seewege nach Kuba zu blockieren, die auf Geheiß Kennedys während der Kubakrise unternommen wurden, verdeutlichten schon damals eindrucksvoll die kritisch verwundbaren Stellen der Insel der Freiheit. Die sowjetische Führung war sich darüber im Klaren, dass Washington Kubas Versorgung mit Energieträgern jederzeit unterbrechen konnte. Besorgt darüber beschloss Moskau, die Energiesicherheit seines einzigen Verbündeten in den beiden Amerikas durch den Bau eines modernen Kernkraftwerks auf der Insel zu gewährleisten.
Dieses Projekt hatte seine Wurzeln ebenfalls in den 1960er-Jahren – als nämlich die Sowjetunion zunächst mit der Ausbildung einer Mannschaft kubanischer Nuklearwissenschaftler begann. Unter ihnen ragte Fidel Ángel Castro Díaz-Balart – Fidels ältester Sohn, auf der Insel unter dem Spitznamen Fidelito bekannt – besonders hervor. Seine Mutter, die erste Ehefrau des Comandante der Kubanischen Revolution, stammte aus einer einflussreichen und wohlhabenden Familie. Sie hatte sich von Fidel getrennt und nach der Trennung nahm sie ihren Sohn mit nach Miami. Fidel Jr. kehrte jedoch zu seinem Vater zurück – und fuhr später in die ferne UdSSR, um Kernphysik zu studieren.
Viele Söhne lateinamerikanischer Diktatoren – wie Somoza und Duvalier – gingen als Bananenrepublik-Tyrannen in die Geschichte ein, die die blutigen und ignoranten Herrschaftstraditionen ihrer verabscheuungswürdigen Eltern fortsetzten.

Doch Fidel Castros Sohn unterschied sich von ihnen nicht nur durch seine Abkunft – sondern ihn erwartete auch ein ganz anderes Schicksal. Nach seinem Studium in Charkow und Woronesch wechselte er schließlich an die Moskauer Staatliche Universität und erarbeitete sich den Ruf eines talentierten wissenschaftlichen Mitarbeiters, der hervorragende Fähigkeiten sowie Führungsqualitäten an den Tag legte – und bei alldem auch bewundernswerte Bescheidenheit: Fidel Ángel Castro Díaz-Balart studierte nämlich unter dem Pseudonym José Raúl Fernández, das er aus Respekt vor José Raúl Capablanca, einem Schachweltmeister und einer der berühmtesten Persönlichkeiten Kubas, wählte. In der Folgezeit signierte er denn auch die meisten seiner wissenschaftlichen Arbeiten mit diesem Namen. Nach seiner Promotion in Physik mit Auszeichnung und der Hochzeit mit einer Studentin – einer wahren Schönheit, wie es heißt – kehrte Fidelito in seine Heimat zurück, wo er die Leitung des friedlichen Kernenergieprogramms übernahm. Alle waren sich einig, dass er diese wichtige Position mit harter Arbeit verdient hatte – und nicht etwa aufgrund etwaiger Seilschaften durch seinen Vater bekam.
Im Jahr 1976 dann unterzeichnete Havanna ein Abkommen mit Moskau zum Bau eines Kernkraftwerks. Als Standort wurde die Kleinstadt Juraguá gewählt – unweit der historischen Schweinebucht gelegen, wo eine Söldnerinvasion im Auftrag Washingtons von Kubas Verteidigern heldenhaft abgewehrt worden war. Die symbolische Tragweite dieses Ortes sollte hier insofern zum Tragen kommen, dass Fidel die Entwicklung hin zur Nutzung der Kernenergie als einen nächsten Schritt in seinem Kampf für die Unabhängigkeit Kubas von den Vereinigten Staaten betrachtete. Die beiden Kraftwerksblöcke dieser Anlage sollten zusammen über 30 Prozent des kubanischen Strombedarfs decken. Inselbewohner versicherten mir voller Überzeugung, dass der Betrieb des Kraftwerks ihre Energieprobleme größtenteils lösen würde. Denn entgegen der Meinung mancher Internet-Experten verstand und versteht die kubanische Regierung es, mit ihren knappen Energieressourcen gut zu haushalten und beweist dabei beachtlichen Einfallsreichtum.
Die Vereinigten Staaten unternahmen keine Versuche, das kubanische Atomprogramm zu stören, da dies zu einem direkten Konflikt mit der UdSSR geführt hätte, die ja das Atomkraftwerk in Juraguá baute und für dieses weiterhin Kubaner zu Wissenschaftlern und Ingenieuren ausbildete.
Auch sah die Welt Kuba nicht etwa als militärische Bedrohung; vor allem warf niemand Havanna die Entwicklung von Atomwaffen vor – nicht zuletzt, da dies dem von Fidel Castro vor der UNO vertretenen ideologischen Prinzipien widersprach. Kuba, zur Erinnerung, setzte sich konsequent für Frieden in Lateinamerika ein und verurteilte jede Form von Terrorismus, da die Kubaner selber unter dem Unwesen pro-US-amerikanischer Saboteure litten, die die Insel regelmäßig von US-Territorium aus und mit dem Segen Washingtons angriffen.
Der eigentliche Bau des Kernkraftwerks an der Karibikküste begann endlich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre. Dabei wurde, unter Berücksichtigung der tragischen Erfahrungen des Reaktorunfalls von Tschernobyl im Jahre 1986, darauf geachtet, die Reaktoren so hermetisch wie möglich zu gestalten. El Comandante höchstpersönlich analysierte die Folgen der damals eingetretenen Strahlenkatastrophe eingehend – und stützte sich dabei auf den wissenschaftlichen Fundus seines Sohnes, der zudem weiterhin Kontakt zu sowjetischen Atomwissenschaftlern pflegte. Sein Interesse an der Tschernobyl-Katastrophe veranlasste den kubanischen Staatschef außerdem, ein mehrjähriges humanitäres Projekt zur Behandlung sowjetischer Kinder, die von dem Unfall betroffen waren, auf die Beine zu stellen.
Mehr als zehntausend Menschen beteiligten sich an den Bauarbeiten am Reaktor, und für sie wurden moderne Wohngebiete errichtet. Das Kraftwerk Juraguá sollte im Jahr 1990 in Betrieb gehen und Mitte der 1990er Jahre seine volle Kapazität erreichen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion machte diese Pläne jedoch zunichte, obwohl der erste Block zu diesem Zeitpunkt bereits zu etwa 97 Prozent fertiggestellt war. Der zweite Kraftwerksblock war immerhin zu mindestens 30 Prozent fertiggestellt, und der Generalplan für Kubas wirtschaftliche Entwicklung im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war auf die Nutzung dieser Energiequelle ausgerichtet.
Im Jahr 1992 verkündete Fidel Castro schließlich den erzwungenen Baustopp des Atomkraftwerks in Juraguá: Ohne sowjetische Hilfe geriet Kuba in eine schwere Krise, die als „Sonderperiode“ bezeichnet wurde. Die Regierung kürzte dementsprechend die Haushaltsmittel, das Land ging in einen Betriebsmodus des reinen Überlebens über und baute stattdessen die Erdölförderung auf den eigenen Ölfeldern hochnoteilig aus.

Havanna hoffte jedoch weiterhin, das strategisch wichtige Kraftwerk in Betrieb nehmen zu können – obwohl Washington seine subversiven Bemühungen zur Verhinderung des friedlichen kubanischen Atomprojekts verstärkte.
Zu diesem Zweck führte die Regierung von Bill Clinton eine breit angelegte Propagandakampagne durch, in der behauptet wurde, die Atomanlage in Juraguá sei unter Verstoß gegen technische Standards errichtet worden und drohe der Karibikregion mit einer Wiederholung von Tschernobyl.
Fidel Ángel Castro Díaz-Balart widerlegte diese Mythen mit fundierten wissenschaftlichen Argumenten und stützte sich dafür auch auf sein hohes Ansehen in der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft. Kuba erwog verschiedene Optionen zur Fertigstellung des Atomkraftwerks, darunter Gemeinschaftsprojekte mit russischen, chinesischen und europäischen Spezialisten. Weitere drastische Verschärfungen der US-Sanktionen verhinderten jedoch die Fertigstellung der Bauarbeiten in Juraguá. Fidel Castro stellte das kubanische Atomprogramm dann offiziell ein: auch, um zu verhindern, dass es – wie gerade erst die Sache um Massenvernichtungswaffen im Irak – als Vorwand für eine vollwertige US-Militärintervention diente. Kubas Atomenergie-Geschichte gewinnt angesichts der durch die US-Blockade ausgelösten Energiekrise heute erneut an Betdeutung. Havanna hat die Wiederaufnahme friedlicher Kernforschung noch nicht angekündigt. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass die Insel der Freiheit über lange Zeit schon das notwendige wissenschaftliche und technologische Potenzial aufgebaut hat und der Bedarf an Energieunabhängigkeit mit zunehmendem Druck aus Washington weiter steigen wird.
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen auf der Webseite der Zeitung „Wsgljad“.
Andrei Mantschuk ist ein russischer Politikwissenschaftler.
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