Ein Satz, der Hoffnung verspricht, wird zum emotionalen Anker der Diaspora. Doch je stärker der Wunsch nach Befreiung ist, desto fragwürdiger wird er. Über ein Gefühl, das zunehmend um sich selbst kreist: der Schmerz des Exiliert-Seins
Viele im Exil Iraner:innen verspüren den Wunsch nach einem Happy End einer grausamen Geschichte
Foto: Kiran Ridley/Getty Images
„Bald ist Iran befreit!“ Mit diesem Satz wächst du auf. Immer wenn dort die Bevölkerung auf die Straßen stürmt, gegen das Regime demonstriert und dessen Sturz nahe scheint, dröhnt der Satz durch die Diaspora. Auf dem Höhepunkt der Grünen Bewegung 2009 hörst du ihn ständig. Diesmal sei alles anders, sagen Freunde. Diesmal wehren sich die Leute. Diesmal werden wir siegen! 2009. 2013. 2017. 2019. 2022. 2025. 2026.
Der Satz ist die Antwort auf das Trauma einer Generation. Er gewinnt an Bedeutung, weil er ein Ende des Schreckens verspricht. Das Gegenstück zu der Wut, die in den Augen so vieler Exiliraner lodert, wenn sie über die Islamische Republik schimpfen. Wie die meisten im Ausland lebenden Deutschiraner willst du, dass der Satz stimmt. Er ist die Hoffnung, an die sich die gesamte Diaspora klammert. Der Wunsch, der unbedingt erfüllt werden muss. Und genau das ist das Problem.
Seit es Bomben im Iran hagelt, kannst du deine Mutter nicht erreichen. Schwarzer Regen fällt über Teheran. Die Straße von Hormus wird abgesperrt. Kein Öl, aber auch keine Nahrung gelangt über das Meer. Du denkst an Worte wie: Wirtschaftskrise, Hungersnot. In den sozialen Medien ist die Schadenfreude der Diaspora groß. Die Ermordung von Regierungsmitgliedern wird zum Freudenfest; der Tod zum Segen, auf den sie sehnsüchtig gewartet haben. Die Reaktion ist verständlich, aber auch bizarr. Menschlich, aber auch fragwürdig.
Völkerrecht? Ja, Nein, vielleicht: Böhmermann und das deutsche Dilemma
Auf den Iran-Krieg reagiert Deutschland verhalten. Monate zuvor, während des Zwölf-Tage-Kriegs, hatte Bundeskanzler Merz die amerikanischen Angriffe auf den Iran als „Drecksarbeit“ bezeichnet, die die Amerikaner dankenswerterweise für uns übernahmen. Im aktuellen Krieg heißt es in der Presseerklärung der CDU: „Völkerrechtliche Einordnungen werden relativ wenig bewirken.“ Man stehe auf der Seite Amerikas und Israels.
In der Kultur ist man zwiespältiger. Jan Böhmermann spricht über das deutsche Dilemma: Das Wissen um den Völkerrechtsbruch mischt sich mit der Genugtuung, es treffe diesmal die Richtigen. In Die Anstalt taucht die Comedian Negah Amiri auf und erklärt: „… viele haben Angst vor den Bomben“, um sofort nachzuschieben, „aber noch mehr haben sie Angst, dass keine Bomben fallen, weil sie dann mit dem Regime alleingelassen werden“. Dann lieber mit dem Regime untergehen, fragst du dich.
Wie geht’s ihrer Mutter eigentlich? Hoffentlich gut.
Die einhellige Radikalität der Diaspora ist neu für dich. Beängstigend. Als das iranische Regime Anfang des Jahres das Internet abschaltete und Tausende ermordete, bekam die Wut im Ausland etwas Enthemmtes, Vernichtendes. Und die Hoffnung, die auf die Wut folgte, konzentrierte sich auf einen, der noch unlängst keine Rolle spielte: Reza Pahlavi.
Freiheit! Mit einem Monarchen, mit diesem Monarchen?
Deine Freunde, die in einer Demokratie aufgewachsen sind, sich als liberal verstehen und wählen gehen, sehen plötzlich die einzige denkbare Lösung für den Iran im Sohn des letzten Diktators. Ein Mann, der als Millionär in L.A. aufgewachsen ist, noch nie in seinem Leben gearbeitet hat, seit über vierzig Jahren nicht mehr vor Ort war, aber für viele als Symbol des säkularen Irans gilt – gerade er soll „die einzige Alternative“ sein? Meint ihr das ernst?, fragst du. Ja, Reza Pahlavi könne „den Übergang in die Demokratie“ einleiten, meinen nicht nur deine Freunde, sondern so viele auf diesen Demos. Warum nennen sie ihn dann nicht Übergangspräsident, sondern Schah?
Du fragst dich, wie viele Männer sie in der Geschichte kennen, die die Macht ergriffen haben, um sie mit dem Volk zu teilen. Viele dieser Leute bei den Demos hier jagten 1979 den Monarchen aus dem Land und hofften, die Freiheit bei den Mullahs zu finden. 2026 wollen sie die Mullahs jagen und hoffen, die Freiheit bei einem Monarchen zu finden. Die Wiederholung eines Musters. Wieder fällt dir der Satz ein: „Bald ist Iran befreit.“
Was bleibt und was am Anfang stand: Die Wunde des Exils
Und dir wird klar, dass es in der Diaspora nie um die iranische Realität ging, sondern immer um die Wunde des Exils. Um den Wunsch nach einem Happy End einer grausamen Geschichte. Der Satz muss stimmen, und sei es auch, dass das Land im Krieg zugrunde geht.
Und du erreichst deine Mutter nicht.
Massoud Doktoran, geboren in Berlin, ist Drehbuchautor und Schriftsteller
liraner lodert, wenn sie über die Islamische Republik schimpfen. Wie die meisten im Ausland lebenden Deutschiraner willst du, dass der Satz stimmt. Er ist die Hoffnung, an die sich die gesamte Diaspora klammert. Der Wunsch, der unbedingt erfüllt werden muss. Und genau das ist das Problem.Seit es Bomben im Iran hagelt, kannst du deine Mutter nicht erreichen. Schwarzer Regen fällt über Teheran. Die Straße von Hormus wird abgesperrt. Kein Öl, aber auch keine Nahrung gelangt über das Meer. Du denkst an Worte wie: Wirtschaftskrise, Hungersnot. In den sozialen Medien ist die Schadenfreude der Diaspora groß. Die Ermordung von Regierungsmitgliedern wird zum Freudenfest; der Tod zum Segen, auf den sie sehnsüchtig gewartet haben. Die Reaktion ist verständlich, aber auch bizarr. Menschlich, aber auch fragwürdig.Völkerrecht? Ja, Nein, vielleicht: Böhmermann und das deutsche DilemmaAuf den Iran-Krieg reagiert Deutschland verhalten. Monate zuvor, während des Zwölf-Tage-Kriegs, hatte Bundeskanzler Merz die amerikanischen Angriffe auf den Iran als „Drecksarbeit“ bezeichnet, die die Amerikaner dankenswerterweise für uns übernahmen. Im aktuellen Krieg heißt es in der Presseerklärung der CDU: „Völkerrechtliche Einordnungen werden relativ wenig bewirken.“ Man stehe auf der Seite Amerikas und Israels.In der Kultur ist man zwiespältiger. Jan Böhmermann spricht über das deutsche Dilemma: Das Wissen um den Völkerrechtsbruch mischt sich mit der Genugtuung, es treffe diesmal die Richtigen. In Die Anstalt taucht die Comedian Negah Amiri auf und erklärt: „… viele haben Angst vor den Bomben“, um sofort nachzuschieben, „aber noch mehr haben sie Angst, dass keine Bomben fallen, weil sie dann mit dem Regime alleingelassen werden“. Dann lieber mit dem Regime untergehen, fragst du dich.Wie geht’s ihrer Mutter eigentlich? Hoffentlich gut.Die einhellige Radikalität der Diaspora ist neu für dich. Beängstigend. Als das iranische Regime Anfang des Jahres das Internet abschaltete und Tausende ermordete, bekam die Wut im Ausland etwas Enthemmtes, Vernichtendes. Und die Hoffnung, die auf die Wut folgte, konzentrierte sich auf einen, der noch unlängst keine Rolle spielte: Reza Pahlavi.Freiheit! Mit einem Monarchen, mit diesem Monarchen? Deine Freunde, die in einer Demokratie aufgewachsen sind, sich als liberal verstehen und wählen gehen, sehen plötzlich die einzige denkbare Lösung für den Iran im Sohn des letzten Diktators. Ein Mann, der als Millionär in L.A. aufgewachsen ist, noch nie in seinem Leben gearbeitet hat, seit über vierzig Jahren nicht mehr vor Ort war, aber für viele als Symbol des säkularen Irans gilt – gerade er soll „die einzige Alternative“ sein? Meint ihr das ernst?, fragst du. Ja, Reza Pahlavi könne „den Übergang in die Demokratie“ einleiten, meinen nicht nur deine Freunde, sondern so viele auf diesen Demos. Warum nennen sie ihn dann nicht Übergangspräsident, sondern Schah?Du fragst dich, wie viele Männer sie in der Geschichte kennen, die die Macht ergriffen haben, um sie mit dem Volk zu teilen. Viele dieser Leute bei den Demos hier jagten 1979 den Monarchen aus dem Land und hofften, die Freiheit bei den Mullahs zu finden. 2026 wollen sie die Mullahs jagen und hoffen, die Freiheit bei einem Monarchen zu finden. Die Wiederholung eines Musters. Wieder fällt dir der Satz ein: „Bald ist Iran befreit.“Was bleibt und was am Anfang stand: Die Wunde des ExilsUnd dir wird klar, dass es in der Diaspora nie um die iranische Realität ging, sondern immer um die Wunde des Exils. Um den Wunsch nach einem Happy End einer grausamen Geschichte. Der Satz muss stimmen, und sei es auch, dass das Land im Krieg zugrunde geht.Und du erreichst deine Mutter nicht.