1. Eindrucksvoll und lakonisch: Die Erinnerungen von Marie Langer
Wien hat früh viele Frauen gesehen, die ihrer Zeit voraus waren und noch immer Vorbild für die unsre sind. Marie Langer gehört unbedingt zu ihnen. 1910 in eine reiche Familie geboren, säkulare Jüdin, wohl die erste verheiratete Frau damals, die dennoch ihr Abitur machen durfte, alsbald geschieden, noch mehrfach verheiratet, promovierte Ärztin, Psychoanalytikerin und Kommunistin („mit der Psychoanalyse und der Partei gleichzeitig zu leben, war nicht immer einfach“), als Anästhesistin im Spanischen Bürgerkrieg, wo die Genossen sie zunächst für eine Spionin hielten und beinahe liquidiert hätten, danach im südamerikanischen Exil, die erste Psychoanalytikerin, die Frauen ins Zentrum rückte und weibliche Sexualität neu deutete.
1974 musste sie Argentinien verlassen, weil sie auf der Todesliste der Antikommunisten stand. Sie ging nach Mexiko, 1981 als Psychiaterin nach Nicaragua, die sandinistische Revolution zu unterstützen. Im selben Jahr erschienen auf Spanisch ihre eindrucksvoll lakonischen Lebenserinnerungen, die nun in deutscher Übersetzung vorliegen. 1987 ist Marie Langer in Buenos Aires gestorben.
2. Expressionistisch und grotesk: „Streichhölzer. Prosaskizzen, Erzählungen und andere Texte“ von El Hor / El Ha
Viele der hochbegabten Frauen hielten sich an den Journalismus und da oft ans Feuilleton. Unter den Wiederentdeckten – jüngst etwa Marie Lazar mit ihren flirrenden Erzählungen – ist eine ein besonders spannender Fall. Rückblende: 1991 hatte Hartwig Suhrbier detektivisch Texte einer Frau zusammengetragen, die unter den Kürzeln „El Hor“ und „El Ha“ Kürzestes im journalistischen Umfeld des Expressionismus publiziert hatte, teils Instantporträts Großer wie Mozart, Schiller oder Heine, teils solche von vermeintlich banalen Mitmenschen, teils Momentaufnahmen des Alltags, mit nicht selten grotesken Wendungen.
So unter dem Titel Katastrophe: „Als der Mann tot war, spielte die Frau den ganzen Tag mit seiner Taschenuhr, sprach mit ihr und horchte auf ihren metallnen Pulsschlag. Und des Nachts legte sie die Uhr in sein Bett.“ Suhrbier gelang es jedoch nicht, herauszubekommen, wer sich dahinter verbarg. Klaus Zittel hat nun nicht nur zahlreiche weitere Texte aufgetan, sondern das Rätsel gelöst.
Über seine Recherche-Odyssee gibt ein für solcherlei Feuilleton-Detektivik exemplarisches Nachwort ausführlich Bericht. Es handelt sich um die in Paris 1883 geborene Elisabeth Sprickmann, als Else Onno Ehefrau des Schauspielers Ferdinand Onno. Doch bleibt sie weiterhin geheimnisvoll: Es existierte kein Foto von ihr, nach 1923 verliert sich jede Spur – bis zur Nachricht von ihrem Tod 1963 in Wien.
3. Sachlich und ironisch: „Die Freundin meines Freundes“ von Polly Tieck
Die 1893 geborene Ilse Ehrenfried schrieb in Berlin für die Ullstein-Blätter unter den Pseudonymen Polly Tieck, Katta Launisch und Lieschen Laßdas. Damit reichte sie zahlenmäßig zwar nicht an die Tucholskys heran, bot dem aber Paroli. Als der als Peter Panter 1926 sinnierte, was der Mensch mache, wenn er allein ist, erinnerte sie ihn daran, dass er da ganz selbstverständlich Mensch = Mann setze, während doch gewiss sei, „daß es auch Frauen gibt, die Menschen sind“, um dann ihrerseits zu reflektieren, was Frauen so machen.
Sehr viele der mindestens 400 Beiträge zwischen 1925 und 1933 handeln von Themen, die ohnehin gerne Frauen überlassen wurden – Mode, Haushalt, Lifestyle –, das aber in mal sachlich direkter, meist ironischer Eloquenz, aus dem Blickwinkel einer selbstbewussten Frau. Herausgeber Hans-Joachim Heerde hat diese Texte treffend mit einem von Robert Walser geprägten Begriff charakterisiert: „Alltagsvertiefungsversuche“. Nebenher besaß sie ein gutgehendes Modeatelier.
Als sie wegen ihrer jüdischen Herkunft vor den Nazis fliehen musste, ging sie nach Chile – und lebte weitgehend vom Schneidern. 1975 ist sie dort gestorben. Ein ausführlicher Lebenslauf gibt nicht nur von ihrem, sondern auch von den Schicksalen mit ihr verbundener Menschen Bericht – wie die Recherche der verstreuten Texte ein Geduldabenteuer des Herausgebers.
4. Flott und raffiniert: „Prager Verbrechen“ von Egon Erwin Kisch
Egon Erwin Kisch rühmte sich, dass während Kafka oder Max Brod in Prag dichteten, er in den Niederungen der Reportage und der noch niederen der Kriminalreportage unterwegs war. Vieles, das er als Reportagen veröffentlichte, war kräftig mit Erfundenem aufgepeppt. Vor Ruhmrederei scheute er sich ohnehin nicht. So ist sein Bericht über den Skandal hinter dem Selbstmord des Spions Oberst Redl ein perfektes Stück Selbstmarketing mit fremden Federn.
Aber sei’s drum. Das alles ist so flott, so raffiniert entlang der sozialen Bruchlinien geschrieben, dass es immer noch zu faszinieren vermag. Ebenso lesenswert ist das begeisterte Vorwort der selbst erfolgreichen Kriminalreporterin Sabine Rückert.
5. Kurz und Idiosynkratisch: „Lesebuch Klaus Johannes Thies“
Nun noch ein ganz eigener, passionierter Alltagsvertiefer der Jüngstzeit: Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, jetzt in Berlin lebend: „Wie sich das anhört. Drei Worte, die alle mit s aufhören, was mir noch nie aufgefallen ist. Ich sitze in einem Zimmer. Irgendwo auf der Welt. Wenn man später dazukommt, kann man das wahrscheinlich gar nicht verstehen. So wie bei Filmen, die schon angefangen haben. Jetzt spreche ich einfach weiter. Vielleicht werde ich ja noch berühmt im Alter. Solcherlei Gedanken murmeln in meinem Kopf.“
Idiosynkratische Alltagsumschriften im „Sehstau“, wie ein Titel unter den Kürzesttexten lautet. „Die Kühe stehen wirklich immer noch live auf der Weide, das Alltägliche wiederholend – Schwarz auf Weiß – wie die guten alten Fernsehgeräte von Grundig“ … Oder: „Meine Wohnung ist alt geworden (vom vielen Wohnen muss das kommen). Dass Wohnungen so alt werden können, erstaunt mich …“
„Während die Welt brennt, kann man nicht dasitzen und seinen Nabel betrachten“. Erinnerungen Marie Langer Claudia von Monbart (Übers.), Ulrike Schmitzer (Hg.), Edition Atelier 2026, 128 S., 20 €
Streichhölzer. Prosaskizzen, Erzählungen und andere Texte El Hor / El Ha Claus Zittel (Hg.), C. W. Leske 2025, 368 S., 28 €
Die Freundin meines Freundes. Feuilletons aus den 1920er Jahren Polly Tieck Hans-Joachim Heerde (Hg.), Wallstein 2026, 362 S., 26 €
Prager Verbrechen Egon Erwin Kisch Die andere Bibliothek 2026, 336 S., 28 €
Lesebuch Klaus Johannes Thies Hanns-Martin Rüter (Hg.), Aisthesis 2026, 160 S., 10 €
nalytikerin, die Frauen ins Zentrum rückte und weibliche Sexualität neu deutete.1974 musste sie Argentinien verlassen, weil sie auf der Todesliste der Antikommunisten stand. Sie ging nach Mexiko, 1981 als Psychiaterin nach Nicaragua, die sandinistische Revolution zu unterstützen. Im selben Jahr erschienen auf Spanisch ihre eindrucksvoll lakonischen Lebenserinnerungen, die nun in deutscher Übersetzung vorliegen. 1987 ist Marie Langer in Buenos Aires gestorben.2. Expressionistisch und grotesk: „Streichhölzer. Prosaskizzen, Erzählungen und andere Texte“ von El Hor / El HaViele der hochbegabten Frauen hielten sich an den Journalismus und da oft ans Feuilleton. Unter den Wiederentdeckten – jüngst etwa Marie Lazar mit ihren flirrenden Erzählungen – ist eine ein besonders spannender Fall. Rückblende: 1991 hatte Hartwig Suhrbier detektivisch Texte einer Frau zusammengetragen, die unter den Kürzeln „El Hor“ und „El Ha“ Kürzestes im journalistischen Umfeld des Expressionismus publiziert hatte, teils Instantporträts Großer wie Mozart, Schiller oder Heine, teils solche von vermeintlich banalen Mitmenschen, teils Momentaufnahmen des Alltags, mit nicht selten grotesken Wendungen.So unter dem Titel Katastrophe: „Als der Mann tot war, spielte die Frau den ganzen Tag mit seiner Taschenuhr, sprach mit ihr und horchte auf ihren metallnen Pulsschlag. Und des Nachts legte sie die Uhr in sein Bett.“ Suhrbier gelang es jedoch nicht, herauszubekommen, wer sich dahinter verbarg. Klaus Zittel hat nun nicht nur zahlreiche weitere Texte aufgetan, sondern das Rätsel gelöst.Über seine Recherche-Odyssee gibt ein für solcherlei Feuilleton-Detektivik exemplarisches Nachwort ausführlich Bericht. Es handelt sich um die in Paris 1883 geborene Elisabeth Sprickmann, als Else Onno Ehefrau des Schauspielers Ferdinand Onno. Doch bleibt sie weiterhin geheimnisvoll: Es existierte kein Foto von ihr, nach 1923 verliert sich jede Spur – bis zur Nachricht von ihrem Tod 1963 in Wien.3. Sachlich und ironisch: „Die Freundin meines Freundes“ von Polly TieckDie 1893 geborene Ilse Ehrenfried schrieb in Berlin für die Ullstein-Blätter unter den Pseudonymen Polly Tieck, Katta Launisch und Lieschen Laßdas. Damit reichte sie zahlenmäßig zwar nicht an die Tucholskys heran, bot dem aber Paroli. Als der als Peter Panter 1926 sinnierte, was der Mensch mache, wenn er allein ist, erinnerte sie ihn daran, dass er da ganz selbstverständlich Mensch = Mann setze, während doch gewiss sei, „daß es auch Frauen gibt, die Menschen sind“, um dann ihrerseits zu reflektieren, was Frauen so machen.Sehr viele der mindestens 400 Beiträge zwischen 1925 und 1933 handeln von Themen, die ohnehin gerne Frauen überlassen wurden – Mode, Haushalt, Lifestyle –, das aber in mal sachlich direkter, meist ironischer Eloquenz, aus dem Blickwinkel einer selbstbewussten Frau. Herausgeber Hans-Joachim Heerde hat diese Texte treffend mit einem von Robert Walser geprägten Begriff charakterisiert: „Alltagsvertiefungsversuche“. Nebenher besaß sie ein gutgehendes Modeatelier.Als sie wegen ihrer jüdischen Herkunft vor den Nazis fliehen musste, ging sie nach Chile – und lebte weitgehend vom Schneidern. 1975 ist sie dort gestorben. Ein ausführlicher Lebenslauf gibt nicht nur von ihrem, sondern auch von den Schicksalen mit ihr verbundener Menschen Bericht – wie die Recherche der verstreuten Texte ein Geduldabenteuer des Herausgebers.4. Flott und raffiniert: „Prager Verbrechen“ von Egon Erwin KischEgon Erwin Kisch rühmte sich, dass während Kafka oder Max Brod in Prag dichteten, er in den Niederungen der Reportage und der noch niederen der Kriminalreportage unterwegs war. Vieles, das er als Reportagen veröffentlichte, war kräftig mit Erfundenem aufgepeppt. Vor Ruhmrederei scheute er sich ohnehin nicht. So ist sein Bericht über den Skandal hinter dem Selbstmord des Spions Oberst Redl ein perfektes Stück Selbstmarketing mit fremden Federn.Aber sei’s drum. Das alles ist so flott, so raffiniert entlang der sozialen Bruchlinien geschrieben, dass es immer noch zu faszinieren vermag. Ebenso lesenswert ist das begeisterte Vorwort der selbst erfolgreichen Kriminalreporterin Sabine Rückert.5. Kurz und Idiosynkratisch: „Lesebuch Klaus Johannes Thies“Nun noch ein ganz eigener, passionierter Alltagsvertiefer der Jüngstzeit: Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, jetzt in Berlin lebend: „Wie sich das anhört. Drei Worte, die alle mit s aufhören, was mir noch nie aufgefallen ist. Ich sitze in einem Zimmer. Irgendwo auf der Welt. Wenn man später dazukommt, kann man das wahrscheinlich gar nicht verstehen. So wie bei Filmen, die schon angefangen haben. Jetzt spreche ich einfach weiter. Vielleicht werde ich ja noch berühmt im Alter. Solcherlei Gedanken murmeln in meinem Kopf.“Idiosynkratische Alltagsumschriften im „Sehstau“, wie ein Titel unter den Kürzesttexten lautet. „Die Kühe stehen wirklich immer noch live auf der Weide, das Alltägliche wiederholend – Schwarz auf Weiß – wie die guten alten Fernsehgeräte von Grundig“ … Oder: „Meine Wohnung ist alt geworden (vom vielen Wohnen muss das kommen). Dass Wohnungen so alt werden können, erstaunt mich …“