Beeples Roboterhunde streunen nun durch die Neue Nationalgalerie. Muss man das blöd finden? Nein, sagt unsere Autorin Laura Ewert: Wir wollten Instagram und Co., also haben wir die Kunst, die dort funktioniert
Mechanische Kampfhunde vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin
Foto: David von Becker/Neue Nationalgalerie
Kim Jong-un und Andy Warhol haben sich geküsst. Im Keller der Neuen Nationalgalerie. Ich habe das gesehen. Zumindest waren es Gesichter, die wie ihre aussahen, die sich kurz aneinander rieben. Aber weil diese Gesichter auf Hunde-Robotern stecken, muss ich vielleicht erwähnen, dass es sich nicht um die echten Personen handelt.
Doch wer kann das mit Sicherheit sagen? Sicher ist aber: Verantwortlich für die Ausstellung anlässlich des diesjährigen Berliner Gallery Weekend ist Beeple. Jener US-Künstler, Grafikdesigner und Informatiker, der berühmt wurde, weil er ein Kunstwerk im Wert von über 60 Millionen Dollar verkaufte.
Sagen wir mal so, die Neue Nationalgalerie hat die allgemeine Kritik entweder nicht gehört oder wurde gar von ihr angespornt. Denn konnte man in den letzten Monaten recht unterhaltsame Artikel etwa von Cornelius Tittel über den Mangel an kuratorischen Ideen im Programm des Hauses mit Yoko Ono und anderen Publikumsmagneten lesen, richtet sich diese Ausstellung gar nicht mehr an das feingeistige Publikum, sodass die Kritik sich vielleicht nicht mal mehr angesprochen fühlt. Es wäre auch viel zu einfach, die Arbeit von Beeple (zwei Millionen Instagram-Follower) zu kritisieren, dem im Internet zum Beispiel vorgeworfen wird, schludrige KI-Kunst zu machen.
Beeples „Regular Animals“ sind so selbsterklärend wie ein Bild von Banksy
Man sieht hier seine Skulptur Regular Animals. Realistische Köpfe von Picasso, Warhol oder Kim Jong-un auf Roboterhunden, die sich bedrohlich bis lächerlich bewegen. Ab und an machen sie Fotos von ihrer Umgebung, bearbeiten sie im Stil ihrer jeweiligen Alter Egos und scheißen sie auf den Boden. Die Skulptur war letztes Jahr bei der Art Basel zu sehen und sorgte da für viel Aufsehen.
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Denn auch die Silicon-Valley-Psychos sind darunter. Die Leute, die unser Leben negativer beeinflussen, als wir uns eingestehen wollen: Bezos, Zuckerberg, Musk. Auch deren Gesichter sitzen auf mechanischen Kampfhunden vom chinesischen Marktführer, sonst gesteuert von einer Polizei, die uns kein Freund und Helfer mehr ist – zumindest nicht, wenn wir Schwarz sind oder gegen den Krieg in Gaza.
Und vielleicht können diese Hunde schon bald nicht mehr gesteuert werden, weil das mit der KI so ein bisschen aus dem Ruder gelaufen ist. Na ja, ich muss an der Stelle nicht weiter ausführen, welche Assoziationen, welcher Grusel hier evoziert wird. Denn Beeples Werk ist so selbsterklärend wie ein Bild von Banksy. Alles ergibt einen Sinn, der so befriedigend ist wie zehn neue Follower in einer halben Stunde.
Die Kuratorin Lisa Botti sagt, wenn man sich fragen würde, warum jetzt ausgerechnet diese Arbeit hier, dann wäre das mit der Dringlichkeit ihres Sujets zu erklären. Und als künstlerische Referenz hat sie Beeples Regular Animals Nam June Paiks Andy Warhol Robot gegenübergestellt, eine Arbeit, die sich schon 1994 mit Robotern und der Wirkmacht von Kameras auseinandersetzte. Muss man das blöd finden? Nein, überhaupt nicht! Denn es ist ja sehr wirkungsvoll, wie diese Dinger über den Boden tippeln, das Haar vom Diktator wackelt, sein feistes Gesicht zittert. Wir wollten Instagram und Co., also haben wir die Kunst, die dort funktioniert.
Die Institutionen müssen überleben. Und der Erfolg zeichnet sich ab: 14 Interviews gibt Beeple in Berlin allein am Eröffnungstag. Er wolle den Leuten etwas zeigen, was sie vorher noch nicht gesehen hätten, sagt er in eine Kamera. Er wolle zeigen, was Kunst auch sein könnte. Er sieht seine Arbeit etwas mehr als Aufsehen denn als Kritik. Auch eine Beobachtung der Gegenwart. Was die Leute daraus machen, sei ihre Sache. Und wenn man lange genug zuschaut, kann man nicht mehr unterscheiden: Leben wir in der Popkultur, oder lebt die Popkultur in uns? Ist das noch die Realität? Oder hat die KI eine Welt gebaut, in der wir uns unwissend bewegen? Eine, in der Künstler Diktatoren küssen?
so, die Neue Nationalgalerie hat die allgemeine Kritik entweder nicht gehört oder wurde gar von ihr angespornt. Denn konnte man in den letzten Monaten recht unterhaltsame Artikel etwa von Cornelius Tittel über den Mangel an kuratorischen Ideen im Programm des Hauses mit Yoko Ono und anderen Publikumsmagneten lesen, richtet sich diese Ausstellung gar nicht mehr an das feingeistige Publikum, sodass die Kritik sich vielleicht nicht mal mehr angesprochen fühlt. Es wäre auch viel zu einfach, die Arbeit von Beeple (zwei Millionen Instagram-Follower) zu kritisieren, dem im Internet zum Beispiel vorgeworfen wird, schludrige KI-Kunst zu machen.Beeples „Regular Animals“ sind so selbsterklärend wie ein Bild von BanksyMan sieht hier seine Skulptur Regular Animals. Realistische Köpfe von Picasso, Warhol oder Kim Jong-un auf Roboterhunden, die sich bedrohlich bis lächerlich bewegen. Ab und an machen sie Fotos von ihrer Umgebung, bearbeiten sie im Stil ihrer jeweiligen Alter Egos und scheißen sie auf den Boden. Die Skulptur war letztes Jahr bei der Art Basel zu sehen und sorgte da für viel Aufsehen.Placeholder image-1Denn auch die Silicon-Valley-Psychos sind darunter. Die Leute, die unser Leben negativer beeinflussen, als wir uns eingestehen wollen: Bezos, Zuckerberg, Musk. Auch deren Gesichter sitzen auf mechanischen Kampfhunden vom chinesischen Marktführer, sonst gesteuert von einer Polizei, die uns kein Freund und Helfer mehr ist – zumindest nicht, wenn wir Schwarz sind oder gegen den Krieg in Gaza.Und vielleicht können diese Hunde schon bald nicht mehr gesteuert werden, weil das mit der KI so ein bisschen aus dem Ruder gelaufen ist. Na ja, ich muss an der Stelle nicht weiter ausführen, welche Assoziationen, welcher Grusel hier evoziert wird. Denn Beeples Werk ist so selbsterklärend wie ein Bild von Banksy. Alles ergibt einen Sinn, der so befriedigend ist wie zehn neue Follower in einer halben Stunde.Die Kuratorin Lisa Botti sagt, wenn man sich fragen würde, warum jetzt ausgerechnet diese Arbeit hier, dann wäre das mit der Dringlichkeit ihres Sujets zu erklären. Und als künstlerische Referenz hat sie Beeples Regular Animals Nam June Paiks Andy Warhol Robot gegenübergestellt, eine Arbeit, die sich schon 1994 mit Robotern und der Wirkmacht von Kameras auseinandersetzte. Muss man das blöd finden? Nein, überhaupt nicht! Denn es ist ja sehr wirkungsvoll, wie diese Dinger über den Boden tippeln, das Haar vom Diktator wackelt, sein feistes Gesicht zittert. Wir wollten Instagram und Co., also haben wir die Kunst, die dort funktioniert.Die Institutionen müssen überleben. Und der Erfolg zeichnet sich ab: 14 Interviews gibt Beeple in Berlin allein am Eröffnungstag. Er wolle den Leuten etwas zeigen, was sie vorher noch nicht gesehen hätten, sagt er in eine Kamera. Er wolle zeigen, was Kunst auch sein könnte. Er sieht seine Arbeit etwas mehr als Aufsehen denn als Kritik. Auch eine Beobachtung der Gegenwart. Was die Leute daraus machen, sei ihre Sache. Und wenn man lange genug zuschaut, kann man nicht mehr unterscheiden: Leben wir in der Popkultur, oder lebt die Popkultur in uns? Ist das noch die Realität? Oder hat die KI eine Welt gebaut, in der wir uns unwissend bewegen? Eine, in der Künstler Diktatoren küssen?