Die aktuelle Debatte um Charlotte Gneuß’ „Gittersee“ und den Deutschen Buchpreis hat Ingo Schulze ins Zentrum gerückt – als Einmischer, als Anwalt, als Streitfigur. Doch wer ist dieser ostdeutsche Autor jenseits der Schlagzeilen wirklich?
Ingo Schulz ist wieder da. Zwar noch nicht mit einem neuen Roman, aber dafür mittendrin in der Debatte um seine Kollegin Charlotte Gneuß
Foto: Friedrich Bungert/ picture alliance / SZ Photo
Der Versuch, auf die Literatur von Ingo Schulze zu blicken, wird hier nicht zum Versuch, eine Mängelliste mit einer anderen zu beantworten. Das Spiel „Wie du mir, so ich dir“ spielen wir nicht. Der Literaturkritiker Richard Kämmerlings hält den 1962 in Dresden geborenen Schriftsteller Ingo Schulze für einen „unserer besten Erzähler“.
1988 ist er, der gerade sein Diplom als Philologe und Germanist in der Tasche hatte, ans Theater gegangen. Es war die Zeit, als im fallenden Staat DDR jede Vorstellung ein Meeting, eine Gelegenheit zum Dialog, ein Stück Gegenöffentlichkeit war. Er wirkte am Landestheater Altenburg an Inszenierungen mit, die nicht beim Text ihres Autors blieben, sondern mit ihren Gedanken auf die Straße sprangen, zu den Montagsdemonstranten.
Mit ihnen haben sie beispielsweise über einen Strindberg-Text hinweg die Frage „Bleiben oder Gehen?“ diskutiert. So erinnert er es später. Er denkt zu dieser Zeit noch nicht an eigene Literatur, hat alle Hände voll zu tun. Wird 1990 zum Mitbegründer des Altenburger Wochenblatts und startet eine Anzeigenzeitung. 1992 lockt ihn ein Geschäftsmann nach St. Petersburg, um nach Altenburger Vorbild eine Annoncenzeitung aufzubauen. Er erlebt in Russland die Wende noch einmal, jetzt gewissermaßen zum Mitschreiben.
Ingo Schulze begleitete das Zusammenwachsen von Ost und West
Die Gelegenheit macht ihn zum Schriftsteller. 1995 erscheint mit 33 Augenblicke des Glücks sein erstes belletristisches Werk. In den Geschichten erzählt er von Menschen, die eines wollen: in der neuen westlichen Welt überleben. Diese Losung gilt jetzt überall im Osten. Ingo Schulze hat die Energien, die 1989 und in den ersten Jahren danach die Luft im Osten Deutschlands flimmern, und die Menschen vibrieren ließen, selbst gespürt. Er konnte gar nicht anders, als diese Kraft in sein Schreiben hineinzunehmen.
Das war bei Uwe Tellkamp und Clemens Meyer zumindest für den ersten Roman nicht anders. Bei Schulze erwuchs aus der Genesis seines Schriftstellerseins sein großes Thema: die Begleitung des Zusammenwachsens von Ost und West. Ich denke an seine Romane Simple Storys (1998), Neue Leben (2005) und Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst (2017). Simple Storys ist wie Clemens Meyers Als wir träumten in der Short-Cut-Technik verfasst. In 29 Szenen versucht er den sozialen und psychologischen Umbruch in der Nachwendezeit in der ostdeutschen Provinz einzufangen.
Während er in Neue Leben das Porträt eines ehemaligen DDR-Bürgers ohne Format überblendet mit dem Bild eines Geschäftemachers ohne Format, übersieht er, dass diese charakterliche Formatlosigkeit nicht 800 Seiten trägt. Der Roman Neue Leben zündet nicht. Vielleicht hat der Autor zu lange daran getüftelt. Anders als bei Peter Holtz, der als übernächster Roman 2017 erscheint. Die Titelfigur entwickelt der Autor aus einer sehr folgenreichen Beobachtung. Was hat das Leben eines Ost-Menschen auf den Kopf gestellt? Die Einführung der D-Mark!
Er sucht immer die Nähe zur ostdeutschen Wirklichkeit
Was Peter Holtz mit dem Geld macht und was das Geld aus Peter Holtz macht, erzählt der Roman mit großem Witz. Überraschend auch Schulzes Blick auf den Osten in Die rechtschaffenden Mörder, der 2020 erscheint. Was wird aus dem Antiquar Norbert Paulini, der in der DDR ein Dissident ist und andere Dissidenten mit verbotener Literatur versorgt und zu halblegalen Gesprächsreihen einlädt? Warum wechselt er die Seite? Muss er deshalb sterben?
Schulze sucht in seiner Belletristik immer die Nähe zur ostdeutschen Wirklichkeit. Nicht anders in den Essays. 2007 polemisiert er in der Rede zum Thüringer Literaturpreis gegen die privatkapitalistische Förderung der Kultur und nennt sie „Refeudalisierung des Kulturbetriebes“. Jetzt, da der Staat als Geldgeber schwächelt, wünschen sich wahrscheinlich viele, dass private Geldgeber für ihn einsprängen.
An dem Hin und Her ist Schulze nicht ganz unschuldig
Als er über die Zukunft des Kapitalismus nachdenkt, kommt er auf den ketzerischen Gedanken, dass die Zeitenwende von 1989/90 auch als eine „Rückkehr aus der Zukunft“ empfunden werden könnte. Seine Kritiker müssen schlucken. Vielleicht auch, wenn er sich gegen die Wörter „Gewinner“ und „Verlierer“ sträubt, weil er nicht akzeptieren kann, dass das Leben ein Wettkampf nach allgemein verbindlichen Normen ist.
Dem Westen, der an diese Normen gewöhnt ist, widerspricht er. Der Westen sei nicht die Norm. Er sagt es laut und macht sich zum Anwalt der Ostdeutschen. Es wäre ein Missverständnis, ihm zu unterstellen, er tue so, als habe er den Osten gepachtet oder das alleinige Deutungsrecht. Dies hängt ihm an, wer ihn als Anwalt nicht will. Die gibt es auch. Das Hin und Her um die sogenannte „Mängelliste“ – bei der „Gittersee“-Affäre um den gleichnamigen Roman von Charlotte Gneuß –, an dem er nicht schuldlos ist, liefert hierfür Vorwände.
llung ein Meeting, eine Gelegenheit zum Dialog, ein Stück Gegenöffentlichkeit war. Er wirkte am Landestheater Altenburg an Inszenierungen mit, die nicht beim Text ihres Autors blieben, sondern mit ihren Gedanken auf die Straße sprangen, zu den Montagsdemonstranten.Mit ihnen haben sie beispielsweise über einen Strindberg-Text hinweg die Frage „Bleiben oder Gehen?“ diskutiert. So erinnert er es später. Er denkt zu dieser Zeit noch nicht an eigene Literatur, hat alle Hände voll zu tun. Wird 1990 zum Mitbegründer des Altenburger Wochenblatts und startet eine Anzeigenzeitung. 1992 lockt ihn ein Geschäftsmann nach St. Petersburg, um nach Altenburger Vorbild eine Annoncenzeitung aufzubauen. Er erlebt in Russland die Wende noch einmal, jetzt gewissermaßen zum Mitschreiben.Ingo Schulze begleitete das Zusammenwachsen von Ost und WestDie Gelegenheit macht ihn zum Schriftsteller. 1995 erscheint mit 33 Augenblicke des Glücks sein erstes belletristisches Werk. In den Geschichten erzählt er von Menschen, die eines wollen: in der neuen westlichen Welt überleben. Diese Losung gilt jetzt überall im Osten. Ingo Schulze hat die Energien, die 1989 und in den ersten Jahren danach die Luft im Osten Deutschlands flimmern, und die Menschen vibrieren ließen, selbst gespürt. Er konnte gar nicht anders, als diese Kraft in sein Schreiben hineinzunehmen.Das war bei Uwe Tellkamp und Clemens Meyer zumindest für den ersten Roman nicht anders. Bei Schulze erwuchs aus der Genesis seines Schriftstellerseins sein großes Thema: die Begleitung des Zusammenwachsens von Ost und West. Ich denke an seine Romane Simple Storys (1998), Neue Leben (2005) und Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst (2017). Simple Storys ist wie Clemens Meyers Als wir träumten in der Short-Cut-Technik verfasst. In 29 Szenen versucht er den sozialen und psychologischen Umbruch in der Nachwendezeit in der ostdeutschen Provinz einzufangen.Während er in Neue Leben das Porträt eines ehemaligen DDR-Bürgers ohne Format überblendet mit dem Bild eines Geschäftemachers ohne Format, übersieht er, dass diese charakterliche Formatlosigkeit nicht 800 Seiten trägt. Der Roman Neue Leben zündet nicht. Vielleicht hat der Autor zu lange daran getüftelt. Anders als bei Peter Holtz, der als übernächster Roman 2017 erscheint. Die Titelfigur entwickelt der Autor aus einer sehr folgenreichen Beobachtung. Was hat das Leben eines Ost-Menschen auf den Kopf gestellt? Die Einführung der D-Mark!Er sucht immer die Nähe zur ostdeutschen WirklichkeitWas Peter Holtz mit dem Geld macht und was das Geld aus Peter Holtz macht, erzählt der Roman mit großem Witz. Überraschend auch Schulzes Blick auf den Osten in Die rechtschaffenden Mörder, der 2020 erscheint. Was wird aus dem Antiquar Norbert Paulini, der in der DDR ein Dissident ist und andere Dissidenten mit verbotener Literatur versorgt und zu halblegalen Gesprächsreihen einlädt? Warum wechselt er die Seite? Muss er deshalb sterben? Schulze sucht in seiner Belletristik immer die Nähe zur ostdeutschen Wirklichkeit. Nicht anders in den Essays. 2007 polemisiert er in der Rede zum Thüringer Literaturpreis gegen die privatkapitalistische Förderung der Kultur und nennt sie „Refeudalisierung des Kulturbetriebes“. Jetzt, da der Staat als Geldgeber schwächelt, wünschen sich wahrscheinlich viele, dass private Geldgeber für ihn einsprängen.An dem Hin und Her ist Schulze nicht ganz unschuldigAls er über die Zukunft des Kapitalismus nachdenkt, kommt er auf den ketzerischen Gedanken, dass die Zeitenwende von 1989/90 auch als eine „Rückkehr aus der Zukunft“ empfunden werden könnte. Seine Kritiker müssen schlucken. Vielleicht auch, wenn er sich gegen die Wörter „Gewinner“ und „Verlierer“ sträubt, weil er nicht akzeptieren kann, dass das Leben ein Wettkampf nach allgemein verbindlichen Normen ist.Dem Westen, der an diese Normen gewöhnt ist, widerspricht er. Der Westen sei nicht die Norm. Er sagt es laut und macht sich zum Anwalt der Ostdeutschen. Es wäre ein Missverständnis, ihm zu unterstellen, er tue so, als habe er den Osten gepachtet oder das alleinige Deutungsrecht. Dies hängt ihm an, wer ihn als Anwalt nicht will. Die gibt es auch. Das Hin und Her um die sogenannte „Mängelliste“ – bei der „Gittersee“-Affäre um den gleichnamigen Roman von Charlotte Gneuß –, an dem er nicht schuldlos ist, liefert hierfür Vorwände.