Grünes Wissen to go: Überall auf der Welt steigen die Ozeanpegel durch das Abschmelzen der Gletscher. Doch ausgerechnet dort, wo die Gletscherschmelze am stärksten ist, fällt er erheblich. Wie das zusammenhängt


Noch lastet es auf der Landfläche darunter: Das grönländische Gletschereis

Foto: Sean Gallup/Getty Images


Der Klimawandel bringt einige paradoxe Phänomene mit sich: Beispielsweise sorgt die weltweite Gletscherschmelze dafür, dass die Pegel der Ozeane weltweit steigen. Im Durchschnitt 9 Zentimeter sind bereits dazugekommen, bis zum Ende des Jahrhunderts könnten es nach Prognosen des Weltklimarates bis zu 1 Meter mehr werden. In Grönland allerdings wird der Meeresspiegel fallen, wie jetzt ein Team der Columbia University herausgefunden hat: im Extremfall um bis zu 2,5 Meter binnen der nächsten 75 Jahre.

Grund dafür – und jetzt wird es wirklich schräg – ist ausgerechnet die Gletscherschmelze, wie das Team im Fachjournal Nature Communications: Wenn diese besonders stark ausfällt, sinkt das Gewicht, das derzeit noch auf die größte Insel der Welt drückt. Noch sind 80 Prozent Grönlands mit Eis bedeckt, in der Spitze ist der Eispanzer 3.300 Meter hoch. Allerdings verliert dieser Eispanzer aktuell jährlich rund 200 Milliarden Tonnen Eis, was den Druck auf die Insel senkt – sie hebt sich langsam aus dem Wasser.

In der Wissenschaft der Geotektonik wird dieser Vorgang als „isostatischer Aufstieg“ bezeichnet: Beobachten lässt er sich beispielsweise in Skandinavien, das seit der letzten Eiszeit immer noch aufsteigt. Wie auf einer Wippe senkt sich im Gegenzug die Gegend an der deutschen Nordseeküste: Die Nordsee am Pegel Cuxhaven steht heute 43 Zentimeter höher als 1843 – obwohl der weltweite Anstieg ja „nur“ 9 Zentimeter betrug.

23 Zentimeter höher bereits nachgewiesen

Die von der Columbia University jetzt vorgelegte Arbeit ist nicht die erste zu dieser Problematik. Ein Team der Technischen Universität Dänemark hatte beispielsweise festgestellt, dass Grönland allein in den letzten zehn Jahren um 23 Zentimeter aus dem Ozean aufgestiegen ist. Dabei taucht auch neues Land auf, die Forscher prognostizieren, dass in den kommenden Jahren neue Inseln und Schären entstehen.

Die Gletscher in Grönland – flächenmäßig viermal so groß wie die Bundesrepublik – tauen rapide: Seit den 1980ern hat der Eispanzer 1.000.000.000.000 Tonnen Eis verloren – eine Billion Tonnen. Deshalb sinkt die Last auf das darunterliegende Land. Und sie gelten als Kipp-Element: Der „Global Tipping Points Report“ kam gerade zu dem Schluss, dass das grönländische Eisschild nicht mehr zu retten ist.

Wer in die Berge wandern geht, packt sich einen Pullover ein, weil es oben kühler ist als unten im Tal. So ist das auch auf Grönland, wo die Eisschicht bis zu 3.300 Meter hoch ist. Beginnt dieser Eispanzer einmal zu schmelzen, wandert seine Oberfläche nach unten in immer wärmere Schichten – das Schmelzen kann nie wieder angehalten werden, es geht einfach immer weiter und beschleunigt sich: Allein der grönländische Eisschild wird den Meeresspiegel um bis zu sieben Meter ansteigen lassen.

Aber natürlich schmelzen die Eisschilde nicht nur an den Polen: Aktuell gibt es noch gut 200.000 Inlandsgletscher auf der Erde, davon verschwinden jährlich rund 750. Die Forschung deutet jedoch darauf hin, dass sich dieses Tempo rasant beschleunigen wird. Mitte des Jahrhunderts werden dann bis zu 4.000 Eisflächen verschwinden – und zwar jedes Jahr.

In den europäischen Alpen geht der Prozess einer in Nature Climate Change publizierten Studie zufolge besonders schnell: Hier wird die Gletscherschmelze bereits in acht Jahren ihren Höhepunkt erreichen. „Das Tempo der Gletscherschmelze hat enorm zugenommen, wir stehen unmittelbar vor dem Kipppunkt“, sagt die österreichische Glaziologin Andrea Fischer. Zuletzt seien binnen zweier Jahre 10 Prozent der Eismasse geschmolzen, „die Alpenregion erwärmt sich doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt“.

Tatsächlich gibt es wissenschaftliche Studien, die belegen, dass die Alpengletscher mittlerweile mehr als ein Sechstel ihres Eisvolumens verloren haben. Noch gibt es 3.200 Gletscher in Mitteleuropa, bis 2100 werden die aber um 87 Prozent schrumpfen – selbst wenn der globale Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius begrenzt würde.

Auch Erdbeben nehmen zu

Drücken weniger Eismassen aufs Land, steigt das nicht nur stärker auf, es löst auch neue Spannungen in der Erdkruste aus. „Das scheint Beben auszulösen“, formuliert Jeff Freymueller, Geophysik-Professor an der Michigan State University. Für Freymueller ist das entlegene Gebirge auf Alaska ein zentrales Arbeitsgebiet, denn hier kann er „live“ beobachten, wie groß der Einfluss der Gletscherschmelze auf die Erdbebenaktivität ist: Es lastet weniger Gewicht auf der Oberfläche. „Diese Lastveränderungen können die Spannungen in der Erdkruste stark erhöhen und dadurch letztendlich Erdbeben auslösen“, so Freymueller.

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