Wenn Sie selbstgedrehte Zigaretten rauchen, dann kennen Sie das dünne Zigarettenpapier der Marke OCB. Das B in OCB steht für Bolloré – ja, genau, wie Vincent Bolloré, der in Frankreich zum Inbegriff des Unternehmertyps Heuschrecke geworden ist. Das Familienunternehmen Odet Cascadec Bolloré stellte ab Mitte des 19. Jahrhunderts die berühmten Blättchen her und tut das bis heute, auch wenn das Werk in der südfranzösischen Stadt Perpignan mittlerweile an die amerikanische Tabak-Lobby veräußert wurde.

Statt Blättchenfabriken betrieb der Enkel des OCB-Gründers, der heute 74-jährige Vincent Bolloré, in den letzten vier Dekaden zahlreiche Energie- und Logistikunternehmen. Und seit einigen Jahren ist er auf Beutezug in der französischen Medien- und Verlagslandschaft. Die erworbenen TV- und Radiosender, Zeitschriften und Buchverlage strukturiert er nicht nur nach seinem Geschmack um, er nutzt sie vor allem als Sprachrohre für seine rechtsnationale Ideologie.

Das Beispiel Grasset zeigt: In Frankreich ist ein Kulturkampf ausgebrochen

Erst jetzt, nach dem Rauswurf des Grasset-Verlegers Olivier Nora, hat sich ernst zu nehmender Widerstand geregt. Über 200 Autoren und Autorinnen, darunter prominente wie Virginie Despentes, Frédéric Beigbeder und Bernard-Henri Lévy, haben aus Solidarität mit ihrem geschassten Verleger beschlossen, dem Haus und damit Bolloré den Rücken zu kehren. Nie war es so offensichtlich, dass in Frankreich ein veritabler Kulturkampf ausgebrochen ist.

Wer aber ist der freundlich lächelnde, weißhaarige Bretone, von dem es heißt, er feuere Angestellte schneller als sein Schatten? Durch seine Familie ist Vincent Bolloré qua Geburt bereits Teil elitärer Machtzirkel. Er durchläuft die prestigereichen katholischen Schulen in Paris, studiert zunächst Finanzwirtschaft und heuert bei der Privatbank Edmond de Rothschild an, deren stellvertretender Direktor er im Alter von 23 Jahren wird.

Als das schon erwähnte Familienunternehmen OCB strauchelt, eilt er in den 1980er Jahren zu Hilfe und erweitert die Produktion um ultrafeine Plastikfolien, die in Kondensatoren verwendet werden. Damit bringt er die Firma wieder auf Erfolgskurs. Die Gehälter aller Angestellten kürzt er um 30 Prozent und wird trotz (oder wegen?) dieser Methode zum Manager des Jahres gekürt.

Frankreichs Politik-Elite sieht Bolleés Treiben lange wohlwollend zu

Ende der 1980er Jahre setzt er vor allem auf den Ausbau seiner Logistikbranche auf dem afrikanischen Kontinent, wo er sich in strategisch wichtige Häfen einkauft oder bedeutende Eisenbahnlinien ausbaut. Schon damals beginnt seine politische Einflussnahme in den insgesamt 46 Ländern, in denen er aktiv ist. Um sich Hafenkonzessionen zu sichern, unterstützt er unter anderem den Präsidentschaftskandidaten Alpha Condé in Guinea.

Frankreichs Politik-Elite sieht dem lange wohlwollend zu, weil sie in Bollorés Imperium ein Gegengewicht zum Einfluss Russlands und Chinas in Afrika sieht. Erst 2022 verkauft Bolloré die Africa Logistics zum Preis von 5,7 Milliarden Euro. Trotzdem laufen noch mehrere Strafverfahren wegen illegaler politischer Einflussnahme gegen ihn.

In den 2010er Jahren hat sich die Bolloré-Gruppe immer mehr zu einem Kommunikations- und Medienunternehmen transformiert. Heute arbeiten 95 Prozent der Angestellten in diesem Bereich. Statt auf afrikanische Häfen und Bahnnetze stürzt sich Bolloré nun auf heimische Medienkonzerne. 2015 wird er Hauptaktionär von Vivendi mit seinen TV-Sendern Canal+, CNews und C8. 2021 kommen Frankreichs größter Zeitschriftenverlag Prisma Media dazu, schließlich Lagardère, zu dem das Journal du Dimanche und die Verlagsgruppe Hachette gehören, mit renommierten Häusern wie Fayard oder Grasset.

Vincent Bolloré ist besessen vom Anti-Wokismus

In diese Zeit fällt auch die augenscheinliche Radikalisierung des Vincent Bolloré, der bis dahin nicht durch explizite politische Aussagen auffiel, eher durch pragmatischen Opportunismus, was die jeweils Regierenden anging. Doch in seinen Medienhäusern fällt der systematische Rechtsruck auf.

Inhalte werden konservativer, identitäre Themen rücken in den Vordergrund. Da drängt sich schnell der Vergleich mit Elon Musk auf. Mit einem deutlichen Unterschied: Bolloré sieht man fast nie, Musk hingegen ständig. In Bollorés Medien arbeitet man sich fortan an Themen wie Einwanderung, Islam und Wokismus ab, sowie an der Verschwörungstheorie vom großen „Bevölkerungsaustausch“. Verbreitet wird stattdessen der Traum eines Zusammenschlusses und der Machtübernahme der Konservativen mit dem Rassemblement National und noch radikaleren rechten Kräften.

Nachrichtenprogramme werden nun nach dem US-amerikanischen Vorbild von Fox News gestaltet, Krawall und Remmidemmi sind das neue Geschäftsmodell. Vor allem aber werden Gesichter ausgetauscht. Bolloré fördert rechtsextreme Moderatoren, wie Cyril Hanouna oder Éric Zemmour. Letzterer darf erst Hasstiraden zur besten Sendezeit vortragen, bevor er 2022, von Bolloré unterstützt, als Präsidentschaftskandidat antritt.

Bolloré ist nicht die einzige Heuschrecke, die in Frankreich wütet

Selbstredend werden Zemmours Bücher nun bei Fayard publiziert, so wie die von anderen Rechtsextremen, darunter Jordan Bardella, Marion Maréchal-Le Pen oder Philippe de Villiers. Sie alle finden bei Bolloré ein publizistisches Zuhause und müssen sich um Werbung keine Sorgen machen. Schließlich werden sie zur besten Sendezeit in alle möglichen TV-Shows geladen oder wohlwollend in Bollorés Printmedien besprochen.

Mehr noch: Raten Sie mal, wem die Bahnhofskioske Relay gehören, die in Frankreich eine Monopolstellung haben und nach und nach auch Deutschland erobern? Richtig! Das Bücherangebot dort zeigt wieder die ideologische Handschrift des Vincent Bolloré, sauber aufgereiht in den kaum übersehbaren Schaufenstern.

Es wäre falsch, zu behaupten, Bolloré sei die einzige Heuschrecke, die in Frankreich wütet. In den letzten Jahren hat eine Reihe branchenfremder Industrieller in Medien investiert. Der Telekommunikationsriese Xavier Niel etwa oder Bernard Arnault, einer der zehn vermögendsten Männer der Welt und Eigentümer der Zeitungen Le Parisien, Les Échos und Paris Match. Damit ist die Unabhängigkeit der Presse in Frankreich mehr als je zuvor gefährdet, warnt auch Reporter ohne Grenzen.

Angst, zur Geisel in Bollorés ideologischem Feldzug zu werden

Es regt sich aber auch Widerstand gegen Bollorés Einflussnahme. So streikte die Belegschaft des Journal du Dimanche 2023 sechs Wochen lang gegen die Ernennung des neuen Direktors Geoffroy Lejeune, bekannt für seine rechtsextremen Positionen. Dutzende Journalisten verließen daraufhin die Zeitung, Lejeune aber blieb.

Schon lange hat Bolloré Axt und Peitsche auch in seinem Verlagsimperium hervorgeholt, doch viele mögen darauf gehofft haben, dass sie wegen ihrer kulturellen Notorietät, ihrer Auszeichnungen und ihrer großen Leserschaft verschont bleiben. Jetzt wissen wir: All das schreckt Heuschrecken nicht ab. Das Ausmaß des Aufstands der Autorinnen und Autoren nach der Absetzung des Grasset-Verlegers Olivier Nora war trotzdem überraschend.

Schließlich unterzeichneten ganz unterschiedliche Persönlichkeiten die gemeinsame Petition gegen Bolloré: von links bis rechts, von woke bis konservativ. Sie alle teilen die Angst, zur Geisel des ideologischen Feldzugs des megalomanen Unternehmers zu werden.

utezug in der französischen Medien- und Verlagslandschaft. Die erworbenen TV- und Radiosender, Zeitschriften und Buchverlage strukturiert er nicht nur nach seinem Geschmack um, er nutzt sie vor allem als Sprachrohre für seine rechtsnationale Ideologie.Das Beispiel Grasset zeigt: In Frankreich ist ein Kulturkampf ausgebrochenErst jetzt, nach dem Rauswurf des Grasset-Verlegers Olivier Nora, hat sich ernst zu nehmender Widerstand geregt. Über 200 Autoren und Autorinnen, darunter prominente wie Virginie Despentes, Frédéric Beigbeder und Bernard-Henri Lévy, haben aus Solidarität mit ihrem geschassten Verleger beschlossen, dem Haus und damit Bolloré den Rücken zu kehren. Nie war es so offensichtlich, dass in Frankreich ein veritabler Kulturkampf ausgebrochen ist.Wer aber ist der freundlich lächelnde, weißhaarige Bretone, von dem es heißt, er feuere Angestellte schneller als sein Schatten? Durch seine Familie ist Vincent Bolloré qua Geburt bereits Teil elitärer Machtzirkel. Er durchläuft die prestigereichen katholischen Schulen in Paris, studiert zunächst Finanzwirtschaft und heuert bei der Privatbank Edmond de Rothschild an, deren stellvertretender Direktor er im Alter von 23 Jahren wird.Als das schon erwähnte Familienunternehmen OCB strauchelt, eilt er in den 1980er Jahren zu Hilfe und erweitert die Produktion um ultrafeine Plastikfolien, die in Kondensatoren verwendet werden. Damit bringt er die Firma wieder auf Erfolgskurs. Die Gehälter aller Angestellten kürzt er um 30 Prozent und wird trotz (oder wegen?) dieser Methode zum Manager des Jahres gekürt.Frankreichs Politik-Elite sieht Bolleés Treiben lange wohlwollend zu Ende der 1980er Jahre setzt er vor allem auf den Ausbau seiner Logistikbranche auf dem afrikanischen Kontinent, wo er sich in strategisch wichtige Häfen einkauft oder bedeutende Eisenbahnlinien ausbaut. Schon damals beginnt seine politische Einflussnahme in den insgesamt 46 Ländern, in denen er aktiv ist. Um sich Hafenkonzessionen zu sichern, unterstützt er unter anderem den Präsidentschaftskandidaten Alpha Condé in Guinea.Frankreichs Politik-Elite sieht dem lange wohlwollend zu, weil sie in Bollorés Imperium ein Gegengewicht zum Einfluss Russlands und Chinas in Afrika sieht. Erst 2022 verkauft Bolloré die Africa Logistics zum Preis von 5,7 Milliarden Euro. Trotzdem laufen noch mehrere Strafverfahren wegen illegaler politischer Einflussnahme gegen ihn.In den 2010er Jahren hat sich die Bolloré-Gruppe immer mehr zu einem Kommunikations- und Medienunternehmen transformiert. Heute arbeiten 95 Prozent der Angestellten in diesem Bereich. Statt auf afrikanische Häfen und Bahnnetze stürzt sich Bolloré nun auf heimische Medienkonzerne. 2015 wird er Hauptaktionär von Vivendi mit seinen TV-Sendern Canal+, CNews und C8. 2021 kommen Frankreichs größter Zeitschriftenverlag Prisma Media dazu, schließlich Lagardère, zu dem das Journal du Dimanche und die Verlagsgruppe Hachette gehören, mit renommierten Häusern wie Fayard oder Grasset.Vincent Bolloré ist besessen vom Anti-WokismusIn diese Zeit fällt auch die augenscheinliche Radikalisierung des Vincent Bolloré, der bis dahin nicht durch explizite politische Aussagen auffiel, eher durch pragmatischen Opportunismus, was die jeweils Regierenden anging. Doch in seinen Medienhäusern fällt der systematische Rechtsruck auf.Inhalte werden konservativer, identitäre Themen rücken in den Vordergrund. Da drängt sich schnell der Vergleich mit Elon Musk auf. Mit einem deutlichen Unterschied: Bolloré sieht man fast nie, Musk hingegen ständig. In Bollorés Medien arbeitet man sich fortan an Themen wie Einwanderung, Islam und Wokismus ab, sowie an der Verschwörungstheorie vom großen „Bevölkerungsaustausch“. Verbreitet wird stattdessen der Traum eines Zusammenschlusses und der Machtübernahme der Konservativen mit dem Rassemblement National und noch radikaleren rechten Kräften.Nachrichtenprogramme werden nun nach dem US-amerikanischen Vorbild von Fox News gestaltet, Krawall und Remmidemmi sind das neue Geschäftsmodell. Vor allem aber werden Gesichter ausgetauscht. Bolloré fördert rechtsextreme Moderatoren, wie Cyril Hanouna oder Éric Zemmour. Letzterer darf erst Hasstiraden zur besten Sendezeit vortragen, bevor er 2022, von Bolloré unterstützt, als Präsidentschaftskandidat antritt.Bolloré ist nicht die einzige Heuschrecke, die in Frankreich wütetSelbstredend werden Zemmours Bücher nun bei Fayard publiziert, so wie die von anderen Rechtsextremen, darunter Jordan Bardella, Marion Maréchal-Le Pen oder Philippe de Villiers. Sie alle finden bei Bolloré ein publizistisches Zuhause und müssen sich um Werbung keine Sorgen machen. Schließlich werden sie zur besten Sendezeit in alle möglichen TV-Shows geladen oder wohlwollend in Bollorés Printmedien besprochen.Mehr noch: Raten Sie mal, wem die Bahnhofskioske Relay gehören, die in Frankreich eine Monopolstellung haben und nach und nach auch Deutschland erobern? Richtig! Das Bücherangebot dort zeigt wieder die ideologische Handschrift des Vincent Bolloré, sauber aufgereiht in den kaum übersehbaren Schaufenstern.Es wäre falsch, zu behaupten, Bolloré sei die einzige Heuschrecke, die in Frankreich wütet. In den letzten Jahren hat eine Reihe branchenfremder Industrieller in Medien investiert. Der Telekommunikationsriese Xavier Niel etwa oder Bernard Arnault, einer der zehn vermögendsten Männer der Welt und Eigentümer der Zeitungen Le Parisien, Les Échos und Paris Match. Damit ist die Unabhängigkeit der Presse in Frankreich mehr als je zuvor gefährdet, warnt auch Reporter ohne Grenzen.Angst, zur Geisel in Bollorés ideologischem Feldzug zu werdenEs regt sich aber auch Widerstand gegen Bollorés Einflussnahme. So streikte die Belegschaft des Journal du Dimanche 2023 sechs Wochen lang gegen die Ernennung des neuen Direktors Geoffroy Lejeune, bekannt für seine rechtsextremen Positionen. Dutzende Journalisten verließen daraufhin die Zeitung, Lejeune aber blieb.Schon lange hat Bolloré Axt und Peitsche auch in seinem Verlagsimperium hervorgeholt, doch viele mögen darauf gehofft haben, dass sie wegen ihrer kulturellen Notorietät, ihrer Auszeichnungen und ihrer großen Leserschaft verschont bleiben. Jetzt wissen wir: All das schreckt Heuschrecken nicht ab. Das Ausmaß des Aufstands der Autorinnen und Autoren nach der Absetzung des Grasset-Verlegers Olivier Nora war trotzdem überraschend.Schließlich unterzeichneten ganz unterschiedliche Persönlichkeiten die gemeinsame Petition gegen Bolloré: von links bis rechts, von woke bis konservativ. Sie alle teilen die Angst, zur Geisel des ideologischen Feldzugs des megalomanen Unternehmers zu werden.



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