Von Olga Samofalowa

Der weltweite Aluminiummarkt wurde von einem sogenannten Black Swan getroffen, einem unvorhersehbaren, extrem seltenen Ereignis mit massiven Auswirkungen. Der Angebotsschock aufgrund des Konflikts im Nahen Osten war der größte auf dem Markt für Nichteisenmetalle seit den 2000er-Jahren, schreibt die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf eine Einschätzung des leitenden Metallanalysten beim Rohstoffhändler Mercuria.

Seiner Meinung nach wird die Schließung von Schmelzwerken am Persischen Golf im Jahr 2026 zu einem gravierenden Aluminiumdefizit führen. Der Aluminiumpreis an der Londoner Metallbörse (LME) erreichte letzte Woche bereits ein Vierjahreshoch von 3.672 US-Dollar pro Tonne.

Im Nahen Osten wurden jährlich etwa sieben Millionen Tonnen Aluminium produziert, was etwa neun Prozent des weltweiten Angebots ausmacht. Dabei ist das aus dem Nahen Osten stammende Aluminium schwer zu ersetzen. Mercuria prognostiziert von jetzt an bis zum Jahresende einen Aluminiumengpass von etwa zwei Millionen Tonnen. Diese Schätzung könnte jedoch sogar zu niedrig ausfallen, da sie von einer raschen Wiederherstellung der Bauxitlieferungen durch die Straße von Hormus und einer Wiederaufnahme des Betriebs der Werke bereits in diesem Quartal ausgeht. Sollte sich der Konflikt hinziehen und die Bauxitlieferungen in die Länder am Persischen Golf weiter eingeschränkt werden, könnte das Defizit noch größer ausfallen. Die globale Forschungs- und Beratungsgruppe Wood Mackenzie spricht von einem Defizit von bis zu vier Millionen Tonnen im Jahr 2026. Wladimir Tschernow, Analyst bei Freedom Finance Global, sagt:

„Auf dem Markt gab es bereits extreme Phasen, wie zum Beispiel den Preisanstieg im Jahr 2022, als Aluminium einen Rekordwert von 4.073,50 US-Dollar pro Tonne erreichte. Mercuria meint, dass dies der größte einzelne Angebotsschock für den Markt für Nichteisenmetalle seit Beginn des 21. Jahrhunderts sei, stimme ich eher zu.

Hier kamen physische Schäden an den Werken, eine logistische Lücke bei den Rohstofflieerungen, niedrige Börsenbestände und die schwachen Möglichkeiten, die ausgefallenen Mengen in den USA und Europa schnell zu ersetzen, gleichzeitig zusammen. Das macht die aktuelle Situation in ihrem Ausmaß tatsächlich einzigartig, gerade für die letzten gut 20 Jahre.“

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Warum wurden die Aluminiumwerke im Nahen Osten stillgelegt? Tschernow antwortet:

„Erstens wurde ein Teil der Produktionskapazitäten durch Angriffe beschädigt. Bei Emirates Global Aluminium am Standort Al Taweelah in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden erhebliche Schäden festgestellt. Dies ist das größte Werk der Region, das im Jahr 2025 1,6 Millionen Tonnen Metall produzierte. Zweitens begannen die Werke aufgrund von Störungen in der Straße von Hormus den Zugang zu Rohstoffen zu verlieren. Für die Verhüttung wird Bauxit benötigt, und Schiffe mit Bauxit und Aluminiumoxid änderten im März ihre Kurse.“

Tonerde ist ein Zwischenprodukt bei der Aluminiumherstellung. Aufgrund der Blockade der Straße von Hormus ist der Transport dieses Rohstoffs drastisch zurückgegangen. Alexander Bachtin, Investmentstratege bei der Investmentfirma Garda Capital, sagt:

„Die arabischen Länder verfügen über keine eigenen Rohstoffvorkommen; traditionell dienen sie als Umschlagplatz, an dem Tonerde durch Elektrolyse in einen Zustand gebracht wird, der für die Aluminiumschmelze geeignet ist. Zu Beginn des Krieges hatten sie Vorräte für drei bis vier Wochen auf Lager. In den Tagen der Waffenruhe erreicht ein Teil der Lieferungen wahrscheinlich die Häfen, und ein Teil des Aluminiums kann ausgeführt werden. Dennoch sind die Werke gezwungen, die Produktion zu drosseln oder einzustellen, da sie zu 100 Prozent auf importierte Rohstoffe angewiesen sind.“

Hinzu kamen noch Stromausfälle. Der Aluminiumhersteller Aluminium Bahrain legte Mitte März ein Teil der Anlagen still, was 19 Prozent der Kapazität entspricht. Der Aluminiumhersteller Qatalum in Katar reduzierte seine Produktion aufgrund von Problemen bei der Gasversorgung. Tschernow erklärt:

„Für die Aluminiumindustrie ist das besonders schmerzhaft, da man die Elektrolyse nicht einfach ein- und ausschalten kann, ohne Verluste und einen langwierigen Neustart zu riskieren.“

Besonders gefährdet sind die USA und Europa, da sie über geringe Lagerbestände an Aluminium verfügen. Im vergangenen Jahr importierten die USA fast 22 Prozent ihres gesamten Aluminiumimportvolumens aus dem Nahen Osten, Europa etwa 18,5 Prozent (Daten von Trade Data Monitor).

Bereits jetzt sind die Aufschläge auf den Börsenpreis in den USA auf Rekordwerte und in Europa auf ein fast vierjähriges Hoch gestiegen. Das bedeutet, dass für den Verbraucher nicht nur das börsengehandelte Aluminium teurer wird, sondern auch die physische Lieferung, sagt Tschernow. Bachtin bemerkt seinerseits:

„Unter dieser Entwicklung leiden vor allem Länder, die von Aluminiumimporten abhängig sind und hohe Strompreise haben, da bei der Aluminiumproduktion bis zu 40 Prozent der Selbstkosten nicht auf Rohstoffe, sondern auf Stromkosten entfallen. Das betrifft vor allem Europa, Japan, Südkorea und die USA (sie importieren 20 bis 30 Prozent ihres Aluminiums aus den Golfstaaten). In geringerem Maße, aber dennoch vorhanden ist diese Abhängigkeit auch in Indien und China (etwa zehn Prozent) zu beobachten.“

Von der Aluminiumknappheit werden die Automobilindustrie, der Flugzeugbau, das Baugewerbe und die Verpackungsindustrie betroffen sein. Nach Angaben des russischen Aluminiumherstellers Rusal entfielen im Jahr 2025 25,6 Prozent der weltweiten Aluminiumnachfrage auf den Verkehrssektor, 18,8 Prozent auf das Baugewerbe und etwa 17 Prozent auf die Verpackungsindustrie.

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Russland produziert mehr Aluminium, als es verbraucht: etwa 3,8 Millionen Tonnen pro Jahr gegenüber 1,2 bis 1,5 Millionen Tonnen. Die Exporte gehen hauptsächlich nach China, in die Türkei, nach Indien, Südkorea und Japan. Eine Steigerung der Liefermengen dürfte kaum gelingen. Russland wird jedoch von den steigenden Produktpreisen profitieren können. Bachtin schätzt:

„Der Preisanstieg wird es dem Marktmonopolisten Rusal ermöglichen, seine Marge und seinen Gewinn deutlich zu steigern. Auf dem Höhepunkt des Konflikts stieg der Aktienkurs des Unternehmens um mehr als 20 Prozent gegenüber den Kursen von Januar und Februar. Für den Haushalt könnte sich bei den aktuellen Preisen und Wechselkursen ein Mehreinkommen in Form von Steuern von etwa 130 bis 150 Milliarden (Rubel) pro Jahr ergeben.“

An der Londoner Metallbörse stieg der Aluminiumpreis am 16. April auf 3.672 US-Dollar pro Tonne. Tschernow meint:

„Vergleicht man dies mit dem durchschnittlichen Verkaufspreis von Rusal für das gesamte Jahr 2025, der bei 2.652 US-Dollar pro Tonne lag, ergibt sich ein Anstieg von etwa 38 Prozent. Das ist eine sehr starke Entwicklung. Wenn man hypothetisch davon ausgeht, dass die Exportmengen in etwa auf dem Niveau von 2025 bleiben und der durchschnittliche Verkaufspreis im Jahr 2026 mindestens 15 bis 20 Prozent über dem des Vorjahres liegt, könnte der Umsatzzuwachs im Aluminiumsegment mehrere hundert Millionen US-Dollar betragen. Sollte sich der Preis hingegen näher an den derzeitigen Extremwerten halten, wäre der Effekt noch größer.“

Das Endergebnis werde jedoch von Rabatten, Logistik, Prämien und der länderspezifischen Vertriebsstruktur abhängen, schließt der Experte.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 23. März 2026 auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung Wsgljad.

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