Er hat es getan – der 91-jährige Herr Wohler hat sich bei dem Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages zum Dienst in der Reserve gemeldet. Qualifikation: Noch echte Fronterfahrung – und wie es in Berlin aussieht, wenn alles um einen herum brennt, weiß er auch. Der Brief an Henning Otte erreichte die NachDenkSeiten als Leserzuschrift. Mit einer gehörigen Prise Humor hat unser Leser Wohler auf die Ankündigung, die Altersgrenze für Reservisten von 65 auf 70 anzuheben, reagiert. Mit seinen Zeilen und seiner vorgeblichen Bewerbung als Reservist verknüpft er den Schrecken des Krieges mit dem politischen Wahnsinn dieser Zeit mit beißender Ironie und Sarkasmus. Unsere Redaktion schätzt die Reaktionen unserer Leser sehr. Die regelmäßige Veröffentlichung von Leserzuschriften zeigt: Eine Vielzahl von Gedanken, Ansichten und Wissenswertem kommt immer wieder von unserer Leserschaft – auch wenn wir selbstverständlich nicht immer alle Ansichten teilen. Diesen Brief wollen wir an dieser Stelle hervorheben und veröffentlichen ihn alleinstehend. Möge die Botschaft eines 91-Jährigen Gehör finden. Vielen Dank! Von Redaktion.
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Hallo Herr Klöckner, geschätztes NDS-Team,
hatte bereits bei der ersten medialen Erwähnung des Themas „Reservist mit 70″ dem Herrn Otte die nachstehende Bewerbung geschickt. Es kam nur eine Eingangsbestätigung.
An den Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages
Guten Tag Herr Otte,
in der FAZ soll zu lesen sein, dass an eine „Flexible Wehrpflicht“ gedacht wird. Bin selbst erst 91 und noch vergleichsweise fit und sicher auch noch zu gebrauchen. Habe auch eigene WK II Erfahrungen. Weiß, wie es aussieht, wenn in Berlin alles um einen herum brennt und man selbst das Glück hatte, wieder lebendig aus dem Luftschutz-Keller herausgekommen zu sein. Weiß auch wie es ist, wenn man auf dem Schulweg im Straßengraben liegend von Kampffliegern beschossen wird. Weiß auch, wie es ist, ohne Vater aufzuwachsen, weil dieser nach tapferer Kriegsbeteiligung vom Oktober 1939 an durch einen Treffer der eigenen Artillerie im März 1945 dann doch noch auf dem „Felde der Ehre” verblieb. Weiß aus eigenem Erleben im Gegensatz zu Ihnen und euch, die ihr selber da nie hingehen werdet, noch viel mehr darüber, wie Krieg geht, einschließlich des Hungers und dem Elend danach. Es hieß seinerzeit: bloß 6 Pfennige ist ein Menschenleben wert – das war der Preis für die blaue Hitlerkopf-Briefmarke auf der Postkarte mit dem Gestellungsbefehl. Kann mich immer noch erinnern, wie meine Mutter sie mir weinend zeigte. Habe den Vater dann noch vier Mal während jeweils zwei Wochen Fronturlaubs wiedergesehen. Jetzt ist ja das Porto demgegenüber richtig teuer geworden, fast 1 Euro. Ein Menschenleben ist nun also auch mehr wert als früher.
Und um jetzt einer Wehrdienst-Verpflichtung zuvorzukommen, würde ich mich unter Umständen auch freiwillig melden. Hatte eine Katarakt-OP und habe wieder 95 Prozent Sehkraft, sodass ich ohne Brille über Kimme und Korn zielen kann. Auch eine Prostata-OP war gelungen, sodass ich mich auch nicht andauernd von der Front entfernen müsste, um pinkeln zu gehen. Einziges Manko: Ich bin nicht mehr so gut zu Fuß, sodass lange Fußmärsche mit Gepäck schwierig zu bewältigen wären. Müsste also einer motorisierten Einheit zugeteilt werden und bitte daher darum. Auch zum Kaserne putzen würde ich altersbedingt gerne eine Putzfrau engagieren. Wäre das möglich und zulässig?
Eine Einberufung würde für mich aber nur Sinn machen, wenn mir der Sold nicht von der Rente abgezogen werden würde. Diese Frage wäre vorab noch zu klären.
Bitte nicht ernst nehmen, war nur Spaß. Aber was sich hier im Lande – und nicht allein bloß mit dem Nazisprech „Kriegsertüchtigung” – wieder alles abspielt, ist entweder mit Humor oder gar nicht mehr zu ertragen.
Bester Gruß
H. Wohler.
Titelbild: Seita / Shutterstock