Dass große Popularität zum Fluch werden kann, ist keine Neuentwicklung des Social-Media-Zeitalters. Wie gering jedoch heutzutage die Distanz zwischen Lob und Shitstorm oft ist, bekamen jüngst die Macher der Krankenhausserie The Pitt zu spüren. Von der Freude über ungewöhnlich großen Zuschauerzuspruch bis zur Online-Debatte zum Thema „Schauen Fans die Serie falsch?“ dauerte es nur wenige Wochen. Was war passiert?

Als die erste Staffel von The Pitt im vergangenen Jahr startete, galt die größte Sorge noch den juristischen Vorwürfen, inwieweit The Pitt eine Fortsetzung von Michael Crichtons Emergency Room aus den 1990ern wäre. Um der andauernden Copyright-Auseinandersetzung mit den Crichton-Erben kein unnötiges Futter zu geben, spricht man in The Pitt statt vom „ER“ (Emergency Room) denn auch stets vom „ED“, dem „Emergency Department“.

The Pitt war eine der raren, eben nicht auf bereits etabliertem „Intellectual Property“ beruhenden Serien, die vom Start weg Erfolg hatte, mit zehn Millionen Zuschauern pro Folge und dem Emmy als bestes Drama zur Krönung. Die zweite Staffel, in Deutschland mit dem internationalen Roll-out von HBO Max gestartet, steigerte den Erfolg noch mit fast 15 Millionen Zuschauern pro Folge allein in den USA.

Im Fadenkreuz der Kulturkämpfer

Die wachsende Popularität hatte als Erstes die vorhersehbare Konsequenz, dass die Online-Kulturkämpfer auf die Serie aufmerksam wurden, um sie als „zu woke“ abzuwerten. Interessanterweise hängen sich solche Debatten so gut wie nie an eher „rechten“ Shows wie etwa Taylor Sheridans Yellowstone auf – weshalb man sie fast schon als Qualitätsausweis sehen kann.

Dass in einer amerikanischen Krankenhausserie die Fehler des eigenen Gesundheitssystems benannt werden, ist noch das Eine. So ging es in einem Handlungsstrang von The Pitt um den Fall des unter Diabetes leidenden Bauarbeiters Orlando, der im Dilemma vieler US-Amerikaner stand: zu viel zu verdienen, um Anspruch auf Medicaid (die Krankenversicherung für Bedürftige) zu haben, aber zu wenig, um sich die private Krankenversicherung leisten zu können.

Natürlich, dafür sind Krankenhausserien nun mal als Form wie geschaffen, skizziert The Pitt mit seinen Patienten auch die Gesellschaft als Ganzes. Von arroganten Golfspielern, bei denen die Kombination von Alkohol und Kokain den Hang zur Gewalttätigkeit lostritt, über sorglose Frauen, die sich betrunken aus Versehen die Zunge abbeißen, bis hin zu den Obdachlosen, die von manchen Ärzten als alte Bekannte begrüßt werden. Für Letztere hat man in The Pitt tatsächlich ein besonderes Herz, liebevoll gezeichnet als Beispiele für fragile Lebensweisheit oder prekäre Unschuld.

Was The Pitt schließlich den Vorwurf „zu woke“ einbrachte, war aber das naturgemäß wenig erfreulich dargestellte Auftauchen von ICE-Agenten im „ED“. Zwar hatte es mit Masken- und Impfgegnern in der ersten Staffel schon Triggerpunkte gegeben, doch das Reizthema ICE, obwohl in der betreffenden Folge noch recht moderat abgehandelt, unterstrich für viele die Haltung der Serie ganz unmissverständlich.

Realismus oder Wunschdenken: Ein Ideal und seine Statistik

So reflexhaft und abgestanden sie in ihren Argumenten auch sein mag, bewegt sich diese Art der Auseinandersetzung immerhin noch entlang einer nicht uninteressanten Frage nach dem Verhältnis von Realismus und Wunschdenken. Dass zum Beispiel die leitende Pflegekraft Dana (Katherine LaNasa) mit ihrer speziellen Empathie für Obdachlose und Vergewaltigungsopfer eher ein Ideal repräsentiert als die Wirklichkeit, kann man als Einwurf gelten lassen.

In der zweiten Staffel korrigierten sich die Autoren quasi selbst mit der Figur von Aushilfspflegerin Monica (Rusty Schwimmer), die durch vertrauliches Plaudern mit ICE-Agenten sowie gezieltes Augenrollen über „liberales Verhalten“ von anderen als eher MAGA-konnotiert gezeichnet wurde – und laut Statistik den Berufsstand wohl eher repräsentiert.

Das bloße Einfordern von Realismus entpuppt sich aber auch schnell als zweischneidig: nichts wäre langweiliger, als die Wirklichkeit eins zu eins abgebildet zu sehen. Im „competence porn“ einer Serie wie The Pitt ist dagegen zu spüren, wie aufregend es sein kann, mitzugehen mit Profis, die ihre Sache gut machen – und wie sich die Augen dabei öffnen für vieles, was den eigenen Horizont überschreitet.

Vergiftet wurde der Diskurs zur Serie bezeichnenderweise nicht von ihren Gegnern, sondern von den Fans selbst. Statt Zustimmung mehrten sich gerade in den Fan-Foren die Vorwürfe zur Handlungsentwicklung, zur Besetzung, zu einzelnen Szenen. Immer abstrusere Interpretationen lösten schließlich Schlagzeilen aus wie: „The-Pitt-Fans beweisen es: Ja, man kann eine Serie auch falsch schauen“.

Das „Falschschauen“ beginnt ganz harmlos

Das „Falschschauen“ beginnt noch harmlos damit, dass Fans Liebesbeziehungen zwischen Figuren herbeisehnen, die die Autoren so nicht auf dem Schirm haben. Es setzt sich fort im Drang, jede Szene auf versteckte Hinweise für künftige Plotentwicklungen zu durchsuchen. Mit seiner Abfolge von immer neuen Patienten, die den ED durchlaufen, von deren Fall man aber nicht immer das Ende erfährt, beschert The Pitt diesen Rätsellösern Frust.

Der größte Backlash aber ging ausgerechnet von denen aus, die eigentlich die treuesten Fans darstellen: von all den Zuschauern, die sich stark mit einzelnen Figuren identifizieren. Diese große Identifikation führt zu einer Art Fußballfan-Haltung, bei der ein Team angefeuert wird, und sei es nur im Kampf um „Leinwandzeit“.

Quasi-narzisstisch nehmen solche Fans die Serie nur noch in Bezug auf diese eine Lieblingsfigur hin wahr: Wenn Dr. Robby (Noah Wyle) Dr. Mohan (Supriya Ganesh) abkanzelt, wird die Szene nicht mehr verstanden als ein Moment, der etwas über die mentale Krise der Kunstfigur Dr. Robby aussagt, sondern angeklagt als reale Misogynie oder gar Rassismus.

Die gute alte Hochkultur und ihr affirmatives Gegenstück

Hinter der Debatte um das Falschschauen lässt sich bei alledem unschwer die alte Unterscheidung von Hoch- und Popkultur ausmachen. Einst definierte man die „ernst zu nehmende“ Kunst noch dadurch, dass sie ihr Publikum herausfordert, provoziert und manchmal sogar gezielt abstößt, um zum Nachdenken anzuregen. Als „low brow“ galt dagegen die Popkultur, die auf Bestätigung und Affirmation aus sei. In der Debatte ums Falschschauen sind die Kriterien auf die Rezeptionsseite angewendet. Wo die einen, die Kunstkenner, sich auseinandersetzen mit dem Stoff und seiner Form, wollen die anderen ihre Gefühle, Vorlieben und Fantasie bestätigt und fortgesetzt sehen.

Das Fernsehen zog diese Art der „schlechten Fans“ schon immer besonders an. Und die Produktionsweise gibt ihnen eine gewisse Deutungsmacht: Serien sind beim Start ein unfertiges Produkt, das erst noch fortgeschrieben werden muss und deshalb zur „Investition“ von Fantasien auffordert. Das Internet mit seinen Online-Foren hat Letzterem neue Dynamiken verpasst. Jetzt kann man mit anderen Fans gemeinsam rätseln und fürs Zusammenkommen diverser Figuren „shippen“.

Der Hype um Lost und Game of Thrones hat eine ganze Heimindustrie aus Blogs, Youtube-Videos und Podcasts hervorgebracht, in denen jedes Detail jeder Folge besprochen wird. Dabei gibt es nur wenige Serien – die letzte war vielleicht Succession –, die einem solchen manischen Close-Reading standhalten. Bei einer Serie wie The Pitt, die zwar gut geschrieben ist, aber bei alledem doch eine traditionelle Krankenhausserie bleibt, führt die Überanalyse zum unerwarteten Backlash.

In einer idealen Welt käme genau in dieser Situation die professionelle Kritik zur Geltung, mit ihrem Vorwissen und der Fähigkeit zum Einordnen und Erläutern. In der Wirklichkeit aber wird diese Art von Expertentum immer mehr abgelehnt – wie nicht zuletzt die Debatte um Denis Scheck und die Literaturkritik zeigt. Für Fans steht das unmittelbare Erleben ihrer Lieblingsfiguren, ihres Lieblingsstoffs, ihrer Lieblingsbücher im Vordergrund. Sie wollen es sich nicht durch Informiertheit verderben lassen. Und nicht wenige ziehen selbst die Empörung als Erlebnis einer sachlich-kritischen Auseinandersetzung vor.

tons Emergency Room aus den 1990ern wäre. Um der andauernden Copyright-Auseinandersetzung mit den Crichton-Erben kein unnötiges Futter zu geben, spricht man in The Pitt statt vom „ER“ (Emergency Room) denn auch stets vom „ED“, dem „Emergency Department“.The Pitt war eine der raren, eben nicht auf bereits etabliertem „Intellectual Property“ beruhenden Serien, die vom Start weg Erfolg hatte, mit zehn Millionen Zuschauern pro Folge und dem Emmy als bestes Drama zur Krönung. Die zweite Staffel, in Deutschland mit dem internationalen Roll-out von HBO Max gestartet, steigerte den Erfolg noch mit fast 15 Millionen Zuschauern pro Folge allein in den USA.Im Fadenkreuz der KulturkämpferDie wachsende Popularität hatte als Erstes die vorhersehbare Konsequenz, dass die Online-Kulturkämpfer auf die Serie aufmerksam wurden, um sie als „zu woke“ abzuwerten. Interessanterweise hängen sich solche Debatten so gut wie nie an eher „rechten“ Shows wie etwa Taylor Sheridans Yellowstone auf – weshalb man sie fast schon als Qualitätsausweis sehen kann.Dass in einer amerikanischen Krankenhausserie die Fehler des eigenen Gesundheitssystems benannt werden, ist noch das Eine. So ging es in einem Handlungsstrang von The Pitt um den Fall des unter Diabetes leidenden Bauarbeiters Orlando, der im Dilemma vieler US-Amerikaner stand: zu viel zu verdienen, um Anspruch auf Medicaid (die Krankenversicherung für Bedürftige) zu haben, aber zu wenig, um sich die private Krankenversicherung leisten zu können.Natürlich, dafür sind Krankenhausserien nun mal als Form wie geschaffen, skizziert The Pitt mit seinen Patienten auch die Gesellschaft als Ganzes. Von arroganten Golfspielern, bei denen die Kombination von Alkohol und Kokain den Hang zur Gewalttätigkeit lostritt, über sorglose Frauen, die sich betrunken aus Versehen die Zunge abbeißen, bis hin zu den Obdachlosen, die von manchen Ärzten als alte Bekannte begrüßt werden. Für Letztere hat man in The Pitt tatsächlich ein besonderes Herz, liebevoll gezeichnet als Beispiele für fragile Lebensweisheit oder prekäre Unschuld.Was The Pitt schließlich den Vorwurf „zu woke“ einbrachte, war aber das naturgemäß wenig erfreulich dargestellte Auftauchen von ICE-Agenten im „ED“. Zwar hatte es mit Masken- und Impfgegnern in der ersten Staffel schon Triggerpunkte gegeben, doch das Reizthema ICE, obwohl in der betreffenden Folge noch recht moderat abgehandelt, unterstrich für viele die Haltung der Serie ganz unmissverständlich.Realismus oder Wunschdenken: Ein Ideal und seine StatistikSo reflexhaft und abgestanden sie in ihren Argumenten auch sein mag, bewegt sich diese Art der Auseinandersetzung immerhin noch entlang einer nicht uninteressanten Frage nach dem Verhältnis von Realismus und Wunschdenken. Dass zum Beispiel die leitende Pflegekraft Dana (Katherine LaNasa) mit ihrer speziellen Empathie für Obdachlose und Vergewaltigungsopfer eher ein Ideal repräsentiert als die Wirklichkeit, kann man als Einwurf gelten lassen.In der zweiten Staffel korrigierten sich die Autoren quasi selbst mit der Figur von Aushilfspflegerin Monica (Rusty Schwimmer), die durch vertrauliches Plaudern mit ICE-Agenten sowie gezieltes Augenrollen über „liberales Verhalten“ von anderen als eher MAGA-konnotiert gezeichnet wurde – und laut Statistik den Berufsstand wohl eher repräsentiert.Das bloße Einfordern von Realismus entpuppt sich aber auch schnell als zweischneidig: nichts wäre langweiliger, als die Wirklichkeit eins zu eins abgebildet zu sehen. Im „competence porn“ einer Serie wie The Pitt ist dagegen zu spüren, wie aufregend es sein kann, mitzugehen mit Profis, die ihre Sache gut machen – und wie sich die Augen dabei öffnen für vieles, was den eigenen Horizont überschreitet.Vergiftet wurde der Diskurs zur Serie bezeichnenderweise nicht von ihren Gegnern, sondern von den Fans selbst. Statt Zustimmung mehrten sich gerade in den Fan-Foren die Vorwürfe zur Handlungsentwicklung, zur Besetzung, zu einzelnen Szenen. Immer abstrusere Interpretationen lösten schließlich Schlagzeilen aus wie: „The-Pitt-Fans beweisen es: Ja, man kann eine Serie auch falsch schauen“.Das „Falschschauen“ beginnt ganz harmlosDas „Falschschauen“ beginnt noch harmlos damit, dass Fans Liebesbeziehungen zwischen Figuren herbeisehnen, die die Autoren so nicht auf dem Schirm haben. Es setzt sich fort im Drang, jede Szene auf versteckte Hinweise für künftige Plotentwicklungen zu durchsuchen. Mit seiner Abfolge von immer neuen Patienten, die den ED durchlaufen, von deren Fall man aber nicht immer das Ende erfährt, beschert The Pitt diesen Rätsellösern Frust.Der größte Backlash aber ging ausgerechnet von denen aus, die eigentlich die treuesten Fans darstellen: von all den Zuschauern, die sich stark mit einzelnen Figuren identifizieren. Diese große Identifikation führt zu einer Art Fußballfan-Haltung, bei der ein Team angefeuert wird, und sei es nur im Kampf um „Leinwandzeit“.Quasi-narzisstisch nehmen solche Fans die Serie nur noch in Bezug auf diese eine Lieblingsfigur hin wahr: Wenn Dr. Robby (Noah Wyle) Dr. Mohan (Supriya Ganesh) abkanzelt, wird die Szene nicht mehr verstanden als ein Moment, der etwas über die mentale Krise der Kunstfigur Dr. Robby aussagt, sondern angeklagt als reale Misogynie oder gar Rassismus.Die gute alte Hochkultur und ihr affirmatives GegenstückHinter der Debatte um das Falschschauen lässt sich bei alledem unschwer die alte Unterscheidung von Hoch- und Popkultur ausmachen. Einst definierte man die „ernst zu nehmende“ Kunst noch dadurch, dass sie ihr Publikum herausfordert, provoziert und manchmal sogar gezielt abstößt, um zum Nachdenken anzuregen. Als „low brow“ galt dagegen die Popkultur, die auf Bestätigung und Affirmation aus sei. In der Debatte ums Falschschauen sind die Kriterien auf die Rezeptionsseite angewendet. Wo die einen, die Kunstkenner, sich auseinandersetzen mit dem Stoff und seiner Form, wollen die anderen ihre Gefühle, Vorlieben und Fantasie bestätigt und fortgesetzt sehen.Das Fernsehen zog diese Art der „schlechten Fans“ schon immer besonders an. Und die Produktionsweise gibt ihnen eine gewisse Deutungsmacht: Serien sind beim Start ein unfertiges Produkt, das erst noch fortgeschrieben werden muss und deshalb zur „Investition“ von Fantasien auffordert. Das Internet mit seinen Online-Foren hat Letzterem neue Dynamiken verpasst. Jetzt kann man mit anderen Fans gemeinsam rätseln und fürs Zusammenkommen diverser Figuren „shippen“.Der Hype um Lost und Game of Thrones hat eine ganze Heimindustrie aus Blogs, Youtube-Videos und Podcasts hervorgebracht, in denen jedes Detail jeder Folge besprochen wird. Dabei gibt es nur wenige Serien – die letzte war vielleicht Succession –, die einem solchen manischen Close-Reading standhalten. Bei einer Serie wie The Pitt, die zwar gut geschrieben ist, aber bei alledem doch eine traditionelle Krankenhausserie bleibt, führt die Überanalyse zum unerwarteten Backlash.In einer idealen Welt käme genau in dieser Situation die professionelle Kritik zur Geltung, mit ihrem Vorwissen und der Fähigkeit zum Einordnen und Erläutern. In der Wirklichkeit aber wird diese Art von Expertentum immer mehr abgelehnt – wie nicht zuletzt die Debatte um Denis Scheck und die Literaturkritik zeigt. Für Fans steht das unmittelbare Erleben ihrer Lieblingsfiguren, ihres Lieblingsstoffs, ihrer Lieblingsbücher im Vordergrund. Sie wollen es sich nicht durch Informiertheit verderben lassen. Und nicht wenige ziehen selbst die Empörung als Erlebnis einer sachlich-kritischen Auseinandersetzung vor.



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