Vor 40 Jahren, am 26. April 1986, explodierte Block 4 im Atomkraftwerk von Tschernobyl. Jahrzehntelang war die Strahlung zu hoch für menschliches Leben. Dann kamen die Touristen. Und dann die Russen mit ihren Panzern


Touristen in der Turnhalle: Pripyat war eine sozialistische Musterstadt

Foto: Nick Reimer


In der Ukraine gibt es aktuell zwei Zeitrechnungen: eine Zeit „vor dem Krieg“, die zweite ist die seither. In der ersten Zeitrechnung gehörten Abwechslung, Überraschungen und die Sehnsucht nach einem Nervenkitzel zu den Freuden des Lebens. Seitdem sehnen sich die Menschen nach Normalität und täglicher Routine.

Zum Beispiel Tschernobyl: Vor dem Krieg pries der renommierte Reiseführer Lonely Planet einen Trip in die „Зона відчуження Чорнобильської“ als „unheimlichsten Tagesausflug der Welt“ – eine Tour in die Sperrzone rund um das havarierte Atomkraftwerk „W.I. Lenina“. Für zuletzt 100 Dollar startete der Tagestrip in Kyjiv, der ukrainischen Hauptstadt. Auf dem Weg zur „Zone“ gab es im Reisebus einen Dokumentarfilm über die Katastrophe, die vor 40 Jahren zum GAU führte, zum „Größten Anzunehmenden Unfall“.

Im Film erklärte Michael Gorbatschow, der letzte sowjetische Staats- und Regierungschef, warum Tschernobyl das Ende der UdSSR einleitete: „Wir mussten 30 Prozent unseres BIP für die Bewältigung der Reaktorkatastrophe ausgeben.“ Zum Vergleich: Für Verteidigung gab die Bundesrepublik im vergangenen Jahr 2,4 Prozent aus, für Bildung 8,4 Prozent des BIP.

Die Russen haben Teile der Zone vermint

„Es ist nicht gerade die Riviera“, sagt Nikolai Fomin, der in der Zeit vor dem Krieg als Fremdenführer in der verstrahlten Zone arbeitete. Er war von diesem Job begeistert: „Die Menschheit unternimmt hier einen Langzeitversuch: Was wird aus einem atomar verseuchten Gebiet, das einst bewohnt war? Wie kann man Folgen lindern, wie bekämpfen? An diesem Experiment teilzunehmen, hat mich gereizt.“

Tschernobyl liegt 130 Kilometer von Kiew entfernt. Nach zwei Stunden Busfahrt war der Kontrollpunkt „Dytyatky“ erreicht. Hier ist die Welt normalerweise zu Ende, der Schlagbaum gut bewacht. Im Tour-Preis waren vor dem Krieg aber auch die staatlichen Dokumente mit enthalten, die zum Betreten der Sperrzone berechtigten.

Eine halbe Stunde später folgte in der Stadt Tschernobyl ein Stopp am Denkmal der „Liquidatoren“: Zwischen 600 000 und 800 000 Menschen beseitigten radioaktiven Schutt, dekontaminierten die Zone, bauten den Sarkophag, jenen Schutzmantel, der die Strahlung in der Ruine von Block 4 zurückhalten sollte. Viele dieser „Liquidatoren“ wurden dadurch krank, etliche sind längst gestorben.

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Seit dem Überfall der Russen gibt es hier natürlich keine Touristen mehr. Um gegen Kyjiw, Irpin oder Butscha vorzustoßen, waren die Angreifer 2022 ausgerechnet durch das verstrahlte Gebiet vorgerückt. „Der Vormarsch von belarussischem Staatsgebiet aus sollte wohl ein besonderes Überraschungsmoment kreieren“, mutmaßt Andrij Tymtschuk. Zum Zeitpunkt unseres Treffens war er Vizeleiter der „Staatlichen Agentur zur Entwicklung und Verwaltung der Sperrzone“. Dabei haben die Russen mit ihren Panzern die Erde umgepflügt, und Stellungen ausgerechnet dort ausgehoben, wo die Radioaktivität am höchsten strahlt. Tymtschuk: „Durch den Angriff wurden erhebliche Mengen frei, wie unsere Messungen ergaben.“

Prypjat – ein Ort mit erhöhter Strahlung

Vor dem Krieg waren in der Zone wichtige Gebiete dekontaminiert worden. Die Blöcke 1 bis 3 des AKWs liefen nach dem GAU ja weiter, die wirtschaftlich angeschlagene Ukraine wollte es sich nicht erlauben, das Betriebskapital neben dem havarierten Block einfach aufzugeben. Zehntausende Menschen arbeiteten weiterhin in der Sperrzone, nicht nur im Kraftwerk, sondern auch bei der Feuerwehr, im Straßenbau, in der Poliklinik, in der Kantine.

„Bergführer leben gefährlicher“, erklärte Reiseleiter Nikolai Fomin. In der Stadt Tschernobyl betrug die Strahlung vor dem Krieg beispielsweise 17 Mikrosievert, ungefähr so viel wie bei den meisten Leuten zu Hause. Aber hat Nikolai Fomin nicht Angst, doch durch die Radioaktivität krank zu werden? Der Reiseführer holt sein Messgerät aus der Tasche, das 4,4 Millisievert für dieses Messjahr anzeigt. „Das ist ungefähr so viel, wie man bei 20 Interkontinentalflügen abbekommt. Sie sehen also: Piloten, Stewardessen oder Manager, die ununterbrochen um die Welt jetten, leben gefährlicher als ich.“

Prypjat ist solch ein Ort mit erhöhter Strahlung. Die Atomkraftwerkerstadt liegt nur zwei Kilometer vom havarierten Reaktor entfernt. Allerdings war sie zweifelsfrei ein Höhepunkt des „unheimlichsten Tagesausflugs der Welt“: 1986 lebten 50.000 Menschen hier, ihr Durchschnittsalter lag bei 26 Jahren. „Das war eine sozialistische Musterstadt“, erläutert Reiseführer Fomin. Schwimmbäder, Kindergärten, Restaurants, Parks, Theater, Polikliniken, Bibliotheken, ein Stadion: Den Atomkraftwerkern sollte es an nichts fehlen.

1986 wurde die Stadt erst 36 Stunden nach dem Unfall evakuiert, die Menschen waren hohen Strahlendosen ausgesetzt. „Man ließ sie in dem Glauben, nach wenigen Tagen in ihre Wohnungen zurückkehren zu können“, erzählt Fomin. Das Dekret lautete: „Nur das Allernötigste mitnehmen!“ Aber die Prypjater sollten in diesem Moment ihre komplette Vergangenheit für immer verlieren.

In den Hotelzimmern wuchsen Birken

Vor dem Krieg war das noch erahnbar in der Stadt. In der Schule lagen immer noch die Mathehefte, die Aufsätze, die Lenins Weitsicht priesen, die Zensurenbücher des Jahrganges 1986 auf dem Tisch. In der Turnhalle hing noch immer das Kletterseil von der Decke, stand die Schrankwand in der Wohnung, war der Geburtstag von Irina im Wandkalender eingetragen, obwohl im Hotelzimmer bereits Birken wuchsen und die Bäume auf dem Fußballplatz gut 30 Meter hochgewachsen waren.

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Ursprünglich sollten Kinderkarussell, Autoscooter und Riesenrad am 1. Mai 1986, dem „Tag der Werktätigen“, eröffnet werden. Das Riesenrad von Prypjat ist vermutlich das einzige auf der Welt, das nie ein Kind in die Luft getragen hat. Tatsächlich spürt man hier, was die Tour zur „unheimlichsten“ auf der Welt macht: Menschenglück, das von der atomaren Strahlung hinweggerissen wurde. Im „Kulturhaus der Energetiker“ liegt in den Trümmern das Mischpult der Diskothek „Edison 2“, im Theatersaal steht ein Plakat mit der Aufschrift „CCCP – 60 ΛET“, 60 Jahre UdSSR.

„Die Russen zerstörten so ziemlich alles in der Zone: Straßen, Gebäude, Spezialfahrzeuge, Server, Computer, Dosimeter“, sagt in der aktuellen Zeitrechnung Zonen-Manager Andrij Tymtschuk. Die Liste sei lang, Messgeräte seien zerstört worden, Daten gelöscht, Räume und Technik geplündert. „Unseren Erhebungen zufolge belaufen sich die Schäden auf mehr als 100 Millionen Euro.“ Zudem haben die Russen Teile der Zone vermint, auch Blindgänger liegen überall noch herum.

Der Arbeitsplatz der ukrainischen Fachleute liegt im russischen Einfluggebiet

In der Zeit vor dem Krieg forschten Teams aus aller Welt im „Ecocenter“, einem grauen Kasten in der Tschernobyler Schkilna-Straße. Heute geht es vergleichsweise ruhig zu. Forscher:innen wurden aus Sicherheitsgründen Reisen in die Zone verboten. Wissenschaftliche Partner sind weg, Projekte gestoppt, nur die ukrainischen Fachleute halten die Messreihen am Laufen. Was nicht ungefährlich ist: Ihr Arbeitsplatz liegt im Einfluggebiet russischer Luftangriffe, immer mal wieder werden über ihnen Kermika-Zieldrohnen abgeschossen.

Nicht einmal der „Arc“ blieb verschont, zu gut Deutsch „Bogen“: Seit 2019 umschließt dieses riesige Bauwerk den Unfallreaktor, der alte Sarkophag war morsch geworden und drohte einzustürzen. Eine ingenieurtechnische Meisterleistung: Das gewölbte Dach hat eine Spannweite von 257 Metern, ist in der Mitte 108 Meter hoch und 162 Meter lang. Weil die Strahlung direkt am Kraftwerk immer noch zu hoch war, wurde der „Arc“ einige hundert Meter entfernt auf Rädern gebaut: das größte mobile Bauwerk der Welt.

2019 wurde es über die Unfallstelle geschoben. Ein Angriff riss im Februar 2025 mehrere Löcher in die Haut. Mit der Sanierung soll in diesem Jahr begonnen werden – falls das in der zweiten Zeitrechnung der Ukraine irgendwie möglich wird. Allerdings wird dafür Andrij Tymtschuk nicht mehr zuständig sein: Nach Korruptionsvorwürfen trat der Vizechef 2025 zurück.

Pferde dienen dazu, Minen und Blindgänger aufspüren

Sorge gibt es auch um die Przewalski-Pferde, die vor dem Krieg in der Zone angesiedelt wurden. Auch die Bauern mussten das Gebiet verlassen, auf ihren Feldern wucherte hohes Gras, das im Herbst immer wieder große Feuer auslöste, was im Boden gebundene Radioaktivität freisetzte. Besser wurde das erst Ende der 1990er Jahre. Zwei Dutzend dieser Urpferderasse wurden rund um das zerstörte Atomkraftwerk angesiedelt, deren Fresslust das Gras flach hielt.

Offenbar eine Win-win-Situation: Die Herde wuchs auf über 150 Exemplare an. Nicht einmal die Radioaktivität konnte ihnen etwas anhaben, wie Untersuchungen zeigten. Und doch sind die Urpferde, die in den 1960ern als ausgestorben galten, jetzt in ihrer Existenz bedroht: Es werden die Pferde sein, die viele Minen und Blindgänger aufspüren – und das mit ihrem Leben bezahlen.

ten Tagesausflug der Welt“ – eine Tour in die Sperrzone rund um das havarierte Atomkraftwerk „W.I. Lenina“. Für zuletzt 100 Dollar startete der Tagestrip in Kyjiv, der ukrainischen Hauptstadt. Auf dem Weg zur „Zone“ gab es im Reisebus einen Dokumentarfilm über die Katastrophe, die vor 40 Jahren zum GAU führte, zum „Größten Anzunehmenden Unfall“.Im Film erklärte Michael Gorbatschow, der letzte sowjetische Staats- und Regierungschef, warum Tschernobyl das Ende der UdSSR einleitete: „Wir mussten 30 Prozent unseres BIP für die Bewältigung der Reaktorkatastrophe ausgeben.“ Zum Vergleich: Für Verteidigung gab die Bundesrepublik im vergangenen Jahr 2,4 Prozent aus, für Bildung 8,4 Prozent des BIP.Die Russen haben Teile der Zone vermint„Es ist nicht gerade die Riviera“, sagt Nikolai Fomin, der in der Zeit vor dem Krieg als Fremdenführer in der verstrahlten Zone arbeitete. Er war von diesem Job begeistert: „Die Menschheit unternimmt hier einen Langzeitversuch: Was wird aus einem atomar verseuchten Gebiet, das einst bewohnt war? Wie kann man Folgen lindern, wie bekämpfen? An diesem Experiment teilzunehmen, hat mich gereizt.“ Tschernobyl liegt 130 Kilometer von Kiew entfernt. Nach zwei Stunden Busfahrt war der Kontrollpunkt „Dytyatky“ erreicht. Hier ist die Welt normalerweise zu Ende, der Schlagbaum gut bewacht. Im Tour-Preis waren vor dem Krieg aber auch die staatlichen Dokumente mit enthalten, die zum Betreten der Sperrzone berechtigten.Eine halbe Stunde später folgte in der Stadt Tschernobyl ein Stopp am Denkmal der „Liquidatoren“: Zwischen 600 000 und 800 000 Menschen beseitigten radioaktiven Schutt, dekontaminierten die Zone, bauten den Sarkophag, jenen Schutzmantel, der die Strahlung in der Ruine von Block 4 zurückhalten sollte. Viele dieser „Liquidatoren“ wurden dadurch krank, etliche sind längst gestorben. Placeholder image-3Seit dem Überfall der Russen gibt es hier natürlich keine Touristen mehr. Um gegen Kyjiw, Irpin oder Butscha vorzustoßen, waren die Angreifer 2022 ausgerechnet durch das verstrahlte Gebiet vorgerückt. „Der Vormarsch von belarussischem Staatsgebiet aus sollte wohl ein besonderes Überraschungsmoment kreieren“, mutmaßt Andrij Tymtschuk. Zum Zeitpunkt unseres Treffens war er Vizeleiter der „Staatlichen Agentur zur Entwicklung und Verwaltung der Sperrzone“. Dabei haben die Russen mit ihren Panzern die Erde umgepflügt, und Stellungen ausgerechnet dort ausgehoben, wo die Radioaktivität am höchsten strahlt. Tymtschuk: „Durch den Angriff wurden erhebliche Mengen frei, wie unsere Messungen ergaben.“Prypjat – ein Ort mit erhöhter StrahlungVor dem Krieg waren in der Zone wichtige Gebiete dekontaminiert worden. Die Blöcke 1 bis 3 des AKWs liefen nach dem GAU ja weiter, die wirtschaftlich angeschlagene Ukraine wollte es sich nicht erlauben, das Betriebskapital neben dem havarierten Block einfach aufzugeben. Zehntausende Menschen arbeiteten weiterhin in der Sperrzone, nicht nur im Kraftwerk, sondern auch bei der Feuerwehr, im Straßenbau, in der Poliklinik, in der Kantine.„Bergführer leben gefährlicher“, erklärte Reiseleiter Nikolai Fomin. In der Stadt Tschernobyl betrug die Strahlung vor dem Krieg beispielsweise 17 Mikrosievert, ungefähr so viel wie bei den meisten Leuten zu Hause. Aber hat Nikolai Fomin nicht Angst, doch durch die Radioaktivität krank zu werden? Der Reiseführer holt sein Messgerät aus der Tasche, das 4,4 Millisievert für dieses Messjahr anzeigt. „Das ist ungefähr so viel, wie man bei 20 Interkontinentalflügen abbekommt. Sie sehen also: Piloten, Stewardessen oder Manager, die ununterbrochen um die Welt jetten, leben gefährlicher als ich.“Prypjat ist solch ein Ort mit erhöhter Strahlung. Die Atomkraftwerkerstadt liegt nur zwei Kilometer vom havarierten Reaktor entfernt. Allerdings war sie zweifelsfrei ein Höhepunkt des „unheimlichsten Tagesausflugs der Welt“: 1986 lebten 50.000 Menschen hier, ihr Durchschnittsalter lag bei 26 Jahren. „Das war eine sozialistische Musterstadt“, erläutert Reiseführer Fomin. Schwimmbäder, Kindergärten, Restaurants, Parks, Theater, Polikliniken, Bibliotheken, ein Stadion: Den Atomkraftwerkern sollte es an nichts fehlen.1986 wurde die Stadt erst 36 Stunden nach dem Unfall evakuiert, die Menschen waren hohen Strahlendosen ausgesetzt. „Man ließ sie in dem Glauben, nach wenigen Tagen in ihre Wohnungen zurückkehren zu können“, erzählt Fomin. Das Dekret lautete: „Nur das Allernötigste mitnehmen!“ Aber die Prypjater sollten in diesem Moment ihre komplette Vergangenheit für immer verlieren.In den Hotelzimmern wuchsen BirkenVor dem Krieg war das noch erahnbar in der Stadt. In der Schule lagen immer noch die Mathehefte, die Aufsätze, die Lenins Weitsicht priesen, die Zensurenbücher des Jahrganges 1986 auf dem Tisch. In der Turnhalle hing noch immer das Kletterseil von der Decke, stand die Schrankwand in der Wohnung, war der Geburtstag von Irina im Wandkalender eingetragen, obwohl im Hotelzimmer bereits Birken wuchsen und die Bäume auf dem Fußballplatz gut 30 Meter hochgewachsen waren.Placeholder image-1Ursprünglich sollten Kinderkarussell, Autoscooter und Riesenrad am 1. Mai 1986, dem „Tag der Werktätigen“, eröffnet werden. Das Riesenrad von Prypjat ist vermutlich das einzige auf der Welt, das nie ein Kind in die Luft getragen hat. Tatsächlich spürt man hier, was die Tour zur „unheimlichsten“ auf der Welt macht: Menschenglück, das von der atomaren Strahlung hinweggerissen wurde. Im „Kulturhaus der Energetiker“ liegt in den Trümmern das Mischpult der Diskothek „Edison 2“, im Theatersaal steht ein Plakat mit der Aufschrift „CCCP – 60 ΛET“, 60 Jahre UdSSR.„Die Russen zerstörten so ziemlich alles in der Zone: Straßen, Gebäude, Spezialfahrzeuge, Server, Computer, Dosimeter“, sagt in der aktuellen Zeitrechnung Zonen-Manager Andrij Tymtschuk. Die Liste sei lang, Messgeräte seien zerstört worden, Daten gelöscht, Räume und Technik geplündert. „Unseren Erhebungen zufolge belaufen sich die Schäden auf mehr als 100 Millionen Euro.“ Zudem haben die Russen Teile der Zone vermint, auch Blindgänger liegen überall noch herum.Der Arbeitsplatz der ukrainischen Fachleute liegt im russischen EinfluggebietIn der Zeit vor dem Krieg forschten Teams aus aller Welt im „Ecocenter“, einem grauen Kasten in der Tschernobyler Schkilna-Straße. Heute geht es vergleichsweise ruhig zu. Forscher:innen wurden aus Sicherheitsgründen Reisen in die Zone verboten. Wissenschaftliche Partner sind weg, Projekte gestoppt, nur die ukrainischen Fachleute halten die Messreihen am Laufen. Was nicht ungefährlich ist: Ihr Arbeitsplatz liegt im Einfluggebiet russischer Luftangriffe, immer mal wieder werden über ihnen Kermika-Zieldrohnen abgeschossen.Nicht einmal der „Arc“ blieb verschont, zu gut Deutsch „Bogen“: Seit 2019 umschließt dieses riesige Bauwerk den Unfallreaktor, der alte Sarkophag war morsch geworden und drohte einzustürzen. Eine ingenieurtechnische Meisterleistung: Das gewölbte Dach hat eine Spannweite von 257 Metern, ist in der Mitte 108 Meter hoch und 162 Meter lang. Weil die Strahlung direkt am Kraftwerk immer noch zu hoch war, wurde der „Arc“ einige hundert Meter entfernt auf Rädern gebaut: das größte mobile Bauwerk der Welt.2019 wurde es über die Unfallstelle geschoben. Ein Angriff riss im Februar 2025 mehrere Löcher in die Haut. Mit der Sanierung soll in diesem Jahr begonnen werden – falls das in der zweiten Zeitrechnung der Ukraine irgendwie möglich wird. Allerdings wird dafür Andrij Tymtschuk nicht mehr zuständig sein: Nach Korruptionsvorwürfen trat der Vizechef 2025 zurück.Pferde dienen dazu, Minen und Blindgänger aufspürenSorge gibt es auch um die Przewalski-Pferde, die vor dem Krieg in der Zone angesiedelt wurden. Auch die Bauern mussten das Gebiet verlassen, auf ihren Feldern wucherte hohes Gras, das im Herbst immer wieder große Feuer auslöste, was im Boden gebundene Radioaktivität freisetzte. Besser wurde das erst Ende der 1990er Jahre. Zwei Dutzend dieser Urpferderasse wurden rund um das zerstörte Atomkraftwerk angesiedelt, deren Fresslust das Gras flach hielt.Offenbar eine Win-win-Situation: Die Herde wuchs auf über 150 Exemplare an. Nicht einmal die Radioaktivität konnte ihnen etwas anhaben, wie Untersuchungen zeigten. Und doch sind die Urpferde, die in den 1960ern als ausgestorben galten, jetzt in ihrer Existenz bedroht: Es werden die Pferde sein, die viele Minen und Blindgänger aufspüren – und das mit ihrem Leben bezahlen.



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