Immer wieder, wenn man glaubt, nichts könne einen mehr überraschen, wird man im „besten Deutschland aller Zeiten“ eines Besseren belehrt. So aktuell von Medienstaatsminister Wolfram Weimer, den ich kurz beim „Focus“ als neuen Chefredakteur kennenlernte. Ein Mann der großen Worte, denen oft homöopathische Taten gegenüberstehen.
Bei den Medientagen Mitteldeutschland warnte Wolfram Weimer jetzt vor einem „Mediazid“. Genau den sehe ich auch – wobei ich eher Richtung „Mediasuizid“ tendieren würde. Und genau da geht meine Ansicht und die von Weimer diametral auseinander.
Der geschäftstüchtige Verleger sieht nämlich die äußeren Umstände als Verursacher für den Niedergang der Branche. Die Details erspare ich Ihnen, Sie können sie sich nicht nur vorstellen, Sie haben sie sicher schon hundertmal gehört – wenn Sie sie sich dennoch noch einmal antun wollen, können Sie das hier.
Schuld sind, wie immer, natürlich auch die großen Plattformen.
„Das Problem ist nur, sie sind so erfolgreich, dass sie unser gesamtes Freiheitssystem zerstören“, sagte Weimer.
Eine Lösung sieht er in einer „Digitalabgabe“.
Ich bin kein Freund der großen Plattformen, und ich sehe, wie fatal sie in vielerlei Hinsicht sind.
Völlig losgelöst
Aber das ändert nichts daran, dass Weimer den Elefanten im Raum geflissentlich übersieht: Dass sich die großen Medien selbst abschaffen, indem sie sich konsequent von der Lebenswelt ihrer Leser und Zuschauer abgekapselt haben in eine rot-grüne Blase.
Das beste Beispiel sind die früher bürgerlichen Medien wie der „Focus“, die „Frankfurter Allgemeine“ und die „Welt“: Bis auf ein paar Feigenblätter sind sie im Mark inzwischen vor allem damit beschäftigt, sich bei Rot-Grün einzuschmeicheln.
Weil man auf die gleichen Empfänge geht, auf die gleichen Partys, auf die gleichen Pressekonferenzen. Legendär ist der Fall einer Verlegergattin, die sich von ihren rot-grünen Party-Freundinnen Kritik am emigrationskritischen Titelblatt ihres Hausblattes anhören musste – und ihren Mann dazu brachte, den Chefredakteur zu entlassen. Den Nachfolgern war es eine Warnung.
So entsteht eine Parallelwelt. Ein Paradebeispiel für die selbstverschuldete Abkopplung liefert Alexandra Holland, Verlagserbin und Herausgeberin der „Augsburger Allgemeinen“ – eine Zeitung, die mir als jungem Journalisten noch zu konservativ war und die heute schon den zweiten Chefredakteur aus dem rot-grünen Spiegel/Stern-Biotop hat. Nicht mehr für Leser geschrieben, sondern für die Partyfähigkeit ihrer Eigentümerin. Lautstark im Hetzen gegen freie Journalisten. Und ganz leise bei eigenen Fehlern. Und genau diese Frau setzt sich hin und schreibt Artikel mit Titeln wie „Sagen, was ist – diesem Leitspruch sind und bleiben wir verpflichtet“ – kurz nachdem ihr Blatt eisern den Migrationshintergrund von Mobbing gegen einen Schüler verschwieg, als schon ganz Deutschland darüber sprach. Oder zumindest der Teil, der den „Mediasuizid-Medien“ abgeschworen hat.
Bloss keine bösen Blicke!
Holland schreibt feierlich von „publizistischer Vielfalt“ als „bestem Mittel gegen Propaganda und Fake News“ – und meint damit offenbar: Vielfalt zwischen Rot und Grün. Sie warnt vor dem Rückzug des Lokaljournalismus und dessen Folgen für die Demokratie. Was sie dabei geflissentlich übersieht: Lokaljournalismus, der die unbequemen Fragen nicht stellt, der beim Stadtrat nickt statt nachbohrt, der Migrationsthemen ausspart, weil sie auf der nächsten Abendgesellschaft für schlechte Stimmung sorgen – der ist nicht nur wertlos. Der ist aktiv schädlich. Er narkotisiert das Publikum mit dem Gefühl, informiert zu sein, während er es im Dunkeln lässt.
Dass ihr eigenes Blatt statt kritischem Lokaljournalismus Bauchpinselei der rot-grünen Amtsträger vor Ort betreibt, scheint Holland schlicht nicht mehr zu bemerken. Dass ihre Dauerhetze gegen die AfD exakt jene Spaltung befeuert, die sie so lautstark beklagt – außerhalb ihrer Wahrnehmungsschwelle. Der Leser, der sich veralbert fühlt, wählt eben nicht aus Dummheit oder weil Moskau ihm das ins Ohr geflüstert hat. Er wählt, weil er in seiner Zeitung schon lange nicht mehr vorkommt.
Alexandra Holland schließt ihren Jubiläumstext mit dem Vermächtnis ihres Vaters: „Wir sind keine Weltverbesserer! Wir wollen nicht missionieren!“ Ein schöner Satz. Man möchte ihn rahmen – und der Redaktion ans Schwarze Brett hängen.
Haltung statt Handwerk
Denn was die Augsburger Allgemeine heute betreibt, ist genau das: Missionierung. Mit dem Kreuz der Haltung statt dem Handwerk der Wahrheit. Der Unterschied zu früher ist nur, dass man sich dabei moralisch überlegen fühlt.
Das ist das eigentliche Trauerspiel hinter Weimers „Mediazid“-Klage und hinter Hollands Jubiläumslyrik: Nicht die Plattformen haben den Qualitätsjournalismus gekillt. Nicht das Internet. Nicht die KI. Es waren die Redaktionen selbst – in dem Moment, in dem sie aufhörten, ihren Lesern zu dienen, und anfingen, sich bei ihresgleichen beliebt zu machen.
Holland schließt ihren Jubiläumstext mit dem amerikanischen Offizier Barney McMahon, der ihrer Zeitung 1945 die Lizenz erteilte, damit endlich wieder „die Wahrheit und nicht verlogene Propaganda“ gedruckt werden könne. Ein großes Erbe. Und eine Messlatte, die die Augsburger Allgemeine heute, beim Augsburger Mobbing-Fall, beim täglichen Hofknicks vor dem rot-grünen Establishment, locker unterläuft.
Etikettenschwindel
Propaganda ist laut Duden „die systematische Verbreitung politischer, weltanschaulicher oder ähnlicher Ideen und Meinungen mit dem Ziel, das allgemeine Bewusstsein in bestimmter Weise zu beeinflussen“. McMahon wollte genau das verhindern. Holland und ihre Gesinnungsgenossen in den anderen Medien betreiben genau das – und nennen es Qualitätsjournalismus.
Das besonders Tragische dabei: Während in den Redaktionen selbst überwiegend Glaubenskrieger sitzen, sind es in den Eigentümersesseln viele Bürgerliche, die einfach zu feige sind, zu ihrer eigenen Weltanschauung zu stehen. Die lieber einen weiteren Spiegel-Zögling als Chefredakteur einstellen, als sich auf der nächsten Abendgesellschaft unangenehme Fragen anzuhören. Die es vorziehen, die Hand zu beißen, die sie füttert – ihre Leser –, statt jene, die ihnen den Rücken klopft.
McMahon gab 1945 die Lizenz an Männer, die Courage hatten. Was er heute in vielen deutschen Verlagshäusern vorfände, wäre das Gegenteil: Haltungs-Attrappen in repräsentativen Gebäuden, die von Leitsprüchen ihres Vaters reden und sie täglich brechen.
Sagen, was ist – das wäre das Mindeste.
PS: Medien wie die „Augsburger Allgemeine“ werden auch vom Staat quersubventioniert. Ich nicht. Wenn Sie etwas gegen diese Ungerechtigkeit tun wollen – hier steht, wie es geht. Vielen Dank!
Bilder: Symbolbild/Ki-generiert/Gemini