Den Myers-Briggs-Test und andere moderne Persönlichkeitstests kennen die meisten, doch es gibt ein viel älteres Klassifikationsmodell, das oft vernachlässigt wird: die vier klassischen Temperamente.
Dieses Modell geht auf den antiken griechischen Arzt und Gelehrten Hippokrates zurück. Das ist über 2.000 Jahre her. Im Mittelalter wurde das System weiterentwickelt und dient auch heute noch als hervorragender Schlüssel, um sich selbst und andere Menschen besser zu verstehen. Die Kenntnis der Temperamente kann uns dabei helfen, unsere Schwächen zu erkennen, ihnen entgegenzuwirken und gleichzeitig unsere Stärken zu nutzen. So sind wir auch in der Lage, unsere Mitmenschen in der Familie, im Freundeskreis und am Arbeitsplatz besser zu verstehen – und mit ihnen besser auszukommen.
Die vier Säfte des Menschen
In seinem 1964 veröffentlichten Buch „The Discarded Image“ beschreibt der irische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler C. S. Lewis die Theorie hinter den vier Temperamenten. Demzufolge sah die antike und mittelalterliche Vorstellung vom menschlichen Körper diesen als eine Kombination aus vier Flüssigkeiten oder Säften (Humores) an. Diese spiegelten zugleich die vier Elemente wider:
Heiß und feucht ergeben Blut, heiß und trocken ergeben gelbe Galle, kalt und feucht ergeben Schleim und kalt und trocken ergeben schwarze Galle. Lewis erklärte: „Das Mischungsverhältnis der Körpersäfte ist von Mensch zu Mensch verschieden und bildet seine complexio oder sein temperamentum, seine individuelle Zusammensetzung.“
Es ist diese variable Mischung, die nach mittelalterlicher Theorie die Persönlichkeit eines Menschen hervorbringt. Im Allgemeinen überwiegt einer der Säfte und verleiht der Person ihr allgemeines Temperament: sanguinisch, cholerisch, phlegmatisch oder melancholisch.
Obwohl die physiologische Seite der Vier-Säfte-Lehre offensichtlich fehlerhaft ist, bleibt die Klassifizierung der Temperamente, die sich aus dieser Theorie ableitet, erstaunlich genau. Wer die vier Temperamente versteht, wird in jedem Typ sofort die Merkmale realer Menschen wiedererkennen, die er kennt. Er mag auch Erkenntnisse über seine eigene Natur entdecken und erhält Erklärungen für Eigenschaften, die ihn früher rätseln ließen.
Vor diesem Hintergrund wollen wir nun jedes Temperament im Detail betrachten. Die folgenden Informationen stammen überwiegend aus dem Buch „The Temperament God Gave Your Spouse“ von Art und Laraine Bennett. Zusammen mit dem oben zitierten Buch von Lewis finden sie sich aber auch in vielen anderen Quellen.
Der Sanguiniker – der gesellige „Vollblütler“
Der Sanguiniker ist lebhaft, gesprächig und voller Energie. Er ist die sprichwörtliche „Stimmungskanone“ und er schätzt Beziehungen sowie menschliche Interaktion. Sanguiniker sind zwar emotional, aber ihre Emotionen sind im Allgemeinen kurzlebig. In einem Moment sind sie wütend, im nächsten lachen sie. Sie sind nicht nachtragend und bewahren sich eine optimistische Sicht auf die Welt. Lewis beschreibt den Sanguiniker als „fröhlich und hoffnungsvoll“, auch wenn er oder sie ein wenig „pfeffrig“ (aufbrausend) ist.
Wie alle Temperamente haben Sanguiniker Stärken und Schwächen. Weil sie impulsiv und leicht ablenkbar sind, führen sie Projekte oder Verpflichtungen nicht immer zu Ende. Sie können eitel werden oder sich übermäßig um die Meinung anderer kümmern. Da ihnen die stetige Beständigkeit einiger anderer Temperamente fehlt, können sie flatterhaft oder gereizt sein.
Berühmte sanguinische Charaktere aus der Literatur sind beispielsweise Mr. Bingley aus „Stolz und Vorurteil“, Mr. Micawber aus „David Copperfield“ und Tigger aus „Winnie Puuh“.

Sanguinische Menschen reagieren oft schnell auf Emotionen und verfügen daher über ausgeprägte zwischenmenschliche Fähigkeiten.
Der Choleriker – ein manchmal hitzköpfiger Befehlshaber
Choleriker lieben es, das Sagen zu haben, und sie sind großartig darin, zu planen, zu organisieren und Dinge zu erledigen. Oft blühen sie unter Druck erst richtig auf, und ihr entschlossener Wille treibt sie dazu an, in allem zu glänzen, was sie sich vornehmen. Sie weichen niemals vor einem Kampf zurück – im Gegenteil, sie genießen sogar einen kleinen Konflikt. Sie wissen, was sie wollen, und setzen ihre Ziele oft durch. Mit Selbstvertrauen und Motivation bahnen Choleriker sich ihren eigenen Weg in der Welt. Oft sind sie starke Führungspersönlichkeiten oder Visionäre.
Gleichzeitig kann ihre Durchsetzungskraft andere mitunter überrollen. Choleriker neigen zu heftigem Zorn, übertriebener Rechthaberei und Härte. Mit ihrem ausgeprägten Selbstbewusstsein können sie Stolz und Egoismus verfallen. Lewis beschreibt sie wie folgt: „Cholerische Kinder werden heute [von ihren Müttern] als ‚hochgradig nervös‘ beschrieben.“
Berühmte Choleriker aus der Literatur sind Gandalf aus „Der Herr der Ringe“, Elizabeth Bennet aus „Stolz und Vorurteil“ und Rabbit aus „Winnie Puuh“.

Cholerische Züge gehen oft mit hoher Gewissenhaftigkeit und Aufgabenorientierung einher.
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Der Phlegmatiker – ein freundlicher Bewahrer
Während Choleriker Konflikte suchen, meiden Phlegmatiker sie. Ihre Reaktionen auf innere oder äußere Reize sind deutlich langsamer und weniger dramatisch als die von Sanguinikern oder Cholerikern. Sie sind gelassen, freundlich und ausgeglichen. Weder das Gebrüll eines Cholerikers noch die Unbeständigkeit eines Sanguinikers bringen sie sonderlich aus der Ruhe – oder zumindest lassen sie sich nichts anmerken, wenn sie doch genervt sind.
Der Phlegmatiker wird mitunter als stabilisierender „Puffer“ für die Auswüchse der anderen drei Temperamente beschrieben. Phlegmatiker sind friedliebend und stiften Frieden. Sie können auch nachdenklich, methodisch und loyal sein, was sie zu guten Managern und Planern macht. Als wortkarge Menschen überlassen sie anderen gern die Bühne.
Eine ihrer größten Schwächen ist jedoch ihre Neigung zur Faulheit. Phlegmatiker schieben Dinge auf, erfinden Ausreden und sind nicht erreichbar, wenn man sie braucht. Es kann schwierig sein, Phlegmatiker für irgendetwas wirklich zu begeistern. Manchmal ist ihr Wunsch, Konflikten aus dem Weg zu gehen, in Wirklichkeit Feigheit.
Berühmte Phlegmatiker aus der Literatur sind Samweis Gamdschie aus „Der Herr der Ringe“, Mr. Bennet aus „Stolz und Vorurteil“ und Puuh aus „Winnie Puuh“.

Phlegmatische Menschen werden oft als aufmerksame Zuhörer, zuverlässig und bodenständig beschrieben.
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Der Melancholiker – launisch oder tiefgründig?
Der melancholische Mensch, in gewisser Weise der komplexeste und vielschichtigste Temperamenttyp, ist zutiefst in sich gekehrt und sensibel. Er liebt in der Regel Bücher, Musik, Kunst, die Natur und alles, was wehmütig und einsam ist. Melancholiker sind verträumt, hochintelligent und oft belesen. Sie genießen Schönheit, große Ideen und hohe Ideale und sind oft von Dingen tief berührt, die anderen kaum auffallen. Obwohl sie eher zurückgezogen sind, sind Melancholiker auch äußerst loyal und gehen tiefe Bindungen und Beziehungen ein, die sie nicht so leicht aufgeben.
Aber Melancholiker sind auch anfällig für Depressionen, Grübeln und Groll. Sie sind nachtragend, manchmal über Jahre hinweg. Manche Melancholiker können sehr empfindlich sein, verletzt durch kleinste Belanglosigkeiten. Sie verfallen oft ohne ersichtlichen Grund in Traurigkeit oder Pessimismus. Ihre Liebe zu Ordnung und Idealen kann sie zu Perfektionisten mit unerreichbaren Maßstäben machen.
Zu den bekanntesten melancholischen Figuren der Literatur zählen Hamlet aus „Hamlet“, Raskolnikov aus „Schuld und Sühne“ und I-Aah aus „Winnie Puuh“.

Das melancholische Temperament wurde historisch mit Introspektion, ästhetischer Sensibilität und einer Neigung zu tiefgründigem, analytischem Denken in Verbindung gebracht.
Die Mischung macht’s …
Die meisten Menschen besitzen Eigenschaften von mehr als einem der vier Temperamente. In der Regel ist eine Person jedoch eine Kombination aus zwei Temperamenten, einem primären und einem sekundären – etwa ein melancholischer Phlegmatiker oder ein sanguinischer Choleriker.
Das Streben nach Tugend beinhaltet das Ausbalancieren der eigenen charakterlichen Neigungen. Der Phlegmatiker sollte etwas vom Mut und der Entschlossenheit des Cholerikers anstreben, während der Choleriker etwas von der Kooperationsbereitschaft und Friedfertigkeit des Phlegmatikers erwerben sollte. Der Sanguiniker könnte etwas von der Tiefe und Reflexion des Melancholikers gebrauchen, während der Melancholiker die Fröhlichkeit und den Optimismus des Sanguinikers benötigt.
Es ist wichtig zu verstehen, dass wir das, was uns selbst fehlt, in anderen finden können. Melancholiker profitieren von der Gesellschaft mit Sanguinikern und umgekehrt. So bedingen sich die Temperamente gegenseitig. In einem Haushalt oder am Arbeitsplatz kann eine wunderbare Harmonie und Komplementarität entstehen, insbesondere wenn jeder seine eigenen temperamentvollen Neigungen versteht. Wir alle haben das Potenzial, einander zu ergänzen.