Als die Münchner Schriftstellerin Amelie Fried vor ein paar Tagen sinngemäß postete, der Welt wäre geholfen, wenn Menschen zu so viel Empathie füreinander fähig wären wie für diesen Wal, erschien mir das falsch. Es klang kalt – und für eine Schriftstellerin erstaunlich unliterarisch. Wozu noch Literatur, wenn ein im echten Leben gestrandeter Wal nicht einmal mehr ein Märchen schreiben darf, das vielleicht gut ausgeht?

Ihre Bemerkung erinnerte an jene Debatten während der COVID-19-Pandemie, in denen das Leben fast ausschließlich rational verwaltet wurde. Zahlen, Kurven, Maßnahmen. Was, wenn man „nur“ Krebs im Endstadium hatte? Was mit den Angehörigen, denen selbst das gemeinsame Trauern verwehrt blieb?

Es war diese Kälte, die ich nun wieder verspürte. Ich fragte mich: Würde Amelie Fried – oder jemand, der so denkt wie sie – einem Kind, das im letzten Sommer am Strand der Insel Poel in einem Bilderbuch über das Meer geblättert hat, erklären, dass der sanfte Koloss mit der Fontäne dort draußen einfach sterben müsse? Und dass daran nebenbei auch noch der Klimawandel schuld sei?

Rettungsversuche zu teuer

Muss einem jede Hoffnung sofort genommen werden? Fried bekam viel Zustimmung: Man solle doch dieselbe Empathie für das panierte Tier auf dem Teller aufbringen wie für den Wal. Das ist nicht falsch – und zugleich borniert. Vieles wirkte kleinmütig, verbissen, vom hohen moralischen Ross, so wie Konservative es dem linksgrünen Milieu gerne vorwerfen.

Schnell wurde darüber diskutiert, ob Rettungsversuche nicht zu teuer seien, ob Summen in fünfstelliger Höhe gerechtfertigt seien. Politisch beruhigend kam vorauseilend hinzu: Der Staat sei zu einer Rettung ohnehin nicht verpflichtet. Der gestrandete Buckelwal „Timmy“ wurde zum Reizthema, während er selbst bewegungslos dalag – ein dystopisches Standbild über Tage hinweg.

Fast gleichzeitig tobte ein Streit um Literaturkritik – genauer: um Denis Scheck. Einen der wenigen, die sich noch trauen, deutlich zu urteilen, Bücher nicht nur einzuordnen, sondern auch scharfzüngig und mit Humor zu verreißen. Die Absetzung seiner Sendung wurde diskutiert. Was für ein Furor!

Und wie so oft ging es plötzlich erbittert um Symbole. Darf man ein Buch demonstrativ in die Tonne werfen? Die Tonne, die manche an Bücherverbrennungen erinnerte, sei in Wahrheit nur eine harmlose Remittenden-Kiste, schrieb einer in den sozialen Medien. Ein Detail, das in der Erregung unterging.

Aber vielleicht liegt genau hier die Verbindung zum Wal. Denn in beiden Fällen verschiebt sich der Blick weg von der Sache, hin zur vermeintlich moralisch korrekten Einordnung, zur unerbittlichen Konsequenz. Denis Scheck muss weg und der Wal muss leider sterben.

Diese Kälte verweist auf ein tieferes Problem. Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt, wie Menschen anfällig für radikale Positionen werden, wenn sie keine Selbstwirksamkeit mehr spüren. Wenn alles geregelt ist, wenn es keinen Raum mehr für eigenes Handeln gibt. Der Mensch wird zum Vollzugsbeamten seines eigenen Lebens – und des Lebens anderer. Die Arzthelferin hat keinen Spielraum. Der Lehrer benotet bürokratisch, Kulanz darf er nicht.

Bewegung in die Sache bringen

Der für den Wal zuständige Umweltminister Till Backhaus (SPD) laviert seit 20 Tagen mit unsicherem Kompass herum. Genau so wirkte die Situation: Experten sagen, es gibt nichts zu tun – also wird nichts getan. Oder schlimmer: Man könnte etwas Falsches tun – und die ohnehin gereizte Öffentlichkeit gegen sich aufbringen, die das Internet zum Überschwappen bringt und sich bei den kommenden Wahlen mit dem Wal rächt. Und dann kam Bewegung in die Sache.

Plötzlich tauchte wie aus einem Abenteuerroman gefallen ein älterer Unternehmer auf. Ein Schiff mit Geschichte wurde organisiert. Ein waghalsiger, heroischer Plan entstand. Der Wal wurde mit einem Teppich aus Zinksalbe versorgt, eine Plane vorbereitet, um ihn zurück ins tiefere Wasser zu ziehen. Es hieß, der Wal spüre, dass man ihm helfen will. Es hatte etwas von Jules Verne. Natürlich musste das verurteilt werden: Wieder so ein reicher Mann, der Gott spielen will. Diese Hybris, diese Allmachtsfantasie. Wieder ein Beispiel dafür, dass Superreiche sich alles erlauben.

Das ist ja nicht ganz falsch, und doch spricht auch hier wieder diese Kälte. Und es ist ja auch nicht jede Kritik falsch: Dass etwa Greenpeace gegen die Rettung protestiert, ist nachvollziehbar – dort sprechen Erfahrung und Vorsicht. Aber die Vehemenz, mit der Hoffnung insgesamt diskreditiert wurde, war einmal mehr deprimierend. Es soll ja auch Morddrohungen gegen die Helfer gegeben haben.

Gefühlt hundert Mal aktualisiert

Aus Angst vor Miesepetern und weil mich die Debatte regelrecht niederschmetterte, fragte ich eine KI nach den Überlebenschancen des Wals. Die Antwort war nüchtern: gering, aber nicht null. Und sie war erstaunlich unideologisch. Sie erklärte mir, dass es normal sei, in einem solchen Ereignis entweder ein düsteres Symbol zu sehen oder an ein gutes Ende glauben zu wollen. Beides sei menschlich. Und vielleicht ist auch das ein merkwürdiges Zeichen der Zeit: dass man sich von einer Maschine trösten und für nicht verrückt erklären lässt.

Meine Nachrichtenquelle, der Liveticker und Livestream des NDR, den ich seit Tagen gefühlt hundert Mal am Tag aktualisiere, vermeldet heute Morgen: Der Wal bewegt sich! Aus der schmalen Bucht! Am Mittag meldete sich der peruanische Schriftsteller, Ingenieur(!) und Umweltschützer Sergio Bambarén zu Wort: Er schätze Timmys Chancen auf fünfzig zu fünfzig. Und der Umweltminister erklärt fast literarisch, es habe sich schon gelohnt – allein, weil der Wal noch einmal habe schwimmen können.

Es geht um die Frage, ob wir uns erlauben, zu hoffen

Das hat mich etwas versöhnt. Vielleicht hat dieses wahre Märchen eine andere Lehre für uns bereit: Dass es nicht nur um Erfolg oder Scheitern geht, um Steuergelder, um Millionäre, ja auch nicht nur um Leben oder Tod. Sondern um die Frage, ob wir uns erlauben, zu hoffen. Ob wir bereit sind, in einer durchrationalisierten Welt noch an das Unwahrscheinliche zu glauben, Bewegung zuzulassen.

Gegen den Reflex, alles sofort einzuordnen, zu bewerten und zu beenden. Vielleicht glaubt die Politik ja jetzt doch ein klitzekleines bisschen an ein Wunder: Fahrgastschiffe dürfen heute nicht mehr fahren, wurde angeordnet. Als hätte selbst die Ordnung kurz beschlossen, nicht im Weg zu stehen.

den Angehörigen, denen selbst das gemeinsame Trauern verwehrt blieb?Es war diese Kälte, die ich nun wieder verspürte. Ich fragte mich: Würde Amelie Fried – oder jemand, der so denkt wie sie – einem Kind, das im letzten Sommer am Strand der Insel Poel in einem Bilderbuch über das Meer geblättert hat, erklären, dass der sanfte Koloss mit der Fontäne dort draußen einfach sterben müsse? Und dass daran nebenbei auch noch der Klimawandel schuld sei? Rettungsversuche zu teuerMuss einem jede Hoffnung sofort genommen werden? Fried bekam viel Zustimmung: Man solle doch dieselbe Empathie für das panierte Tier auf dem Teller aufbringen wie für den Wal. Das ist nicht falsch – und zugleich borniert. Vieles wirkte kleinmütig, verbissen, vom hohen moralischen Ross, so wie Konservative es dem linksgrünen Milieu gerne vorwerfen.Schnell wurde darüber diskutiert, ob Rettungsversuche nicht zu teuer seien, ob Summen in fünfstelliger Höhe gerechtfertigt seien. Politisch beruhigend kam vorauseilend hinzu: Der Staat sei zu einer Rettung ohnehin nicht verpflichtet. Der gestrandete Buckelwal „Timmy“ wurde zum Reizthema, während er selbst bewegungslos dalag – ein dystopisches Standbild über Tage hinweg.Fast gleichzeitig tobte ein Streit um Literaturkritik – genauer: um Denis Scheck. Einen der wenigen, die sich noch trauen, deutlich zu urteilen, Bücher nicht nur einzuordnen, sondern auch scharfzüngig und mit Humor zu verreißen. Die Absetzung seiner Sendung wurde diskutiert. Was für ein Furor!Und wie so oft ging es plötzlich erbittert um Symbole. Darf man ein Buch demonstrativ in die Tonne werfen? Die Tonne, die manche an Bücherverbrennungen erinnerte, sei in Wahrheit nur eine harmlose Remittenden-Kiste, schrieb einer in den sozialen Medien. Ein Detail, das in der Erregung unterging. Aber vielleicht liegt genau hier die Verbindung zum Wal. Denn in beiden Fällen verschiebt sich der Blick weg von der Sache, hin zur vermeintlich moralisch korrekten Einordnung, zur unerbittlichen Konsequenz. Denis Scheck muss weg und der Wal muss leider sterben.Diese Kälte verweist auf ein tieferes Problem. Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt, wie Menschen anfällig für radikale Positionen werden, wenn sie keine Selbstwirksamkeit mehr spüren. Wenn alles geregelt ist, wenn es keinen Raum mehr für eigenes Handeln gibt. Der Mensch wird zum Vollzugsbeamten seines eigenen Lebens – und des Lebens anderer. Die Arzthelferin hat keinen Spielraum. Der Lehrer benotet bürokratisch, Kulanz darf er nicht.Bewegung in die Sache bringenDer für den Wal zuständige Umweltminister Till Backhaus (SPD) laviert seit 20 Tagen mit unsicherem Kompass herum. Genau so wirkte die Situation: Experten sagen, es gibt nichts zu tun – also wird nichts getan. Oder schlimmer: Man könnte etwas Falsches tun – und die ohnehin gereizte Öffentlichkeit gegen sich aufbringen, die das Internet zum Überschwappen bringt und sich bei den kommenden Wahlen mit dem Wal rächt. Und dann kam Bewegung in die Sache.Plötzlich tauchte wie aus einem Abenteuerroman gefallen ein älterer Unternehmer auf. Ein Schiff mit Geschichte wurde organisiert. Ein waghalsiger, heroischer Plan entstand. Der Wal wurde mit einem Teppich aus Zinksalbe versorgt, eine Plane vorbereitet, um ihn zurück ins tiefere Wasser zu ziehen. Es hieß, der Wal spüre, dass man ihm helfen will. Es hatte etwas von Jules Verne. Natürlich musste das verurteilt werden: Wieder so ein reicher Mann, der Gott spielen will. Diese Hybris, diese Allmachtsfantasie. Wieder ein Beispiel dafür, dass Superreiche sich alles erlauben.Das ist ja nicht ganz falsch, und doch spricht auch hier wieder diese Kälte. Und es ist ja auch nicht jede Kritik falsch: Dass etwa Greenpeace gegen die Rettung protestiert, ist nachvollziehbar – dort sprechen Erfahrung und Vorsicht. Aber die Vehemenz, mit der Hoffnung insgesamt diskreditiert wurde, war einmal mehr deprimierend. Es soll ja auch Morddrohungen gegen die Helfer gegeben haben.Gefühlt hundert Mal aktualisiertAus Angst vor Miesepetern und weil mich die Debatte regelrecht niederschmetterte, fragte ich eine KI nach den Überlebenschancen des Wals. Die Antwort war nüchtern: gering, aber nicht null. Und sie war erstaunlich unideologisch. Sie erklärte mir, dass es normal sei, in einem solchen Ereignis entweder ein düsteres Symbol zu sehen oder an ein gutes Ende glauben zu wollen. Beides sei menschlich. Und vielleicht ist auch das ein merkwürdiges Zeichen der Zeit: dass man sich von einer Maschine trösten und für nicht verrückt erklären lässt.Meine Nachrichtenquelle, der Liveticker und Livestream des NDR, den ich seit Tagen gefühlt hundert Mal am Tag aktualisiere, vermeldet heute Morgen: Der Wal bewegt sich! Aus der schmalen Bucht! Am Mittag meldete sich der peruanische Schriftsteller, Ingenieur(!) und Umweltschützer Sergio Bambarén zu Wort: Er schätze Timmys Chancen auf fünfzig zu fünfzig. Und der Umweltminister erklärt fast literarisch, es habe sich schon gelohnt – allein, weil der Wal noch einmal habe schwimmen können.Es geht um die Frage, ob wir uns erlauben, zu hoffenDas hat mich etwas versöhnt. Vielleicht hat dieses wahre Märchen eine andere Lehre für uns bereit: Dass es nicht nur um Erfolg oder Scheitern geht, um Steuergelder, um Millionäre, ja auch nicht nur um Leben oder Tod. Sondern um die Frage, ob wir uns erlauben, zu hoffen. Ob wir bereit sind, in einer durchrationalisierten Welt noch an das Unwahrscheinliche zu glauben, Bewegung zuzulassen.Gegen den Reflex, alles sofort einzuordnen, zu bewerten und zu beenden. Vielleicht glaubt die Politik ja jetzt doch ein klitzekleines bisschen an ein Wunder: Fahrgastschiffe dürfen heute nicht mehr fahren, wurde angeordnet. Als hätte selbst die Ordnung kurz beschlossen, nicht im Weg zu stehen.



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