Die Kreuzberger Sängerin und Theatermacherin Christiane Rösinger bleibt auch im Alter Punk – und hat mit The Joy of Ageing (Rowohlt) einen humorvollen (Anti-)Ratgeber geschrieben, der klarmacht: Das Einzige, was den Alterungsprozess stoppen kann, ist der Tod. Ein Gespräch unter feministischen Weggefährtinnen – weshalb Rösinger und die Autorin Sonja Eismann sich duzen.
der Freitag: Was hat dich an Altersratgebern so genervt, dass du deinen eigenen schreiben wolltest, Christiane?
Christiane Rösinger: Eigentlich alles. Entweder sie sind bemüht lustig oder sie springen in letzter Sekunde auf diesen Longevity-Zug auf.
Langlebigkeitskonzepte sprechen dich gar nicht an?
Überhaupt nicht. Natürlich freue ich mich nicht, wenn ich eine neue Falte entdecke. Aber das Augenmerk nur noch auf den Verfall und seine Bekämpfung zu richten, geht mir total auf die Nerven. Das hat mich an anderen Ratgebern immer gestört. Die Frauen in diesem Segment beziehen sich ständig auf Äußerlichkeiten: Es geht ums „jünger werden“, „jugendlich aussehen“, ums „begehrenswert bleiben“. Daher finde ich es wichtig, zu sagen: Schluss damit, fertig! Da machen wir nicht mehr mit.
Aber gegen ein längeres Leben an sich gibt es doch eigentlich nichts einzuwenden?
Neulich habe ich eine Dokumentation über einen absurd reichen Typen gesehen, der sein ganzes Leben der Longevity verschrieben hat. Der hat dafür mehrere Assistentinnen, lässt seinen Schlaf im Labor überwachen, macht verbotene Blutwäschen und ist eigentlich 24 Stunden am Tag damit beschäftigt, seine Langlebigkeit zu sichern. Was hat er dann überhaupt noch von seinem Leben?
Gehen Männer und Frauen unterschiedlich an Altersratgeber ran?
Es gibt die These, dass Männer es eher wissenschaftlich versuchen und sich zum Beispiel mit „Blue Zones“ beschäftigen. Das sind Regionen, in denen die Menschen besonders alt werden. Da erklärt dir ein jugendlich aussehender Arzt, dass die Leute dort besonders viel hochwertiges Olivenöl essen, den ganzen Tag draußen arbeiten und von ihren Angehörigen gepflegt werden. Aber leider lässt sich deren Lebensstil nicht auf unseren übertragen, weil hier niemand die Möglichkeit hat, unter freiem Himmel auf dem Olivenhain zu arbeiten und sich um die Angehörigen zu kümmern.
Ich bin 65, ich fühle mich null unsichtbar. Ich brauche diese Bestätigung nicht
Bei Frauen geht es in puncto Altern hingegen sehr oft um das Gefühl, „unsichtbar“ zu werden.
Es wird immer lamentiert, dass du ab 40 unsichtbar bist, die Tarnkappe aufhast, kein Mann dich mehr sieht. Erstens: Sollte man nicht eigentlich froh sein, endlich nicht mehr angeglotzt zu werden? Zweitens: Wenn man behauptet, deshalb unsichtbar zu sein, würde das im Umkehrschluss ja bedeuten, dass man vorher nur durch den männlichen Blick sichtbar war! Ein schreckliches Konzept, oder?
Ich bin 65, ich fühle mich null unsichtbar. Ich brauche diese Bestätigung nicht. So geht es auch meinen Freundinnen, die in jedem Alter im Sozialen, in der Arbeit oder in der Kreativität Sinnhaftigkeit finden – das erscheint mir irgendwie zielführender, als sein ganzes Leben nur der Sexiness und dem Begehrtwerden zu widmen.
Es gibt aber auch Statistiken, die zeigen, dass ältere Frauen zum Beispiel beim Arzt oder auch im Café einfach übergangen werden, weil sie als nicht mehr wichtig für die Gesellschaft angesehen werden.
Das ist schlimm. Und wir wissen ja auch alle, dass Frauen in Medienberufen und allen Berufen mit öffentlicher Sichtbarkeit früher aufhören müssen als die Männer. Darüber darf und soll man sich beschweren. Dagegen brauchen wir Protest – wir müssen gegen Ageism in der Arbeitswelt mit allen Mitteln angehen.
Das finde ich viel produktiver, als darüber zu jammern, dass wir nicht mehr von männlichen Blicken begehrt werden. Wie sollte man das auch erzwingen? Aber ich bin natürlich auch in einer privilegierten Position, weil ich nach wie vor auf der Bühne stehe und da sehr sichtbar bin.
Begrüßt du den neuen Hype um die Wechseljahre, die ja auch lange als unsichtbar galten?
Dank Instagram gibt es jetzt Menopausen-Influencerinnen, genau. Die können ja influencen, wie sie wollen, aber ich finde es schwierig, dass damit einer ganzen Generation von Frauen auch Angst gemacht wird. Natürlich soll man sich helfen lassen, wenn man Beschwerden hat. Aber es wird jetzt medial so ein Riesenthema daraus gemacht, dass viele denken, man würde dadurch praktisch verrückt, unzurechnungsfähig. Das geht in die falsche Richtung, wenn es so pathologisiert wird.
Es wirkt dann so, als sei ein ganzes Frauenleben an sich unheimlich problematisch, vom ersten bis zum letzten Eisprung und darüber hinaus. Ich habe gelesen, dass in den 1950er Jahren Frauen am meisten über Wechseljahresbeschwerden geklagt haben – in einer Zeit, in der sie noch mehr zu Hause gefangen waren, weniger Rechte und weniger Erlebnisse hatten. Ist es also nicht naheliegend, da auch einen Zusammenhang mit dem Sozialen herzustellen?
Über die Andropause, die umstrittenen männlichen Wechseljahre, schreibst du nichts, wohl aber über die grummeligen Männer der Lebensmitte. Warum sind die so?
Ich habe keine Ahnung. Ich möchte mich auch gar nicht damit befassen! Empirisch ist das nicht belegt, sondern etwas, das ich immer wieder in meinem Gesichtsfeld beobachte. Männer zwischen 50 und 70 scheinen wenig Lust auf Neues zu haben. Früher war alles besser, die jungen Leute sind schlimm, so in etwa. Damit will ich nichts zu tun haben.
Manche Leute sagen, Thomas Gottschalk sei auch ein Boomer, aber was habe ich mit dem gemeinsam?
Warum wird denn das Ende jeder freundschaftlichen Beziehung zwischen den Generationen ständig herbeigeredet?
Das habe ich mich auch schon oft gefragt. Wem nützt es, wenn die Generationen definiert, auseinanderdividiert und am Ende aufeinandergehetzt werden? Manche Leute sagen, Thomas Gottschalk sei auch ein Boomer, aber was habe ich mit dem gemeinsam? Ich selbst habe Freund*innen jeden Alters, vor allem zahlreiche jüngere.
Klar hat man da auch mal unterschiedliche Ansichten, zum Beispiel darüber, ab wann man zur Therapie gehen sollte oder wie viele Liter Wasser man pro Tag trinken muss. Aber ich sehe immer wieder, wie gut Alt und Jung zusammenarbeiten, zum Beispiel auch bei meinen eigenen Theaterstücken, oder wie Großeltern ihre Enkelkinder unterstützen und umgekehrt.
Beim Boomer-Bashing und der GenZ-Schelte werden Gemeinsamkeiten ignoriert und das Trennende hervorgehoben. Denn letztlich sind Generationenkonflikte wohl einfach Auseinandersetzungen um Macht und ökonomische Verhältnisse.
Jetzt mal ehrlich: Ist dein Buch überhaupt ein Ratgeber?
Zuerst wollte ich schon einen klassischen Ratgeber schreiben, aber mein Lektor schlug vor, das Buch persönlicher zu halten. Der Plot wurde dann folgender: Eine Frau in meinem Alter denkt darüber nach, wie sie zu Geld kommen könnte, und beschließt, einen Ratgeber zu schreiben. Und am Schluss des Buches hat sie ihn dann geschrieben! Das ist ein Strang, den ich lustig fand, weil er viel vom Scheitern daran erzählt, dass das ja so ein unglaublich weites Feld ist.
Der andere Strang ist ernster, denn er beinhaltet meine Krankheitsgeschichte. Ich hatte vor über zwanzig Jahren einen Schlaganfall und direkt danach eine schwere Verletzung. Für mich steckt darin trotz allem – ich hatte damals das Gefühl, innerhalb eines Jahres um zehn Jahre gealtert zu sein – eine positive Message. Denn ich war völlig am Boden, aber heute macht es für mich fast keinen Unterschied mehr. Ich bin also über etwas, das andere mit hohem Alter und Niedergang verbinden, positiv hinweggealtert.
Waren diese schlimmen Ereignisse in gewisser Weise auch lehrreich?
Das kann ich nicht sagen, aber ich weiß seit damals zumindest, dass es total dumm ist, sich über ein paar Falten oder eine erschlaffende Jawline aufzuregen. Du kannst nichts dagegen tun, dass du alterst! Das Einzige, was das verhindern würde, wäre zu sterben. Da werde ich stattdessen lieber älter.
Weil man heute auch ein Senager sein kann, also eine Mischung aus Senior und Teenager?
Ich habe dieses Konzept irgendwo im Internet gesehen und fand es eigentlich sehr schlüssig: Man ist im Alter ähnlich unproduktiv wie in jungen Jahren, man liegt viel rum, macht nur das, worauf man Bock hat, verweigert sich, trägt nichts zur Wirtschaftsleistung bei, lungert im öffentlichen Raum und in Einkaufszentren rum.
Aber: Man muss nicht die Eltern um Taschengeld anbetteln, sondern bekommt – wenn man Glück hat – eine Rente. Man kann ohne Probleme Alkohol kaufen, hat keine Akne mehr und muss sich keine Sorgen um romantische Zweierbeziehungen und um ungeplante Schwangerschaften machen! Ich mag die Idee der Verweigerung daran.
Ich finde, Punk ist eine sehr gute Alterskultur, weil es da dieses Störrische gibt, fuck you all, ihr könnt mich mal!
Ist Punk für dich der beste Altersratgeber?
Ich finde, Punk ist eine sehr gute Alterskultur, weil es da dieses Störrische gibt, fuck you all, ihr könnt mich mal! In diesem Alter muss man niemandem mehr gefallen und keiner kann einem was sagen.
Frauen trauen sich diese Haltung gerade im Alter leider eher selten …
Die Musikerin Bettina Köster, die leider gerade verstorben ist, war für mich so eine Person. Sie hat sich von niemandem was sagen lassen und hat kein Blatt vor den Mund genommen. Ihr war es auch egal, ob sie für alles die richtigen Ausdrücke gefunden hat, weil sie einfach keine Angst mehr davor hatte, verurteilt zu werden. Das hat mich beeindruckt. Auch bei Peaches finde ich es toll, wie offensiv und positiv sie mit dem Alterungsprozess umgeht. Aber ich würde mir natürlich wünschen, dass es noch viel mehr solcher Vorbilder gibt.
Du schreibst, dass das „junge Alter“, also die Zeit zwischen 60 und 80, oft sehr erfüllend sei, der schwierige Teil aber danach beginne, mit dem sogenannten vierten Alter. Was wünschst du dir persönlich dafür?
In einem Film habe ich eine Utopie gesehen, die in der Realität leider kaum finanzierbar wäre: Lauter alternde Künstler*innen wohnen gemeinsam in einer Art Hotel am See. Sie werden gut betreut und abends machen sie Shows und spielen sich etwas aus ihren Repertoires vor. Das fände ich toll, aber wer würde das bezahlen? Niemand will in ein schrottiges Pflegeheim, das sich unsereins leisten könnte – ich jedenfalls nicht –, die wenigsten können aber zu Hause gepflegt werden. Ich glaube, es muss in Zukunft einen Aufstand der Alten geben. Damit wir auch im hohen Alter noch ein paar coole Jahre unter würdigen Bedingungen haben können.
The Joy of Ageing. Christiane Rösinger, Rowohlt 2026, 288 S., 24€
Die Buchpremiere findet am 9. Mai im Berliner HAU statt
Longevity-Zug auf.Langlebigkeitskonzepte sprechen dich gar nicht an?Überhaupt nicht. Natürlich freue ich mich nicht, wenn ich eine neue Falte entdecke. Aber das Augenmerk nur noch auf den Verfall und seine Bekämpfung zu richten, geht mir total auf die Nerven. Das hat mich an anderen Ratgebern immer gestört. Die Frauen in diesem Segment beziehen sich ständig auf Äußerlichkeiten: Es geht ums „jünger werden“, „jugendlich aussehen“, ums „begehrenswert bleiben“. Daher finde ich es wichtig, zu sagen: Schluss damit, fertig! Da machen wir nicht mehr mit.Aber gegen ein längeres Leben an sich gibt es doch eigentlich nichts einzuwenden?Neulich habe ich eine Dokumentation über einen absurd reichen Typen gesehen, der sein ganzes Leben der Longevity verschrieben hat. Der hat dafür mehrere Assistentinnen, lässt seinen Schlaf im Labor überwachen, macht verbotene Blutwäschen und ist eigentlich 24 Stunden am Tag damit beschäftigt, seine Langlebigkeit zu sichern. Was hat er dann überhaupt noch von seinem Leben?Gehen Männer und Frauen unterschiedlich an Altersratgeber ran?Es gibt die These, dass Männer es eher wissenschaftlich versuchen und sich zum Beispiel mit „Blue Zones“ beschäftigen. Das sind Regionen, in denen die Menschen besonders alt werden. Da erklärt dir ein jugendlich aussehender Arzt, dass die Leute dort besonders viel hochwertiges Olivenöl essen, den ganzen Tag draußen arbeiten und von ihren Angehörigen gepflegt werden. Aber leider lässt sich deren Lebensstil nicht auf unseren übertragen, weil hier niemand die Möglichkeit hat, unter freiem Himmel auf dem Olivenhain zu arbeiten und sich um die Angehörigen zu kümmern.Ich bin 65, ich fühle mich null unsichtbar. Ich brauche diese Bestätigung nichtBei Frauen geht es in puncto Altern hingegen sehr oft um das Gefühl, „unsichtbar“ zu werden.Es wird immer lamentiert, dass du ab 40 unsichtbar bist, die Tarnkappe aufhast, kein Mann dich mehr sieht. Erstens: Sollte man nicht eigentlich froh sein, endlich nicht mehr angeglotzt zu werden? Zweitens: Wenn man behauptet, deshalb unsichtbar zu sein, würde das im Umkehrschluss ja bedeuten, dass man vorher nur durch den männlichen Blick sichtbar war! Ein schreckliches Konzept, oder?Ich bin 65, ich fühle mich null unsichtbar. Ich brauche diese Bestätigung nicht. So geht es auch meinen Freundinnen, die in jedem Alter im Sozialen, in der Arbeit oder in der Kreativität Sinnhaftigkeit finden – das erscheint mir irgendwie zielführender, als sein ganzes Leben nur der Sexiness und dem Begehrtwerden zu widmen.Es gibt aber auch Statistiken, die zeigen, dass ältere Frauen zum Beispiel beim Arzt oder auch im Café einfach übergangen werden, weil sie als nicht mehr wichtig für die Gesellschaft angesehen werden.Das ist schlimm. Und wir wissen ja auch alle, dass Frauen in Medienberufen und allen Berufen mit öffentlicher Sichtbarkeit früher aufhören müssen als die Männer. Darüber darf und soll man sich beschweren. Dagegen brauchen wir Protest – wir müssen gegen Ageism in der Arbeitswelt mit allen Mitteln angehen.Das finde ich viel produktiver, als darüber zu jammern, dass wir nicht mehr von männlichen Blicken begehrt werden. Wie sollte man das auch erzwingen? Aber ich bin natürlich auch in einer privilegierten Position, weil ich nach wie vor auf der Bühne stehe und da sehr sichtbar bin.Begrüßt du den neuen Hype um die Wechseljahre, die ja auch lange als unsichtbar galten?Dank Instagram gibt es jetzt Menopausen-Influencerinnen, genau. Die können ja influencen, wie sie wollen, aber ich finde es schwierig, dass damit einer ganzen Generation von Frauen auch Angst gemacht wird. Natürlich soll man sich helfen lassen, wenn man Beschwerden hat. Aber es wird jetzt medial so ein Riesenthema daraus gemacht, dass viele denken, man würde dadurch praktisch verrückt, unzurechnungsfähig. Das geht in die falsche Richtung, wenn es so pathologisiert wird.Es wirkt dann so, als sei ein ganzes Frauenleben an sich unheimlich problematisch, vom ersten bis zum letzten Eisprung und darüber hinaus. Ich habe gelesen, dass in den 1950er Jahren Frauen am meisten über Wechseljahresbeschwerden geklagt haben – in einer Zeit, in der sie noch mehr zu Hause gefangen waren, weniger Rechte und weniger Erlebnisse hatten. Ist es also nicht naheliegend, da auch einen Zusammenhang mit dem Sozialen herzustellen?Über die Andropause, die umstrittenen männlichen Wechseljahre, schreibst du nichts, wohl aber über die grummeligen Männer der Lebensmitte. Warum sind die so?Ich habe keine Ahnung. Ich möchte mich auch gar nicht damit befassen! Empirisch ist das nicht belegt, sondern etwas, das ich immer wieder in meinem Gesichtsfeld beobachte. Männer zwischen 50 und 70 scheinen wenig Lust auf Neues zu haben. Früher war alles besser, die jungen Leute sind schlimm, so in etwa. Damit will ich nichts zu tun haben.Manche Leute sagen, Thomas Gottschalk sei auch ein Boomer, aber was habe ich mit dem gemeinsam?Warum wird denn das Ende jeder freundschaftlichen Beziehung zwischen den Generationen ständig herbeigeredet? Das habe ich mich auch schon oft gefragt. Wem nützt es, wenn die Generationen definiert, auseinanderdividiert und am Ende aufeinandergehetzt werden? Manche Leute sagen, Thomas Gottschalk sei auch ein Boomer, aber was habe ich mit dem gemeinsam? Ich selbst habe Freund*innen jeden Alters, vor allem zahlreiche jüngere.Klar hat man da auch mal unterschiedliche Ansichten, zum Beispiel darüber, ab wann man zur Therapie gehen sollte oder wie viele Liter Wasser man pro Tag trinken muss. Aber ich sehe immer wieder, wie gut Alt und Jung zusammenarbeiten, zum Beispiel auch bei meinen eigenen Theaterstücken, oder wie Großeltern ihre Enkelkinder unterstützen und umgekehrt.Beim Boomer-Bashing und der GenZ-Schelte werden Gemeinsamkeiten ignoriert und das Trennende hervorgehoben. Denn letztlich sind Generationenkonflikte wohl einfach Auseinandersetzungen um Macht und ökonomische Verhältnisse.Jetzt mal ehrlich: Ist dein Buch überhaupt ein Ratgeber?Zuerst wollte ich schon einen klassischen Ratgeber schreiben, aber mein Lektor schlug vor, das Buch persönlicher zu halten. Der Plot wurde dann folgender: Eine Frau in meinem Alter denkt darüber nach, wie sie zu Geld kommen könnte, und beschließt, einen Ratgeber zu schreiben. Und am Schluss des Buches hat sie ihn dann geschrieben! Das ist ein Strang, den ich lustig fand, weil er viel vom Scheitern daran erzählt, dass das ja so ein unglaublich weites Feld ist.Der andere Strang ist ernster, denn er beinhaltet meine Krankheitsgeschichte. Ich hatte vor über zwanzig Jahren einen Schlaganfall und direkt danach eine schwere Verletzung. Für mich steckt darin trotz allem – ich hatte damals das Gefühl, innerhalb eines Jahres um zehn Jahre gealtert zu sein – eine positive Message. Denn ich war völlig am Boden, aber heute macht es für mich fast keinen Unterschied mehr. Ich bin also über etwas, das andere mit hohem Alter und Niedergang verbinden, positiv hinweggealtert.Waren diese schlimmen Ereignisse in gewisser Weise auch lehrreich?Das kann ich nicht sagen, aber ich weiß seit damals zumindest, dass es total dumm ist, sich über ein paar Falten oder eine erschlaffende Jawline aufzuregen. Du kannst nichts dagegen tun, dass du alterst! Das Einzige, was das verhindern würde, wäre zu sterben. Da werde ich stattdessen lieber älter.Weil man heute auch ein Senager sein kann, also eine Mischung aus Senior und Teenager?Ich habe dieses Konzept irgendwo im Internet gesehen und fand es eigentlich sehr schlüssig: Man ist im Alter ähnlich unproduktiv wie in jungen Jahren, man liegt viel rum, macht nur das, worauf man Bock hat, verweigert sich, trägt nichts zur Wirtschaftsleistung bei, lungert im öffentlichen Raum und in Einkaufszentren rum.Aber: Man muss nicht die Eltern um Taschengeld anbetteln, sondern bekommt – wenn man Glück hat – eine Rente. Man kann ohne Probleme Alkohol kaufen, hat keine Akne mehr und muss sich keine Sorgen um romantische Zweierbeziehungen und um ungeplante Schwangerschaften machen! Ich mag die Idee der Verweigerung daran.Ich finde, Punk ist eine sehr gute Alterskultur, weil es da dieses Störrische gibt, fuck you all, ihr könnt mich mal!Ist Punk für dich der beste Altersratgeber?Ich finde, Punk ist eine sehr gute Alterskultur, weil es da dieses Störrische gibt, fuck you all, ihr könnt mich mal! In diesem Alter muss man niemandem mehr gefallen und keiner kann einem was sagen.Frauen trauen sich diese Haltung gerade im Alter leider eher selten …Die Musikerin Bettina Köster, die leider gerade verstorben ist, war für mich so eine Person. Sie hat sich von niemandem was sagen lassen und hat kein Blatt vor den Mund genommen. Ihr war es auch egal, ob sie für alles die richtigen Ausdrücke gefunden hat, weil sie einfach keine Angst mehr davor hatte, verurteilt zu werden. Das hat mich beeindruckt. Auch bei Peaches finde ich es toll, wie offensiv und positiv sie mit dem Alterungsprozess umgeht. Aber ich würde mir natürlich wünschen, dass es noch viel mehr solcher Vorbilder gibt.Du schreibst, dass das „junge Alter“, also die Zeit zwischen 60 und 80, oft sehr erfüllend sei, der schwierige Teil aber danach beginne, mit dem sogenannten vierten Alter. Was wünschst du dir persönlich dafür?In einem Film habe ich eine Utopie gesehen, die in der Realität leider kaum finanzierbar wäre: Lauter alternde Künstler*innen wohnen gemeinsam in einer Art Hotel am See. Sie werden gut betreut und abends machen sie Shows und spielen sich etwas aus ihren Repertoires vor. Das fände ich toll, aber wer würde das bezahlen? Niemand will in ein schrottiges Pflegeheim, das sich unsereins leisten könnte – ich jedenfalls nicht –, die wenigsten können aber zu Hause gepflegt werden. Ich glaube, es muss in Zukunft einen Aufstand der Alten geben. Damit wir auch im hohen Alter noch ein paar coole Jahre unter würdigen Bedingungen haben können.