Leo Tolstoi schuf sich ausgeklügelte Regeln und Rituale – und hielt sich oft nicht daran. Die umfangreichen Tagebucheinträge des russischen Schriftstellers, die er fast sein ganzes Leben lang gewissenhaft pflegte, zeugen von einem intensiven Ringen um das Verständnis seines Inneren und darum, sein Handeln seinen moralischen Ansprüchen anzupassen.

Mit 18 Jahren verfasste er eine Liste mit Regeln für sich selbst, wie etwa jeden Tag um 5 Uhr aufzustehen, sparsam zu leben und zu versuchen, Frauen nicht nachzujagen.

In seinem Tagebuch hatte Tolstoi zwei Spalten angelegt. Auf der einen Seite notierte er seinen geplanten Ablauf für den nächsten Tag. Auf der anderen Seite hielt er fest, wie der Tag tatsächlich verlaufen war. Spoiler: Meistens lief es nicht nach Plan.

In einer Reihe von Tagebucheinträgen aus dem Jahr 1851 lässt sich dieses Tauziehen beobachten. Am 24. März 1851 ließ Tolstoi seine Handlungen des Vortages Revue passieren, inklusive Bezeichnungen für all seine Laster.

Leo Tolstoi bei der Arbeit in seinem Büro in Jasnaja Poljana, Russland, nahe Moskau, im Jahr 1908.

Montag, 24. März

„Bin etwas spät aufgestanden und habe gelesen, aber habe es nicht geschafft zu schreiben“, notierte Tolstoi. „Poiret kam, begann zu fechten, ich habe ihn nicht weggeschickt (Trägheit und Feigheit). Iwanow kam, habe zu lange mit ihm gesprochen (Feigheit). Koloschin (Sergei) kam, um Wodka zu trinken, habe ihn nicht weggeschickt (Feigheit). Bei Oserow über Nichtigkeiten gestritten (Gewohnheit zu streiten) und nicht über das gesprochen, worüber ich hätte sprechen sollen (Feigheit).

Ging nicht zu Beklemischew (Energielosigkeit). Beim Turnen habe ich den Reckgang nicht geschafft (Feigheit) und eine Übung nicht gemacht, weil es wehtat (Zimperlichkeit). Bei Gortschakow gelogen (Lügen). Ging in die Nowotroizker Gaststätte (Mangel an Stolz). Zu Hause kein Englisch gelernt (Mangel an Entschlossenheit). Bei den Wolkonskys war ich unnatürlich und zerstreut und blieb bis ein Uhr morgens (Zerstreutheit, Geltungsdrang und Charakterschwäche).“ (frei übersetzt aus dem Russischen)

Unbeirrt schrieb Tolstoi seinen geplanten Zeitplan für den nächsten Tag nieder.

Dienstag, 25. März

„Von 10 bis 11: Tagebuch des gestrigen Tages und lesen“, schrieb er. „Von 11 bis 12: Gymnastik. Von 12 bis 1: Englisch. Beklemischew und Be’er von 1 bis 2. Von 2 bis 4: zu Pferd. Von 4 bis 6: Mittagessen. Von 6 bis 8: lesen. Von 8 bis 10: schreiben. Etwas aus einer Fremdsprache ins Russische übersetzen, um Gedächtnis und Stil zu entwickeln. Den heutigen Tag mit allen Eindrücken und Gedanken, die er hervorruft, aufschreiben.“ (frei übersetzt aus dem Russischen)

Dann scheiterte er erneut, sich daran zu halten.

Tolstoi im Familienkreis in Jasnaja Poljana um 1905.

„Aus Trägheit spät aufgewacht“, schrieb er. „Tagebuch geschrieben und Gymnastik gemacht, in aller Eile. Aus Faulheit kein Englisch gelernt. Bei Begitschew und Islawin war ich eitel. Bei Beklemischew war ich feige und es mangelte an Stolz. Auf dem Twerskaja-Boulevard wollte ich angeben. Ich bin nicht zu Fuß zum Kalymazhnyi Dwor gegangen (Weichei-Verhalten). Ging mit dem Wunsch, anzugeben. Aus demselben Grund bei Oserow angehalten. Bin nicht nach Kalymazhnyi Dwor zurückgekehrt, Gedankenlosigkeit.

Bei den Gortschakows mich verstellt und die Dinge nicht beim Namen genannt, mich selbst täuschend. Zu L’vov gegangen aus unzureichender Energie und der Gewohnheit, nichts zu tun. Zu Hause aus Geistesabwesenheit herumgesessen und Werther unaufmerksam und in Eile gelesen.“ (frei übersetzt aus dem Russischen)

Tolstois innerer Kampf findet bei Lesern seiner Tagebücher leicht Anklang. Wir erkennen darin unsere eigenen Versäumnisse wieder, den von uns gesetzten Maßstäben gerecht zu werden. Dieses wiederkehrende Muster aus optimistischen Vorsätzen, gefolgt von wiederholten Rückschlägen, hat etwas sehr Menschliches.

Sein Ringen bildete auch die Grundlage für die psychologisch und moralisch tiefgründige Belletristik, die er später im Leben verfasste, wie Maria Popova bei „The Marginalian“ anmerkt.

Nur zwei Eier zum Frühstück

Tolstois ausschweifende Jugend wandelte sich schließlich in ein stabileres Erwachsenenleben. Er heiratete 1862 und begann, seine größten literarischen Werke zu schreiben.

Doch Tolstois seelische Qualen waren nicht vorüber: Seine Ehe sollte später einige Tiefpunkte durchlaufen. Zudem durchlebte er eine Art existenzielle Krise, nachdem er eines seiner Meisterwerke, „Anna Karenina“, vollendet hatte. Dies führte schließlich zu einer Art religiöser Bekehrung, obwohl Tolstoi in keiner organisierten Form des Christentums jemals Frieden fand.

Dennoch etablierte Tolstoi in den Jahren seiner produktivsten Schaffenszeit so etwas wie einen beständigeren Alltag. In seinem Buch „Daily Rituals: How Artists Work“ skizzierte Mason Currey die Umrisse von Tolstois Leben nach der Heirat, basierend auf den Zeugnissen seiner Kinder.

Tolstoi tauchte meist erst nach 9 Uhr morgens aus seinem Schlafzimmer auf, noch im Morgenmantel und ungewaschen, mit zerzaustem Bart. Er begrüßte die Familie nur widerwillig. Die Kinder pflegten zu sagen: „Papa ist schlechter Laune, bis er sich gewaschen hat.“

Sobald er gewaschen und gepflegt war, setzte sich Tolstoi zu einem Frühstück aus zwei gekochten Eiern. Viele Jahre lang war dies seine einzige Nahrung bis zu einer Mahlzeit gegen 17 Uhr. Nach dem Frühstück verschwand Tolstoi mit etwas Tee in sein Arbeitszimmer und kam erst zum Abendessen wieder heraus.

Einen Rhythmus finden

Niemand durfte Tolstois Arbeitszimmer betreten oder ihn bei der Arbeit stören. Zu diesem Zweck waren die Türen zum Arbeitszimmer verschlossen. Vor dem Abendessen [das gleichzeitig Mittagessen war] ging er ins Freie für einen Spaziergang, einen Ritt oder um Angelegenheiten auf seinem Gut zu regeln.

Dann verbrachte er die Zeit mit der Familie in heitererer Weise. Nach dem Abendessen las er, unterhielt sich mit Gästen oder sah sich die Schularbeiten der Kinder an. Um 22 Uhr wurde eine weitere Runde Tee serviert, gefolgt von weiterer Lektüre oder vielleicht Musik. Schließlich ging Tolstoi gegen 1 Uhr nachts zu Bett.

Obwohl es nicht genau das spartanische Regime war, das er sich in seiner Jugend vorgestellt hatte, fand Tolstoi einen Lebensrhythmus, der für ihn funktionierte – und der es ihm ermöglichte, fiktive Werke zu schaffen, die ihren Platz unter den größten jemals geschriebenen Geschichten einnehmen.

Auf die Kraft eines täglichen Rituals hinweisend, bemerkte Tolstoi: „Ich muss jeden Tag ohne Fehl schreiben, nicht so sehr für den Erfolg der Arbeit, als vielmehr, um nicht aus meiner Routine zu geraten.“



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