Das Paradoxe ist ein wesentliches Merkmal menschlichen Denkens und auch eines der liebenswertesten. Diese Binsenweisheit zeigt sich bereits in dessen raffiniertesten Formen, etwa in der soziologischen Philosophie. Vor geraumer Zeit schon wurde der „Tod des Subjekts“ ausgerufen – und noch nie war so viel die Rede von Subjekten und deren „Subjektivierung“, wie seit diesem Zeitpunkt.
Gleiches gilt in der Literaturwissenschaft: Der von Roland Barthes verkündete „Tod des Autors“ ist auch schon eine Weile her. Und einerseits wird niemand mehr bestreiten, dass sich Texte von denen lösen können, die sie verfasst haben. Im Geflecht gesellschaftlicher Diskurse können sie ganz neue Bedeutungen erlangen.
Doch andererseits fällt es uns so schwer wie nie, zwei Dinge zu akzeptieren: Dass nämlich erstens „böse“ Menschen „gute“, humanistische, fortschrittliche Texte schreiben können. Und dass es zweitens umgekehrt auch Texte gibt, die durchaus bösartige, engstirnige, fehlgeleitete Elemente enthalten, während sich gleichzeitig Menschen oder ganze Strömungen auf sie berufen, die im positiven Sinne wirksam sind.
Dabei wimmelt es geradezu von Beispielen für beide dieser Fallgruppen.
Orbáns Ungarn – war eine „Offene Gesellschaft“
Ein aktuelles ist etwa das politologische Buch Die offene Gesellschaft und ihre Feinde von Karl Popper. Populär verstanden wird es als eine Art Manifest einer irgendwie mitfühlenden, integrativen, partizipatorischen und behutsamen Politik. Beispielhaft dafür steht etwa die Initiative Offene Gesellschaft, die seit 2016 in der Hauptstadt viele gute Dinge tut.
Ihr Mission Statement: „Wir begleiten zivilgesellschaftliche Organisationen, engagierte Einzelne, Verwaltungen und politische Institutionen, die sich für Demokratie einsetzen, und gestalten gemeinsam die offene Gesellschaft. Unsere Stärken sind innovative Beteiligungsformate, praxisnahe Mitmach-Methoden und zeitgemäße Materialien für Dialog und politische Bildung.“
Gegen nichts davon ist etwas einzuwenden, allen Beteiligten wünscht man das Beste. Doch mit dem, was der konservative und notorisch Utopie-ferne Autor Karl Popper unter seinem Schlagwort verstand, hat all das eher am Rande zu tun.
Das Kernelement einer offenen Gesellschaft ist Popper zufolge lediglich ein Zustand des verfassten Sozialen, der einen Machtwechsel ohne Blutvergießen ermöglicht. Das viel gescholtene Ungarn der jüngeren Vergangenheit, dessen Langzeit-Anführer Viktor Orbán gerade ohne Umstände seine Niederlage anerkannt hat, war demnach nach Popper keine Autokratur. Sondern eine offene Gesellschaft.
Kann man heute noch Rousseaus „Émile“ lesen?
Was wir heute unter der offenen Gesellschaft verstehen, ist demnach ein progressives Missverständnis eines eigentlich konservativen, teils reaktionären Textes. Gerade umgekehrt ist es derweil bei Émile oder Über die Erziehung von Jean-Jacques Rousseau. Der einflussreichste Text des berühmten Aufklärungsphilosophen schildert eine naturnahe, zugewandte, bedürfnisorientierte Ideal-Erziehung eines Jungen zu einer verantwortungsvollen, ausgewogenen Persönlichkeit.
Bei allen Abstrichen über die Jahrhunderte akzeptieren wir vieles, was in Émile beschrieben ist, bis heute als pädagogisch wertvoll oder zumindest gut gemeint. Beginnend damit, dass Rousseau mit als Erster die Kindheit als eine eigenständige, ernst zu nehmende Lebensphase betrachtet.
Wird nun aber all das, was Rousseau schildert und fordert – etwa ein Verzicht auf damals gängige Bestrafungen von Kindern – angesichts seines eigenen Lebens zur Makulatur? Immerhin gab Rousseau nicht nur eines, sondern alle fünf Kinder, die er mit seiner Partnerin Thérèse Levasseur hatte, kurz nach der Geburt in ein Findelhaus. Im 18. Jahrhundert war das kein guter Ort.
Hippie-Kommune und Gottesstaat können sich auf denselben Text berufen
Ein ähnlicher Fall ist auch Charles Dickens. Sein großer Roman Oliver Twist ist auch ein Manifest von Menschlichkeit, einfachem Familienglück und der Hinwendung an diejenigen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind. Doch der gleiche Dickens misshandelte seine Ehefrau Catherine in schlimmster Weise. Um mit einer jüngeren Geliebten ein neues Leben genießen zu können, versuchte er sogar, sie für geisteskrank erklären zu lassen.
Hermann Hesse schrieb anregende Sinnsuche-Bücher und hinterließ Partnerin samt kleinen Kindern in einer psychischen Krise sich selbst. Noam Chomsky fantasierte über Epsteins Insel. Victor Hugo – Les Misérables – kämpfte für die Armen und lebte bestens von Immobilienspekulation. Die Liste ist so furchtbar lang.
Louisa May Alcott verfasste mit Little Women (1868/69) einen frühen Bestseller der englischsprachigen Weltliteratur, der nicht anders zu lesen war als ein konservatives Monument selbstloser weiblicher Hingabe. Sie selbst aber führte ein ausgesprochen emanzipiertes und unabhängiges Leben. J. R. R. Tolkiens Der Herr der Ringe ist wiederum ein in mancherlei Hinsicht erzkonservativer Plot, der aber von vielen gerade in jüngerer Zeit als progressive David-Goliath-Geschichte oder antifaschistische Manifestation verstanden wird.
Und damit sind wir noch gar nicht bei den paradigmatischen Wechselbälgern aus der Geschichte des gedruckten Worts: den Heiligen Schriften der textbasierten Weltreligionen, aus denen sich bekanntlich jeweils alles Mögliche herleiten lässt. Nicht nur im Fall der Christus-Saga reicht das Spektrum von der Hippie-Kommune à la Jesus-Freaks bis zum gestrengen Gottesstaat des Calvinismus.
Gerade das Widersprüchliche hebt uns von den Sprachmodellen ab
Ja, all das ist nicht so einfach. Oder doch? Ein Text ist zuerst ein Text. Er muss nicht von der Persönlichkeit der Menschen durchdrungen sein, die hinter ihm stehen. Er kann sich derselben entwinden. Und weiter: Das, was in ihm geschrieben steht, muss nicht identisch sein mit dem, was die Menschen aufgrund ihrer Erfahrung für sich aus ihm machen.
Dieses Feld des Unklaren ist es ja letztlich, was uns an Text so reizt. Und die Irrtümer, die Zufälligkeiten und Widersprüchlichkeiten, die daraus entstehen, sind ziemlich genau derjenige Zug unserer Kultur, den Sprachmodelle auch in Zukunft kaum simulieren können werden. Die KI kann Autoren fast beliebig imitieren. Doch was sie nicht kann, ist, sie sterben zu lassen.
erseits wird niemand mehr bestreiten, dass sich Texte von denen lösen können, die sie verfasst haben. Im Geflecht gesellschaftlicher Diskurse können sie ganz neue Bedeutungen erlangen.Doch andererseits fällt es uns so schwer wie nie, zwei Dinge zu akzeptieren: Dass nämlich erstens „böse“ Menschen „gute“, humanistische, fortschrittliche Texte schreiben können. Und dass es zweitens umgekehrt auch Texte gibt, die durchaus bösartige, engstirnige, fehlgeleitete Elemente enthalten, während sich gleichzeitig Menschen oder ganze Strömungen auf sie berufen, die im positiven Sinne wirksam sind.Dabei wimmelt es geradezu von Beispielen für beide dieser Fallgruppen. Orbáns Ungarn – war eine „Offene Gesellschaft“Ein aktuelles ist etwa das politologische Buch Die offene Gesellschaft und ihre Feinde von Karl Popper. Populär verstanden wird es als eine Art Manifest einer irgendwie mitfühlenden, integrativen, partizipatorischen und behutsamen Politik. Beispielhaft dafür steht etwa die Initiative Offene Gesellschaft, die seit 2016 in der Hauptstadt viele gute Dinge tut.Ihr Mission Statement: „Wir begleiten zivilgesellschaftliche Organisationen, engagierte Einzelne, Verwaltungen und politische Institutionen, die sich für Demokratie einsetzen, und gestalten gemeinsam die offene Gesellschaft. Unsere Stärken sind innovative Beteiligungsformate, praxisnahe Mitmach-Methoden und zeitgemäße Materialien für Dialog und politische Bildung.“Gegen nichts davon ist etwas einzuwenden, allen Beteiligten wünscht man das Beste. Doch mit dem, was der konservative und notorisch Utopie-ferne Autor Karl Popper unter seinem Schlagwort verstand, hat all das eher am Rande zu tun.Das Kernelement einer offenen Gesellschaft ist Popper zufolge lediglich ein Zustand des verfassten Sozialen, der einen Machtwechsel ohne Blutvergießen ermöglicht. Das viel gescholtene Ungarn der jüngeren Vergangenheit, dessen Langzeit-Anführer Viktor Orbán gerade ohne Umstände seine Niederlage anerkannt hat, war demnach nach Popper keine Autokratur. Sondern eine offene Gesellschaft.Kann man heute noch Rousseaus „Émile“ lesen?Was wir heute unter der offenen Gesellschaft verstehen, ist demnach ein progressives Missverständnis eines eigentlich konservativen, teils reaktionären Textes. Gerade umgekehrt ist es derweil bei Émile oder Über die Erziehung von Jean-Jacques Rousseau. Der einflussreichste Text des berühmten Aufklärungsphilosophen schildert eine naturnahe, zugewandte, bedürfnisorientierte Ideal-Erziehung eines Jungen zu einer verantwortungsvollen, ausgewogenen Persönlichkeit.Bei allen Abstrichen über die Jahrhunderte akzeptieren wir vieles, was in Émile beschrieben ist, bis heute als pädagogisch wertvoll oder zumindest gut gemeint. Beginnend damit, dass Rousseau mit als Erster die Kindheit als eine eigenständige, ernst zu nehmende Lebensphase betrachtet.Wird nun aber all das, was Rousseau schildert und fordert – etwa ein Verzicht auf damals gängige Bestrafungen von Kindern – angesichts seines eigenen Lebens zur Makulatur? Immerhin gab Rousseau nicht nur eines, sondern alle fünf Kinder, die er mit seiner Partnerin Thérèse Levasseur hatte, kurz nach der Geburt in ein Findelhaus. Im 18. Jahrhundert war das kein guter Ort. Hippie-Kommune und Gottesstaat können sich auf denselben Text berufenEin ähnlicher Fall ist auch Charles Dickens. Sein großer Roman Oliver Twist ist auch ein Manifest von Menschlichkeit, einfachem Familienglück und der Hinwendung an diejenigen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind. Doch der gleiche Dickens misshandelte seine Ehefrau Catherine in schlimmster Weise. Um mit einer jüngeren Geliebten ein neues Leben genießen zu können, versuchte er sogar, sie für geisteskrank erklären zu lassen. Hermann Hesse schrieb anregende Sinnsuche-Bücher und hinterließ Partnerin samt kleinen Kindern in einer psychischen Krise sich selbst. Noam Chomsky fantasierte über Epsteins Insel. Victor Hugo – Les Misérables – kämpfte für die Armen und lebte bestens von Immobilienspekulation. Die Liste ist so furchtbar lang.Louisa May Alcott verfasste mit Little Women (1868/69) einen frühen Bestseller der englischsprachigen Weltliteratur, der nicht anders zu lesen war als ein konservatives Monument selbstloser weiblicher Hingabe. Sie selbst aber führte ein ausgesprochen emanzipiertes und unabhängiges Leben. J. R. R. Tolkiens Der Herr der Ringe ist wiederum ein in mancherlei Hinsicht erzkonservativer Plot, der aber von vielen gerade in jüngerer Zeit als progressive David-Goliath-Geschichte oder antifaschistische Manifestation verstanden wird.Und damit sind wir noch gar nicht bei den paradigmatischen Wechselbälgern aus der Geschichte des gedruckten Worts: den Heiligen Schriften der textbasierten Weltreligionen, aus denen sich bekanntlich jeweils alles Mögliche herleiten lässt. Nicht nur im Fall der Christus-Saga reicht das Spektrum von der Hippie-Kommune à la Jesus-Freaks bis zum gestrengen Gottesstaat des Calvinismus. Gerade das Widersprüchliche hebt uns von den Sprachmodellen abJa, all das ist nicht so einfach. Oder doch? Ein Text ist zuerst ein Text. Er muss nicht von der Persönlichkeit der Menschen durchdrungen sein, die hinter ihm stehen. Er kann sich derselben entwinden. Und weiter: Das, was in ihm geschrieben steht, muss nicht identisch sein mit dem, was die Menschen aufgrund ihrer Erfahrung für sich aus ihm machen.Dieses Feld des Unklaren ist es ja letztlich, was uns an Text so reizt. Und die Irrtümer, die Zufälligkeiten und Widersprüchlichkeiten, die daraus entstehen, sind ziemlich genau derjenige Zug unserer Kultur, den Sprachmodelle auch in Zukunft kaum simulieren können werden. Die KI kann Autoren fast beliebig imitieren. Doch was sie nicht kann, ist, sie sterben zu lassen.