In Kürze:

  • Die Schließung von Eberswalder steht exemplarisch für die Wurstkrise in Deutschland.
  • Steigende Kosten, Preisdruck durch den Handel und sinkender Fleischkonsum belasten die Branche.
  • Zahlreiche Insolvenzen und Übernahmen zeigen einen tiefen Strukturwandel.
  • Politik, Nachhaltigkeitsanforderungen und veränderte Essgewohnheiten verschärfen die Lage weiter.

 

Ende Januar kam die Nachricht vom Insolvenzantrag der Eberswalder Wurst GmbH in Britz. Zum 28. Februar schließen die Tore des ostdeutschen Traditionsunternehmens, teilte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in einer Pressemitteilung mit. Die Gewerkschaft beruft sich hier auf eine Mitteilung der Geschäftsleitung des zu Tönnies gehörenden Betriebs. Über 500 Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz. Der Betrieb gehört seit 2023 zur „Zur Mühlen Gruppe“, der Wurstwarensparte des Fleischkonzerns Tönnies.

Die Gewerkschaft NGG kritisiert die Entscheidung scharf und wirft Tönnies vor, bewusst auf „Aufkaufen und Schließen“ zu setzen, um Marktanteile zu sichern. Versprochene Investitionen seien ausgeblieben, stattdessen sei der Betrieb „auf Verschleiß gefahren“ worden. Für die Traditionsmarke und die Region sei die Schließung ein schwerer Schlag.

Zwar wurde ein Sozialplan ausgehandelt, dieser gilt laut NGG als unzureichend. Die Gewerkschaft sieht zudem ein rechtliches Schlupfloch ausgenutzt: Nach dem Betriebsverfassungsgesetz können Unternehmen in den ersten vier Jahren nach Gründung von Sozialplanpflichten ausgenommen sein – eine Regelung, die hier nach der Übernahme durch Tönnies angewendet wurde. Die NGG fordert deshalb politisches Eingreifen, um solche Fälle künftig zu verhindern und Industriearbeitsplätze besser zu schützen.

Was die Gewerkschaft allerdings in ihrer Mitteilung unter den Tisch fallen lässt: Die Werksschließung im brandenburgischen Britz ist längst kein Einzelfall mehr. Hochkonjunktur für Wurst ist schon lange nicht mehr. Was in Brandenburg deutlich wird, ist das finale Stadium einer toxischen Mischung aus explodierenden Vorleistungskosten, einem ruinösen Preiskrieg im Lebensmitteleinzelhandel und Rahmenbedingungen in Deutschland, die dem Mittelstand seit Jahren zu schaffen machen. Die „Wurstkrise“ ist kein regionaler brandenburgischer Betriebsunfall, sondern die Zäsur einer ganzen Branche.

Sieben Insolvenzen oder Aufkäufe im letzten Jahr

Im vergangenen Jahr mussten gleich sieben deutsche Wursthersteller Insolvenz anmelden oder sich von Konzernen aufkaufen lassen. Anfang 2025 stellte die ThüFleiWa aus Apolda in Thüringen einen Insolvenzantrag. Die Geschäftsleitung wollte in Eigenverwaltung das Insolvenzverfahren zur Restrukturierung ihres Unternehmens nutzen, kann man der damaligen Pressemitteilung der Insolvenzverwalter „Kulitzscher & Ettelt“ lesen. Das Amtsgericht Erfurt stimmte dem Verfahren zu. Erfolgreich war es am Ende allerdings nicht.

Weniger Monate später kaufte die EWU Thüringer Wurst und Spezialitäten GmbH das Unternehmen in Apolda auf, das seit über 100 Jahren Fleisch- und Wurstwaren herstellt. Allerdings kaufte die EWU nur den Markennamen und die Verkaufsfilialen samt deren Personal. Die Herstellung in Apolda gibt es heute nicht mehr.

Schon im Dezember 2024 meldete die Halberstädter Konserven (Halko) aus Sachsen-Anhalt, eine Tochter der Halberstädter Würstchen, ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung an, berichtete damals das Portal „Lebensmittel Praxis“. Das Unternehmen war im April 2024 nach dem Insolvenzverfahren der Muttergesellschaft Halberstädter Würstchen entstanden.
Im Februar 2025 meldete dann Meisters Wurst und Fleischwaren aus Sachsen Insolvenz an. Wie das Portal „top agrar“ dann im Mai vergangenen Jahres meldete, sei es laut dem Insolvenzverwalter wegen der Überkapazität am Markt, hoher Preise und der entsprechenden Zurückhaltung möglicher Investoren nicht gelungen, einen Übernehmer zu finden. Der Betrieb musste schließen.
Im September letzten Jahres auch der zweitgrößte deutsche Wurstproduzent „The Family Butchers“ aus Nordrhein-Westfalen von der Premium Food Group übernommen. So nennt sich seit 2024 die Tönnies Gruppe, der größte Fleischverarbeiter in Deutschland.
Im Oktober 2025 waren gleich zwei deutsche Wursthersteller betroffen. Der Traditionsbetrieb Dieter Hein aus Niedersachsen musste Insolvenz anmelden. Außerdem kaufte die englische Morliny Foods Holding den bayerischen Wurstspezialisten Wolf Essgenuss GmbH auf.
Im November traf es dann den Schinkenspezialisten Hermann Wein aus Baden-Württemberg. Das Unternehmen wurde vom Schweizer Marktführer für Fleischwaren, der Bell Food Group, aufgekauft.

Nicht Partner sondern Bittsteller

Um die Krise der Wursthersteller in Deutschland zu verstehen, muss man seinen Blick auf die Machtverhältnisse im deutschen Lebensmittelmarkt richten. Im September hat das Bundeskartellamt ihre Sektoruntersuchung „Nachfragemacht im Lebensmitteleinzelhandel“ vorgelegt. Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes, kam damals zum Ergebnis:

Der Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland ist ein stark konzentrierter Markt. Edeka, Rewe, Aldi sowie die Schwarz Gruppe mit den Lidl-Märkten und Kaufland stehen für rund 85% des Marktes.

Auch die Monopolkommission beschreibt in ihrem Sondergutachten zum Wettbewerb in der Lebensmittellieferkette den zunehmenden Konzentrationsprozess im Lebensmitteleinzelhandel als Entwicklung, die primär den Druck auf Zulieferer deutlich verstärkt.

Die Marktmacht großer Handelsgruppen habe „zulasten der Verbraucherinnen und Verbraucher“ zugenommen, während landwirtschaftliche Betriebe und Hersteller stärker unter Abhängigkeiten gerieten und weiterhin den Risiken des Weltmarkts ausgesetzt seien.

Weil der Handel seine Aktivitäten zunehmend auf die Herstellung ausdehnt und teilweise direkt mit landwirtschaftlichen Betrieben verhandelt, verschiebt sich das Kräfteverhältnis entlang der Lieferkette weiter zuungunsten der Zulieferer. Deren Verhandlungsposition schwäche sich, während steigende Gewinnmargen im Handel erzielt werden.

Die Kommission warnt, dass der Wettbewerb auf Hersteller- und Landwirtschaftsebene dadurch weiter abnimmt, und fordert strengere Fusionskontrollen sowie eine konsequentere Durchsetzung von Regeln gegen Machtmissbrauch, um die Position der Zulieferer zu stabilisieren.

Die Marktmacht der großen Vier

Auf die Wurstindustrie heruntergebrochen bedeutet das, in den jährlich stattfindenden Konditionsverhandlungen mit den „Big Four“ Edeka, Rewe, Aldi und der Schwarz-Gruppe (Lidl/Kaufland) wird mit harten Bandagen gekämpft. Die Einkäufer der großen Ketten wissen genau, dass ein Auslistungsbescheid für einen spezialisierten Hersteller wie Eberswalder Würstchen das sofortige Todesurteil bedeuten kann. Sie kämen nicht mehr in den Supermärkten der jeweiligen Kette vor. Man ist also weniger Partner, man ist ein Bittsteller. Während die Rohstoffpreise volatil schwanken, fordern die Discounter stabile „Dauertiefpreise“.

Das Ergebnis dieser Marktpraxis ist eine ungleiche Risikoverteilung: Das volle Risiko der Preissteigerungen in der Lieferkette trägt der Produzent. Die Wurstindustrie wird also, wie viele andere Branchen auch, zwischen steigenden Erzeugerpreisen und gnadenlosen Handelskonditionen zerquetscht.

Die Monopolkommission fasst deutlich zusammen:

„Landwirtschaftliche Betriebe stehen von vielen Seiten unter Druck. Zum einen müssen sie steigende gesellschaftliche Anforderungen an Nachhaltigkeit, Tierwohl und Umweltschutz erfüllen. Zum anderen müssen sie mit Einnahmerisiken umgehen … .“

Fleischwirtschaft schaut mit Sorge in die Zukunft

Die Fleischwirtschaft stellt sich laut aktuellem „Branchenecho“ auf ein dauerhaft schwieriges Marktumfeld ein und reagiert mit Investitionen in Effizienz, Automatisierung und Digitalisierung. Hohe Produktionskosten, Überkapazitäten und eine volatile Nachfrage prägen weiterhin die Lage; das konjunkturelle Klima bewerten die befragten Unternehmen nur mit 4,29 von 10 Punkten. Besonders belastend ist, dass 86 Prozent gestiegene Kosten kaum an den Handel weitergeben können und zwei Drittel ihre Auslastung als unzureichend einschätzen. Zugleich wächst der Druck durch preisorientierte Konsumenten, während höhere Tierwohlstandards und Convenience zwar an Bedeutung gewinnen, neue Kennzeichnungen aber kaum als kaufentscheidend gelten.

Für die kommenden Monate sehen die Unternehmen vor allem drei Risiken: sinkenden Konsum, Fachkräftemangel und Inflation. Viele rechnen mit weiter rückläufigem Schweinefleischverbrauch, planen Kapazitätsanpassungen oder prüfen Standortentscheidungen. Gleichzeitig gewinnt das Auslandsgeschäft an Gewicht. Insgesamt zeigt sich eine Branche im Umbruch, die zwischen Kostendruck, strukturellem Wandel und technischer Modernisierung um ihre künftige Wettbewerbsfähigkeit ringt.

Fleischkonsum sinkt seit Jahren

Neben den wirtschaftlichen Problemen verändert vor allem der gesellschaftliche Wandel die Lage der Fleischbranche. Fleisch, insbesondere Wurst, hat für viele Verbraucher an Selbstverständlichkeit verloren. Der Pro-Kopf-Verbrauch sinkt seit Jahren. Nach Angaben des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat lag der jährliche Fleischverbrauch, also Schwein, Rind und Geflügel, 2019 pro Kopf bei 58,5 Kilogramm. 2024 lag er dann nur noch bei 53,2 Kilogramm. Besonders Hühnerfleisch war beliebter, während der Verzehr an Schweinefleisch in den vergangenen Jahren nahezu stagnierte.
Investoren bewerten die Fleischbranche zunehmend kritischer und beziehen Nachhaltigkeits- und Klimarisiken stärker in Finanzierungsentscheidungen ein. So analysiert etwa der „FAIRR-Index“ große Fleisch- und Proteinunternehmen gezielt nach ESG-Faktoren, um Investoren Daten für „ihre Investitionsentscheidungen und Engagementstrategien“ bereitzustellen.
Auch aus Sicht der Finanzmärkte gilt die intensive Tierhaltung zunehmend als Risikosektor: In dem Investorenbericht „Appetite for Change: The search for sustainability“ des Vermögensverwalters Invesco werden börsennotierte Unternehmen der intensiven Tierhaltung ausdrücklich als „high risk“ eingeordnet. Wörtlich heißt es dort mit Bezug auf den FAIRR Index:

„Die Ausgabe 2021 des wegweisenden Protein Producer Index von FAIRR stufte Dutzende börsennotierte Unternehmen aus der intensiven Tierhaltung im Hinblick auf eine Reihe von ESG-Faktoren als „hoch riskant“ ein. Die 60 untersuchten Unternehmen hatten zum Zeitpunkt der Analyse zusammen einen Wert von rund 360 Milliarden US-Dollar.“

Der Bericht bezieht sich auf börsennotierte Unternehmen der Tierhaltung in Europa (EMEA-Region) und damit auch auf den deutschen Markt und die dort aktiven Fleisch- und Agrarkonzerne.

Spannungsfeld Politik, Kosten und Preis

Hinzu kommt die politische Dimension. Höhere Anforderungen an Tierwohl, Herkunft und Nachhaltigkeit sind gesellschaftlich gewollt, machen die Produktion aber teurer. Viele Landwirte reduzieren deshalb ihre Tierbestände, weil sich etwa Schweinemast oft kaum noch rechnet.

 

Statista schrieb zu den Gründen im Juli letzten Jahres:

„Der Rückgang ist das Ergebnis mehrerer Entwicklungen: Strengere Umwelt- und Tierschutzauflagen machen die Haltung aufwendig und teuer. Betriebsaufgaben kleiner und mittlerer Höfe beschleunigen den Strukturwandel. Zudem führen veränderte Ernährungsgewohnheiten zu sinkendem Fleischkonsum.“

Für Verarbeiter bedeutet das: Regionales Fleisch wird knapper und teurer. Die Preissteigerungen lassen sich im harten Wettbewerb des Handels aber nur begrenzt weitergeben. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen politischen Zielen, wirtschaftlicher Realität und preissensiblen Konsumenten. Das ist ein Strukturwandel, der die gesamte Branche erfasst. Die Wurstindustrie bekommt diesen Wandel besonders deutlich zu spüren, denn sie steht exemplarisch für eine Branche, die zwischen Kostendruck, veränderten Essgewohnheiten und wachsender Kritik an der Fleischproduktion ihren Platz neu finden muss.



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