Lange hatte Donald Trump gefordert, die Epstein-Files zu veröffentlichen. Dann begann er plötzlich zu mauern. Nun liegt der Datenwust tatsächlich vor: ein Sieg über den Potentaten im Weißen Haus? Drei erste Schlüsse aus dem Akten-Dump


„Die Zone“ ist jetzt gründlich mit Shit geflutet

Foto: Marun Bureau/AFP/Getty Images


1. Die Veröffentlichung solcher Akten ist nicht per se progressiv

Im nicht-geschwärzten Teil der Epstein-Akten überwiegen nach bisherigem Eindruck die „nur“ peinlich-ekelhaften Funde die potenziell strafbaren. Dennoch dokumentieren diese Akten ein massives Rechtsstaats-Versagen, das hauptsächlich die Ära von Barack Obama betrifft: Noch Jahre nach Jeffrey Epsteins einschlägiger Verurteilung im Jahr 2008 feiern und planen hier reiche und mächtige Männer unverblümt die sexuelle Ausbeutung sehr junger Frauen, Jugendlicher und Kinder.

Offenbar vertrauten diese Leute darauf, dass die scharfen US-amerikanischen Gesetze für solche Straftaten für sie nicht gälten – und lagen mit dieser Wette sehr lange richtig. So mag man umgekehrt hoffen, dass die Veröffentlichung der Akten auf den Rechtsstaat einen heilenden Effekt hat: Ähnlich wie „Me too“ könnte der Mega-Skandal um diese Akten Ermittler und Justiz weit über die Vereinigten Staaten hinaus motivieren, in solchen Fällen genauer hinzuschauen und Aussagen oder Indizien ernster zu nehmen.

Dennoch hat die Genugtuung, mit dem sich nun gerade progressive Kreise über diese Akten beugen, auch eine irritierende Seite. Gerade in Zeiten, in denen der Rechtsstaat vielfach unter Druck steht, darf sich eine gesellschaftliche Linke nicht etwa die Forderung nach einer routinemäßigen Veröffentlichung solcher Ermittlungsakten angewöhnen. Zur innerlichen Festigung kann hier die Geschichte dieses staatlichen Super-Leaks beitragen: Bevor Donald Trump aus bekannten Gründen zu mauern begann, war „release the files“ eine Hauptparole der MAGA-Rechten während der Amtszeit von Joe Biden. Es ging darum, Futter für das „Volksempfinden“ über die formale Mechanik des Rechtsstaates zu stellen.

2. „Die Zone“ ist jetzt gründlich mit Shit geflutet

Die Akten sind ein aberwitziger Datenwust. Es geht um Millionen Dateien und verschiedenste Genres: Quellen wie Fotos, Videos, E-Mails und Nachrichten, die mal Relevantes und mal Abseitiges verhandeln oder aber über Dritte sprechen, stehen ungeordnet neben ergänzenden, deutenden oder spekulierenden Sekundärmaterialien in Form von Memos, Notizen und Ermittlungseinschätzungen. Zudem sind die Akten zu erheblichen Teilen nach undurchsichtigen Kriterien geschwärzt. Was könnte also schiefgehen, wenn sich millionenfach Hobbyermittler, Skandal-Rechercheurinnen und aktivistische Kreise mittels Wortfindungsprogrammen durch diese Schmutzlawine graben?

Einen Hinweis gibt ein neues News-Genre, das in den USA und zunehmend auch anderswo durch soziale Medien zu geistern beginnt: eine Art Epstein-Ranking, das Menschen anhand der Zahl – nicht Art – ihrer „Erwähnungen“ misst. Zudem erschafft der Daten-Dump eine Atmosphäre, die zu Fakes geradezu einlädt: Die liberale Moderatorin Oprah Winfrey etwa war nicht auf Epsteins Privatinsel, doch die virale Behauptung wird zigtausendfach geglaubt. Musste man wirklich wissen, dass sich Frankreichs Kulturpolitik-Legende Jack Lang von Epstein aushalten ließ oder welche peinlichen Nachrichten ihm Noam Chomsky oder Prinzessin Mette Marit schickten, um zu verstehen, wie Elite funktioniert?

Weder vom Stammtisch noch Journalismus kann man erwarten, mit einem Datensatz dieser Art sinnvoll, gar verantwortlich umzugehen. Das selbstverstärkende Tremolo der Epstein-News erinnert an das berühmte Motto des früheren Trump-Einflüsterers Steve Bannon, auch wenn der seinerseits auf einen hohen Epstein-Score kommt: Es flutet „the zone with shit“, während hinter den Kulissen des Weißen Hauses etwa ein Machtkampf zwischen „Primatisten“, „Priorisierern“ und „Restrainern“ (Marc Saxer) um die Ausrichtung der amerikanischen Außenpolitik tobt, der uns alle dringend interessieren sollte.

3. Der Putinismus wird zur Zivilreligion

Unter „Putinismus“ versteht man bisher Positionen oder Personen, die dem russischen Präsidenten nicht konsequent genug gegenüberstünden. Spätestens die Reaktionen auf die jüngste Epstein-Datenlawine legen aber eine neue Begriffsbestimmung nahe: „Putinismus“ ist der Hang verunsicherter liberaler Öffentlichkeiten, hinter bösartigen oder unerklärlichen Erscheinungen den Moskauer Gottseibeiuns zu erblicken.

„War Epstein ein Putin-Agent?“ – das fragen jetzt dementsprechend die Medien von NZZ bis taz. Doch ihre „Funde“ sind vage und widersprüchlich. Da mutmaßt eine anonyme Akten-Notiz, er habe Putins Vermögen verwaltet, doch gibt es auch Hinweise auf eher verzweifelte Avancen Richtung Kreml. Einmal versuchte er, über den britischen Ex-Politiker Peter Mandelson ein Russland-Visum zu bekommen. Warum, wenn er doch Putins Honigfallen-Mastermind war?

Offenbar suchte Epstein systematisch Verbindungen in die außergesetzlichen Halbwelten der „Sicherheitscommunity“. In Quersumme des bislang Kolportierten sind tatsächliche Kontakte aber eher Richtung Israel und in den USA selbst plausibel. Die Engführung auf Putin riecht nach ideologischem Überhang, zumal sie Trump so gern gleich mitverarztet. Ein Akronym ist schon geboren: PET, „Putin-Epstein-Trump“. Manche Multiplikatoren dieser Zivilreligion mögen an die Dreifaltigkeit des Bösen glauben, etwa der meinungsstarke Historiker Timothy Snyder. Polens eigentlich nüchterner Premier Donald Tusk hingegen könnte seine Dienste eher aus populistischen Motiven so öffentlichkeitswirksam auf PET angesetzt haben.

Das Resultat aber wird das gleiche sein wie bei anderen Putinismus-Episoden – von „Russia-Gate“ über die Messer-Angriffe im Deutschland des Jahres 2024 bis hin zum Mysterium der Berliner „Vulkangruppen“: Je länger man draufschaut, desto weniger ist drin – aber ein „da war doch was“ bleibt sicher hängen. Sind wir übrigens sicher, dass Putin nicht auch das Glatteis-Wetter im Januar 2026 gemacht hat? Das Schweizer Junge-Leute-mit-Haltung-Portal Watson hat da gewisse Hinweise!

ichtig. So mag man umgekehrt hoffen, dass die Veröffentlichung der Akten auf den Rechtsstaat einen heilenden Effekt hat: Ähnlich wie „Me too“ könnte der Mega-Skandal um diese Akten Ermittler und Justiz weit über die Vereinigten Staaten hinaus motivieren, in solchen Fällen genauer hinzuschauen und Aussagen oder Indizien ernster zu nehmen.Dennoch hat die Genugtuung, mit dem sich nun gerade progressive Kreise über diese Akten beugen, auch eine irritierende Seite. Gerade in Zeiten, in denen der Rechtsstaat vielfach unter Druck steht, darf sich eine gesellschaftliche Linke nicht etwa die Forderung nach einer routinemäßigen Veröffentlichung solcher Ermittlungsakten angewöhnen. Zur innerlichen Festigung kann hier die Geschichte dieses staatlichen Super-Leaks beitragen: Bevor Donald Trump aus bekannten Gründen zu mauern begann, war „release the files“ eine Hauptparole der MAGA-Rechten während der Amtszeit von Joe Biden. Es ging darum, Futter für das „Volksempfinden“ über die formale Mechanik des Rechtsstaates zu stellen.2. „Die Zone“ ist jetzt gründlich mit Shit geflutetDie Akten sind ein aberwitziger Datenwust. Es geht um Millionen Dateien und verschiedenste Genres: Quellen wie Fotos, Videos, E-Mails und Nachrichten, die mal Relevantes und mal Abseitiges verhandeln oder aber über Dritte sprechen, stehen ungeordnet neben ergänzenden, deutenden oder spekulierenden Sekundärmaterialien in Form von Memos, Notizen und Ermittlungseinschätzungen. Zudem sind die Akten zu erheblichen Teilen nach undurchsichtigen Kriterien geschwärzt. Was könnte also schiefgehen, wenn sich millionenfach Hobbyermittler, Skandal-Rechercheurinnen und aktivistische Kreise mittels Wortfindungsprogrammen durch diese Schmutzlawine graben?Einen Hinweis gibt ein neues News-Genre, das in den USA und zunehmend auch anderswo durch soziale Medien zu geistern beginnt: eine Art Epstein-Ranking, das Menschen anhand der Zahl – nicht Art – ihrer „Erwähnungen“ misst. Zudem erschafft der Daten-Dump eine Atmosphäre, die zu Fakes geradezu einlädt: Die liberale Moderatorin Oprah Winfrey etwa war nicht auf Epsteins Privatinsel, doch die virale Behauptung wird zigtausendfach geglaubt. Musste man wirklich wissen, dass sich Frankreichs Kulturpolitik-Legende Jack Lang von Epstein aushalten ließ oder welche peinlichen Nachrichten ihm Noam Chomsky oder Prinzessin Mette Marit schickten, um zu verstehen, wie Elite funktioniert?Weder vom Stammtisch noch Journalismus kann man erwarten, mit einem Datensatz dieser Art sinnvoll, gar verantwortlich umzugehen. Das selbstverstärkende Tremolo der Epstein-News erinnert an das berühmte Motto des früheren Trump-Einflüsterers Steve Bannon, auch wenn der seinerseits auf einen hohen Epstein-Score kommt: Es flutet „the zone with shit“, während hinter den Kulissen des Weißen Hauses etwa ein Machtkampf zwischen „Primatisten“, „Priorisierern“ und „Restrainern“ (Marc Saxer) um die Ausrichtung der amerikanischen Außenpolitik tobt, der uns alle dringend interessieren sollte.3. Der Putinismus wird zur ZivilreligionUnter „Putinismus“ versteht man bisher Positionen oder Personen, die dem russischen Präsidenten nicht konsequent genug gegenüberstünden. Spätestens die Reaktionen auf die jüngste Epstein-Datenlawine legen aber eine neue Begriffsbestimmung nahe: „Putinismus“ ist der Hang verunsicherter liberaler Öffentlichkeiten, hinter bösartigen oder unerklärlichen Erscheinungen den Moskauer Gottseibeiuns zu erblicken.„War Epstein ein Putin-Agent?“ – das fragen jetzt dementsprechend die Medien von NZZ bis taz. Doch ihre „Funde“ sind vage und widersprüchlich. Da mutmaßt eine anonyme Akten-Notiz, er habe Putins Vermögen verwaltet, doch gibt es auch Hinweise auf eher verzweifelte Avancen Richtung Kreml. Einmal versuchte er, über den britischen Ex-Politiker Peter Mandelson ein Russland-Visum zu bekommen. Warum, wenn er doch Putins Honigfallen-Mastermind war?Offenbar suchte Epstein systematisch Verbindungen in die außergesetzlichen Halbwelten der „Sicherheitscommunity“. In Quersumme des bislang Kolportierten sind tatsächliche Kontakte aber eher Richtung Israel und in den USA selbst plausibel. Die Engführung auf Putin riecht nach ideologischem Überhang, zumal sie Trump so gern gleich mitverarztet. Ein Akronym ist schon geboren: PET, „Putin-Epstein-Trump“. Manche Multiplikatoren dieser Zivilreligion mögen an die Dreifaltigkeit des Bösen glauben, etwa der meinungsstarke Historiker Timothy Snyder. Polens eigentlich nüchterner Premier Donald Tusk hingegen könnte seine Dienste eher aus populistischen Motiven so öffentlichkeitswirksam auf PET angesetzt haben.Das Resultat aber wird das gleiche sein wie bei anderen Putinismus-Episoden – von „Russia-Gate“ über die Messer-Angriffe im Deutschland des Jahres 2024 bis hin zum Mysterium der Berliner „Vulkangruppen“: Je länger man draufschaut, desto weniger ist drin – aber ein „da war doch was“ bleibt sicher hängen. Sind wir übrigens sicher, dass Putin nicht auch das Glatteis-Wetter im Januar 2026 gemacht hat? Das Schweizer Junge-Leute-mit-Haltung-Portal Watson hat da gewisse Hinweise!



Source link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert