Die Debatte um eine nationale strategische Gasreserve markiert keinen Aufbruch, sondern den Offenbarungseid einer Energiepolitik, die ihre eigenen Risiken systematisch verdrängt hat. Wenn heute sowohl die Bundesnetzagentur als auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft eine staatliche Reserve fordern, dann ist das weniger Vorsorge als Schadensbegrenzung im letzten Moment.
Gas leer
Die Lage ist ernst. Mit Füllständen von rund 30 Prozent leeren sich die deutschen Gasspeicher in alarmierendem Tempo. Im Vergleich zu den Vorjahren ist das kein saisonaler Effekt, sondern Ausdruck struktureller Fehlentscheidungen. Kerstin Andreae spricht von einem notwendigen Puffer gegen externe Schocks, Klaus Müller sekundiert – und beschwichtigt zugleich. Diese Gleichzeitigkeit von Alarmruf und Entwarnung entlarvt die innere Widersprüchlichkeit der aktuellen Linie.
Besonders grotesk wirkt die Situation vor dem Hintergrund der letzten Jahre: Atomausstieg, Kohleausstieg, der abrupte Verzicht auf russisches Pipelinegas – alles ohne tragfähige Alternative. Wirtschaftsminister Robert Habeck steht exemplarisch für einen Kurs, der Ideologie über Versorgungssicherheit stellte. Andere Länder haben längst strategische Reserven aufgebaut, Deutschland vertraute auf den Markt – und auf LNG.
Doch genau hier liegt das nächste Risiko. Die starke Abhängigkeit von US-Flüssiggas macht die Versorgung wetter- und geopolitisch verwundbar. In einem harten Winter könnten Engpässe Realität werden, mit gravierenden Folgen für Industrie und Wohlstand.
Eine strategische Gasreserve mag kurzfristig helfen. Langfristig aber braucht es eine nüchterne Rückbesinnung auf grundlastfähige Energie und echte Diversifizierung. Alles andere bleibt politisches Improvisieren – auf Kosten der Bürger.