Im Gespräch mit dem unabhängigen Journalisten und geopolitischen Analysten Pepe Escobar warnt dieser vor einer gefährlichen Eskalation im Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Trotz massiver militärischer Drohungen und einer Seeblockade beharrt Teheran auf seinen Kernforderungen – unterstützt von einer überraschend engen Allianz mit Russland.
Iran trotzt Trump: Eskalation am Golf – und ein Imperium ohne Ausweg
Die Lage im Nahen Osten spitzt sich dramatisch zu. In der Nacht leuchteten Flugabwehrgeschütze am Himmel über Teheran auf, während US-Präsident Donald Trump laut Medienberichten Optionen für Militärschläge gegen den Iran prüfen ließ. Doch Teheran lässt sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil: Der Iran verfolgt eine Drei-Stufen-Diplomatie, die Washington vor die Wahl stellt – und die Trump bislang strikt abgelehnt hat.
Die iranische Drei-Stufen-Strategie
Der iranische Außenminister Abbas Araghchi absolvierte in dieser Woche eine minutiös geplante diplomatische Tournee durch Islamabad, Maskat und St. Petersburg. Das Ziel: ein vermittelter Friedensplan mit drei zentralen Forderungen. Erstens die Beendigung aller Kriege – nicht nur des direkten Konflikts zwischen den USA und dem Iran, sondern auch der Angriffe auf die gesamte Achse des Widerstands, einschließlich Hisbollah, Jemen und den Milizen im Irak. Zweitens eine grundlegende Neugestaltung der rechtlichen Ordnung für die Straße von Hormus. Und erst als dritter Schritt die Verhandlung über das iranische Atomprogramm.
„Das ist der grafische Beweis für die amerikanische strategische Niederlage“, kommentiert Escobar. Trump habe „null Karten zu spielen“ außer der Aufrechterhaltung der Seeblockade. Sein einziges Ziel sei ein neues Atomabkommen – faktisch eine verwässerte Version des JCPOA, das er selbst 2018 aufgekündigt hatte.
Putin setzt ein Zeichen
Besonders bemerkenswert: Aragchis Besuch in St. Petersburg. Dort wurde er nicht nur von Außenminister Lawrow empfangen, sondern persönlich von Präsident Wladimir Putin für anderthalb Stunden. „Putin gibt Staatsoberhäuptern normalerweise nicht mehr als 30 bis 45 Minuten“, betont Escobar. Die außergewöhnliche Länge des Gesprächs deute auf eine „sehr, sehr ernste Diskussion“ hin.
Noch folgenreicher: Putin rief Trump unmittelbar danach selbst an – ebenfalls für mehr als anderthalb Stunden. Laut Escobar machte der Kremlchef dem US-Präsidenten unmissverständlich klar, dass eine Rückkehr zum Krieg „inakzeptabel“ sei und nicht nur den Iran, sondern die gesamte Region mit den arabischen Monarchien am Persischen Golf mit hineinziehen würde. Trump habe das Memo offenbar nicht verstanden: Stattdessen ließ er sich von den Vereinten Stabschefs und dem Kommandeur des US-Zentralkommandos (Centcom) Optionen für den „Endschlag“ präsentieren.
Die Blockade als „Netflix-Fantasie“
Die von Washington angeordnete Seeblockade der iranischen Ölexporte entpuppt sich nach Einschätzung Escobars als weitgehend wirkungslos. Die US-Zerstörer seien weit entfernt im südlichen Indischen Ozean stationiert, teils in der Nähe Sri Lankas oder sogar nahe der Straße von Malakka. „Die Amerikaner haben nicht die Courage, einen chinesischen Tanker im Arabischen Meer zu blockieren“, so Escobar. Iranische Schiffe navigieren dicht an den Hoheitsgewässern des Iran und Pakistans vorbei – eine Taktik, die Washington nicht durchkreuzen könne.
Zudem hat Pakistan in dieser Woche sechs Landkorridore in Betrieb genommen. „Was ist der kürzeste Weg zwischen Iran und China? Was liegt dazwischen? Pakistan, mit exzellenten Beziehungen zu beiden“, erklärt Escobar. Öl und Güter könnten auch über die Schienenverbindung durch Zentralasien nach Xinjiang transportiert werden. „Diese Leute in Washington sind nicht sehr vertraut mit Landkarten Eurasiens.“
Gefahr der Eskalation
Trotz der offensichtlichen strategischen Schwäche der US-Position bleibt die Lage äußerst gefährlich. Trump stehe unter massivem Druck und sei zugleich psychologisch unfähig, eine Niederlage einzugestehen. „Tief in seinem Unterbewusstsein weiß er, dass er es verbockt hat und es keinen Weg zurück gibt“, analysiert Escobar. Die vom Militär präsentierten Optionen für den „Endschlag“ seien „absolut grauenhaft“ und umfassten Angriffe auf zivile Infrastruktur sowie erneute Dezimierungsversuche gegen die iranische Führung.
Die iranische Antwort auf weitere Angriffe wäre verheerend. „Es braucht nur eine Rakete, die einen amerikanischen Flugzeugträger versenkt“, warnt Escobar. Alle iranischen Stellen – vom Parlament über die Revolutionsgarden bis zu unabhängigen Analysten – signalisierten einhellig: „Wir werden nicht nachgeben. Wir gehen bis zum Ende.“
GCC-Bruch und Petro-Dollar-Krise
Die Kriegsfolgen erschüttern bereits die politischen Strukturen der Region. Die Golf-Kooperationsrat (GCC) sei „irreparabel gespalten“. Während Oman und Katar realpolitisch agierten und Saudi-Arabien um eine diplomatische Lösung bemüht sei, habe die Vereinigten Arabischen Emirate unter Kronprinz Mohammed bin Zayed (MBZ) eine gefährliche Wette auf die Seite der USA und Israels eingegangen. Der jüngste Austritt der VAE aus OPEC diene allein dem Ziel, die eigene Ölförderkapazität von derzeit 3,4 auf bis zu 5 Millionen Barrel pro Tag steigern zu können – zum Schaden der übrigen Mitglieder und zugunsten der asiatischen Kunden China, Japan und Indien.
MBZ strebe faktisch eine „arabische Version Israels“ an, so Escobar. Doch der Iran werde dies nicht hinnehmen: „Fudschaira, das Ölterminal der VAE, wird nicht mehr sicher sein.“ Ein einziger Angriff könne MBZs Pläne vollständig zunichtemachen.
Parallel beschleunigt sich der globale Wegbruch vom US-dominierten Finanzsystem. Die Vernetzung der QR-Code-Zahlungssysteme zwischen China und Indonesien, die Expansion von Union Pay und Alipay in ganz Asien sowie die Koordination alternativer Zahlungssysteme zwischen China, Russland und Iran zeichnen das Bild einer neuen multipolaren Wirtschaftsordnung. „Visa und Mastercard werden Stück für Stück vom Markt verdrängt“, resümiert Escobar. „Das ist die Zukunft, und dagegen können die Amerikaner absolut nichts tun.“
Fazit
Der Konflikt um den Iran markiert nach Ansicht Escobars eine Zäsur der Weltgeschichte. „Das ist der Krieg, der das 21. Jahrhundert geopolitisch definiert“, sagt er. Ein Land, das 47 Jahre unter Sanktionen gelitten und bewusst von den USA verarmt worden sei, habe es geschafft, „sich gegen alle Widrigkeiten zu organisieren und seine Unabhängigkeit, seine Souveränität und militärisch alles zu absorbieren, was gegen es gerichtet wurde“. Das alles mit einheimischer Technologie – „made in Iran“.
Die Parallele zur vietnamesischen Widerstandsbewegung von 1975 liege auf der Hand: „Derselbe Geist – Widerstand, Souveränität, gegen alle Widrigkeiten bis zum Ende.“ Die strategische Niederlage der USA sei bereits in den ersten zehn Tagen des Krieges besiegelt gewesen. Die Frage sei nun, wie lange ein psychologisch überforderter Präsident die Welt noch als Geisel seiner Volatilität halten werde.