Lässt sich ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch mit der Bibel begründen? Im Allgemeinen sagt man: Absolut nicht, nein. Dies ist regelmäßig einer der Punkte, an dem eine progressive Hinwendung an die christliche Religion endet; selbst beim verstorbenen Armen-Papst Franziskus war das nicht anders.

James Talarico würde dieses Nein freilich nicht einfach stehen lassen. Der junge texanische Politiker, der unter anderem ein theologisches Seminar der Presbyterianer durchlaufen hat, erinnert hier gern an Mariä Verkündigung: Hat nicht der Erzengel Gabriel bei der Muttergottes vor der unbefleckten Empfängnis höflich nachgefragt, ob sie das Christkind denn zur Welt bringen wolle? Lässt sich das nicht als ein Vermächtnis verstehen, nach dem keine Frau gegen ihren Willen ein Kind gebären müsse?

Progressiv in christlicher Sprache – eine Gefahr für den MAGA-Fundamentalismus

Zugegeben: Nach so gut wie allen Lehrmeinungen ist dieser theologische Befund wohl eher originell. Doch der erst 36 Jahre alte Talarico gilt in den USA als bei weitem nicht so randständig wie diese Bibeldeutung. Im März hat das Mitglied des texanischen Staatsparlaments die demokratischen Vorwahlen für die Kandidatur um einen Senatssitz gewonnen; seine Widersacherin war von der früheren Vizepräsidentin Kamala Harris unterstützt worden.

Dass ihm nach entsprechenden Umfragen nun zugetraut wird, erstmals seit den späten 1980ern im konservativen Herzland eine landesweite Wahl für die Demokratische Partei zu gewinnen, hat zweifellos mit der strikt religiösen Sprache zu tun, in die er progressive Inhalte zu verpacken versteht.

Von Bedeutung ist Talaricos Kandidatur aber nicht nur, weil ein demokratischer Überraschungssieg in Texas bei den Zwischenwahlen im Herbst die republikanische Senatsmehrheit in Washington kippen könnte – sondern auch in einem weiteren, gesellschaftspolitischen Sinn.

Mit dem überaus telegenen früheren Mittelschullehrer, der trotz seines Nachnamens weitgehend zum weißen Amerika gerechnet wird, ist nämlich eine ernsthafte Herausforderung des weißen protestantischen Fundamentalismus verbunden, der eine wichtige Machtressource der US-Rechten bildet. Dieser hat mit seiner Heiligung einer Persönlichkeit wie Donald Trump, die auch bei wildesten theologischen Verrenkungen schlicht absurd wirkt, den Bogen dermaßen überspannt, dass vielleicht Raum für einen christlich-politischen Neuanfang entsteht.

Rechte wollen die Politik verchristlichen, Linke das Christentum politisieren

Trotz seiner harten politischen Linie ist dieser rechtsgerichtete protestantische Fundamentalismus eigentlich leichter zu stellen als etwa die quasi-staatlichen evangelischen Kirchen in Europa. In seinem Anspruch, die Bibel hier und jetzt wörtlich zu nehmen, kann sich dieser Fundamentalismus nämlich schlecht hinter Zwei-Reiche-Lehren aller Art verstecken, in denen die Erlösung vollständig ins Jenseits verbannt wird, während es im Diesseits christliche Pflicht sei, der gegebenen Obrigkeit zu folgen.

Und schaut man mit einer solchen evangelikalen Naivität ins Buch, sind progressive Positionen eigentlich viel besser zu begründen als reaktionäre. In einem viralen Posting bringt der – überaus Social-Media-affine – James Talarico das auf den Punkt: „Können wir uns Krieg im Himmel vorstellen? Können wir uns Heuchelei im Himmel vorstellen? Können wir uns Armut im Himmel vorstellen? Warum sollten wir das dann auf der Erde tolerieren?“

Reaktionäre und progressive christliche Strömungen unterscheiden sich grundsätzlich darin, dass erstere die Politik verchristlichen wollen und zweitere das Christentum politisieren. Es geht dabei also auch um die Frage der Trennung von Staat und Kirche. James Talarico hat in einer gleichfalls viel beachteten Rede im texanischen Staatsparlament vorexerziert, wie sich diese nicht etwa humanistisch oder verfassungsrechtlich, sondern wiederum rein religiös begründen lässt.

Mit religiösen Argumenten gegen religiöse Symbole

In einer Debatte, in der es um eine – mit republikanischer Mehrheit dann tatsächlich beschlossene – Verpflichtung ging, in allen Klassenzimmern öffentlicher Schulen Poster der Zehn Gebote aufzuhängen, sprach Talarico von der Sünde der Idolatrie, also götzendienerischer Bilderverehrung. Vor allem aber sagte er, dass eine solche Symbolhandlung mit einer Abbildung der Zehn Gebote eine ausschließende Geste sei – und damit im Widerspruch zu dem einen Grundgebot stehe, auf das sich die Lehre Jesu im Kern reduzieren lasse, nämlich der unbedingten Nächsten- und Feindesliebe.

Solche Debatten klingen für europäische Ohren abwegig, doch in den USA sind sie höchst relevant. Aufgrund seiner Zehn-Gebote-Rede wurde Talarico etwa vom eigentlich rechten Mega-Podcaster Joe Rogan, der noch 2024 zur Wahl von Donald Trump aufgerufen hatte, zu einem zweistündigen politisch-theologischen Dialog eingeladen, der seinem Bekanntheitsgrad sehr geholfen haben dürfte. Rogan legte seinem Gast am Ende durch die Blume sogar eine spätere Präsidentschaftskandidatur nahe.

Überhaupt ist die Bedeutung solcher Religions-Fragen gerade für die US-amerikanische Rechte kaum zu überschätzen. Mit Tucker Carlson begründet auch ein weiterer einst MAGA-naher Talk-Superstar seine anhand des Iran-Krieges erwachte Trump-Kritik mit ellenlangen, in heiligstem Ernst vorgebrachten sowie von Hunderttausenden verfolgten Monologen, in denen er etwa die in den USA so wirkmächtige Nischentheologie des christlichen Zionismus angreift.

Mit Stimmen à la Talarico könnte demnach eine weiße progressive Position im politisch-religiösen Feld sprachfähig werden, das bisher von der US-Rechten beherrscht wird – eine Position, die im arrivierten Amerika weniger leicht zu übergehen wäre als der schwarze Gospel.

Ein katholisches Kollektiv will „Aufstand“ und „Auferstehung“ vereinen

Die Weltkarte des politischen Christentums scheint also in Bewegung zu kommen. In Brasilien, einem Stammsitz der explizit linken, teils revolutionären katholischen Befreiungstheologie, greifen neuerdings reaktionäre Protestantismen à la USA um sich. Zugleich könnten diese in ihrem eigenen Ursprungsland zumindest allmählich unter Druck geraten. Und mehr noch: Auch im alten Europa gibt es neuerdings interessante Ansätze, bezeichnenderweise mehr im tendenziell kollektivistischen Katholizismus als im individualistisch geneigten Protestantismus.

Ein jüngeres Beispiel ist das Manifest des französischen Kollektivs Anastasis – das griechische Wort kann „Auferstehung“, aber auch „Aufstand“ heißen –, von dessen scheinbar weltfernem Titel Die Bedrängnis des Evangeliums man sich nicht abschrecken lassen sollte. Der Text geht aus vom Prinzip der universellen Nächstenliebe. Wie auch James Talarico immer wieder betont, sind die „Menschen, die Jesus als Vorbild für den Nächsten nennt“, in der Bibel stets „Randfiguren: die Armen, die Witwen, die Fremden, die Gefangenen, die Prostituierten, die Zöllner, die Aussätzigen.“

Der Text, der im deutschen Untertitel als „Manifest für einen egalitären Universalismus als Alternative zur kapitalistischen Globalisierung“ auftritt, ist weder der Höhepunkt der Kapitalismus- noch der Faschismuskritik, um die es in seinen ersten Kapiteln geht. Er besticht aber durch eine zugängliche, im positiven Sinne volkstümliche Frömmigkeit, die deren Skandalen nicht tatenlos zusehen kann: „Der Faschismus entspringt wie der Kapitalismus einer Leidenschaft für das Eigene“, die der Nächstenliebe entgegensteht: „So wie der Kapitalismus auf der Sakralisierung des Privateigentums beruht, sakralisiert der Faschismus das dem Volk Eigene, d.h. seine ‘Identität‘“.

Das Reich Gottes und das Sinnbild des leeren Throns

Dichter wird der Text in seinem eigentlich theologischen Teil, der sich mit dem Paradox befasst, dass die Erlösung – das Reich Gottes, das dereinst kommen soll, aber bereits jetzt besteht – per definitionem nicht rein weltlich sein kann, zugleich aber auch nicht rein göttlich, also dem Diesseits entrückt. Diesen Widerspruch hebt das Kollektiv Anastasis in der frühchristlichen Ikonografie der Hetoimasia oder Etimasie auf, also in Darstellungen eines leeren Throns.

Darin zeigt sich einerseits die Hoffnung auf die Wiederkehr des Messias und andererseits eine Art Fazit seiner ersten irdischen Runde: Er hat sich nicht, wie es das alte Judentum und die Apostel erwartet hatten, als – auch – politischer Anführer auf diesen Thron gesetzt. Er hat eine Bewegung und Gemeinschaft der Gleichberechtigten gestiftet, in der es laut Paulus’ Brief an die Galater „weder Juden noch Griechen, weder Sklaven noch Freie, weder Männer noch Frauen“ gibt.

Diese Gemeinschaft erobert nicht die Macht, aber sie erschüttert die Machtstrukturen und die soziale Ordnung. Das erinnert ein wenig an die Figur des „Absterben des Staates“ bei Karl Marx – und wird von Anastasis pragmatisch übersetzt in eine Art Bewegung, die keine Programmatik des Ziels entwirft, sondern eine des Weges.

Eine Gemeinschaft, die in die Schule der Ärmsten geht

Dazu, so schließt das Manifest, muss diese Bewegung erstens all die dynamischen Unterscheidungen immer neu treffen, die zum Erkennen des Gemeinwohls führen – und zweitens „in die Schule der Ärmsten gehen“, um „ihre unveräußerliche Würde, ihren besonderen Platz im Herzen Gottes und die ihnen widerfahrenen Ungerechtigkeiten anzuerkennen und diese gemeinsam mit ihnen wiedergutzumachen“.

Das Sinnbild des leeren Throns muss dem Ansinnen nicht unbedingt widersprechen, etwa einen Sessel im US-Senat besetzen zu wollen. Aber das heißt schon, dass Übermächtige nicht etwa gut sind, wenn sie ihre Macht gut benutzen, sondern dass es keine Übermächtigen geben sollte.

Kommt nach dem protestantischen Liberalismus ein neuer katholischer Sozialismus?

In den fordistischen westlichen Nachkriegsjahren, in denen gewissermaßen falsche, übergriffige, durch-hierarchisierte Regimes von „Gemeinschaft“ bestanden, mochte der individualistische und vernunft-religiöse Protestantismus am ehesten die Art von christlicher Sinnwelt bereitstellen, an die das Progressive anknüpfen konnte.

Zumindest in unseren Breiten hat sich das mittlerweile gedreht: Wenn „Vernunft“ instrumentell geworden ist und Individualismus zu Rücksichtslosigkeit, liegt der Katholizismus diesbezüglich näher, der sich politisch weniger auf die liberale Paarung Ratio und Individuum reimt denn auf Formen von Kollektiv und Solidarität, die man grob dem sozialistischen Universum zurechnen kann.

Trotz und gegen einen JD Vance, der die reaktionäre Christianisierung der Politik nun auf den Faschismus auszudehnen im Begriff ist, indem er dem Katholizismus in Form einer Hierarchie der Barmherzigkeit („ordo amoris“) eben eine „Leidenschaft für das Eigene“ einzuschreiben versucht, ist also auch in den heutigen Gesellschaften des Westens eher der Katholizismus das derzeit politisierbare christliche Bekenntnis. Wenn, ja wenn – er vielleicht einmal neu über Mariä Verkündigung und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen nachdächte.

Kollektiv Anastasis: Die Bedrängnis des Evangeliums (84 Seiten mit ausführlichem Vorwort, Hardcover, 16,80 Euro) ist beim Institut für Theologie und Politik in Münster zu bestellen, buecher@itpol.de

t, ob sie das Christkind denn zur Welt bringen wolle? Lässt sich das nicht als ein Vermächtnis verstehen, nach dem keine Frau gegen ihren Willen ein Kind gebären müsse?Progressiv in christlicher Sprache – eine Gefahr für den MAGA-FundamentalismusZugegeben: Nach so gut wie allen Lehrmeinungen ist dieser theologische Befund wohl eher originell. Doch der erst 36 Jahre alte Talarico gilt in den USA als bei weitem nicht so randständig wie diese Bibeldeutung. Im März hat das Mitglied des texanischen Staatsparlaments die demokratischen Vorwahlen für die Kandidatur um einen Senatssitz gewonnen; seine Widersacherin war von der früheren Vizepräsidentin Kamala Harris unterstützt worden.Dass ihm nach entsprechenden Umfragen nun zugetraut wird, erstmals seit den späten 1980ern im konservativen Herzland eine landesweite Wahl für die Demokratische Partei zu gewinnen, hat zweifellos mit der strikt religiösen Sprache zu tun, in die er progressive Inhalte zu verpacken versteht.Von Bedeutung ist Talaricos Kandidatur aber nicht nur, weil ein demokratischer Überraschungssieg in Texas bei den Zwischenwahlen im Herbst die republikanische Senatsmehrheit in Washington kippen könnte – sondern auch in einem weiteren, gesellschaftspolitischen Sinn.Mit dem überaus telegenen früheren Mittelschullehrer, der trotz seines Nachnamens weitgehend zum weißen Amerika gerechnet wird, ist nämlich eine ernsthafte Herausforderung des weißen protestantischen Fundamentalismus verbunden, der eine wichtige Machtressource der US-Rechten bildet. Dieser hat mit seiner Heiligung einer Persönlichkeit wie Donald Trump, die auch bei wildesten theologischen Verrenkungen schlicht absurd wirkt, den Bogen dermaßen überspannt, dass vielleicht Raum für einen christlich-politischen Neuanfang entsteht. Rechte wollen die Politik verchristlichen, Linke das Christentum politisierenTrotz seiner harten politischen Linie ist dieser rechtsgerichtete protestantische Fundamentalismus eigentlich leichter zu stellen als etwa die quasi-staatlichen evangelischen Kirchen in Europa. In seinem Anspruch, die Bibel hier und jetzt wörtlich zu nehmen, kann sich dieser Fundamentalismus nämlich schlecht hinter Zwei-Reiche-Lehren aller Art verstecken, in denen die Erlösung vollständig ins Jenseits verbannt wird, während es im Diesseits christliche Pflicht sei, der gegebenen Obrigkeit zu folgen.Und schaut man mit einer solchen evangelikalen Naivität ins Buch, sind progressive Positionen eigentlich viel besser zu begründen als reaktionäre. In einem viralen Posting bringt der – überaus Social-Media-affine – James Talarico das auf den Punkt: „Können wir uns Krieg im Himmel vorstellen? Können wir uns Heuchelei im Himmel vorstellen? Können wir uns Armut im Himmel vorstellen? Warum sollten wir das dann auf der Erde tolerieren?“Reaktionäre und progressive christliche Strömungen unterscheiden sich grundsätzlich darin, dass erstere die Politik verchristlichen wollen und zweitere das Christentum politisieren. Es geht dabei also auch um die Frage der Trennung von Staat und Kirche. James Talarico hat in einer gleichfalls viel beachteten Rede im texanischen Staatsparlament vorexerziert, wie sich diese nicht etwa humanistisch oder verfassungsrechtlich, sondern wiederum rein religiös begründen lässt.Mit religiösen Argumenten gegen religiöse SymboleIn einer Debatte, in der es um eine – mit republikanischer Mehrheit dann tatsächlich beschlossene – Verpflichtung ging, in allen Klassenzimmern öffentlicher Schulen Poster der Zehn Gebote aufzuhängen, sprach Talarico von der Sünde der Idolatrie, also götzendienerischer Bilderverehrung. Vor allem aber sagte er, dass eine solche Symbolhandlung mit einer Abbildung der Zehn Gebote eine ausschließende Geste sei – und damit im Widerspruch zu dem einen Grundgebot stehe, auf das sich die Lehre Jesu im Kern reduzieren lasse, nämlich der unbedingten Nächsten- und Feindesliebe.Solche Debatten klingen für europäische Ohren abwegig, doch in den USA sind sie höchst relevant. Aufgrund seiner Zehn-Gebote-Rede wurde Talarico etwa vom eigentlich rechten Mega-Podcaster Joe Rogan, der noch 2024 zur Wahl von Donald Trump aufgerufen hatte, zu einem zweistündigen politisch-theologischen Dialog eingeladen, der seinem Bekanntheitsgrad sehr geholfen haben dürfte. Rogan legte seinem Gast am Ende durch die Blume sogar eine spätere Präsidentschaftskandidatur nahe. Überhaupt ist die Bedeutung solcher Religions-Fragen gerade für die US-amerikanische Rechte kaum zu überschätzen. Mit Tucker Carlson begründet auch ein weiterer einst MAGA-naher Talk-Superstar seine anhand des Iran-Krieges erwachte Trump-Kritik mit ellenlangen, in heiligstem Ernst vorgebrachten sowie von Hunderttausenden verfolgten Monologen, in denen er etwa die in den USA so wirkmächtige Nischentheologie des christlichen Zionismus angreift.Mit Stimmen à la Talarico könnte demnach eine weiße progressive Position im politisch-religiösen Feld sprachfähig werden, das bisher von der US-Rechten beherrscht wird – eine Position, die im arrivierten Amerika weniger leicht zu übergehen wäre als der schwarze Gospel. Ein katholisches Kollektiv will „Aufstand“ und „Auferstehung“ vereinenDie Weltkarte des politischen Christentums scheint also in Bewegung zu kommen. In Brasilien, einem Stammsitz der explizit linken, teils revolutionären katholischen Befreiungstheologie, greifen neuerdings reaktionäre Protestantismen à la USA um sich. Zugleich könnten diese in ihrem eigenen Ursprungsland zumindest allmählich unter Druck geraten. Und mehr noch: Auch im alten Europa gibt es neuerdings interessante Ansätze, bezeichnenderweise mehr im tendenziell kollektivistischen Katholizismus als im individualistisch geneigten Protestantismus.Ein jüngeres Beispiel ist das Manifest des französischen Kollektivs Anastasis – das griechische Wort kann „Auferstehung“, aber auch „Aufstand“ heißen –, von dessen scheinbar weltfernem Titel Die Bedrängnis des Evangeliums man sich nicht abschrecken lassen sollte. Der Text geht aus vom Prinzip der universellen Nächstenliebe. Wie auch James Talarico immer wieder betont, sind die „Menschen, die Jesus als Vorbild für den Nächsten nennt“, in der Bibel stets „Randfiguren: die Armen, die Witwen, die Fremden, die Gefangenen, die Prostituierten, die Zöllner, die Aussätzigen.“Der Text, der im deutschen Untertitel als „Manifest für einen egalitären Universalismus als Alternative zur kapitalistischen Globalisierung“ auftritt, ist weder der Höhepunkt der Kapitalismus- noch der Faschismuskritik, um die es in seinen ersten Kapiteln geht. Er besticht aber durch eine zugängliche, im positiven Sinne volkstümliche Frömmigkeit, die deren Skandalen nicht tatenlos zusehen kann: „Der Faschismus entspringt wie der Kapitalismus einer Leidenschaft für das Eigene“, die der Nächstenliebe entgegensteht: „So wie der Kapitalismus auf der Sakralisierung des Privateigentums beruht, sakralisiert der Faschismus das dem Volk Eigene, d.h. seine ‘Identität‘“.Das Reich Gottes und das Sinnbild des leeren ThronsDichter wird der Text in seinem eigentlich theologischen Teil, der sich mit dem Paradox befasst, dass die Erlösung – das Reich Gottes, das dereinst kommen soll, aber bereits jetzt besteht – per definitionem nicht rein weltlich sein kann, zugleich aber auch nicht rein göttlich, also dem Diesseits entrückt. Diesen Widerspruch hebt das Kollektiv Anastasis in der frühchristlichen Ikonografie der Hetoimasia oder Etimasie auf, also in Darstellungen eines leeren Throns.Darin zeigt sich einerseits die Hoffnung auf die Wiederkehr des Messias und andererseits eine Art Fazit seiner ersten irdischen Runde: Er hat sich nicht, wie es das alte Judentum und die Apostel erwartet hatten, als – auch – politischer Anführer auf diesen Thron gesetzt. Er hat eine Bewegung und Gemeinschaft der Gleichberechtigten gestiftet, in der es laut Paulus’ Brief an die Galater „weder Juden noch Griechen, weder Sklaven noch Freie, weder Männer noch Frauen“ gibt.Diese Gemeinschaft erobert nicht die Macht, aber sie erschüttert die Machtstrukturen und die soziale Ordnung. Das erinnert ein wenig an die Figur des „Absterben des Staates“ bei Karl Marx – und wird von Anastasis pragmatisch übersetzt in eine Art Bewegung, die keine Programmatik des Ziels entwirft, sondern eine des Weges.Eine Gemeinschaft, die in die Schule der Ärmsten geht Dazu, so schließt das Manifest, muss diese Bewegung erstens all die dynamischen Unterscheidungen immer neu treffen, die zum Erkennen des Gemeinwohls führen – und zweitens „in die Schule der Ärmsten gehen“, um „ihre unveräußerliche Würde, ihren besonderen Platz im Herzen Gottes und die ihnen widerfahrenen Ungerechtigkeiten anzuerkennen und diese gemeinsam mit ihnen wiedergutzumachen“.Das Sinnbild des leeren Throns muss dem Ansinnen nicht unbedingt widersprechen, etwa einen Sessel im US-Senat besetzen zu wollen. Aber das heißt schon, dass Übermächtige nicht etwa gut sind, wenn sie ihre Macht gut benutzen, sondern dass es keine Übermächtigen geben sollte.Kommt nach dem protestantischen Liberalismus ein neuer katholischer Sozialismus? In den fordistischen westlichen Nachkriegsjahren, in denen gewissermaßen falsche, übergriffige, durch-hierarchisierte Regimes von „Gemeinschaft“ bestanden, mochte der individualistische und vernunft-religiöse Protestantismus am ehesten die Art von christlicher Sinnwelt bereitstellen, an die das Progressive anknüpfen konnte.Zumindest in unseren Breiten hat sich das mittlerweile gedreht: Wenn „Vernunft“ instrumentell geworden ist und Individualismus zu Rücksichtslosigkeit, liegt der Katholizismus diesbezüglich näher, der sich politisch weniger auf die liberale Paarung Ratio und Individuum reimt denn auf Formen von Kollektiv und Solidarität, die man grob dem sozialistischen Universum zurechnen kann.Trotz und gegen einen JD Vance, der die reaktionäre Christianisierung der Politik nun auf den Faschismus auszudehnen im Begriff ist, indem er dem Katholizismus in Form einer Hierarchie der Barmherzigkeit („ordo amoris“) eben eine „Leidenschaft für das Eigene“ einzuschreiben versucht, ist also auch in den heutigen Gesellschaften des Westens eher der Katholizismus das derzeit politisierbare christliche Bekenntnis. Wenn, ja wenn – er vielleicht einmal neu über Mariä Verkündigung und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen nachdächte.





Source link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert