In Kürze:
- Das Bild von Schönheit hat sich im Laufe der Epochen gewandelt. Es ist auch ein Stück Kulturgeschichte.
- Johann Wolfgang von Goethe zeigte, dass das Zusammenspiel von Licht, Auge und Bewusstsein Bilder im Kopf entstehen lässt.
- Eine aktuelle Studie zeigt: Das Gehirn empfindet als schön, was es mit wenig Aufwand erfassen kann.
- Mikroexpressionen und der Stoffwechsel steuern noch vor einem bewussten Urteil, wen wir anziehend finden.
Mitten im Publikum, bei einem Konzert. Während der Fokus auf den wunderbaren, musikalischen Klängen und Rhythmen liegt, schweift der Blick durch die Menge. Schließlich bleibt er unwillkürlich an einem Gesicht in unmittelbarer Nähe hängen. Aus dem Nichts heraus ist da die spontane Empfindung: Diese Erscheinung wirkt faszinierend attraktiv. Aber was genau nehmen wir in einem solchen Moment eigentlich wahr?
Was ist „schön“? Etwas, das grundsätzlich „unserem Geschmack“ entspricht, bestimmte Merkmale, die uns ins Auge springen? Oder gibt es etwas, das uns unbewusst, ohne gedankliche Einordnung, leitet, wenn wir jemanden anziehend finden?
Führt schnelles Denken dazu, dass wir etwas süß finden?
Das menschliche
Gehirn ist dafür bekannt, nach dem Prinzip des geringstmöglichen Aufwands zu arbeiten. Es muss permanent
riesige Mengen an Informationen verarbeiten und speichern: Effizienz ist hier quasi eine
Überlebensstrategie. Genau dieses Prinzip steuert auch unsere Art, wahrzunehmen und flüchtige Eindrücke zu bewerten. Auch in Momenten, in denen unser Blick jemanden streift, den wir anschließend spontan als schön einordnen.
Einen Hinweis darauf, wie weit dieses Prinzip reicht, liefert eine
Studie der Universität Toronto, erschienen im Dezember 2025 im Fachjournal PNAS Nexus. Um den Mechanismus dahinter genauer zu untersuchen, setzten die Forscher um Yikai Tang ein computergestütztes Wahrnehmungsmodell ein. Dieses sollte für rund 5.000 Bilder den zu erwartenden neuronalen Verarbeitungsaufwand einschätzen.
Anschließend bewerteten etwa 1.000 Menschen dieselben visuellen Eindrücke. Gefragt wurden sie nach einer schnellen Reaktion, um den ersten Eindruck zu erfassen – nicht die komplexeren Freuden, die entstehen können, wenn man ein Bild in einem breiteren Kontext betrachtet und sich mit seiner Bedeutung auseinandersetzt.
Zusätzlich dazu
analysierten die Forscher Daten von vier Probanden, die dieselben Bilder im MRT-Scanner betrachteten. Hier lag der Fokus auf dem sogenannten BOLD-Signal, das den Sauerstoffverbrauch im Gehirn widerspiegelt. Die Ergebnisse beider Studien zeigten: Bilder, die mit geringerem neuronalen Aufwand erfasst werden konnten, wurden als schöner empfunden, während komplexere Motive, unabhängig von ihrem Inhalt, schlechter abschnitten. Dieses
Muster bezeichneten die Wissenschaftler als „Sweet Spot“ – den optimalen Ausgleich zwischen Reiz und kognitivem Verarbeitungsaufwand.
Ist Schönheit messbar?
Etwas anzuschauen mag mühelos erscheinen, aber energetisch gesehen ist es nicht gerade sparsam. Das Gehirn verbraucht rund 20 Prozent der Körperenergie, und das visuelle System macht etwa die Hälfte davon aus. Betrachten wir sehr einfache Reize, wie beispielsweise einen leeren weißen Raum, ist das energieeffizient, aber langweilig. Das Betrachten sehr unruhiger oder ungewöhnlicher Bilder hingegen kann ermüdend und unangenehm sein.
Ob es jedoch tatsächlich der geringere mentale Aufwand allein ist, der dafür sorgt, dass wir etwas als schöner wahrnehmen, oder es lediglich in der oberflächlichen Betrachtung mit ihr korreliert, bleibt offen. Die Forschungen beschränkten sich auf statische Momentaufnahmen, unabhängig von lebendiger
Mimik und Gestik.
Ebenso wenig spielten kulturelle Unterschiede oder individuelle Vorlieben und Prägungen sowie Erfahrungen und das Wiedererkennen von etwas Vertrautem eine Rolle. Denn was ein Gesicht wirklich in Schönheit erstrahlen lässt, offenbart sich womöglich doch erst im Zusammenspiel echter, lebendiger Augenblicke. Das war vermutlich auch der Grund, warum das computergestützte Wahrnehmungsmodell die Einschätzungen der Probanden im Gesamtergebnis nur mit einer Trefferquote von rund 40 Prozent voraussagen konnte.
Was die Mimik zur Schönheit beiträgt
Dass erst die gesamte Erscheinung eines Menschen, mit seinen Emotionen und der eigenen subjektiven Art, ihn spontan zu betrachten, den Eindruck von wahrgenommener Schönheit oder Abneigung beeinflusst, konnte auch der
Psychologe Paul Ekman belegen. In seinen Untersuchungen fand er heraus, dass von Gefühlen geprägte Zustände in Zeitfenstern zwischen 40 und 200 Millisekunden sichtbar werden. Das sind sogenannte Mikroexpressionen im Gesichtsausdruck, die reflexartig auftreten, praktisch nicht kontrollierbar und kaum bewusst wahrnehmbar sind.
Zu dem, was wir als gutes oder ungutes Gefühl beim Betrachten eines Gesichts erfassen, gehört also zugleich die subtile,
intuitive Deutung von Signalen im eigenen Unbewussten. Die Wahrnehmung des äußeren Erscheinungsbildes gestaltet sich damit bereits als komplexes Zusammenspiel aus flüchtigen „Hinweisen“ und unbewusster Interpretation.
Doch unter der Oberfläche liegt noch eine weitere Schicht, die als Regelgröße Einfluss nimmt. Hier handelt es sich um biochemische Prozesse, die
im Verborgenen des menschlichen Stoffwechsels ablaufen, und quasi ebenfalls als eine Art Phantom unsere Vorlieben in der Einordnung von Ästhetik mitbestimmen.
Stoffwechsel: Der unsichtbare Verführer
So folgen Sympathie und Anziehung offenbar keiner freien Dramaturgie: Dass es unterhalb der bewussten Wahrnehmung und der emotional geprägten Ebene eine dritte gibt, eine Art biochemischer Kanal, beschreibt der Biologe und Physiker Ulrich Warnke anschaulich in seinem Buch
„Gehirn-Magie“. Er benennt beispielhaft die Pheromone als körpereigene Duftstoffe, die das limbische System direkt ansprechen,
Gefühle auslösen und Verhalten beeinflussen können.
Damit bezieht er sich auf die Studie
„Human social attitudes affected by androstenol“, in der David A. Booth und Kollegen auf vielfältige Art untersuchten, wie das Androstenol die soziale Wahrnehmung beeinflusst. Dazu trugen Studenten, Männer und Frauen, chirurgische Masken, von denen die Hälfte mit dem
Pheromon getränkt war, während die andere Hälfte unbehandelt blieb. Anschließend bewerteten die Teilnehmer Fotos von Menschen, Tieren und Gegenständen.
Vom Duft der weiten Welt
Die Forschungsergebnisse belegten eindeutig: Wer unwissentlich „Androstenol“ inhalierte, beurteilte abgebildete Personen als schöner, sympathischer und freundlicher, ohne zu wissen, dass seine Wahrnehmung durch einen speziellen
Duft beeinflusst worden war. Aber auch hier handelte es sich natürlich um Experimente unter Laborbedingungen, mit zweidimensionalen Bildern und ohne Bezug zu authentischen Alltagssituationen. Jedoch könnte das Riechorgan durchaus in einem gewissen Umfang beteiligt sein.
Die Parfümindustrie nutzt solche Wirkmechanismen bereits seit Jahrhunderten. Moschus, Zibet und Castoreum, gewonnen aus tierischen Drüsen, finden sich in Parfüms weltweit, da sie der Wirkung menschlicher Pheromone sehr ähnlich sind. Dass Düfte nicht nur rein in der chemischen Betrachtung interessant sind, sondern auch in
Mythen zu finden und darüber hinaus weiter zu Geschichten inspirieren, zeigt ein Blick in die klassische Literatur.
Schönheit unter dem Einfluss der Geschichte(n)
Außerordentlich eindrucksvoll findet sich die faszinierende Vorstellung von sinnlich duftenden Betörungen aus dem menschlichen Stoffwechsel in Patrick Süskinds Roman „Das Parfüm“ wieder. Eben das ist es, was seine Hauptfigur Jean-Baptiste Grenouille mehr als alles andere ersehnt und neidet, um überhaupt wahrgenommen zu werden: Einen eigenen, noch zudem vollkommenen Geruch zu besitzen, der seine
Existenz erst sichtbar werden und noch dazu liebenswert erscheinen lässt.
Derart berühren sich Stoffwechsel und
Literatur in einem gemeinsamen Punkt: Attraktivität oder das Gegenteil derselben entsteht nicht allein im Auge, sondern ebenso durch die Düfte, die sich unseres Riechorgans bemächtigen. Der Ausdruck von Grenouilles verzweifeltem Begehren macht in der
Geschichte das Wesen dessen sichtbar, was die Wissenschaft heute faktisch zu belegen versucht und offenbart zugleich poetisch, was Menschen selbst über Schönheit erzählen.
Es sind aber nicht allein die Biochemie und die epischen, literarischen Ergüsse, die Einblick in das Wesen und die
Wahrnehmung von Attraktivität formen. Auch die Kulturen haben den Wandel der Schönheit
durch die Epochen hinweg mitbestimmt. So wird die Darstellung der Mona Lisa durch Leonardo da Vinci häufig als außerordentlich ästhetisch benannt. Ihr Aussehen, mit den harmonischen Gesichtszügen, steht im Vordergrund, wenn es um die modische Prägung durch die Renaissance geht. Dass der Maler jedoch beim Entwerfen des Antlitzes die Berechnung zum
Goldenen Schnitt angewandt haben könnte, wird heute allerdings als nachträgliche Interpretation vermutet.
Für den flämischen Maler
Peter Paul Rubens war in seiner Zeit hingegen das Frauenbild ein von weichen Rundungen geprägtes, weil dies dem gängigen
Schönheitsideal entsprach. Fülle signalisierte Wohlstand und Gesundheit, in einer von Hunger und Seuchen geprägten Zeit. Bis heute ein gewichtiger Hinweis darauf, dass das oberflächliche Bewerten von Attraktivität, zumindest bedingt, ein flüchtiger, gesellschaftlicher Spiegel der Epochen ist– oder auch ebenda, der eines zweidimensionalen Bildes.
Die Poesie im Auge des Betrachters
Einen eigenen Weg, was solche Überlegungen betraf, schlug Johann Wolfgang von Goethe ein, dessen
Farbenlehre früh zeigte, dass Wahrnehmung nicht rein objektiv zu fassen sei. Stattdessen bleibe sie stets an die Bedingungen des betrachtenden Subjekts gebunden. Goethe selbst spürte den scheinbar verborgenen Mechanismen mit einer leidenschaftlichen Akribie nach, die seine Zeitgenossen eher irritierte.
Während der Physiker Sir Isaac Newton das Licht auf seine physikalischen Eigenschaften reduzierte, interessierte den Poeten etwas vollkommen anderes. Er wollte wissen, wie
Farbe im Menschen selbst entsteht. So war für Goethe
Farbe kein objektiver Messwert. Sie war ein facettenreiches Erlebnis, das erst im Zusammenspiel von Licht, Auge und Bewusstsein wahrhaftig im Geiste erblühe.
Und da sich Wahrnehmung nicht als rein physikalischer Vorgang verorten lässt, scheint er die passende Richtung eingeschlagen zu haben. Denn sie präsentiert sich schließlich als Dialog zwischen der äußeren Welt und dem Inneren des Betrachters. Getragen von Neurobiologie, von Biochemie, von Lebenserfahrung und von Kulturgeschichte im Verbund. Zu einem großen Teil scheint sie in der Tat unterhalb der Schwelle unseres Bewusstseins zu verlaufen.
Wie ließ Goethe
Mephisto in „Faust“ bemerken? „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie.“ Die Welt, die wir erleben, ist möglicherweise nicht die Welt, wie sie ist. Sie scheint die Welt zu sein, wie wir sie filtern und – wie wir selbst sie färben.