Georg Baselitz war, was man im Englischen als thread of history bezeichnet, einer der Fäden in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, und sein Tod beraubt uns seiner Erkenntnisse, gerade jetzt, wo wir sie dringender denn je brauchen.
Nazi-Deutschland war für ihn noch eine lebendige Erinnerung: Baselitz wurde 1938 geboren und war damit viel zu jung, um selbst schuldig geworden zu sein, aber alt genug – er war sieben Jahre alt, als das „Dritte Reich“ unterging –, um die Zeit direkt miterlebt und die Bilder davon in Erinnerung behalten zu haben.
In seiner Kunst zerstückelte er diese Bilder, verstümmelte und entweidete sie in Gemälden uniformierter junger Enthusiasten, aus deren Gliedmaßen Blut spritzte, oder durch ganze Körper, die durch einen höllischen Fleischwolf gedreht und grob wieder zusammengefügt wurden. Sie verschwanden in den Wäldern, diese ironischerweise als „Helden“ titulierten Gestalten, die in den schuldbeladenen Tiefen des deutschen Waldes massakrierten und massakriert wurden.
Kunst im Schatten der NS-Zeit
In jedem Farbtropfen, den Baselitz auftrug, ist der Holocaust unübersehbar. Manche Künstler wären von solch tiefgründigen historischen Interpretationen ihrer Werke irritiert, doch nachdem Baselitz mir vor einigen Jahren einen entwaffnenden Brief geschrieben hatte, kamen wir ins Gespräch. Ich schrieb über ihn in einem Buch, das er freigegeben hatte, und es wurde deutlich, dass er den Schatten der Geschichte in seiner Kunst durchaus erkannte. Wie hätte er ihm auch entfliehen können?
Anfang der 1960er-Jahre schockierte Baselitz, der vor seiner Flucht in den Westen nicht nur Hitler, sondern auch den ostdeutschen Kommunismus erlebt hatte, das Nachkriegsdeutschland, das die Vergangenheit zu vergessen suchte, mit obszönen Bildern einer verkommenen, schändlichen Gesellschaft.
Sein Gemälde „Die große Nacht im Eimer“ von 1961 zeigt eine verkümmerte Gestalt mit plattgedrücktem, schwarzem Hitler-Haar und angedeutetem Schnurrbart, nackt bis auf eine militärisch anmutende Hose, beim Masturbieren. In einer späteren Überarbeitung machte er die Identität des Masturbierenden noch deutlicher.
Konfrontation mit historischer Scham und Schuld
Baselitz malte später kopfüber hängende deutsche Adler, als würden sie über einem höllischen Berchtesgaden fliegen, das zum südlichen Hauptquartier der Nazis wurde, und schnitzte eine riesige, grob behauene, polychrome Holzstatue eines grüßenden Adolf, der sich aus einer liegenden Position erhebt wie eine Mumie, die aus ihrem Grab erwacht.
Es waren keine geschmackvollen, ausweichenden Betrachtungen, sondern bewusst provokante Konfrontationen mit historischer Scham und Schuld. Er stellte seine Zombie-Hitler-Holzskulptur 1980 im Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 1980, in einer Gemeinschaftsausstellung mit dem ebenfalls von der Geschichte gezeichneten Anselm Kiefer. Manche warfen ihnen vor, das sei faschistisch.
Was für ein Missverständnis: Der Deutsche Pavillon in Venedig ist ein neoklassizistisches Gebäude, das 1938 von den Nazis umgebaut und mit der Inschrift „Germania“ versehen wurde. Anstatt dieses monströse Erbe diskret zu ignorieren, wollten Baselitz und Kiefer es allen unter die Nase reiben und darauf bestehen, dass Europa seine große Nacht im Eimer niemals vergessen darf.
Georg Baselitz war das Gegenteil eines stereotypischen deutschen Macho-Künstlers
Doch der große Eimer rückt jeden Tag näher. Der Gestank ist bereits unerträglich. Die Lehren, die Baselitz vermittelte, scheinen einer verlorenen Welt anzugehören, in der Gewissen und Integrität noch zählten. Er selbst ist nun Geschichte, und ich schulde es ihm, einige Worte gegen das Verfälschen der Erinnerung niederzuschreiben.
Baselitz provozierte gern und gab sich manchmal als jemand aus, der er gar nicht war – angeblich verachtete er Malerinnen, gleichzeitig bewunderte er Tracey Emin. Ich erlebte ihn als das genaue Gegenteil eines stereotypischen deutschen Macho-Künstlers. Ich liebe sein Spätwerk, in dem er sich und seine Frau Elke nackt, als verletzliche, alternde Menschen oder gar als sterbende Körper darstellte; selbst mithilfe seines Rollators arbeitete er kürzlich noch an Kunstwerken.
Als ich ihm erzählte, wie sehr mich diese Bilder menschlicher Fragilität berührten, fragte er mich, ob ich glaubte, dass er erst jetzt sein bestes Werk schaffe – ob es vorher etwa schwächer gewesen sei. Nie zuvor habe ich bei einer so berühmten Persönlichkeit so eine aufrichtige Unsicherheit erlebt.
Er erzählte mir auch, wie er einmal mit seiner Familie im Restaurant Wolsey in London saß und Lucian Freud mit einer jungen Frau hereinkommen sah, aber viel zu schüchtern war, um ihn zu grüßen. Baselitz hatte viel mit Freud und Frank Auerbach gemeinsam, als Maler von Körpern und Erinnerungen, die beide so leicht zerstört werden können.
Baselitz war ein Künstler, der nie den Bezug dazu verlor, wie dünn und fragil der Firnis der Menschlichkeit in Wahrheit ist. Er war ein Held nach meinem Geschmack.
;rper, die durch einen höllischen Fleischwolf gedreht und grob wieder zusammengefügt wurden. Sie verschwanden in den Wäldern, diese ironischerweise als „Helden“ titulierten Gestalten, die in den schuldbeladenen Tiefen des deutschen Waldes massakrierten und massakriert wurden.Kunst im Schatten der NS-ZeitIn jedem Farbtropfen, den Baselitz auftrug, ist der Holocaust unübersehbar. Manche Künstler wären von solch tiefgründigen historischen Interpretationen ihrer Werke irritiert, doch nachdem Baselitz mir vor einigen Jahren einen entwaffnenden Brief geschrieben hatte, kamen wir ins Gespräch. Ich schrieb über ihn in einem Buch, das er freigegeben hatte, und es wurde deutlich, dass er den Schatten der Geschichte in seiner Kunst durchaus erkannte. Wie hätte er ihm auch entfliehen können?Anfang der 1960er-Jahre schockierte Baselitz, der vor seiner Flucht in den Westen nicht nur Hitler, sondern auch den ostdeutschen Kommunismus erlebt hatte, das Nachkriegsdeutschland, das die Vergangenheit zu vergessen suchte, mit obszönen Bildern einer verkommenen, schändlichen Gesellschaft.Sein Gemälde „Die große Nacht im Eimer“ von 1961 zeigt eine verkümmerte Gestalt mit plattgedrücktem, schwarzem Hitler-Haar und angedeutetem Schnurrbart, nackt bis auf eine militärisch anmutende Hose, beim Masturbieren. In einer späteren Überarbeitung machte er die Identität des Masturbierenden noch deutlicher.Konfrontation mit historischer Scham und SchuldBaselitz malte später kopfüber hängende deutsche Adler, als würden sie über einem höllischen Berchtesgaden fliegen, das zum südlichen Hauptquartier der Nazis wurde, und schnitzte eine riesige, grob behauene, polychrome Holzstatue eines grüßenden Adolf, der sich aus einer liegenden Position erhebt wie eine Mumie, die aus ihrem Grab erwacht.Es waren keine geschmackvollen, ausweichenden Betrachtungen, sondern bewusst provokante Konfrontationen mit historischer Scham und Schuld. Er stellte seine Zombie-Hitler-Holzskulptur 1980 im Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 1980, in einer Gemeinschaftsausstellung mit dem ebenfalls von der Geschichte gezeichneten Anselm Kiefer. Manche warfen ihnen vor, das sei faschistisch.Was für ein Missverständnis: Der Deutsche Pavillon in Venedig ist ein neoklassizistisches Gebäude, das 1938 von den Nazis umgebaut und mit der Inschrift „Germania“ versehen wurde. Anstatt dieses monströse Erbe diskret zu ignorieren, wollten Baselitz und Kiefer es allen unter die Nase reiben und darauf bestehen, dass Europa seine große Nacht im Eimer niemals vergessen darf.Georg Baselitz war das Gegenteil eines stereotypischen deutschen Macho-KünstlersDoch der große Eimer rückt jeden Tag näher. Der Gestank ist bereits unerträglich. Die Lehren, die Baselitz vermittelte, scheinen einer verlorenen Welt anzugehören, in der Gewissen und Integrität noch zählten. Er selbst ist nun Geschichte, und ich schulde es ihm, einige Worte gegen das Verfälschen der Erinnerung niederzuschreiben.Baselitz provozierte gern und gab sich manchmal als jemand aus, der er gar nicht war – angeblich verachtete er Malerinnen, gleichzeitig bewunderte er Tracey Emin. Ich erlebte ihn als das genaue Gegenteil eines stereotypischen deutschen Macho-Künstlers. Ich liebe sein Spätwerk, in dem er sich und seine Frau Elke nackt, als verletzliche, alternde Menschen oder gar als sterbende Körper darstellte; selbst mithilfe seines Rollators arbeitete er kürzlich noch an Kunstwerken.Als ich ihm erzählte, wie sehr mich diese Bilder menschlicher Fragilität berührten, fragte er mich, ob ich glaubte, dass er erst jetzt sein bestes Werk schaffe – ob es vorher etwa schwächer gewesen sei. Nie zuvor habe ich bei einer so berühmten Persönlichkeit so eine aufrichtige Unsicherheit erlebt.Er erzählte mir auch, wie er einmal mit seiner Familie im Restaurant Wolsey in London saß und Lucian Freud mit einer jungen Frau hereinkommen sah, aber viel zu schüchtern war, um ihn zu grüßen. Baselitz hatte viel mit Freud und Frank Auerbach gemeinsam, als Maler von Körpern und Erinnerungen, die beide so leicht zerstört werden können.Baselitz war ein Künstler, der nie den Bezug dazu verlor, wie dünn und fragil der Firnis der Menschlichkeit in Wahrheit ist. Er war ein Held nach meinem Geschmack.