Claudia Bauer und Armin Petras verwandeln Michail Bulgakows Satire in eine zeitgenössische Schwarzmalerei. Die Inszenierung ist eine krasse Fahrt durch gesellschaftliche Abgründe. Ein lauter, aber gescheiterter Roadtrip
Auch Hunde können Proleten sein. Im Bild: Bettina Stucky, Sandra Gerling, Maximilian David Scheidt
Foto: Thomas Aurin
In Hundeherz, Michail Bulgakows Roman von 1925, ist das Problem noch überschaubar: Ein Chirurg und Spezialist für ästhetische Optimierung menschlicher Körper pflanzt einem Straßenhund Hypophyse und Hoden eines kleinkriminellen Kneipenmusikers ein. Doch die Erschaffung des „Neuen Menschen“, ein zentrales Thema in der Sowjetunion unter Stalin, geht schief.
Das geschundene Tier verwandelt sich nicht wie geplant in einen idealistischen Super-Genossen, sondern wird zu einem pöbelnden und triebgesteuerten Proleten – der bald Karriere macht: als Leiter der Unterabteilung zur Säuberung Moskaus von allen Katzenartigen.
Im Hamburger Schauspielhaus verwandeln Claudia Bauer und Armin Petras Bulgakows heitere Satire in eine Rundreise durch die Dystopien der Gegenwart. Die Bühne von Andreas Auerbach ist atemberaubend futuristisch: ein endzeitliches Gotham City, voller hoher, verwinkelter Hochhausfluchten.
Batman oder die Replikanten aus Blade Runner könnten hier die letzten Tage der Menschheit zelebrieren. Großflächige Projektionen servieren mediale Überreizung, der Bühnenmusiker Andi Otto liefert dazu Cello-Kratzen und schwarzen elektronischen Regen. Liebenswert ist allein der Hund, ein zotteliger Köter aus der Werkstatt von Ingo Mewes.
Auf den Hund gekommen
In ihrer Inszenierung folgt Claudia Bauer, von der man schon viel Gutes gesehen hat, zunächst dem von Bulgakow vorgegebenen Rahmen, zeigt aber einen Hang zur Hysterie und Überwältigung. Oscar Olivo animiert zunächst als Puppenspieler den arglosen, mit einer Wurst gelockten Hund, um nach der Operation durch Professor Truman-Lomonossow (Bettina Stucky) die Rolle komplett zu übernehmen. Ein Zurück in den alten Körper, wie im Roman, gibt es hier nicht. Am Ende trägt er schwarze Uniform und hetzt gegen Eliten und Katzenartige.
„Nur weil jemand sprechen kann, heißt das nicht, dass er ein Mensch ist“, sagt eine der Figuren, von denen man nicht immer weiß, für wen oder was sie gerade stehen. Ein 112-jähriger Robert De Niro (Felix Knopp) oder eine dank medizinischer Fortschritte ähnlich gut gealterte Cher (Sachiko Hara) wirken wie herbeifantasierte Stichwortgeber.
Eine stringente Erzählung hat die Textfassung von Petras nicht zu bieten. Als „KI-Robotess“ Sina liefert Sandra Gerling Aspekte und Kommentare zu einer aus der Gegenwart abgeleiteten dystopischen Zukunft. Zur Seite steht ihr unter anderen eine Mitarbeiterin des „Wahrheitsministeriums“, die die Diskussionen im öffentlichen Raum steuert.
Was nicht passt, wird passend gemacht
Ein mit Schlappohr-Pelzmützen ausstaffierter „Chor der solidarischen rebellierenden Unberechtigten“ singt russisch-schwermütig Lieder vom Tod der Demokratie. Trotz schauspielerischer Glanzlichter fühlt sich das oft an, als rollte ein Text-Tsunami über einen hinweg: Man paraphrasiert mal eben Spinoza, „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“, oder labert von einem „Rebranding der Eugenik“.
Was sich bei René Pollesch immer amüsant und leicht anfühlte, wirkt hier wie der Versuch, schnell mal alle Katastrophen der Gegenwart zu verschlagworten und in eine düstere Zukunft zu beamen. Frankenstein, Buckelwal Timmy und Donna Haraways Thesen zu Cyborgs und hündischen Gefährten – alles, was passt, wird mitgenommen und eingebaut.
Am Ende rasen Sina und die Frau aus dem Wahrheitsministerium durch die Wüste wie einst Thelma und Louise, gehetzt von Drohnen mit hechelnden Hundeköpfen. Das Publikum zeigt sich erschöpft von dieser rasanten, aber nur schwer nachvollziehbaren Fahrt durch die Dystopien, einige haben schon vorher aufgegeben und den Saal verlassen.
ndreise durch die Dystopien der Gegenwart. Die Bühne von Andreas Auerbach ist atemberaubend futuristisch: ein endzeitliches Gotham City, voller hoher, verwinkelter Hochhausfluchten.Batman oder die Replikanten aus Blade Runner könnten hier die letzten Tage der Menschheit zelebrieren. Großflächige Projektionen servieren mediale Überreizung, der Bühnenmusiker Andi Otto liefert dazu Cello-Kratzen und schwarzen elektronischen Regen. Liebenswert ist allein der Hund, ein zotteliger Köter aus der Werkstatt von Ingo Mewes.Auf den Hund gekommenIn ihrer Inszenierung folgt Claudia Bauer, von der man schon viel Gutes gesehen hat, zunächst dem von Bulgakow vorgegebenen Rahmen, zeigt aber einen Hang zur Hysterie und Überwältigung. Oscar Olivo animiert zunächst als Puppenspieler den arglosen, mit einer Wurst gelockten Hund, um nach der Operation durch Professor Truman-Lomonossow (Bettina Stucky) die Rolle komplett zu übernehmen. Ein Zurück in den alten Körper, wie im Roman, gibt es hier nicht. Am Ende trägt er schwarze Uniform und hetzt gegen Eliten und Katzenartige.„Nur weil jemand sprechen kann, heißt das nicht, dass er ein Mensch ist“, sagt eine der Figuren, von denen man nicht immer weiß, für wen oder was sie gerade stehen. Ein 112-jähriger Robert De Niro (Felix Knopp) oder eine dank medizinischer Fortschritte ähnlich gut gealterte Cher (Sachiko Hara) wirken wie herbeifantasierte Stichwortgeber.Eine stringente Erzählung hat die Textfassung von Petras nicht zu bieten. Als „KI-Robotess“ Sina liefert Sandra Gerling Aspekte und Kommentare zu einer aus der Gegenwart abgeleiteten dystopischen Zukunft. Zur Seite steht ihr unter anderen eine Mitarbeiterin des „Wahrheitsministeriums“, die die Diskussionen im öffentlichen Raum steuert.Was nicht passt, wird passend gemachtEin mit Schlappohr-Pelzmützen ausstaffierter „Chor der solidarischen rebellierenden Unberechtigten“ singt russisch-schwermütig Lieder vom Tod der Demokratie. Trotz schauspielerischer Glanzlichter fühlt sich das oft an, als rollte ein Text-Tsunami über einen hinweg: Man paraphrasiert mal eben Spinoza, „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“, oder labert von einem „Rebranding der Eugenik“.Was sich bei René Pollesch immer amüsant und leicht anfühlte, wirkt hier wie der Versuch, schnell mal alle Katastrophen der Gegenwart zu verschlagworten und in eine düstere Zukunft zu beamen. Frankenstein, Buckelwal Timmy und Donna Haraways Thesen zu Cyborgs und hündischen Gefährten – alles, was passt, wird mitgenommen und eingebaut.Am Ende rasen Sina und die Frau aus dem Wahrheitsministerium durch die Wüste wie einst Thelma und Louise, gehetzt von Drohnen mit hechelnden Hundeköpfen. Das Publikum zeigt sich erschöpft von dieser rasanten, aber nur schwer nachvollziehbaren Fahrt durch die Dystopien, einige haben schon vorher aufgegeben und den Saal verlassen.