Berlins Kulturpolitik steht vor einer grundlegenden Erneuerung. Der Rücktritt der Senatorin Sarah Wedl-Wilson ist ein Weckruf, um neue Wege zu beschreiten und die kulturelle Landschaft neu zu gestalten
Staatsballett, Oper und Ballett: Berlin hat viel davon. Aber was soll Kultur innerhalb einer Stadtgesellschaft wirklich leisten, ist die künftige Frage
Foto: picture alliance / Ipon | Stefan Boness
Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson hat Fehler gemacht. Sie hat sich von ihren CDU-Partei-Apparatschiks drängen lassen, Fördergelder unsauber zu vergeben: 13 Projekte mit einem Volumen von rund 2,6 Millionen Euro wurden laut Rechnungshof „willkürlich und nicht nachvollziehbar“ abgewickelt. Ihr Rücktritt ist konsequent. Auch wenn ausgerechnet jene, die den Kladderadatsch angezettelt haben, weiter im Amt bleiben. Der frühere Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) gilt im Übrigen als Favorit für die Nachfolge.
Nach dem neoliberalen Sprücheklopfer Joe Chialo war Wedl-Wilson die letzte Patrone der Hauptstadtkultur. Die ehemalige Rektorin der Hanns-Eisler-Musikhochschule war – auf jeden Fall unter Kulturschaffenden – durchaus geschätzt. Sie kultivierte den Dialog statt Chialos Politik der Provokation. Sie organisierte runde Tische, suchte nach Synergien, wollte Werkstätten und Betriebsabläufe von Theatern und Opernhäusern optimieren. Stets im Dialog mit den Institutionen.
Jetzt stellt sich die Frage, wer in der Hauptstadt überhaupt noch Kulturpolitik machen will. Linken-Mann Klaus Lederer war der Letzte, der noch die Mittel zum Gestalten hatte. Nach ihm kam das Chaos. Die Kultur ist zum „Failed Ressort“ eines überforderten Regierenden Bürgermeisters geworden. Es gibt keinen Handlungsspielraum im Sparmodus. Die parteipolitischen Tretminen sind unkontrollierbar. Und das Kultursystem in der Hauptstadt ist vollkommen aufgebläht. Wer tut sich diesen Job jetzt noch an?
Sarah Wedl-Wilson wollte es allen recht machen
Einst hatte die Kultur den andauernden Wandel Berlins kreativ vorgedacht: Museen, Opernhäuser, Theater und Literatur waren intellektuelle Orientierungspunkte in rasant wechselnden Zeiten. Es wurde erst getanzt und dann gezahlt. Kultur in Berlin war produktives Chaos, getragen von Leidenschaft, sie war kompromissbereit und hat sich an den bestehenden Strukturen ausgerichtet. „Arte povera“ im besten Sinne. Und heute? Viele Kulturinstitutionen sind einfach zu bürokratisch geworden, hängen von Fördergeldern ab und verteidigen alte Privilegien.
Und vielleicht war auch das Wedl-Wilsons Fehler: Sie wollte es allen recht machen, statt selbst Nägel einzuschlagen. Dabei wäre genau jetzt die Zeit dafür gewesen, die grundsätzliche Frage zu stellen: Was soll Kultur innerhalb einer Stadtgesellschaft leisten? Welche Kultur wollen Bürgerinnen und Bürger von ihren Steuern mitfinanzieren?
Und zur Ehrlichkeit gehört auch die Frage: Wie viele Opern, Orchester und Museen kann sich Berlin erlauben? Locken die müden Häuser wirklich noch Touristen an? Konkret: Entsprechen drei Opernhäuser wirklich noch der Hauptstadtrealität? Oder wäre eine Fusion von Deutscher Oper und Staatsoper nicht auch künstlerisch sinnvoll?
Berlins Kultur strahlt schon lange nicht mehr
Derartige Strukturfragen sollten eigentlich gestellt werden, solange eine Stadt solvent ist. Aber Berlin ist schon lange pleite. Und seine Kulturszene wirkt wie der Rest einer Partygesellschaft, der nicht nach Hause gehen will. Er tanzt besoffen weiter, weil er ahnt, dass der kommende Tag Kopfschmerzen bereitet. Berlins Kultur strahlt schon lange nicht mehr, sondern wirkt lethargisch und zum großen Teil ritualisiert.
Städte wie Prag, Warschau oder Wien haben Berlin auf vielen Feldern den Rang abgelaufen. Es wäre an der Kultur selbst, sich neu zu erfinden. Und an einigen Häusern findet das ja durchaus auch statt. Andere verteidigen noch immer, was längst nicht mehr zu halten ist.
Der Rücktritt ist nicht nur das Ende einer vielleicht überforderten Politikerin, er ist auch ein Schlusspunkt der Berliner Kulturpolitik. Auch sie muss sich nach der Wahl neu erfinden.
Patrone der Hauptstadtkultur. Die ehemalige Rektorin der Hanns-Eisler-Musikhochschule war – auf jeden Fall unter Kulturschaffenden – durchaus geschätzt. Sie kultivierte den Dialog statt Chialos Politik der Provokation. Sie organisierte runde Tische, suchte nach Synergien, wollte Werkstätten und Betriebsabläufe von Theatern und Opernhäusern optimieren. Stets im Dialog mit den Institutionen.Jetzt stellt sich die Frage, wer in der Hauptstadt überhaupt noch Kulturpolitik machen will. Linken-Mann Klaus Lederer war der Letzte, der noch die Mittel zum Gestalten hatte. Nach ihm kam das Chaos. Die Kultur ist zum „Failed Ressort“ eines überforderten Regierenden Bürgermeisters geworden. Es gibt keinen Handlungsspielraum im Sparmodus. Die parteipolitischen Tretminen sind unkontrollierbar. Und das Kultursystem in der Hauptstadt ist vollkommen aufgebläht. Wer tut sich diesen Job jetzt noch an?Sarah Wedl-Wilson wollte es allen recht machenEinst hatte die Kultur den andauernden Wandel Berlins kreativ vorgedacht: Museen, Opernhäuser, Theater und Literatur waren intellektuelle Orientierungspunkte in rasant wechselnden Zeiten. Es wurde erst getanzt und dann gezahlt. Kultur in Berlin war produktives Chaos, getragen von Leidenschaft, sie war kompromissbereit und hat sich an den bestehenden Strukturen ausgerichtet. „Arte povera“ im besten Sinne. Und heute? Viele Kulturinstitutionen sind einfach zu bürokratisch geworden, hängen von Fördergeldern ab und verteidigen alte Privilegien.Und vielleicht war auch das Wedl-Wilsons Fehler: Sie wollte es allen recht machen, statt selbst Nägel einzuschlagen. Dabei wäre genau jetzt die Zeit dafür gewesen, die grundsätzliche Frage zu stellen: Was soll Kultur innerhalb einer Stadtgesellschaft leisten? Welche Kultur wollen Bürgerinnen und Bürger von ihren Steuern mitfinanzieren?Und zur Ehrlichkeit gehört auch die Frage: Wie viele Opern, Orchester und Museen kann sich Berlin erlauben? Locken die müden Häuser wirklich noch Touristen an? Konkret: Entsprechen drei Opernhäuser wirklich noch der Hauptstadtrealität? Oder wäre eine Fusion von Deutscher Oper und Staatsoper nicht auch künstlerisch sinnvoll?Berlins Kultur strahlt schon lange nicht mehrDerartige Strukturfragen sollten eigentlich gestellt werden, solange eine Stadt solvent ist. Aber Berlin ist schon lange pleite. Und seine Kulturszene wirkt wie der Rest einer Partygesellschaft, der nicht nach Hause gehen will. Er tanzt besoffen weiter, weil er ahnt, dass der kommende Tag Kopfschmerzen bereitet. Berlins Kultur strahlt schon lange nicht mehr, sondern wirkt lethargisch und zum großen Teil ritualisiert.Städte wie Prag, Warschau oder Wien haben Berlin auf vielen Feldern den Rang abgelaufen. Es wäre an der Kultur selbst, sich neu zu erfinden. Und an einigen Häusern findet das ja durchaus auch statt. Andere verteidigen noch immer, was längst nicht mehr zu halten ist.Der Rücktritt ist nicht nur das Ende einer vielleicht überforderten Politikerin, er ist auch ein Schlusspunkt der Berliner Kulturpolitik. Auch sie muss sich nach der Wahl neu erfinden.