In Kürze:

  • Ein Herzinfarkt kann auch bei einem niedrigen Cholesterinspiegel passieren, und zwar dann, wenn eine Grunderkrankung die Blutfettwerte senkt.
  • Cholesterin ist für den Körper lebensnotwendig. Wir brauchen es unter anderem für den Aufbau von Zellwänden oder die Produktion von Hormonen.
  • Wenn wir Cholesterin aus der Nahrung, beispielsweise aus Eiern, aufnehmen, erhöht es bei den meisten Menschen den Cholesterinspiegel im Blut nicht signifikant.
  • Die mit Cholesterin verbundenen Risiken variieren von Person zu Person, sind aber für Personen mit bestimmten Vorerkrankungen besonders hoch.

 

Die Diagnose „hoher Cholesterinspiegel“ kann sich wie ein Urteil anfühlen: Entweder man beginnt mit der Einnahme von Cholesterinsenkern, oder man riskiert einen Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Jüngste Studien deuten jedoch darauf hin, dass ein hoher Cholesterinspiegel nicht so schädlich ist, wie einst angenommen. Doch wann und bei wem wird er zum Risiko? Forschungsergebnisse geben dazu neue Hinweise.

Das „Lipid-Paradoxon“

Eine schwedische Studie aus dem Jahr 2023 begleitete ältere Teilnehmer über 35 Jahre hinweg. Laut den Daten wurden Personen mit einem höheren Gesamtcholesterinspiegel mit größerer Wahrscheinlichkeit 100 Jahre alt. 
In einer separaten Studie aus dem Jahr 2025 stellten Forscher fest, dass Erwachsene im Alter von 90 Jahren oder älter mit einem LDL-Cholesterinspiegel – dem umgangssprachlich als „schlechten“ Cholesterin bezeichnet– von über 130 Milligramm pro Deziliter (mg/dL) länger lebten als Probanden mit Werten unterhalb dieser Schwelle. Dies ist bemerkenswert, denn laut der Herzstiftung gilt ein LDL-Cholesterinwert von 116 mg/dL oder niedriger als normal. Die American Heart Association bezeichnet einen Wert von 100 mg/dL oder niedriger als optimal.
Eine Studie aus dem Jahr 2023, die Daten von mehr als 4 Millionen Veteranen im Alter von 18 Jahren oder älter analysierte, gab jedoch Anlass zu großer Vorsicht. Die höheren Sterberaten aufgrund koronarer Herzerkrankungen bei älteren Teilnehmern mit niedrigen Cholesterinwerten schienen das widerzuspiegeln, was Forscher als „umgekehrte Kausalität“ bezeichneten. Das ist ein Phänomen, bei dem die Daten scheinbar zeigen, dass Faktor A den Faktor B verursacht, während in Wirklichkeit B A verursacht.

Mit anderen Worten: Eine schwerwiegende Grunderkrankung könnte den Cholesterinspiegel senken, nicht umgekehrt.

Die Forscher bezeichneten dies als das Cholesterin- oder „Lipid-Paradoxon“. Dies ist die kontraintuitive Beobachtung, dass niedrige LDL- und Gesamtcholesterinwerte in Studien unerwarteterweise mit einem höheren kardiovaskulären Risiko oder einer höheren Sterblichkeit assoziiert sind.

„Einfach ausgedrückt spiegelt ein niedriger Cholesterinspiegel oft eine Grunderkrankung, Gebrechlichkeit, Unterernährung oder eine chronische Erkrankung wider, die unabhängig davon das Sterberisiko erhöht“, erklärte Dr. Eddie Hackler, Kardiologe in Atlanta, gegenüber Epoch Times

Mit anderen Worten: Ein höherer Cholesterinspiegel bei älteren Erwachsenen könnte bedeuten, dass sie krankheitsfrei oder gut genährt sind – Faktoren, die unabhängig voneinander das Sterberisiko senken. Das könnte den in Studien bei älteren Teilnehmern berichteten Zusammenhang zwischen hohem Cholesterinspiegel und Langlebigkeit erklären.

Cholesterinspiegel und Herzerkrankungen in der Allgemeinbevölkerung

Allerdings heißt es nicht, dass ein hoher Cholesterinspiegel keinen negativen Einfluss auf das Risiko für Herzerkrankungen in der Allgemeinbevölkerung haben kann.

„Für die überwiegende Mehrheit der jungen Erwachsenen und solche mittleren Alters bleibt ein hoher LDL-Cholesterinspiegel ein Hauptfaktor für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wenn man den LDL-Cholesterinspiegel senkt, rettet es Leben“, sagte Dr. Marschall Runge zu Epoch Times. Er ist Kardiologe und ehemaliger Executive Vice President für medizinische Angelegenheiten an der University of Michigan.

Wie Cholesterin zum „Bösewicht“ wurde

Bei der Cholesterin-Debatte geht es jedoch um mehr als nur Wissenschaft. Auch die Geschichte spielt eine Rolle.

Cholesterin wurde 1953 zum „Bösewicht“ in der Ernährung, als der Physiologe Ancel Keys die Lipid-Herz-Hypothese vorstellte. Das ist die Vorstellung, dass eine hohe Aufnahme von Gesamtfett, gesättigten Fetten und Cholesterin aus der Nahrung zu Atherosklerose (Arterienverkalkung) führt.

Keys argumentierte, dass es den Cholesterinspiegel und das Risiko für Herzerkrankungen senken könne, wenn man Fett und Cholesterin senkt sowie gesättigtes Fett aus tierischen Produkten durch mehrfach ungesättigtes Fett aus pflanzlichen Ölen und fettem Fisch ersetzt.

Dies führte 1968 zu einer Ernährungsempfehlung der American Heart Association. Demnach sollten Menschen weniger als 300 mg Cholesterin aus der Nahrung pro Tag und nicht mehr als drei ganze Eier pro Woche zu sich nehmen, da Eier eine wichtige Cholesterinquelle in der Ernährung sind.
Einige spätere Studien verkomplizierten dieses Bild jedoch. Ein hoher Cholesterinspiegel erhöht das Risiko für Herzerkrankungen zwar, aber in einigen Untersuchungen zeigte sich, dass der Ersatz von gesättigten Fetten durch mehrfach ungesättigte Fette die Sterblichkeit aufgrund von Herzerkrankungen nicht senkte.
Zudem zeigten aktuelle Studien, dass der Verzehr von Cholesterin aus der Nahrung (wie in Eiern) bei den meisten Menschen den Cholesterinspiegel im Blut nicht signifikant erhöht und das Risiko für Herzerkrankungen nicht wesentlich beeinflusst.

Weltweiter Statinmarkt steigt weiter

Statine kommen in der Regel bei Personen mit LDL-Werten von 190 mg/dl oder höher zum Einsatz oder bei Werten von 70 bis 189 mg/dl bei Personen mit Diabetes oder erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko. 
Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Statine dazu beitragen können, das Risiko für Herzerkrankungen zu senken, da sie nicht nur den Cholesterinspiegel senken, sondern auch Entzündungen hemmen, was die Plaquebildung verringern kann. Sie haben jedoch Nebenwirkungen, was Fragen aufwirft, ob der Nutzen für alle Patienten die Risiken überwiegt.

Was Cholesterin im Körper bewirkt

Trotz seines Rufs ist Cholesterin an sich nicht von Natur aus schädlich. Es ist für Gesundheit und Vitalität unerlässlich.

Cholesterin ist laut Runge ein struktureller Bestandteil jeder Zelle im Körper und trägt dazu bei, die Integrität der Zellmembranen zu erhalten. Es wirkt sich zudem positiv auf die Gehirnfunktion aus.

„Das Gehirn enthält etwa 25 Prozent des körpereigenen Cholesterins, das für die Synapsenbildung und die Übertragung von Nervensignalen entscheidend ist“, sagte er.

Cholesterin ist zudem ein Baustein für alle Steroidhormone, darunter Cortisol, Aldosteron, Östrogen, Progesteron und Testosteron. Es hilft dem Körper, Vitamin D während der Sonnenexposition zu produzieren. Zudem ist es notwendig, damit die Leber Gallensäuren produzieren kann, die für die Verdauung von Fetten und die Aufnahme fettlöslicher Vitamine wie A, D, E und K unerlässlich sind.

„Es ist wichtig zu sagen, dass Personen, die mit sehr niedrigen Cholesterinwerten geboren werden, an einer Reihe von schwerwiegenden Erkrankungen leiden können“, meinte Runge dazu.

Trotz der Vorteile von Cholesterin kann ein langfristig hoher Cholesterinspiegel zur Bildung von Plaque in den Venen und Arterien führen. Dies geschehe, indem es Entzündungen in den Arterienwänden fördere, was zur Plaquebildung führe, erklärte er.

Wenn sich Plaque ansammelt, kann sie die Arterie verengen und den Blutfluss verringern oder blockieren. Das kann zu einem Schlaganfall oder Herzinfarkt führen. Wenn die Plaque instabil wird und reißt, kann dies die Bildung von Blutgerinnseln auslösen, die eine Arterie verstopfen und einen Herzinfarkt oder Schlaganfall verursachen.

Wer ist stärker gefährdet

Personen mit bestimmten Vorerkrankungen sollten besonders darauf achten, ihren Cholesterinspiegel zu kontrollieren, insbesondere den LDL-Spiegel und das Apolipoprotein B. Letzteres ist ein Hauptbestandteil schädlicher Cholesterinpartikel, der die Plaquebildung in den Arterien fördert, merkte Runge an.

Ein hoher Cholesterinspiegel ist ein größeres Risiko für alle, die 

  • bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten,
  • eine periphere arterielle Verschlusskrankheit haben,
  • an Typ-1- oder Typ-2-Diabetes leiden, 
  • unter Bluthochdruck leiden,
  • an einer chronischen Nierenerkrankung leiden,
  • Autoimmunerkrankungen haben,
  • an familiärer Hypercholesterinämie leiden, einer Erbkrankheit, die aufgrund von Genmutationen extrem hohe LDL-Cholesterinwerte verursacht,
  • einen hohen Lipoprotein(a)-Spiegel aufweisen, eine genetisch vererbte Form von Cholesterin,
  • rauchen.

Da die mit Cholesterin verbundenen Risiken von Person zu Person stark variieren, entwickeln sich die medizinischen Empfehlungen ständig weiter. Allgemein ist es aber immer wichtig, auf seine Werte zu achten – egal, ob sie hoch oder ungewöhnlich niedrig sind – und sie als Ausgangspunkt für die persönliche Herzgesundheit und mögliche Änderungen des Lebensstils zu nehmen.

Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.



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