Absturz im Stammland: Während Hendrik Wüst die CDU zum Erfolg führt, rutscht die SPD in NRW auf historische 14 Prozent ab. Warum selbst im Ruhrgebiet die Arbeiter zur AfD abwandern und was das für den Bund bedeutet


Die Umfrageergebnisse der SPD sacken in NRW kontinuierlich ab

Foto: Emmanuele Contini/Imago Images


Vor wenigen Tagen erschien eine Umfrage, die die SPD mit 14 Prozent nur noch an vierter Stelle in ihrem Stammland NRW sieht. Vor den Sozialdemokraten liegen mit 32 Prozent die CDU, mit 17 Prozent die Grünen und mit 20 Prozent die AfD. Nur die Linke landet mit 6 Prozent dahinter. Das ist schockierend! Warum?

Die Zahlen deuten nicht nur auf eine substanzbedrohende Krise in der SPD hin, sondern auch darauf, dass die AfD längst kein Ostphänomen mehr ist, und man davon ausgehen kann, dass sie breite Zustimmung im Westen erhält. Das zeichnete sich bereits bei den Landtagswahlen, unter anderem in Baden-Württemberg, ab. Im Südwesten fuhr die AfD am 8. März fast 19 Prozent der Stimmen ein. Das ist jeder vierte Wähler! Im Kontrast dazu krachte die Sozialdemokratie auf 5,5 Prozent. Genossinnen und Genossen, es ist ernst.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Ergebnisse der SPD in NRW kontinuierlich abgesackt sind. Nach Spitzenergebnissen um die 50 Prozent in den 1980er Jahren kam sie bei Umfragen vor 9 Jahren schon nur noch auf 40 Prozent – war aber immer noch die unangefochtene Spitze in NRW. So gewann sie bei der vorgezogenen Landtagswahl 2012 mit Hannelore Kraft noch mit 39,1 Prozent haushoch, während die CDU 26,3 Prozent holte, die Grünen auf 11,3 Prozent kamen und die FDP mit 8,6 Prozent noch politisch relevant war. Die SPD und die Grünen bildeten damals eine rot-grüne Regierung mit klarer Mehrheit.

Die Landtagswahl 2022 markierte schließlich mit 26,7 Prozent das schlechteste Ergebnis in der Geschichte der Sozialdemokraten in NRW. Der Blick auf die reinen Zahlen zeigt, dass sich die Positionen von CDU und SPD in NRW umgekehrt haben.

Was begründet den Erfolg der Konservativen im ehemaligen SPD-Land?

Der Erfolg der CDU in NRW liegt wohl auch daran, dass sie nicht auf die Hardliner-Linie der Bundes-CDU unter Friedrich Merz einschwenkt, die kontinuierlich an Zustimmung verliert. Ministerpräsident Hendrik Wüst ist nicht nur charismatisch und eloquent, sondern auch klug genug, um zu wissen, dass wöchentliche Beschimpfungen der arbeitenden Menschen in Deutschland und Angstmacherei à la Rentenkürzung nicht förderlich für Stimmenzuwachs sind.

Zu Wüsts Regierung gehören Innenminister Herbert Reul, der laut Umfragen der beliebteste Politiker NRWs ist, und Arbeits- und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, der mit 60 Prozent Platz 3 belegt und dem Arbeitnehmerflügel der CDU angehört. Der 68-jährige Politiker ist gelernter Maschinenschlosser und blickt auf eine lange Biografie als Gewerkschafter zurück.

Für die Sozialdemokratie ist es schwerer, diese CDU zu stellen, als eine von einem offen sozial- und arbeitnehmerfeindlichen Kurs gekennzeichnete. Ein weiteres Problem der SPD in diesem Zusammenhang ist, dass ihr Personal im Land kaum bekannt ist. Zwar bemüht sich Oppositionsführer und SPD-Spitzenkandidat Jochen Ott mit klarer Sprache und angriffslustigen Statements um Bekanntheit, allerdings geben laut einer aktuellen Umfrage nur 8 Prozent der Bevölkerung in NRW an, Ott überhaupt zu kennen.

Die AfD gewinnt dort, wo gut bezahlte, tarifgebundene Arbeitsplätze verschwunden sind

Wo die SPD verliert und die AfD übernimmt, konnte bereits bei der Kommunalwahl im September 2025 beobachtet werden. Die AfD verdreifachte ihre Zuwächse. Es besteht ein Zusammenhang zwischen Regionen des Strukturwandels, in denen starke Industrie und gut bezahlte, tarifgebundene Arbeitsplätze verschwunden sind, und dem Aufstieg der AfD.

Bei der Bundestagswahl 2025 wurde in Gelsenkirchen die AfD zur stärksten Kraft. Bei den Erststimmen gelang es dem SPD-Kandidaten Markus Töns, noch das Direktmandat zu verteidigen. Offenbar überzeugte zwar die Person, nicht aber die entsprechende Partei.

Zu lange hat sich die SPD auf ihrer historisch aufgebauten, starken Verankerung in der Bevölkerung ausgeruht. Die Zeiten, in denen Vereinsvorsitzende, aktive Gewerkschafterinnen und gesellschaftlich engagierte Multiplikatoren selbstverständlich auch SPDler waren, sind vorbei. Es ist längst keine Gewissheit mehr, dass Industriebeschäftigte und arbeitende Familien selbstverständlich SPD wählen. Die Parteienbindung nimmt kontinuierlich ab.

Bismarck hatte Angst vor der Sozialdemokratie, heute will die SPD den 8-Stunden-Tag abschaffen

Zu lange hat die SPD versäumt, Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen neu und glaubwürdig von sich zu überzeugen. Dass dies nicht nur ein Landes-, sondern auch ein Bundesproblem ist, belegen die Umfragen im Bund, die die SPD zwischen 12 und 14 Prozent sehen.

In den 1880er Jahren führte Bismarck Sozialgesetze, wie Kranken- und Unfallversicherungen ein – aus Angst vor der Macht der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie, die damals sogar aus der Illegalität heraus operieren mussten. Heute sind wöchentlich Angriffe auf soziale Sicherungsnetze wie Rente oder Lohnfortzahlung aus der Regierung zu verzeichnen – und eine SPD, die den 8-Stunden-Tag mit abschaffen will.

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich, aber ein bisschen mehr vom Spirit historischer Sozialdemokratie wäre der SPD durchaus zuträglich.

Sozialdemokratie auf 5,5 Prozent. Genossinnen und Genossen, es ist ernst.Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Ergebnisse der SPD in NRW kontinuierlich abgesackt sind. Nach Spitzenergebnissen um die 50 Prozent in den 1980er Jahren kam sie bei Umfragen vor 9 Jahren schon nur noch auf 40 Prozent – war aber immer noch die unangefochtene Spitze in NRW. So gewann sie bei der vorgezogenen Landtagswahl 2012 mit Hannelore Kraft noch mit 39,1 Prozent haushoch, während die CDU 26,3 Prozent holte, die Grünen auf 11,3 Prozent kamen und die FDP mit 8,6 Prozent noch politisch relevant war. Die SPD und die Grünen bildeten damals eine rot-grüne Regierung mit klarer Mehrheit. Die Landtagswahl 2022 markierte schließlich mit 26,7 Prozent das schlechteste Ergebnis in der Geschichte der Sozialdemokraten in NRW. Der Blick auf die reinen Zahlen zeigt, dass sich die Positionen von CDU und SPD in NRW umgekehrt haben.Was begründet den Erfolg der Konservativen im ehemaligen SPD-Land?Der Erfolg der CDU in NRW liegt wohl auch daran, dass sie nicht auf die Hardliner-Linie der Bundes-CDU unter Friedrich Merz einschwenkt, die kontinuierlich an Zustimmung verliert. Ministerpräsident Hendrik Wüst ist nicht nur charismatisch und eloquent, sondern auch klug genug, um zu wissen, dass wöchentliche Beschimpfungen der arbeitenden Menschen in Deutschland und Angstmacherei à la Rentenkürzung nicht förderlich für Stimmenzuwachs sind.Zu Wüsts Regierung gehören Innenminister Herbert Reul, der laut Umfragen der beliebteste Politiker NRWs ist, und Arbeits- und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, der mit 60 Prozent Platz 3 belegt und dem Arbeitnehmerflügel der CDU angehört. Der 68-jährige Politiker ist gelernter Maschinenschlosser und blickt auf eine lange Biografie als Gewerkschafter zurück. Für die Sozialdemokratie ist es schwerer, diese CDU zu stellen, als eine von einem offen sozial- und arbeitnehmerfeindlichen Kurs gekennzeichnete. Ein weiteres Problem der SPD in diesem Zusammenhang ist, dass ihr Personal im Land kaum bekannt ist. Zwar bemüht sich Oppositionsführer und SPD-Spitzenkandidat Jochen Ott mit klarer Sprache und angriffslustigen Statements um Bekanntheit, allerdings geben laut einer aktuellen Umfrage nur 8 Prozent der Bevölkerung in NRW an, Ott überhaupt zu kennen.Die AfD gewinnt dort, wo gut bezahlte, tarifgebundene Arbeitsplätze verschwunden sindWo die SPD verliert und die AfD übernimmt, konnte bereits bei der Kommunalwahl im September 2025 beobachtet werden. Die AfD verdreifachte ihre Zuwächse. Es besteht ein Zusammenhang zwischen Regionen des Strukturwandels, in denen starke Industrie und gut bezahlte, tarifgebundene Arbeitsplätze verschwunden sind, und dem Aufstieg der AfD.Bei der Bundestagswahl 2025 wurde in Gelsenkirchen die AfD zur stärksten Kraft. Bei den Erststimmen gelang es dem SPD-Kandidaten Markus Töns, noch das Direktmandat zu verteidigen. Offenbar überzeugte zwar die Person, nicht aber die entsprechende Partei.Zu lange hat sich die SPD auf ihrer historisch aufgebauten, starken Verankerung in der Bevölkerung ausgeruht. Die Zeiten, in denen Vereinsvorsitzende, aktive Gewerkschafterinnen und gesellschaftlich engagierte Multiplikatoren selbstverständlich auch SPDler waren, sind vorbei. Es ist längst keine Gewissheit mehr, dass Industriebeschäftigte und arbeitende Familien selbstverständlich SPD wählen. Die Parteienbindung nimmt kontinuierlich ab.Bismarck hatte Angst vor der Sozialdemokratie, heute will die SPD den 8-Stunden-Tag abschaffenZu lange hat die SPD versäumt, Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen neu und glaubwürdig von sich zu überzeugen. Dass dies nicht nur ein Landes-, sondern auch ein Bundesproblem ist, belegen die Umfragen im Bund, die die SPD zwischen 12 und 14 Prozent sehen.In den 1880er Jahren führte Bismarck Sozialgesetze, wie Kranken- und Unfallversicherungen ein – aus Angst vor der Macht der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie, die damals sogar aus der Illegalität heraus operieren mussten. Heute sind wöchentlich Angriffe auf soziale Sicherungsnetze wie Rente oder Lohnfortzahlung aus der Regierung zu verzeichnen – und eine SPD, die den 8-Stunden-Tag mit abschaffen will. Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich, aber ein bisschen mehr vom Spirit historischer Sozialdemokratie wäre der SPD durchaus zuträglich.



Source link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert