Voll ist es vor dem Berlaymont-Gebäude, dem Sitz der EU-Kommission. Gut 100 Demonstranten drängen sich an diesem Frühlingstag auf dem Vorplatz, fast bis auf den schmalen Bordstein. Fahrradfahrer, die vorbildlich behelmt in Richtung ihrer Büros flitzen, müssen klingeln, die tägliche Armada von E-Rollern im Brüsseler Europa-Viertel weicht Schaulustigen und Kameraleuten aus. Dann tritt eine Frau mit Megafon aus der Menge. „Guten Morgen allerseits!“, ruft sie. „Es ist ein schöner Tag, um PFAS zu verbieten!“

Hinter der Abkürzung für Per- und Polyfluorierte Alkylsubstanzen verbergen sich mehrere tausend Chemikalien, die auf Kohlenstoff-Fluor-Ketten basieren. Einmal freigesetzt, verbreiten sie sich nicht nur leicht, sondern sind auch praktisch nicht abbaubar. Beständig gegen Hitze, Fett und Wasser werden sie auch „Ewigkeits-Chemikalien“ genannt. Die stecken in Teflon-Pfannen und Backformen, Allwetter-Kleidung, Teppichen, Einwegverpackungen, Backpapier, Kosmetik und Löschschaum.

Zugleich häufen sich Hinweise auf schwere Gesundheitsschäden. Spuren von PFAS finden sich längst überall auf dem Globus. An manchen Orten jedoch ist die Belastung sehr konzentriert. Aus solchen stammen die Demonstranten vor der EU-Kommission. „Ich bin ein PFAS-Hotspot“, steht auf manchem T-Shirt. Das gilt Industrierevieren wie dem Vallée de la Chimie bei Lyon, Dordrecht in den Niederlanden, Ronse in Belgien. In Deutschland sind bayerische Kleinstädte wie Manching und Altötting besonders betroffen.

Es geht um ein europaweites Verbot von PFAS, das Produktion, Verkauf und Import erfasst. Dies beantragten 2023 Dänemark, Deutschland, die Niederlande, Norwegen und Schweden bei der Europäischen Chemikalien-Agentur (ECHA). Andernfalls, so die Gesundheitsbehörden der fünf Länder, würden in den nächsten drei Jahrzehnten 4,4 Millionen Tonnen PFAS freigesetzt. Verboten hat die EU bereits Perfluoroctansulfonsäure (PFOS, 2006) und Perfluoroctansäure (PFOA, 2020).

Miteni-Manager zu 141 Jahren Haft verurteilt

„Die einzige Lösung besteht darin, die Produktion zu stoppen. PFAS-Verschmutzung kennt keine Grenzen. Durch Wasserkreisläufe gelangt sie überallhin“, ruft Laura Ghiotto aus Lonigo ins Mikrofon. Sie gehört einer Gruppe von Frauen aus dem Umfeld der ehemaligen Chemiefabrik Miteni bei Vicenza an, deren Kinder mutmaßlich durch PFAS schlechte Blutwerte hatten. 2025 wurden elf Miteni-Manager wegen vorsätzlicher Verunreinigung von Wasser und Umwelt zu insgesamt 141 Jahren Haft verurteilt.

Studien wie die des US National Cancer Institute von 2020 sehen Zusammenhänge zwischen Kontakt mit PFAS und Nieren- oder Hodenkrebs, Schäden am Immun- und Hormonsystem oder Schilddrüsenkrankheiten. Laura Ghiottos Wohnort zählt zu Dutzenden von Kommunen, die seit Jahrzehnten verschmutztes Trinkwasser haben. Auch das Oberflächen- und Grundwasser sei kontaminiert, sagt sie.

Meta Kamphuis, Anfang 50, die ebenfalls zu den Versammelten spricht, hat ihr gesamtes Leben in der Nähe der Chemours-Fabrik im niederländischen Dordrecht verbracht, die unter anderem Teflon herstellt und jahrzehntelang PFOA in den nahen Fluss Merwede verklappte. Vor rund 30 Jahren verlor sie ihre Eltern durch Krebs. Mit 45 erkrankte sie selbst, wobei eine Untersuchung keine erbliche Vorbelastung feststellte. Sie überlebte, doch wenig später starb „die Liebe meines Lebens an Leberkrebs, obwohl er nie trank“. Kamphuis begann sich zu fragen, welchen Einfluss die Emissionen der Fabrik hatten.

Der Toxikologie-Professor Jacob de Boer aus Amsterdam erklärt am gleichen Tag auf einem Podium im Brüsseler EU-Parlament, die Beweislast sei „überwältigend“. Zugleich sei eine individuelle Erkrankung kaum mit Gewissheit an eine bestimmte Ursache zu koppeln. Darauf weisen auch Vertreter der Chemieindustrie oft hin, wenn sie sich gegen ein Verbot wehren. Die vermeintliche Unersetzbarkeit der vielseitig verwendbaren PFAS ist eines ihrer Argumente, obwohl in vielen Fällen bereits Alternativen existieren.

Wie sehr ökonomische Interessen von einem möglichen gemeinsamen Vorgehen der EU tangiert sind, zeigte sich im April 2024 in Berlin. Als Reaktion auf den Verbotsantrag der genannten vier EU-Länder und Norwegens lud der Umweltausschuss des Bundestages Befürworter und Gegner ein. Für Letztere warnte Nora Schmidt-Kesseler für die Arbeitgeber der deutschen Nordostchemie „vor fatalen Auswirkungen auf die Industrieproduktion in allen Branchen, auf die Arbeitsplatz- wie Planungssicherheit für Unternehmen, auf Innovationen sowie auf fast alle Hochtechnologie-Anwendungen und damit auf die Zukunftsfähigkeit und Resilienz des Standortes Deutschland“.

Kosten der PFAS-Verschmutzung bis 2050 bei 440 Milliarden Euro

Seitens der Industrie bleibt es nicht bei Warnungen. Als die Chemikalien-Agentur ECHA 2023 wegen des Verbotsantrags öffentliche Anhörungen begann, starteten Verbände und Konzerne eine Lobby-Kampagne, die in Europa ihresgleichen suchen dürfte. An der sind Bayer und BASF beteiligt sowie der Verband der Europäischen Chemischen Industrie (CEFIC) und der Verband der Plastik-Industrie, Plastics Europe.

Der Tenor: Der Gebrauch von PFAS sei sicher und ungefährlich. Ein Verbot gefährde den allgemeinen Lebensstandard, dazu das Innovationsvermögen der europäischen Industrie sowie die Transformation zur Klima-Neutralität. Ein Verbot würde die Branche Milliarden kosten. Man plädiert für eine getrennte Prüfung einzelner Stoffe statt eines generellen Verbots. Wenn es so käme, wäre dies mit einem enormen Zeitaufwand verbunden und würde für die betroffenen Unternehmen schlimmstenfalls zu langen Fristen führen, um bestimmte Produktionen zu kappen.

„Sie haben Politikern die Idee eingepflanzt, wir kämen ohne PFAS nicht zurecht“, so Vicky Cann, Forscherin bei der NGO Corporate Europe Observatory, die sich mit dem Einfluss von Firmen und ihrer Lobby-Gruppen auf die EU beschäftigt. Nach der Kundgebung in Brüssel zeigt sie den Aktivisten auf einem Spaziergang durchs EU-Viertel, dass Akteure wie Plastics Europe ihre Büros in Rufweite der europäischen Institutionen unterhalten, darunter Chemours, eine Tochter des DuPont-Konzerns.

Dessen großflächige Trinkwasser-Verschmutzung in West Virginia thematisierte 2019 der Film Dark Waters, der das PFAS-Dilemma erstmals einem Millionen-Publikum vor Augen führte. „Seit 2023 hat Chemours die Ausgaben für Lobbying verdoppelt. Sie versuchen, auf möglichst vielen Ebenen Kontakt mit der EU-Kommission zu bekommen“, so Vicky Cann. Offenbar erfolgreich, sie hätten zuletzt mehr Termine gehabt als alle NGOs zusammen.

Die EU-Kommission präsentierte ihrerseits im Januar eine Studie. Demnach würden die Kosten der PFAS-Verschmutzung ohne jedes Eingreifen bis 2050 bei 440 Milliarden Euro liegen. Doch inwiefern sich die Notwendigkeit, die Verschmutzung mit Ewigkeits-Chemikalien zu stoppen, auch in einem Gesetzentwurf der Kommission wiederfinden wird, ist völlig offen.

Ende März gab die Chemikalien-Agentur ECHA ihre vorläufige Einschätzung bekannt: Gestützt auf zwei Risikoanalysen empfehle sie ein generelles Verbot. Sollte es keine Alternative zur entsprechenden Chemikalie geben, könnten aber Ausnahmen gemacht werden. In einer Konsultationsphase können nun bis Mitte Mai Unternehmen und Verbände Einsprüche geltend machen. Im Brüssel der kurzen Wege dürfte dies zu einiger Betriebsamkeit führen.

, sondern sind auch praktisch nicht abbaubar. Beständig gegen Hitze, Fett und Wasser werden sie auch „Ewigkeits-Chemikalien“ genannt. Die stecken in Teflon-Pfannen und Backformen, Allwetter-Kleidung, Teppichen, Einwegverpackungen, Backpapier, Kosmetik und Löschschaum.Zugleich häufen sich Hinweise auf schwere Gesundheitsschäden. Spuren von PFAS finden sich längst überall auf dem Globus. An manchen Orten jedoch ist die Belastung sehr konzentriert. Aus solchen stammen die Demonstranten vor der EU-Kommission. „Ich bin ein PFAS-Hotspot“, steht auf manchem T-Shirt. Das gilt Industrierevieren wie dem Vallée de la Chimie bei Lyon, Dordrecht in den Niederlanden, Ronse in Belgien. In Deutschland sind bayerische Kleinstädte wie Manching und Altötting besonders betroffen.Es geht um ein europaweites Verbot von PFAS, das Produktion, Verkauf und Import erfasst. Dies beantragten 2023 Dänemark, Deutschland, die Niederlande, Norwegen und Schweden bei der Europäischen Chemikalien-Agentur (ECHA). Andernfalls, so die Gesundheitsbehörden der fünf Länder, würden in den nächsten drei Jahrzehnten 4,4 Millionen Tonnen PFAS freigesetzt. Verboten hat die EU bereits Perfluoroctansulfonsäure (PFOS, 2006) und Perfluoroctansäure (PFOA, 2020).Miteni-Manager zu 141 Jahren Haft verurteilt„Die einzige Lösung besteht darin, die Produktion zu stoppen. PFAS-Verschmutzung kennt keine Grenzen. Durch Wasserkreisläufe gelangt sie überallhin“, ruft Laura Ghiotto aus Lonigo ins Mikrofon. Sie gehört einer Gruppe von Frauen aus dem Umfeld der ehemaligen Chemiefabrik Miteni bei Vicenza an, deren Kinder mutmaßlich durch PFAS schlechte Blutwerte hatten. 2025 wurden elf Miteni-Manager wegen vorsätzlicher Verunreinigung von Wasser und Umwelt zu insgesamt 141 Jahren Haft verurteilt.Studien wie die des US National Cancer Institute von 2020 sehen Zusammenhänge zwischen Kontakt mit PFAS und Nieren- oder Hodenkrebs, Schäden am Immun- und Hormonsystem oder Schilddrüsenkrankheiten. Laura Ghiottos Wohnort zählt zu Dutzenden von Kommunen, die seit Jahrzehnten verschmutztes Trinkwasser haben. Auch das Oberflächen- und Grundwasser sei kontaminiert, sagt sie.Meta Kamphuis, Anfang 50, die ebenfalls zu den Versammelten spricht, hat ihr gesamtes Leben in der Nähe der Chemours-Fabrik im niederländischen Dordrecht verbracht, die unter anderem Teflon herstellt und jahrzehntelang PFOA in den nahen Fluss Merwede verklappte. Vor rund 30 Jahren verlor sie ihre Eltern durch Krebs. Mit 45 erkrankte sie selbst, wobei eine Untersuchung keine erbliche Vorbelastung feststellte. Sie überlebte, doch wenig später starb „die Liebe meines Lebens an Leberkrebs, obwohl er nie trank“. Kamphuis begann sich zu fragen, welchen Einfluss die Emissionen der Fabrik hatten.Der Toxikologie-Professor Jacob de Boer aus Amsterdam erklärt am gleichen Tag auf einem Podium im Brüsseler EU-Parlament, die Beweislast sei „überwältigend“. Zugleich sei eine individuelle Erkrankung kaum mit Gewissheit an eine bestimmte Ursache zu koppeln. Darauf weisen auch Vertreter der Chemieindustrie oft hin, wenn sie sich gegen ein Verbot wehren. Die vermeintliche Unersetzbarkeit der vielseitig verwendbaren PFAS ist eines ihrer Argumente, obwohl in vielen Fällen bereits Alternativen existieren.Wie sehr ökonomische Interessen von einem möglichen gemeinsamen Vorgehen der EU tangiert sind, zeigte sich im April 2024 in Berlin. Als Reaktion auf den Verbotsantrag der genannten vier EU-Länder und Norwegens lud der Umweltausschuss des Bundestages Befürworter und Gegner ein. Für Letztere warnte Nora Schmidt-Kesseler für die Arbeitgeber der deutschen Nordostchemie „vor fatalen Auswirkungen auf die Industrieproduktion in allen Branchen, auf die Arbeitsplatz- wie Planungssicherheit für Unternehmen, auf Innovationen sowie auf fast alle Hochtechnologie-Anwendungen und damit auf die Zukunftsfähigkeit und Resilienz des Standortes Deutschland“.Kosten der PFAS-Verschmutzung bis 2050 bei 440 Milliarden EuroSeitens der Industrie bleibt es nicht bei Warnungen. Als die Chemikalien-Agentur ECHA 2023 wegen des Verbotsantrags öffentliche Anhörungen begann, starteten Verbände und Konzerne eine Lobby-Kampagne, die in Europa ihresgleichen suchen dürfte. An der sind Bayer und BASF beteiligt sowie der Verband der Europäischen Chemischen Industrie (CEFIC) und der Verband der Plastik-Industrie, Plastics Europe.Der Tenor: Der Gebrauch von PFAS sei sicher und ungefährlich. Ein Verbot gefährde den allgemeinen Lebensstandard, dazu das Innovationsvermögen der europäischen Industrie sowie die Transformation zur Klima-Neutralität. Ein Verbot würde die Branche Milliarden kosten. Man plädiert für eine getrennte Prüfung einzelner Stoffe statt eines generellen Verbots. Wenn es so käme, wäre dies mit einem enormen Zeitaufwand verbunden und würde für die betroffenen Unternehmen schlimmstenfalls zu langen Fristen führen, um bestimmte Produktionen zu kappen.„Sie haben Politikern die Idee eingepflanzt, wir kämen ohne PFAS nicht zurecht“, so Vicky Cann, Forscherin bei der NGO Corporate Europe Observatory, die sich mit dem Einfluss von Firmen und ihrer Lobby-Gruppen auf die EU beschäftigt. Nach der Kundgebung in Brüssel zeigt sie den Aktivisten auf einem Spaziergang durchs EU-Viertel, dass Akteure wie Plastics Europe ihre Büros in Rufweite der europäischen Institutionen unterhalten, darunter Chemours, eine Tochter des DuPont-Konzerns.Dessen großflächige Trinkwasser-Verschmutzung in West Virginia thematisierte 2019 der Film Dark Waters, der das PFAS-Dilemma erstmals einem Millionen-Publikum vor Augen führte. „Seit 2023 hat Chemours die Ausgaben für Lobbying verdoppelt. Sie versuchen, auf möglichst vielen Ebenen Kontakt mit der EU-Kommission zu bekommen“, so Vicky Cann. Offenbar erfolgreich, sie hätten zuletzt mehr Termine gehabt als alle NGOs zusammen.Die EU-Kommission präsentierte ihrerseits im Januar eine Studie. Demnach würden die Kosten der PFAS-Verschmutzung ohne jedes Eingreifen bis 2050 bei 440 Milliarden Euro liegen. Doch inwiefern sich die Notwendigkeit, die Verschmutzung mit Ewigkeits-Chemikalien zu stoppen, auch in einem Gesetzentwurf der Kommission wiederfinden wird, ist völlig offen.Ende März gab die Chemikalien-Agentur ECHA ihre vorläufige Einschätzung bekannt: Gestützt auf zwei Risikoanalysen empfehle sie ein generelles Verbot. Sollte es keine Alternative zur entsprechenden Chemikalie geben, könnten aber Ausnahmen gemacht werden. In einer Konsultationsphase können nun bis Mitte Mai Unternehmen und Verbände Einsprüche geltend machen. Im Brüssel der kurzen Wege dürfte dies zu einiger Betriebsamkeit führen.



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