Was bedeutet ARD? In der DDR war die Antwort klar: „Außer Raum Dresden“. Denn wer einen Fernseher hatte, konnte Westfernsehen empfangen, es sei denn, man lebte im Bezirk Dresden. Bis hierher reichte die Sendeleistung westdeutscher Programme einfach nicht, selbst im Osten des Bezirkes Karl-Marx-Stadt musste die Wetterlage ideal sein, um kein Grieselbild zu empfangen.
Die jedenfalls, die im Raum Dresden wohnten, konnten nicht wissen, was die Sprecherin der Tagesschau am Abend des 26. April 1986 in der ARD vermeldete: „In dem sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl ist es offenbar zu dem gefürchteten GAU gekommen: Dem größten anzunehmenden Unfall.“
Was bedeutete das für das eigene Leben? Selbst wer Westfernsehen im Osten Deutschlands empfing, musste sich die Neuigkeiten mühsam zusammensuchen.
Denn in der Tagesschau erklärt später Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU), eine Gefährdung der Bevölkerung sei „absolut auszuschließen“; die Gefahr bestehe höchstens in einem Umkreis von 30 bis 50 Kilometern um den Reaktor.
Die Sowjetunion informiert nur schleppend und beschönigend. Aus Mangel an Informationen und aus Rücksicht auf den Bruderstaat berichten die Medien der DDR kaum. Und wenn, werden die Fakten heruntergespielt oder ganz verschwiegen. Am 29. April verliest der Moskau-Korrespondent des DDR-Fernsehens eine Erklärung des Ministerrates der UdSSR: „Nach vorläufigen Angaben sind zwei Menschen ums Leben gekommen, vier Ortschaften mussten evakuiert werden.“ Da aber war schon ein Großteil der Nachtschicht von Block 4 tot und fast die gesamte Zone 30 Kilometer um den Reaktor für immer geräumt.
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Erst über den Umweg der Westmedien hätten er und seine Mitstreiter in der ostdeutschen Umweltbewegung von der Tragweite des GAUs in Tschernobyl erfahren, erinnert sich Wolfgang Rüddenklau, der 1985 zu den Mitgründern der Ostberliner Umwelt-Bibliothek gehörte: „Sehr verspätet kam im DDR-Fernsehen eine Sendung, wo allerhand Experten in Anführungszeichen darüber etwas sagten, dass das mit Tschernobyl gar nicht so schlimm wäre.“
Wolfgang Rüddenklau engagierte sich in den 1980er-Jahren in unabhängigen Gruppen, die gegen Umweltzerstörung und fehlende Meinungsfreiheit in der DDR eintraten. Einer der Treffpunkte für die Aktivisten war die Gethsemanekirche in Ost-Berlin. Die Umweltbewegung ist eng mit dem politischen Widerstand und der Bürgerrechtsbewegung in der DDR verbunden.
Ihre Mitglieder beschließen in den Tagen nach der Katastrophe, das staatliche Informationsmonopol der DDR zu unterlaufen: Sie richten im Keller der Zions-Kirchengemeinde in Ost-Berlin eine „Umwelt-Bibliothek“ ein. Dafür sammeln sie meist verbotene Schriften zur Atomkraft und ihren Risiken und stellen sie informationshungrigen DDR-Bürgern zur Verfügung. Auch treten sie mit eigenen Forderungen und Appellen an die Öffentlichkeit. „Die erste Erklärung, vom Vorläuferkreis der Umwelt-Bibliothek, forderte die sofortige Stilllegung der Atomkraftwerke in der DDR“, erinnerte sich Carlo Jordan, der später die oppositionelle Gruppe Grüne Liga mitbegründen sollte – und 2023 verstarb.
Widersprüchliche Grenzwerte
Die Zeitschrift Umweltblätter wird zu einem wichtigen Sprachrohr der Opposition: Ab September 1986 wird sie mit einer Ormig-Druckmaschine hergestellt, Auflage 150 Stück. „Tschernobyl ist überall“, heißt es in der ersten Ausgabe. Seitdem erschienen die Umweltblätter als „Innerkirchliche Information“ alle ein bis zwei Monate. Dass ihre Aktionen die Staatssicherheit auf den Plan rufen würden, ist allen Umweltaktivisten klar. Das Risiko seien sie bewusst eingegangen, sagt Wolfgang Rüddenklau im Rückblick: „Wir mussten uns tatsächlich weiter vorwagen.“ Ihnen sei bewusst gewesen, dass spätestens mit dem GAU in Tschernobyl der Zeitpunkt gekommen war, an dem Umweltbewegung politisch wird.
Misstrauen gegen die Beschwichtigungen der eigenen Regierung gab es auch in der BRD. „Bei uns kann ein Jumbo auf ein Kernkraftwerk aufplatzen, und es wird dem Reaktor nichts passieren“, erklärte Innenminister Zimmermann. Prüfungen nach dem 11. September 2001 ergaben freilich, dass diese Einschätzung Unsinn war. Die Bundesregierung erließ Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Lebensmitteln, Milch beispielsweise musste jenseits von 500 Becquerel radioaktiven Jods pro Liter weggekippt werden. Viel zu viel, erklärte der Senat von West-Berlin und ließ wie die Landesregierung von Schleswig-Holstein lediglich 50 Becquerel pro Liter zu.
Aber woher wusste man verlässlich, wie viele Becquerel (Bq) drin sind? In Berlin gründeten Wissenschaftler die Unabhängige Strahlenmessstelle, die ab 1987 den Strahlentelex herausgab. Das Messgerät finanzierte die Gruppe um den Chemiker Peter Plieninger und den Atomtechniker Bernd Lehmann aus einem Benefit-Konzert. „Vollmilch in Berlin 75 Prozent höher radioaktiv belastet als in Frankfurt oder Köln“, war dort in der März-Ausgabe zu lesen, aber auch „Lebensmittel in der DDR vergleichsweise geringer belastet“. 3.000 Abonnenten hatte der Dienst in seiner Hochzeit, erst 2018 wurde er eingestellt.
Natürlich gab es auch in der DDR Grenzwerte, erinnert sich Wolfgang Rüddenklau: „Doch die sind nicht publik gemacht, die Bürger nicht über die Gefahren des atomaren Fallouts aufgeklärt worden.“ Im Gegenteil seien Kindergärtnerinnen, die nach Tschernobyl Kinder vom Spielen im Sand abhielten, sogar bestraft worden. Weil sie offensichtlich den falschen Sender hörten und nicht an die Dogmatik der SED glaubten.
Auch andere gehen 1986 Risiken ein, um über die gefährlichen Folgen des Atomunfalls 1.000 Kilometer weiter östlich aufzuklären: Junge Leute in Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt, geben entsprechende Mitschnitte Westberliner Sender weiter. Manche von ihnen landen wegen des Verbreitens nicht genehmigter Informationen im Gefängnis.
Schon zwei Tage nach der Katastrophe von Tschernobyl stieg die Radioaktivität in der DDR stark an: In Magdeburg wurde im Regenwasser und in der Erde eine deutlich erhöhte Strahlenbelastung gemessen. Aber das Zentralorgan Neues Deutschland schrieb in kleinen Meldungen von einer „Stabilisierung auf einem niedrigeren Niveau“.
Um an eigene Daten zu kommen, suchen die findigen Naturschützer die Zusammenarbeit mit westlichen Umweltorganisationen wie Greenpeace. Wie der Umweltaktivist Carlo Jordan berichtete, nahmen Freunde der Umwelt-Bibliothek im Umkreis von Berlin Proben und kauften an bestimmten Orten Milch und Gemüse. „Das wurde dann nach West-Berlin gebracht, also durch die Mauer geschmuggelt, und dort analysiert.“
Außerdem sprechen sie der Opposition nahestehende Wissenschaftler an, wie den Physiker Sebastian Pflugbeil. Der spätere Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz war am 26. April 1986 mit seiner Familie an der Ostsee und erfuhr ebenfalls aus westdeutschen Nachrichten vom Reaktorunglück. In den DDR-Fernsehnachrichten sagte die Sprecherin: „Der Leiter des Staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz der DDR erklärte heute gegenüber Pressevertretern, dass in der DDR Strahlenmessungen mit äußerster Gründlichkeit vorgenommen werden.“
In Westdeutschland gründete der Bund für Umwelt und Naturschutz eine Expertenkommission, in der der ehemalige Atommanager Klaus Traube mitarbeitete: „Pfirsiche, Äpfel und Birnen sind ab Herbst voraussichtlich stark belastet“, lautete das Urteil, „ab September gilt das Gleiche fürs Bier“. Die konzernunabhängige taz, die tageszeitung erlebte ihre erste Blüte: Sie druckte täglich einen „Strahlenkompass“ ab, der unabhängige Messwerte veröffentlichte. Zum Beispiel bei Äpfeln: „Ulm: 47 Bq, Neu-Ulm: 24 Bq, Haingersdorf (Bayern): 113 Bq“. Solch unabhängige Untersuchungen gab es für Vollkorn-Spaghetti, Eiernudeln, Spätzle, Käse und Co. Das sorgte erstmals für mehr als 30.000 Abonnenten.
Auch in der DDR wurde die Umweltbewegung nach Tschernobyl ernster genommen. „Wir haben mit der Umwelt-Bibliothek gleich als Erstes ein Seminar zum Thema Morsche Meiler gemacht“, sagt Rüddenklau: „Das war das erste Mal, dass in der DDR dieses Thema wirklich groß angesprochen wurde.“
nds empfing, musste sich die Neuigkeiten mühsam zusammensuchen.Denn in der Tagesschau erklärt später Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU), eine Gefährdung der Bevölkerung sei „absolut auszuschließen“; die Gefahr bestehe höchstens in einem Umkreis von 30 bis 50 Kilometern um den Reaktor.Die Sowjetunion informiert nur schleppend und beschönigend. Aus Mangel an Informationen und aus Rücksicht auf den Bruderstaat berichten die Medien der DDR kaum. Und wenn, werden die Fakten heruntergespielt oder ganz verschwiegen. Am 29. April verliest der Moskau-Korrespondent des DDR-Fernsehens eine Erklärung des Ministerrates der UdSSR: „Nach vorläufigen Angaben sind zwei Menschen ums Leben gekommen, vier Ortschaften mussten evakuiert werden.“ Da aber war schon ein Großteil der Nachtschicht von Block 4 tot und fast die gesamte Zone 30 Kilometer um den Reaktor für immer geräumt.Placeholder image-1Erst über den Umweg der Westmedien hätten er und seine Mitstreiter in der ostdeutschen Umweltbewegung von der Tragweite des GAUs in Tschernobyl erfahren, erinnert sich Wolfgang Rüddenklau, der 1985 zu den Mitgründern der Ostberliner Umwelt-Bibliothek gehörte: „Sehr verspätet kam im DDR-Fernsehen eine Sendung, wo allerhand Experten in Anführungszeichen darüber etwas sagten, dass das mit Tschernobyl gar nicht so schlimm wäre.“Wolfgang Rüddenklau engagierte sich in den 1980er-Jahren in unabhängigen Gruppen, die gegen Umweltzerstörung und fehlende Meinungsfreiheit in der DDR eintraten. Einer der Treffpunkte für die Aktivisten war die Gethsemanekirche in Ost-Berlin. Die Umweltbewegung ist eng mit dem politischen Widerstand und der Bürgerrechtsbewegung in der DDR verbunden.Ihre Mitglieder beschließen in den Tagen nach der Katastrophe, das staatliche Informationsmonopol der DDR zu unterlaufen: Sie richten im Keller der Zions-Kirchengemeinde in Ost-Berlin eine „Umwelt-Bibliothek“ ein. Dafür sammeln sie meist verbotene Schriften zur Atomkraft und ihren Risiken und stellen sie informationshungrigen DDR-Bürgern zur Verfügung. Auch treten sie mit eigenen Forderungen und Appellen an die Öffentlichkeit. „Die erste Erklärung, vom Vorläuferkreis der Umwelt-Bibliothek, forderte die sofortige Stilllegung der Atomkraftwerke in der DDR“, erinnerte sich Carlo Jordan, der später die oppositionelle Gruppe Grüne Liga mitbegründen sollte – und 2023 verstarb.Widersprüchliche GrenzwerteDie Zeitschrift Umweltblätter wird zu einem wichtigen Sprachrohr der Opposition: Ab September 1986 wird sie mit einer Ormig-Druckmaschine hergestellt, Auflage 150 Stück. „Tschernobyl ist überall“, heißt es in der ersten Ausgabe. Seitdem erschienen die Umweltblätter als „Innerkirchliche Information“ alle ein bis zwei Monate. Dass ihre Aktionen die Staatssicherheit auf den Plan rufen würden, ist allen Umweltaktivisten klar. Das Risiko seien sie bewusst eingegangen, sagt Wolfgang Rüddenklau im Rückblick: „Wir mussten uns tatsächlich weiter vorwagen.“ Ihnen sei bewusst gewesen, dass spätestens mit dem GAU in Tschernobyl der Zeitpunkt gekommen war, an dem Umweltbewegung politisch wird.Misstrauen gegen die Beschwichtigungen der eigenen Regierung gab es auch in der BRD. „Bei uns kann ein Jumbo auf ein Kernkraftwerk aufplatzen, und es wird dem Reaktor nichts passieren“, erklärte Innenminister Zimmermann. Prüfungen nach dem 11. September 2001 ergaben freilich, dass diese Einschätzung Unsinn war. Die Bundesregierung erließ Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Lebensmitteln, Milch beispielsweise musste jenseits von 500 Becquerel radioaktiven Jods pro Liter weggekippt werden. Viel zu viel, erklärte der Senat von West-Berlin und ließ wie die Landesregierung von Schleswig-Holstein lediglich 50 Becquerel pro Liter zu.Aber woher wusste man verlässlich, wie viele Becquerel (Bq) drin sind? In Berlin gründeten Wissenschaftler die Unabhängige Strahlenmessstelle, die ab 1987 den Strahlentelex herausgab. Das Messgerät finanzierte die Gruppe um den Chemiker Peter Plieninger und den Atomtechniker Bernd Lehmann aus einem Benefit-Konzert. „Vollmilch in Berlin 75 Prozent höher radioaktiv belastet als in Frankfurt oder Köln“, war dort in der März-Ausgabe zu lesen, aber auch „Lebensmittel in der DDR vergleichsweise geringer belastet“. 3.000 Abonnenten hatte der Dienst in seiner Hochzeit, erst 2018 wurde er eingestellt.Natürlich gab es auch in der DDR Grenzwerte, erinnert sich Wolfgang Rüddenklau: „Doch die sind nicht publik gemacht, die Bürger nicht über die Gefahren des atomaren Fallouts aufgeklärt worden.“ Im Gegenteil seien Kindergärtnerinnen, die nach Tschernobyl Kinder vom Spielen im Sand abhielten, sogar bestraft worden. Weil sie offensichtlich den falschen Sender hörten und nicht an die Dogmatik der SED glaubten.Auch andere gehen 1986 Risiken ein, um über die gefährlichen Folgen des Atomunfalls 1.000 Kilometer weiter östlich aufzuklären: Junge Leute in Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt, geben entsprechende Mitschnitte Westberliner Sender weiter. Manche von ihnen landen wegen des Verbreitens nicht genehmigter Informationen im Gefängnis.Schon zwei Tage nach der Katastrophe von Tschernobyl stieg die Radioaktivität in der DDR stark an: In Magdeburg wurde im Regenwasser und in der Erde eine deutlich erhöhte Strahlenbelastung gemessen. Aber das Zentralorgan Neues Deutschland schrieb in kleinen Meldungen von einer „Stabilisierung auf einem niedrigeren Niveau“.Um an eigene Daten zu kommen, suchen die findigen Naturschützer die Zusammenarbeit mit westlichen Umweltorganisationen wie Greenpeace. Wie der Umweltaktivist Carlo Jordan berichtete, nahmen Freunde der Umwelt-Bibliothek im Umkreis von Berlin Proben und kauften an bestimmten Orten Milch und Gemüse. „Das wurde dann nach West-Berlin gebracht, also durch die Mauer geschmuggelt, und dort analysiert.“Außerdem sprechen sie der Opposition nahestehende Wissenschaftler an, wie den Physiker Sebastian Pflugbeil. Der spätere Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz war am 26. April 1986 mit seiner Familie an der Ostsee und erfuhr ebenfalls aus westdeutschen Nachrichten vom Reaktorunglück. In den DDR-Fernsehnachrichten sagte die Sprecherin: „Der Leiter des Staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz der DDR erklärte heute gegenüber Pressevertretern, dass in der DDR Strahlenmessungen mit äußerster Gründlichkeit vorgenommen werden.“In Westdeutschland gründete der Bund für Umwelt und Naturschutz eine Expertenkommission, in der der ehemalige Atommanager Klaus Traube mitarbeitete: „Pfirsiche, Äpfel und Birnen sind ab Herbst voraussichtlich stark belastet“, lautete das Urteil, „ab September gilt das Gleiche fürs Bier“. Die konzernunabhängige taz, die tageszeitung erlebte ihre erste Blüte: Sie druckte täglich einen „Strahlenkompass“ ab, der unabhängige Messwerte veröffentlichte. Zum Beispiel bei Äpfeln: „Ulm: 47 Bq, Neu-Ulm: 24 Bq, Haingersdorf (Bayern): 113 Bq“. Solch unabhängige Untersuchungen gab es für Vollkorn-Spaghetti, Eiernudeln, Spätzle, Käse und Co. Das sorgte erstmals für mehr als 30.000 Abonnenten.Auch in der DDR wurde die Umweltbewegung nach Tschernobyl ernster genommen. „Wir haben mit der Umwelt-Bibliothek gleich als Erstes ein Seminar zum Thema Morsche Meiler gemacht“, sagt Rüddenklau: „Das war das erste Mal, dass in der DDR dieses Thema wirklich groß angesprochen wurde.“