In Kürze:

  • Laut Ursula von der Leyen ist die Altersnachweis-App fertig entwickelt.
  • App soll höchste Datenschutzstandards erfüllen.
  • Fachleute kritisieren verschiedene Schwachstellen.

 

Mehr Schutz für Kinder und Jugendliche im Internet soll eine neue europäische App für strengere Alterskontrollen bieten, die laut EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen „bald“ einsatzbereit ist. Nach Angaben der Politikerin ist die Anwendung bereits fertig entwickelt und könnte in naher Zukunft in allen 27 EU-Mitgliedstaaten eingeführt werden.

Vergleich mit COVID-App

Die neue Altersnachweis-App soll den Zugang zu Online-Plattformen regulieren. Nutzer sollen ihr Alter künftig ähnlich einfach nachweisen können wie beim Kauf alkoholischer Getränke im Supermarkt. Die Anwendung sei leicht bedienbar, erfülle hohe Datenschutzstandards und werde vollständig als Open-Source-Software bereitgestellt, betonte von der Leyen.

Ganz ohne Schwachstellen ist das System jedoch nicht. Ein Beamter der EU-Kommission räumte ein, dass ältere Geschwister, Eltern oder andere Bezugspersonen die App auch für jüngere Kinder einrichten könnten.

Die Funktionsweise ist simpel: Nach dem Download identifiziert sich der Nutzer etwa per Personalausweis, Reisepass oder Bankverbindung. Anschließend speichert die App das Geburtsdatum. Beim Aufruf einer Website mit Altersbeschränkung prüft sie automatisch, ob der Zugang erlaubt ist, und blockiert die Seite bei zu jungem Alter.

Die EU-Kommission wirft mehreren großen Online-Plattformen vor, den Schutz Minderjähriger zu vernachlässigen und damit gegen das EU-Gesetz für digitale Dienste, den Digital Services Act (DSA), zu verstoßen. Künftig könnten Unternehmen verpflichtet werden, die neue Altersnachweis-App als Zugangsvoraussetzung zu nutzen.

In einer Rede am 15. April verglich von der Leyen die Anwendung mit der COVID-App. Diese sei in kurzer Zeit entwickelt und in 78 Ländern auf vier Kontinenten eingesetzt worden. Das Prinzip sei vergleichbar und habe sich bereits bewährt.

Kritik an Sicherheit und Datenschutz

Mit der App stellt Europa eine kostenfreie und einfach zu bedienende Lösung bereit, die Kinder und Jugendliche besser vor schädlichen und illegalen Online-Inhalten schützen soll. Von der Leyen nannte dabei unter anderem Frankreich, Dänemark, Griechenland, Italien, Spanien, Zypern und Irland als EU-Staaten, die planen, die Altersnachweis-App in ihre nationalen digitalen Brieftaschen zu integrieren.

Von der Leyen lobt die Anwendung als nutzerfreundlich. Nach der Einrichtung müsse lediglich das Alter nachgewiesen werden, während keine weiteren personenbezogenen Daten offengelegt würden. Für die Registrierung werden jedoch biometrische Daten erfasst. Ein offizielles EU-Erklärvideo zeigt, dass Nutzer ein Foto ihres Ausweisdokuments sowie ein Selfie für den biometrischen Abgleich erstellen müssen. Gleichzeitig wird betont, dass nur der Altersnachweis und eine PIN gespeichert werden, nicht jedoch Passdaten oder Bilder.
Positive Einschätzungen zur App stammen bislang überwiegend aus der EU-Kommission selbst. Gleichzeitig gibt es deutliche Kritik – sowohl an der technischen Sicherheit als auch am Datenschutz. Die niederländische Stiftung Privacy by Design Foundation weist darauf hin, dass auch Dritte die Altersverifikation für Minderjährige einrichten könnten. Zudem seien sensible Daten teilweise unzureichend geschützt auf dem Smartphone gespeichert, wodurch bei einem Gerätezugriff ein Auslesen möglich wäre.

Innerhalb von zwei Minuten gehackt

Und genau dieses Problem soll bereits aufgetreten sein. Der IT-Sicherheitsexperte Paul Moore berichtet, er habe die App in kürzester Zeit – innerhalb von weniger als zwei Minuten – manipuliert. Auf der Plattform X schrieb er: „Dieses Produkt wird irgendwann der Auslöser für ein enormes Datenleck sein. Es ist nur eine Frage der Zeit.“
In einem weiteren Beitrag erklärte er, die EU-App speichere entgegen den Datenschutzversprechen hochsensible biometrische Daten unsicher. Das könne einen möglichen Verstoß gegen die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) darstellen.
Auch der französische White-Hat-Hacker Baptiste Robert bestätigte Moores Einschätzung. Gegenüber der Nachrichtenplattform „Politico“ sagte er, die biometrischen Authentifizierungsfunktionen der App könnten umgangen werden. Dadurch sei ein Zugriff möglich, ohne PIN-Eingabe oder biometrische Freigabe wie Touch ID.

Wie leicht sich die Nutzung umgehen lässt, beschreibt zudem der Kryptografieforscher Olivier Blazy. Er erklärte, dass ein Minderjähriger ein entsperrtes Gerät einer erwachsenen Person nutzen könne, um selbst Altersnachweise zu erbringen.

Laut „heise“ erklärte eine Sprecherin der EU-Kommission zunächst, die App könne noch verbessert werden. Gleichzeitig hieß es, die untersuchten Systeme seien lediglich Teil einer veralteten Demoversion. Diese Darstellung wiesen die Sicherheitsforscher jedoch zurück. Später stellte die Kommission klar, dass auch die aktuell verfügbare Version weiterhin als Demo zu verstehen sei und die endgültige Bürgerfassung erst später veröffentlicht werde, während der Code fortlaufend aktualisiert werde.

Kritik von Bürgerrechts- und IT-Experten

Auch aus der Zivilgesellschaft kommt deutliche Kritik an der geplanten Altersnachweis-App. Swea Windwehr von der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier (EEF) warnt, dass Altersverifikationssysteme grundsätzlich alle Nutzer betreffen und zentrale Grundrechte wie Privatsphäre, Meinungsfreiheit und den Zugang zu Informationen einschränken könnten. Besonders problematisch seien Verfahren, die auf amtlichen Ausweisdokumenten basieren.

Als „sehr besorgniserregend“ bewertet sie zudem, dass die Anwendung offenbar nur für Personen mit modernen Smartphones und gültigen Ausweisdokumenten nutzbar wäre. Dadurch könnten potenziell Millionen Menschen vom Zugang zu digitalen Angeboten ausgeschlossen werden.

Auch aus technischer und grundsätzlicher Sicht gibt es Widerspruch. Die Informatikerin Elina Eickstädt vom Chaos Computer Club (CCC) kritisiert nicht nur die Umsetzung, sondern stellt den Ansatz selbst infrage. Der Fokus auf Zugangskontrollen sei „schlichtweg falsch“, stattdessen müsse die Gestaltung digitaler Plattformen verbessert werden. Die geplanten Anwendungen zeigten aus ihrer Sicht einen „massiven Wunsch nach Überwachung“.



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