Wäre der Wal ein Schwein, fiele die Identifikation mit dem leidenden Tier schwerer. Moralische Bedeutung wird selektiv dort zugelassen, wo sie den eigenen Lebensstil nicht herausfordert, sagt die Sozialpsychologin Eva Walther im Interview


Helfer bespritzen den Buckelwal vor der Insel Poel mit Wasser

Foto: Jens Büttner/dpa/picture alliance


der Freitag: Der gestrandete Buckelwal hat in den letzten Wochen heftige Reaktionen ausgelöst – emotional, aber auch politisch. Wie erklären Sie sich diese Vehemenz?

Eva Walther: Der Wal berührt die Gemüter, weil er ein seltenes moralisches Gemeinschaftsgut in einer sich zunehmend entsolidarisierenden Gesellschaft darstellt. Wir streiten uns bei vielen Themen: Klima, Migration, Wehrdienst, Krieg. Beim Wal aber kann man sich einig sein. Der Wal bietet Anknüpfungspunkte über ideologische Grenzen hinweg. Er stiftet Konsens dort, wo er sonst nicht mehr herstellbar ist – und genau das macht ihn emotional so aufgeladen: Es gibt ein gemeinsames Wir, und das ist der Wal. Man kann sich leicht darauf einigen, dass der Wal in einer misslichen Situation ist und unser Mitgefühl verdient. Das fühlt sich gut an. Der Wal schafft emotionalen Konsens dort, wo es wirtschaftlich und politisch sonst nicht mehr funktioniert – und genau deshalb ist er politisch so nützlich.

Und man meint, Expertise zu haben. Es wird gescherzt, dass es inzwischen 80 Millionen Walexperten in Deutschland gibt.

Wir leben ja in einem Zustand chronischer moralischer Überforderung – Klimakrise, Kriege. Timmy bietet dagegen ein klar umgrenztes Objekt, dem man eindeutig Gutes tun kann: Der Wal erlaubt die symbolische Wiederherstellung moralischer Integrität. Wir sind die Guten, die sich um den Wal sorgen. Mit subjektiver Expertise geht oft die Vorstellung einher, dass man bereits etwas tut. Die Psychologie nennt das Selbstwirksamkeit. Wir sind jetzt quasi alle im Timmy-Rettungsteam mit engagiert. Es kommt sehr selten vor, dass man diese Art symbolischer Wiederherstellung moralischer Integrität als kollektives Erlebnis hat.

Das war vielleicht zuletzt bei Corona so.

Bei Corona gab es doch sehr viel mehr Ambivalenz. Es gab Widersprüche, Unsicherheit und auch Angst. Das ist hier ja nicht gegeben. Die Leute fiebern mit und zeigen Empathie, weil der Wal uns als großes, rundliches Säugetier ähnlich ist. Empathie ist somit leichter als bei anderen Tieren.

Wo Sie von Angst sprechen: Inzwischen wird der Wal auch von rechten Influencern und Aktivisten als Symbol für etwas Größeres gedeutet. Man liest, seine missliche Lage stehe für ein „kaputtes Deutschland“. Warum verfängt so etwas dann bei den Menschen?

Das verfängt, weil der Wal eine Deprivationserfahrung verkörpert, die viele Leute subjektiv teilen. Er ist ohnmächtig in einer Umgebung, in der man als Wal nicht gut leben kann. Die Ostsee ist das falsche Habitat – zu salzarm, zu flach –, der Wal versucht gleichsam in falschen Verhältnissen zu überleben. Damit können sich Leute identifizieren, die den Eindruck haben, dass sich in ihrer Welt dramatisch etwas geändert hat, die nicht mehr gut klarkommen. Man könnte die kollektive Anteilnahme als Mitleid begreifen, das wir uns selbst nicht zugestehen, die wir an den Wal delegieren. Da ist der Wal eine willkommene Projektionsfläche und lässt sich sehr gut politisch instrumentalisieren.

Der Wal ermöglicht kurz eine Erfahrung direkt handelnder Politik. Der Politiker setzt sich – wenn auch gegen wissenschaftliche Empfehlung – für die Walrettung ein, und die Leute sagen: guck mal, der macht ja was

Die Politik steht ja auch unter Druck. Erst hat der Minister für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt, Till Backhaus, nichts gemacht, das wurde ihm vorgeworfen. Jetzt macht er etwas, auch das wird ihm vorgeworfen. Es scheint schwierig, in dieser Gemengelage Vertrauen in politisches Handeln zu gewinnen. Wie sehen Sie das?

Auf der einen Seite ist der Wal ein politisches Geschenk, weil er die Distanz, die Menschen häufig gegenüber der Politik empfinden, reduzieren kann. Ein Minister, der mit dem Nachtsichtgerät stundenlang am Wal sitzt, tut in diesem Moment das Gegenteil von distanter Politik: sichtbar, unmittelbar, moralisch aufgeladen, mit klarem Gegenüber. Der Wal ermöglicht kurz eine Erfahrung direkt handelnder Politik. Der Politiker setzt sich – wenn auch gegen wissenschaftliche Empfehlung – für die Walrettung ein, und die Leute sagen: Guck mal, der macht ja was. Backhaus zeigt sich handlungsstark – das ist etwas, was die Bürger:innen aktuell eher selten wahrnehmen. Gleichzeitig ist die Situation höchst komplex, weil die Politik gegen wissenschaftliche Expertise handelt.

Wie steht es um die Glaubwürdigkeit und das Image der Medien? Droht die Gefahr, dass man den Medien noch weniger vertraut, oder gibt es einen Sympathiegewinn durch die exzessive Berichterstattung, man denke nur an die ganzen Liveticker?

Das ist schwer zu sagen. Natürlich liefert der Wal den perfekten Content. Es gibt einen Protagonisten, mit dem man sich identifizieren kann, es gibt Spannung, es gibt vermeintlich einen klaren Gut-Böse-Horizont. Es gibt die Natur, widrige Umstände und der gute Wal steckt jetzt in dieser sehr misslichen Situation. Gleichzeitig symbolisiert der Wal ein großes Dilemma. Man könnte ja schon fragen, welche umweltbezogenen Unterlassungssünden überhaupt dazu geführt haben, dass der Wal jetzt in dieser Situation ist. Und ist es in dieser Widersprüchlichkeit richtig, weiter zu helfen, oder ist es besser, nichts zu tun? Da steckt unterschwellig sehr viel Dissonanz. Als Medien und auch als Politik auf der reinen Gut-Böse-Achse zu bleiben, ist nicht einfach.

Man könnte darin auch ein großes Ablenkungsmanöver sehen. Von den Kriegen, Krisen, Benzinpreisen, all den realen Problemen, die Menschen derzeit in Deutschland haben.

Ablenkung finde ich zu einfach. Wie gesagt, es gibt diese Konsensfunktion, diese Identifikationsfigur: Sind wir nicht alle ein bisschen so wie Timmy? Das ist psychologisch gesehen deutlich mehr als Ablenkung. Aber warum können wir uns überhaupt so sehr mit Timmy identifizieren? Das liegt auch daran, dass wir ihn nicht verzehren wollen. Während die Hubschrauber über Timmy kreisen, werden in deutschen Schlachthöfen Woche für Woche über eine halbe Million Schweine getötet. Schweine sind empfindungsfähige, soziale, hochintelligente Wesen. Hier blenden Menschen ihre Empathie aus. Wir nennen das Fleischparadox. Tieren, die wir essen wollen, schreiben wir systematisch weniger Leidensfähigkeit und Intelligenz zu – nicht weil sie weniger leiden, sondern weil die Dissonanz zwischen „Ich bin ein guter Mensch“ und „Ich konsumiere leidensfähige Wesen“ sonst unerträglich wäre. Das ist ein stabiler Abwehrmechanismus: Moralische Bedeutung wird selektiv dort zugelassen, wo sie den eigenen Lebensstil nicht herausfordert. Ein Glück, dass wir Timmy nicht essen wollen, sonst würde er wahrscheinlich deutlich weniger Empathie evozieren.

Diese Empathie wird aber auch kritisiert – als selektiv oder moralisch überhöht. Man kann Gefühle von Empathie doch schwerlich steuern.

Doch, kann man schon. Empathie hat etwas mit Ähnlichkeit zu tun. Der Wal ist groß und knuffig, so wie Eisbären und Elefanten. Diesen Säugetieren, bringen wir mehr Empathie entgegen als Tieren, die uns unähnlich sind. Da ist die Empathiearchitektur bei uns eindeutig auf Säugetiere gerichtet. Und bei kleineren Tieren oder Tieren, die uns weniger ähnlich sind, springt das nicht an – bei Insekten, Amphibien oder Fischen zum Beispiel, von denen viele dramatisch stärker vom Aussterben bedroht sind. Empathie gegeneinander aufzurechnen, ist allerdings auch schwierig. Das hat natürlich, wie wir schon erörtert haben, auch etwas mit der medialen Inszenierung zu tun.

Sie sind gerade auf einer Tagung? Spricht man in Den Haag über den Wal? Findet das europäische Ausland die Aufregung spezifisch Deutsch?

Der Wal oder die emotionale Aufruhr der Deutschen wird ja durchaus auch von internationalen Medien bearbeitet. Ich glaube auch nicht, dass das jetzt ein rein deutsches Phänomen ist. Timmy ist hier kein großes Thema, weil wir uns mit Fragen der Depolarisierung und Deradikalisierung beschäftigen.

Eva Walther, Jahrgang 1964, ist Professorin für Psychologie und leitet die Abteilung Sozialpsychologie an der Universität Trier. Gemeinsam mit Simon D. Isemann hat sie das Buch „Die AfD – psychologisch betrachtet“ herausgegeben.

sich leicht darauf einigen, dass der Wal in einer misslichen Situation ist und unser Mitgefühl verdient. Das fühlt sich gut an. Der Wal schafft emotionalen Konsens dort, wo es wirtschaftlich und politisch sonst nicht mehr funktioniert – und genau deshalb ist er politisch so nützlich.Und man meint, Expertise zu haben. Es wird gescherzt, dass es inzwischen 80 Millionen Walexperten in Deutschland gibt.Wir leben ja in einem Zustand chronischer moralischer Überforderung – Klimakrise, Kriege. Timmy bietet dagegen ein klar umgrenztes Objekt, dem man eindeutig Gutes tun kann: Der Wal erlaubt die symbolische Wiederherstellung moralischer Integrität. Wir sind die Guten, die sich um den Wal sorgen. Mit subjektiver Expertise geht oft die Vorstellung einher, dass man bereits etwas tut. Die Psychologie nennt das Selbstwirksamkeit. Wir sind jetzt quasi alle im Timmy-Rettungsteam mit engagiert. Es kommt sehr selten vor, dass man diese Art symbolischer Wiederherstellung moralischer Integrität als kollektives Erlebnis hat.Das war vielleicht zuletzt bei Corona so.Bei Corona gab es doch sehr viel mehr Ambivalenz. Es gab Widersprüche, Unsicherheit und auch Angst. Das ist hier ja nicht gegeben. Die Leute fiebern mit und zeigen Empathie, weil der Wal uns als großes, rundliches Säugetier ähnlich ist. Empathie ist somit leichter als bei anderen Tieren.Wo Sie von Angst sprechen: Inzwischen wird der Wal auch von rechten Influencern und Aktivisten als Symbol für etwas Größeres gedeutet. Man liest, seine missliche Lage stehe für ein „kaputtes Deutschland“. Warum verfängt so etwas dann bei den Menschen?Das verfängt, weil der Wal eine Deprivationserfahrung verkörpert, die viele Leute subjektiv teilen. Er ist ohnmächtig in einer Umgebung, in der man als Wal nicht gut leben kann. Die Ostsee ist das falsche Habitat – zu salzarm, zu flach –, der Wal versucht gleichsam in falschen Verhältnissen zu überleben. Damit können sich Leute identifizieren, die den Eindruck haben, dass sich in ihrer Welt dramatisch etwas geändert hat, die nicht mehr gut klarkommen. Man könnte die kollektive Anteilnahme als Mitleid begreifen, das wir uns selbst nicht zugestehen, die wir an den Wal delegieren. Da ist der Wal eine willkommene Projektionsfläche und lässt sich sehr gut politisch instrumentalisieren.Der Wal ermöglicht kurz eine Erfahrung direkt handelnder Politik. Der Politiker setzt sich – wenn auch gegen wissenschaftliche Empfehlung – für die Walrettung ein, und die Leute sagen: guck mal, der macht ja wasDie Politik steht ja auch unter Druck. Erst hat der Minister für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt, Till Backhaus, nichts gemacht, das wurde ihm vorgeworfen. Jetzt macht er etwas, auch das wird ihm vorgeworfen. Es scheint schwierig, in dieser Gemengelage Vertrauen in politisches Handeln zu gewinnen. Wie sehen Sie das?Auf der einen Seite ist der Wal ein politisches Geschenk, weil er die Distanz, die Menschen häufig gegenüber der Politik empfinden, reduzieren kann. Ein Minister, der mit dem Nachtsichtgerät stundenlang am Wal sitzt, tut in diesem Moment das Gegenteil von distanter Politik: sichtbar, unmittelbar, moralisch aufgeladen, mit klarem Gegenüber. Der Wal ermöglicht kurz eine Erfahrung direkt handelnder Politik. Der Politiker setzt sich – wenn auch gegen wissenschaftliche Empfehlung – für die Walrettung ein, und die Leute sagen: Guck mal, der macht ja was. Backhaus zeigt sich handlungsstark – das ist etwas, was die Bürger:innen aktuell eher selten wahrnehmen. Gleichzeitig ist die Situation höchst komplex, weil die Politik gegen wissenschaftliche Expertise handelt. Wie steht es um die Glaubwürdigkeit und das Image der Medien? Droht die Gefahr, dass man den Medien noch weniger vertraut, oder gibt es einen Sympathiegewinn durch die exzessive Berichterstattung, man denke nur an die ganzen Liveticker?Das ist schwer zu sagen. Natürlich liefert der Wal den perfekten Content. Es gibt einen Protagonisten, mit dem man sich identifizieren kann, es gibt Spannung, es gibt vermeintlich einen klaren Gut-Böse-Horizont. Es gibt die Natur, widrige Umstände und der gute Wal steckt jetzt in dieser sehr misslichen Situation. Gleichzeitig symbolisiert der Wal ein großes Dilemma. Man könnte ja schon fragen, welche umweltbezogenen Unterlassungssünden überhaupt dazu geführt haben, dass der Wal jetzt in dieser Situation ist. Und ist es in dieser Widersprüchlichkeit richtig, weiter zu helfen, oder ist es besser, nichts zu tun? Da steckt unterschwellig sehr viel Dissonanz. Als Medien und auch als Politik auf der reinen Gut-Böse-Achse zu bleiben, ist nicht einfach.Man könnte darin auch ein großes Ablenkungsmanöver sehen. Von den Kriegen, Krisen, Benzinpreisen, all den realen Problemen, die Menschen derzeit in Deutschland haben.Ablenkung finde ich zu einfach. Wie gesagt, es gibt diese Konsensfunktion, diese Identifikationsfigur: Sind wir nicht alle ein bisschen so wie Timmy? Das ist psychologisch gesehen deutlich mehr als Ablenkung. Aber warum können wir uns überhaupt so sehr mit Timmy identifizieren? Das liegt auch daran, dass wir ihn nicht verzehren wollen. Während die Hubschrauber über Timmy kreisen, werden in deutschen Schlachthöfen Woche für Woche über eine halbe Million Schweine getötet. Schweine sind empfindungsfähige, soziale, hochintelligente Wesen. Hier blenden Menschen ihre Empathie aus. Wir nennen das Fleischparadox. Tieren, die wir essen wollen, schreiben wir systematisch weniger Leidensfähigkeit und Intelligenz zu – nicht weil sie weniger leiden, sondern weil die Dissonanz zwischen „Ich bin ein guter Mensch“ und „Ich konsumiere leidensfähige Wesen“ sonst unerträglich wäre. Das ist ein stabiler Abwehrmechanismus: Moralische Bedeutung wird selektiv dort zugelassen, wo sie den eigenen Lebensstil nicht herausfordert. Ein Glück, dass wir Timmy nicht essen wollen, sonst würde er wahrscheinlich deutlich weniger Empathie evozieren.Diese Empathie wird aber auch kritisiert – als selektiv oder moralisch überhöht. Man kann Gefühle von Empathie doch schwerlich steuern.Doch, kann man schon. Empathie hat etwas mit Ähnlichkeit zu tun. Der Wal ist groß und knuffig, so wie Eisbären und Elefanten. Diesen Säugetieren, bringen wir mehr Empathie entgegen als Tieren, die uns unähnlich sind. Da ist die Empathiearchitektur bei uns eindeutig auf Säugetiere gerichtet. Und bei kleineren Tieren oder Tieren, die uns weniger ähnlich sind, springt das nicht an – bei Insekten, Amphibien oder Fischen zum Beispiel, von denen viele dramatisch stärker vom Aussterben bedroht sind. Empathie gegeneinander aufzurechnen, ist allerdings auch schwierig. Das hat natürlich, wie wir schon erörtert haben, auch etwas mit der medialen Inszenierung zu tun.Sie sind gerade auf einer Tagung? Spricht man in Den Haag über den Wal? Findet das europäische Ausland die Aufregung spezifisch Deutsch?Der Wal oder die emotionale Aufruhr der Deutschen wird ja durchaus auch von internationalen Medien bearbeitet. Ich glaube auch nicht, dass das jetzt ein rein deutsches Phänomen ist. Timmy ist hier kein großes Thema, weil wir uns mit Fragen der Depolarisierung und Deradikalisierung beschäftigen.



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