Thierry Klifa versucht in „Die reichste Frau der Welt“ den Skandal um die L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt als Farce zu adaptieren. Doch Isabelle Huppert in der Titelrolle macht im Duo mit Laurent Lafitte als Erbschleicher mehr daraus
Die reichste Frau der Welt: Konzernerbin Marianne Farrère (Isabelle Huppert), das Gesicht der Luxusmarke Farrère
Foto: Neue Visionen Filmverleih
Wer zu Beginn dieses Jahrtausends aufmerksam die Presse dies- und jenseits des Rheins verfolgte, dem wurde klar, dass die Affäre um Liliane Bettencourt gleichermaßen das Zeug zur Farce wie zur Tragödie hatte. Wahn und Macht spielten eine kapitale Rolle. Die Erbin des L’Oréal-Konzerns machte dem mondänen Fotografen, verkrachten Schriftsteller und hauptberuflichen Dandy Jean-Marie Barnier im Verlauf zweier turbulenter Jahrzehnte Geschenke im Wert von rund einer Milliarde Euro. Die Vormundschaftsklage der Familie setzte dem Spuk ein spätes Ende.
Wie die Großbourgeoisie ihrem eigenen Niedergang zuschaute, wäre ein gefundenes Fressen für Claude Chabrol gewesen. Der vergnügte Spötter hätte daraus zweifellos eine dramatische Komödie gemacht. Thierry Klifa und seine Co-Autoren (darunter Jacques Fieschi, der schon in Place Vendôme und Saint Laurent die Welt der Luxusgüter akribisch studiert hat) gehen noch einen Schritt weiter.
Über weite Strecken gibt sich Die reichste Frau der Welt als waschechte Screwball-Komödie zu erkennen. Wie einst Cary Grant und Katherine Hepburn bringt hier ein Duo anarchischen Schwung in eine stickige, freudlose Gesellschaft. Namen und Titel sind zwar, schon aus juristischer Rücksichtnahme, verändert. Die politischen Weiterungen (ein ausgreifender Parteispendenskandal) wurden geflissentlich getilgt. Aber die Million KinogängerInnen in Frankreich verfügten über genug öffentliches Insiderwissen, um sich in ihren Sitzen mulmig zu amüsieren.
Glanzloses Dasein im unermesslichen Wohlstand
Zunächst bietet sich ihnen das Schauspiel einer heiteren Entfesselung. Marianne Farrère (Isabelle Huppert) verfügt zwar über unermesslichen Wohlstand und unterhält Verbindungen in höchste Kreise von Politik und Kultur, führt aber im Kern ein glanzloses Dasein. Die Tage, die sie mit Migräne und Rückenschmerzen zubringt, sind schlagartig vorbei, als Pierre-Alain Fantin (Laurent Lafitte) sie für ein Hochglanzmagazin fotografiert. Der temperamentvolle Windhund krempelt ihr gesamtes Leben um.
Die Begegnung mit dem offen homosexuellen Charismatiker elektrisiert sie: eine Verlockung, endlich verantwortungslos zu agieren. Die von beiden wortreich beschworene Liebesgeschichte vollzieht sich als Rausch der Verschwendung.
Huppert und Lafitte: Zwei großartige Darsteller
Die Rolle kommt Isabelle Hupperts üblicher Nonchalance prächtig entgegen, während die Unausstehlichkeit wiederum ein Pfund ist, mit dem Lafitte seit jeher gern wuchert. Sein Fantin besitzt die Verschlagenheit eines verwöhnten Kindes; aus seinem Mund klingen Vulgaritäten wie eine Kaskade geistreicher Aphorismen.
Hier haben sich zwei gefunden, die ihren Launen keine Grenzen setzen. Ihre tiefschürfende Frivolität droht, Mariannes Entourage zur bloßen Komparserie zu degradieren. Ehemann Guy (André Marcon) verfügt noch über einen Bodensatz an Ironie. Ihre ungeliebte Tochter Frédérique (Marina Fois) hingegen ist eine unerschütterliche Bastion der Schwermut. Sie hat, gewiss auch aus Liebe, einen jüdischen Geschäftsmann geheiratet, um Buße zu tun für die antisemitischen Schriften, die ihr Vater unter dem Vichy-Regime publizierte. Als tragfähiger Pfeiler humorlosen Anstands fungiert der Majordomus Jérôme (Raphael Personnaz), ein Inbegriff der Tadellosigkeit, dessen Loyalität zur Dynastie so weit geht, dass er ihr gar seine Existenz opfert.
In diesem hervorragenden Ensemble sind die Agenten des Tragischen mithin wehrhaft genug, damit die Farce nicht endgültig triumphiert.
Die reichste Frau der Welt Thierry Klifa Frankreich, Belgien 2025, 121 Min.
gewesen. Der vergnügte Spötter hätte daraus zweifellos eine dramatische Komödie gemacht. Thierry Klifa und seine Co-Autoren (darunter Jacques Fieschi, der schon in Place Vendôme und Saint Laurent die Welt der Luxusgüter akribisch studiert hat) gehen noch einen Schritt weiter.Über weite Strecken gibt sich Die reichste Frau der Welt als waschechte Screwball-Komödie zu erkennen. Wie einst Cary Grant und Katherine Hepburn bringt hier ein Duo anarchischen Schwung in eine stickige, freudlose Gesellschaft. Namen und Titel sind zwar, schon aus juristischer Rücksichtnahme, verändert. Die politischen Weiterungen (ein ausgreifender Parteispendenskandal) wurden geflissentlich getilgt. Aber die Million KinogängerInnen in Frankreich verfügten über genug öffentliches Insiderwissen, um sich in ihren Sitzen mulmig zu amüsieren.Glanzloses Dasein im unermesslichen WohlstandZunächst bietet sich ihnen das Schauspiel einer heiteren Entfesselung. Marianne Farrère (Isabelle Huppert) verfügt zwar über unermesslichen Wohlstand und unterhält Verbindungen in höchste Kreise von Politik und Kultur, führt aber im Kern ein glanzloses Dasein. Die Tage, die sie mit Migräne und Rückenschmerzen zubringt, sind schlagartig vorbei, als Pierre-Alain Fantin (Laurent Lafitte) sie für ein Hochglanzmagazin fotografiert. Der temperamentvolle Windhund krempelt ihr gesamtes Leben um.Die Begegnung mit dem offen homosexuellen Charismatiker elektrisiert sie: eine Verlockung, endlich verantwortungslos zu agieren. Die von beiden wortreich beschworene Liebesgeschichte vollzieht sich als Rausch der Verschwendung.Huppert und Lafitte: Zwei großartige DarstellerDie Rolle kommt Isabelle Hupperts üblicher Nonchalance prächtig entgegen, während die Unausstehlichkeit wiederum ein Pfund ist, mit dem Lafitte seit jeher gern wuchert. Sein Fantin besitzt die Verschlagenheit eines verwöhnten Kindes; aus seinem Mund klingen Vulgaritäten wie eine Kaskade geistreicher Aphorismen.Hier haben sich zwei gefunden, die ihren Launen keine Grenzen setzen. Ihre tiefschürfende Frivolität droht, Mariannes Entourage zur bloßen Komparserie zu degradieren. Ehemann Guy (André Marcon) verfügt noch über einen Bodensatz an Ironie. Ihre ungeliebte Tochter Frédérique (Marina Fois) hingegen ist eine unerschütterliche Bastion der Schwermut. Sie hat, gewiss auch aus Liebe, einen jüdischen Geschäftsmann geheiratet, um Buße zu tun für die antisemitischen Schriften, die ihr Vater unter dem Vichy-Regime publizierte. Als tragfähiger Pfeiler humorlosen Anstands fungiert der Majordomus Jérôme (Raphael Personnaz), ein Inbegriff der Tadellosigkeit, dessen Loyalität zur Dynastie so weit geht, dass er ihr gar seine Existenz opfert.In diesem hervorragenden Ensemble sind die Agenten des Tragischen mithin wehrhaft genug, damit die Farce nicht endgültig triumphiert.