Nichts ist so schlecht, dass es nicht für irgendetwas gut ist.

Wenn diese Weisheit uneingeschränkt gelten sollte, dann müsste sie auch für Monstrositäten wie Windparks bzw. Windkraftanlagen gelten. Und tatsächlich: zumindest der Bau eines Windparks war für etwas gut:

Der „Greek Reporter“ hat vor wenigen Tagen, genau: am 17. April, über einen Fund berichtet, der vor einiger Zeit in Niedersachsen, im Bereich der Gemarkungen Ahlum und Dettum im Zuge des Baus eines Windparks durch die SAB WindTeam GmbH gemacht wurde. Die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt Wolfenbüttel und das Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege hatten der Firma eine archäologische Baubegleitung als Bedingung für den Bau des Windparks auferlegt, in deren Zuge zwischen August 2024 und September 2025 92.780 Quadratmeter Fläche archäologisch untersucht wurde.

Depotfund von Ahlum (1500–1300 v. Chr.): Auswahl an Funden, Halskragen und Fragmente, Bernsteinperlen, Lockenspirale, Nadelfragmente und Fragmente einer Armspirale (Foto: C. Wehrstedt, NLD);

Das kann man dem Bericht entnehmen, den das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege unter dem Titel „Bernstein aus dem Niemandsland?“ auf seinen Internetseiten veröffentlicht hat. Dort wird weiter berichtet, dass diese archäologische Untersuchung gezeigt hat, dass sich menschliche Aktivität an diesem Ort über Tausende von Jahren hinweg erstreckte. Im südlichen Teil der Stätte sind zwei gut erhaltene Hausgrundrisse der Linearen Keramikkultur, der frühesten landwirtschaftlichen Kultur Niedersachsens, entdeckt worden. Sie gehören zu den ersten bekannten Siedlungen in der Region und stammen aus der Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr. Aus dem 4. oder 5. Jahrhundert n. Chr. stammte ein fast vollständig erhaltener dreischichtiger Kamm. Solche Kämme seien typischerweise auf Scheiterhaufen platziert worden und sind fast nie in einem Stück erhalten geblieben.

Der bedeutendste Fund auf dem Gelände des Windparks wurde gemacht, als für eine der 19 Windturbinen ein Fundament gegraben wurde. Arbeiter entdeckten eng zusammen liegende Objekte aus Bronze und Bernstein, die Mitarbeiter des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege die Gegenstände zusammen mit dem umgebenden Boden bargen, so dass sie später im Labor sorgfältig aus dem Boden herausgelöst werden konnten.

Bei dem Fund, so berichtet das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege weiter, handelt es sich um eine Sammlung bronzezeitlichen Schmucks bzw. um einen aus Schmuck bestehenden Hort oder Depotfund, der nach seinem Fundort „Ahlum-Hort“ genannt wird. (Wir haben am 13. Januar über den seltenen Fund einer eisenzeitlichen Carnyx im Kontext eines „hoards“ in Norfolk, England, berichtet.)

Der Hort besteht aus Halskrägen, Armspiralen und einzelnen Schmuckornamenten, die auf einen Entstehungszeitraum zwischen 1500 und 1300 v. Chr. datiert werden und vermutlich aus religiösen Gründen in der Erde deponiert wurden, womit sie als Votiv- oder Opergaben zu bezeichnen wären. Ihre Besitzer gehörten wahrscheinlich einer lokalen „Elite“ an: eine Halskette aus dem Ahlum-Hort wurde aus mehr als 150 Bernsteinperlen gefertigt, und Bernstein wurde im Rahmen eines bronzezeitlichen Fernhandelsnetzes, das Südskandinavien mit Assur am Westufer des Tigris verband (s. z.B. Gubanov 2012), von weit her importiert.

Das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege hält fest:

„Der Fund ist der bisher größte Einzelfund von bronzezeitlichem Bernstein in Niedersachsen. Für das niedersächsische Nordharzvorland ist es der erste bronzezeitliche Depotfund seit 1967 und der [e]inzige, der nach modernen wissenschaftlichen Standards ausgegraben wurde. Die Erforschung und Restaurierung der hochsensiblen Objekte beginnen gerade erst. In Kooperation mit der TU Clausthal sind eine Reihe von weiterführenden Materialanalysen geplant“.

Die archäologischen Funde auf dem Windparkgelände sind also in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert, und man darf besonders darauf gespannt sein, was die angekündigten Analysen der Gegenstände aus dem Schmuck-Fund ergeben werden.

Knochenkamm des 4./5. Jahrhunderts mit Bronzenieten. (Foto T. Uhlig, NLD).

Der Ahlum-Hort reiht sich in eine ganze Reihe von Depotfunden aus der Bronzezeit ein, wie sie im Vereinigten Königreich und in weiten Teilen Kontinental-Europas, – darunter Deutschland, u.a. in der Nähe von Görlitz in Sachsen und in der Gegend um Dieskau im Saalekreis, in Süd- und Ostbayern – gemacht wurden.

Diese Depotfunde unterscheiden sich teilweise stark hinsichtlich ihrer Zusammensetzung und der Art der Deponierung (vergraben in der Erde, in bergigem Geländer oder in Höhlen, versenkt in Flüssen, Mooren oder Quellen …), und welche Motive den jeweiligen Deponierungen der jeweiligen Gegenstände and ihren jeweiligen Orten zugrunde lagen, ist bis heute umstritten. Möglicherweise kann der Ahlum-Hort, wenn er nicht nur einer Materialanalyse unterzogen wird, sondern (u.a.) auch mit Bezug auf seine geographische Lage untersucht wird, zu der anhaltenden archäologischen Diskussion um die angemessene Interpretation von bronzezeitlichen Depotfunden beitragen.

Wer sich für dieses Thema, d.h. bronzezeitliche Depotfunde und ihre Interpretation, interessiert, der findet einen guten Einstieg in das Thema z.B. bei

Bradley, Richard, 2017: A Geography of Offerings: Deposits of Valuables in the Landscapes of Ancient Europe. Oxford: Oxbow

oder

Hansen, Svend, Neumann, Daniel, & Vachta, Tilmann, 2012: Hort und Raum: Aktuelle Forschungen zu bronzezeitlichen Deponierungen in Mitteleuropa. Berlin: De Gruyter


Im Text zitiert wurde (außer den angegebenen Internet-Seiten):

Gubanov, Ilya B., 2012: Grave Circle B at Mycenae in the Context of Links Between the Eastern Mediterranean and Scandinavia in the Bronze Age. Archaeology, Ethnology and Anthropology of Eurasia 40(2): 99–103.

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