Betroffenheitspädagogik bringt nichts, aber „Nie wieder“ muss mehr sein als „Seid nett zueinander“: Es war nie leicht, das Nazireich sinnvoll in der Schule zu behandeln. Der Nahostkrieg und der Aufstieg der Rechten machen es noch komplexer


Was soll dieser Stift notieren? Geschichtsunterricht in Deutschland ist kein einfaches Feld

Foto: Tobias Nicolai/Connected Archives


Es ist immer zu wenig: zu wenig Zeit, zu wenig Raum für einen den Verhältnissen angemessenen Geschichts- und Politikunterricht. Zwei Stunden Geschichte im ersten Halbjahr, zwei Stunden Politikunterricht im zweiten.

So sieht das Stundentableau für die Mittelstufe in Berlin aus. Meist werden dann die wichtigsten Ereignisse und Daten vermittelt. Immerhin: Mit dem 9. November lässt sich neben der Novemberrevolution 1918 auch ins Revolutionsjahr 1848 und zur Ermordung des Radikaldemokraten Robert Blum springen. Insgesamt können fünf wichtige Ereignisse der deutschen Geschichte „abgeklappert“, besser: behandelt werden.

Doch was dann daraus machen? Sicherlich: Vom Positivismus oder Historismus hat sich die aktuelle Geschichtsdidaktik entfernt. Geschichte ist Narration. Doch wie lautet die große Linie der deutschen Geschichtserzählung? Die Schulbücher kleben noch implizit am rechtssozialdemokratischen Masternarrativ des „Langen Wegs nach Westen“ nach Heinrich August Winkler.

Revolution? Gegenrevolution? Die Mauer muss bis zur zehnten Klasse fallen

Als ich nach einem Soziologie- und Geschichtsstudium und zehn Jahren freier Tätigkeit im Bildungsbereich schließlich noch ein Staatsexamen als Gymnasiallehrer nachschob, sagte der äußerst kompetente didaktische Fachleiter zu uns Referendaren: „Eins ist klar für den Geschichtsunterricht: Die Mauer muss bis zur 10. Klasse fallen!“

Der 9. November 1989 also als freudig zu konstatierender Endpunkt deutscher Geschichte? Nicht erst mit den aktuellen Wahlergebnissen in ganz Deutschland, aber vor allem den sogenannten fünf Neuen Bundesländern, drängen sich hier Fragen auf: Wo bleiben etwa die rassistischen Pogrome in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda der frühen 1990er? Müssten nicht mindestens vier Unterrichtsstunden auf die Nachwende-Deregulierungspolitik verwendet werden, mit der Schließung und anschließenden Besetzung der Kaligrube in Bischofferode als anschaulichem Beispiel? Und sollte man nicht angemessen viel Vorbereitung in eine Stunde zum Anschluss der DDR an die BRD verwenden?

Dies nicht nur, weil das aktuelle russische Geschichtsnarrativ lautet, die DDR sei von der BRD annektiert worden. Sondern vielmehr – was viel schlimmer ist –, weil daran einiges ja stimmt. Der reale Sozialismus der DDR wurde unter dem Beifall und mit dem Wahlurnenvotum großer Teile der ostdeutschen Bevölkerung abgewickelt, aber nicht unbedingt nach dem Willen der frühsten und mutigsten DDR-Oppositionellen. Der Kapitalismus übernahm. „Revolution“? Oder doch „Gegenrevolution“?

Große Persönlichkeiten, „gefestigte Nationalidentität“: Was die AfD unterrichten will

Was mit der DDR überwunden wurde, was aber auch verloren ging, sollten Schülerinnen und Schüler in der Tat wissen. Es ist also gut, dass Berlins Schulsenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) die vorgesehenen Neuerungen im Berliner Rahmenlehrplan, wonach Geschichte der DDR nicht mehr für alle Schüler und Schülerinnen an Berlins Oberstufen verpflichtend im Unterricht vorkommen soll, nach Protesten zurückgenommen hat.

Wie diese Geschichte allerdings zu unterrichten ist, darüber herrscht kaum Klarheit und obliegt natürlich im Rahmen des Lehrplans den Unterrichtenden. Gleiches gilt für die Schwerpunkte des Geschichtsunterrichts in der Mittel- und Oberstufe, die sich der Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus widmen.

Ginge es nach dem Willen der rechtskonservativen und in Teilen rechtsradikalen AfD, die derzeit in Umfragen in einigen ostdeutschen Ländern stärkste Kraft ist, sollten Schulen zu einer „gefestigten Nationalidentität“ erziehen. So steht es im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt.

Vordemokratische Orientierungen: das Kaiserreich als Anknüpfungspunkt?

Es soll wieder um große Persönlichkeiten in der deutschen Geschichte gehen. Außerdem will die Partei Lehrpläne zugunsten „positiver Anknüpfungspunkte“ umschreiben. Damit ist vor allem das deutsche Kaiserreich gemeint, dessen Kolonialpolitik entweder verschwiegen werden soll oder dem – rassistisch grundiert – fortschrittliche Elemente anzudichten wären. Wie so oft ist in diesem Bereich die vorherrschende Politik der vorgeblichen Brandmauerparteien auch keine große Hilfe. Man vergleiche nur die Haltung des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer (parteilos) zum Gedenken an koloniale Verbrechen mit derjenigen der AfD.

In vielerlei Hinsicht schmilzt der Unterschied zwischen konservativer Merz-CDU und AfD dahin. Björn Höckes geschichtsrevisionistische und apologetische Ausfälle, wonach das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ zu begreifen sei, bilden sicherlich noch einige wesentliche Unterschiede zur offiziellen Vergangenheitspolitik. Neben NATO- und EU-Skepsis bestärken diese Attacken auf die deutsche Erinnerungskultur die heute bestehende Anti-AfD-Haltung der aktuell Regierenden. Diese kann allerdings dank realer inhaltlicher Nähe vor allem von der Union leicht abgebaut werden. Nicht zuletzt, weil sich die AfD zusehends darum bemüht, als lediglich konservative Kraft des westlichen Abendlands wahrgenommen zu werden.

Aussondern statt einschließen: Wie die Rechte Schulen organisieren will

Wie in anderen Bereichen kaschiert das AfD-Programm zur Bildungspolitik wesentliche Absichten der Rechtsaußenpartei. In demagogischer Weise versucht man an Arbeitsüberlastung und realen Problemen anzuknüpfen, die aus Ressourcenknappheit resultieren. Beispiel Inklusion. Hier plädiert die AfD für mehr Förderschulen und weniger bis keine Inklusion in den Regelbetrieb. Nicht wenige Kolleginnen und Kollegen könnten das goutieren, weil Inklusion in der Praxis oft Überforderung und Mehrarbeit bedeutet. Viele private Schulen, konfessionell gebunden oder nicht, entsprechen hier bereits dem AfD-Ideal – wie auch hinsichtlich der Zusammensetzung der Herkunftsgeschichten ihrer Schülerschaft.

Im größeren Rahmen bedienen die AfD-Pläne neoliberale Leistungs- und Selektionsvorstellungen, in die der sogenannte Ableismus eingebaut ist. Im AfD-Umfeld sind „Ausmerzen“ und „Aussondern“ keine tabuisierten Begriffe, Homogenität ist das Ideal. Systematische Behindertenfeindlichkeit, anti-queere, reaktionäre Sexual- und Familienpolitik, der apologetische Geschichtsrevisionismus treten kombiniert mit rassistischer Migrationsfeindlichkeit auf. Wohin gesellschaftlich eine solche Reise geht, zeigen die USA, wo Remigration bereits Regierungsprogramm ist, das durch die extralegal operierende Gewaltformation ICE exekutiert wird.

Dass die AfD eine solch faschistoide Politik begeistert aufnimmt, ist bekannt. Markus Frohnmeiers „Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet!“, muss besonders in dieser Hinsicht ernst genommen werden. „Wir haben doch unsere Lehren aus der Vergangenheit!“, sagen viele, auch die meisten Kolleginnen und Kollegen. Richtig. Nur welche?

Lernen aus der Geschichte: Betroffenheitspädagogik hilft nicht weiter

Im Geschichtsunterricht zum Nationalsozialismus sind „Schuld und Scham“ überhaupt keine Kategorien, die weiterhelfen. Nicht nur, weil angeblich Migrantinnen und Migranten eine solche nicht empfinden würden, wie unlängst Massoud Doktoran in dieser Zeitung behauptete. Ganz generell: Betroffenheitspädagogik hilft nicht. Geschichtsunterricht muss Bildung sein und zu verantwortlichem Handeln motivieren.

Sicher sind dabei Täter und Opfer zu benennen. Eine erdrückende Mehrzahl der normalen deutschen Männer und Frauen im „Dritten Reich“ waren Täter, Begeisterte, Dulder, Wegschauer. Opfer auf der anderen Seite waren nicht nur Juden, sondern auch Slawen, Sinti und Roma, Behinderte, „Asoziale“. Wozu soll die Erkenntnis auf Schülerseite, aus einer Täterfamilie zu stammen, motivieren, wenn der reale Täter ein Urgroßvater, also bestenfalls von Fotos bekannt ist, oder gar kein Deutscher war?

„Nie wieder“ muss mehr sein als „seid nett zueinander“

Neben Tätern und Opfern gab es historisch immer den Widerständischen, den Protestierenden, den aktiv das Unrecht Sabotierenden. Lehrer könnten in der Tat auf große Persönlichkeiten der deutschen Geschichte verweisen, wie wäre es mit Ernst Toller, mit Erich Mühsam, der Widerstandsgruppe um Herbert Baum? Wie wäre es mit der Analyse der letzten Rede von Clara Zetkin als Alterspräsidentin bei der Eröffnung des Reichstags am 30. August 1932?

Eine Gedenkstättenfahrt zeigt darüber hinaus, wie multinational und global der Widerstand gegen den imperialistischen NS-Faschismus war. Dass es eine Vielzahl albanischer Partisaninnen gab, die man in das KZ Ravensbrück verschleppte und die sich dort organisierten und gegen den grausamen Alltag kämpften, könnte Schülerinnen und Schüler ohne deutschen Urgroßvater durchaus ansprechen.

Dass es eine Vielzahl albanischer Partisaninnen gab, die man in das KZ Ravensbrück verschleppte und die sich dort organisierten und gegen den grausamen Alltag kämpften, könnte Schülerinnen und Schüler ohne deutschen Urgroßvater durchaus ansprechen

Macht man aus „Nie wieder ist jetzt!“ im Schulkontext ein „Seid lieb zueinander, kein Mobbing!“, möchte man etwas unambitioniert der Politisierung entgehen. Objektiv ist das eine Banalisierung der völkermörderischen Nazi-Geschichte. Noch verheerender ist, dass mit dem Spruch in der jüngsten Vergangenheit israelische Kriegsverbrechen, manche sagen: ein Genozid, gerechtfertigt wurden und palästinensische oder muslimische Schüler, die sich dagegen artikulierten, ausgegrenzt oder regelrecht verfolgt wurden.

Ausgrenzung durch vermeintliche Selbstkritik: Das ist das Schlimmste

Der große gesellschaftliche Aufschrei blieb aus. Dies stellt eine schlechte Voraussetzung dar für einen breiten zivilgesellschaftlichen Protest gegen zukünftige „Remigrations“-Politiken in Deutschland.

Letzten Endes müsste politische und historische Bildung auf Menschenrechtsbildung hinauslaufen, also universalistisch sein, kritisches Denken schulen und zu Widerstandsfähigkeit animieren. Angst, Konformismus, Konfliktvermeidung, Bürokratismus prägen den ideologischen Staatsapparat Schule; Schulleitungen wie Kollegien sind davon geprägt, jeder von uns. Schon jetzt müsste es eine Schulkultur geben, die gegen jeden Opportunismus die Würde aller Menschen verteidigt und jenseits von Floskeln demokratisch agiert.

Gerhard Hanloser arbeitet als Lehrer und Publizist in Berlin. Demnächst erscheint von ihm im Wiener Mandelbaum Verlag: Linker Antisemitismus. Zur Kritik eines Kampfbegriffs

ichte „abgeklappert“, besser: behandelt werden.Doch was dann daraus machen? Sicherlich: Vom Positivismus oder Historismus hat sich die aktuelle Geschichtsdidaktik entfernt. Geschichte ist Narration. Doch wie lautet die große Linie der deutschen Geschichtserzählung? Die Schulbücher kleben noch implizit am rechtssozialdemokratischen Masternarrativ des „Langen Wegs nach Westen“ nach Heinrich August Winkler.Revolution? Gegenrevolution? Die Mauer muss bis zur zehnten Klasse fallenAls ich nach einem Soziologie- und Geschichtsstudium und zehn Jahren freier Tätigkeit im Bildungsbereich schließlich noch ein Staatsexamen als Gymnasiallehrer nachschob, sagte der äußerst kompetente didaktische Fachleiter zu uns Referendaren: „Eins ist klar für den Geschichtsunterricht: Die Mauer muss bis zur 10. Klasse fallen!“Der 9. November 1989 also als freudig zu konstatierender Endpunkt deutscher Geschichte? Nicht erst mit den aktuellen Wahlergebnissen in ganz Deutschland, aber vor allem den sogenannten fünf Neuen Bundesländern, drängen sich hier Fragen auf: Wo bleiben etwa die rassistischen Pogrome in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda der frühen 1990er? Müssten nicht mindestens vier Unterrichtsstunden auf die Nachwende-Deregulierungspolitik verwendet werden, mit der Schließung und anschließenden Besetzung der Kaligrube in Bischofferode als anschaulichem Beispiel? Und sollte man nicht angemessen viel Vorbereitung in eine Stunde zum Anschluss der DDR an die BRD verwenden?Dies nicht nur, weil das aktuelle russische Geschichtsnarrativ lautet, die DDR sei von der BRD annektiert worden. Sondern vielmehr – was viel schlimmer ist –, weil daran einiges ja stimmt. Der reale Sozialismus der DDR wurde unter dem Beifall und mit dem Wahlurnenvotum großer Teile der ostdeutschen Bevölkerung abgewickelt, aber nicht unbedingt nach dem Willen der frühsten und mutigsten DDR-Oppositionellen. Der Kapitalismus übernahm. „Revolution“? Oder doch „Gegenrevolution“?Große Persönlichkeiten, „gefestigte Nationalidentität“: Was die AfD unterrichten will Was mit der DDR überwunden wurde, was aber auch verloren ging, sollten Schülerinnen und Schüler in der Tat wissen. Es ist also gut, dass Berlins Schulsenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) die vorgesehenen Neuerungen im Berliner Rahmenlehrplan, wonach Geschichte der DDR nicht mehr für alle Schüler und Schülerinnen an Berlins Oberstufen verpflichtend im Unterricht vorkommen soll, nach Protesten zurückgenommen hat.Wie diese Geschichte allerdings zu unterrichten ist, darüber herrscht kaum Klarheit und obliegt natürlich im Rahmen des Lehrplans den Unterrichtenden. Gleiches gilt für die Schwerpunkte des Geschichtsunterrichts in der Mittel- und Oberstufe, die sich der Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus widmen.Ginge es nach dem Willen der rechtskonservativen und in Teilen rechtsradikalen AfD, die derzeit in Umfragen in einigen ostdeutschen Ländern stärkste Kraft ist, sollten Schulen zu einer „gefestigten Nationalidentität“ erziehen. So steht es im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt.Vordemokratische Orientierungen: das Kaiserreich als Anknüpfungspunkt?Es soll wieder um große Persönlichkeiten in der deutschen Geschichte gehen. Außerdem will die Partei Lehrpläne zugunsten „positiver Anknüpfungspunkte“ umschreiben. Damit ist vor allem das deutsche Kaiserreich gemeint, dessen Kolonialpolitik entweder verschwiegen werden soll oder dem – rassistisch grundiert – fortschrittliche Elemente anzudichten wären. Wie so oft ist in diesem Bereich die vorherrschende Politik der vorgeblichen Brandmauerparteien auch keine große Hilfe. Man vergleiche nur die Haltung des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer (parteilos) zum Gedenken an koloniale Verbrechen mit derjenigen der AfD.In vielerlei Hinsicht schmilzt der Unterschied zwischen konservativer Merz-CDU und AfD dahin. Björn Höckes geschichtsrevisionistische und apologetische Ausfälle, wonach das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ zu begreifen sei, bilden sicherlich noch einige wesentliche Unterschiede zur offiziellen Vergangenheitspolitik. Neben NATO- und EU-Skepsis bestärken diese Attacken auf die deutsche Erinnerungskultur die heute bestehende Anti-AfD-Haltung der aktuell Regierenden. Diese kann allerdings dank realer inhaltlicher Nähe vor allem von der Union leicht abgebaut werden. Nicht zuletzt, weil sich die AfD zusehends darum bemüht, als lediglich konservative Kraft des westlichen Abendlands wahrgenommen zu werden.Aussondern statt einschließen: Wie die Rechte Schulen organisieren willWie in anderen Bereichen kaschiert das AfD-Programm zur Bildungspolitik wesentliche Absichten der Rechtsaußenpartei. In demagogischer Weise versucht man an Arbeitsüberlastung und realen Problemen anzuknüpfen, die aus Ressourcenknappheit resultieren. Beispiel Inklusion. Hier plädiert die AfD für mehr Förderschulen und weniger bis keine Inklusion in den Regelbetrieb. Nicht wenige Kolleginnen und Kollegen könnten das goutieren, weil Inklusion in der Praxis oft Überforderung und Mehrarbeit bedeutet. Viele private Schulen, konfessionell gebunden oder nicht, entsprechen hier bereits dem AfD-Ideal – wie auch hinsichtlich der Zusammensetzung der Herkunftsgeschichten ihrer Schülerschaft.Im größeren Rahmen bedienen die AfD-Pläne neoliberale Leistungs- und Selektionsvorstellungen, in die der sogenannte Ableismus eingebaut ist. Im AfD-Umfeld sind „Ausmerzen“ und „Aussondern“ keine tabuisierten Begriffe, Homogenität ist das Ideal. Systematische Behindertenfeindlichkeit, anti-queere, reaktionäre Sexual- und Familienpolitik, der apologetische Geschichtsrevisionismus treten kombiniert mit rassistischer Migrationsfeindlichkeit auf. Wohin gesellschaftlich eine solche Reise geht, zeigen die USA, wo Remigration bereits Regierungsprogramm ist, das durch die extralegal operierende Gewaltformation ICE exekutiert wird.Dass die AfD eine solch faschistoide Politik begeistert aufnimmt, ist bekannt. Markus Frohnmeiers „Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet!“, muss besonders in dieser Hinsicht ernst genommen werden. „Wir haben doch unsere Lehren aus der Vergangenheit!“, sagen viele, auch die meisten Kolleginnen und Kollegen. Richtig. Nur welche?Lernen aus der Geschichte: Betroffenheitspädagogik hilft nicht weiterIm Geschichtsunterricht zum Nationalsozialismus sind „Schuld und Scham“ überhaupt keine Kategorien, die weiterhelfen. Nicht nur, weil angeblich Migrantinnen und Migranten eine solche nicht empfinden würden, wie unlängst Massoud Doktoran in dieser Zeitung behauptete. Ganz generell: Betroffenheitspädagogik hilft nicht. Geschichtsunterricht muss Bildung sein und zu verantwortlichem Handeln motivieren.Sicher sind dabei Täter und Opfer zu benennen. Eine erdrückende Mehrzahl der normalen deutschen Männer und Frauen im „Dritten Reich“ waren Täter, Begeisterte, Dulder, Wegschauer. Opfer auf der anderen Seite waren nicht nur Juden, sondern auch Slawen, Sinti und Roma, Behinderte, „Asoziale“. Wozu soll die Erkenntnis auf Schülerseite, aus einer Täterfamilie zu stammen, motivieren, wenn der reale Täter ein Urgroßvater, also bestenfalls von Fotos bekannt ist, oder gar kein Deutscher war?„Nie wieder“ muss mehr sein als „seid nett zueinander“ Neben Tätern und Opfern gab es historisch immer den Widerständischen, den Protestierenden, den aktiv das Unrecht Sabotierenden. Lehrer könnten in der Tat auf große Persönlichkeiten der deutschen Geschichte verweisen, wie wäre es mit Ernst Toller, mit Erich Mühsam, der Widerstandsgruppe um Herbert Baum? Wie wäre es mit der Analyse der letzten Rede von Clara Zetkin als Alterspräsidentin bei der Eröffnung des Reichstags am 30. August 1932?Eine Gedenkstättenfahrt zeigt darüber hinaus, wie multinational und global der Widerstand gegen den imperialistischen NS-Faschismus war. Dass es eine Vielzahl albanischer Partisaninnen gab, die man in das KZ Ravensbrück verschleppte und die sich dort organisierten und gegen den grausamen Alltag kämpften, könnte Schülerinnen und Schüler ohne deutschen Urgroßvater durchaus ansprechen.Dass es eine Vielzahl albanischer Partisaninnen gab, die man in das KZ Ravensbrück verschleppte und die sich dort organisierten und gegen den grausamen Alltag kämpften, könnte Schülerinnen und Schüler ohne deutschen Urgroßvater durchaus ansprechenMacht man aus „Nie wieder ist jetzt!“ im Schulkontext ein „Seid lieb zueinander, kein Mobbing!“, möchte man etwas unambitioniert der Politisierung entgehen. Objektiv ist das eine Banalisierung der völkermörderischen Nazi-Geschichte. Noch verheerender ist, dass mit dem Spruch in der jüngsten Vergangenheit israelische Kriegsverbrechen, manche sagen: ein Genozid, gerechtfertigt wurden und palästinensische oder muslimische Schüler, die sich dagegen artikulierten, ausgegrenzt oder regelrecht verfolgt wurden.Ausgrenzung durch vermeintliche Selbstkritik: Das ist das Schlimmste Der große gesellschaftliche Aufschrei blieb aus. Dies stellt eine schlechte Voraussetzung dar für einen breiten zivilgesellschaftlichen Protest gegen zukünftige „Remigrations“-Politiken in Deutschland.Letzten Endes müsste politische und historische Bildung auf Menschenrechtsbildung hinauslaufen, also universalistisch sein, kritisches Denken schulen und zu Widerstandsfähigkeit animieren. Angst, Konformismus, Konfliktvermeidung, Bürokratismus prägen den ideologischen Staatsapparat Schule; Schulleitungen wie Kollegien sind davon geprägt, jeder von uns. Schon jetzt müsste es eine Schulkultur geben, die gegen jeden Opportunismus die Würde aller Menschen verteidigt und jenseits von Floskeln demokratisch agiert.



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