Als ich die ersten drei Absätze gelesen hatte, dachte ich noch – das ist ein Missverständnis, das kann nicht sein. Ich hoffe, dass ich etwas falsch verstehe. Dass sich mein langjähriger Arbeitgeber, der „Focus“, den Burda einst als konservatives Gegenmodell zum „Spiegel“ startete, nicht völlig in die Reihe der linken Kulturkrieger eingereiht hat. Doch die Hoffnung war vergeblich. In dem Artikel mit dem Titel „Nach Aha-Erlebnis hörte Ruth auf, ihre Kinder zu erziehen“ wird im „Focus“ unter dem Titel ganz offen zum Beenden von Erziehung aufgerufen.
Dabei ist der Aufhänger banal: Als ihrem dreijährigen Kind ein Missgeschick passiert – der Junge hatte etwas zerbrochen oder verschüttet, sie weiß selbst nicht mehr, welches, log er sie an. Sein Gesicht – „schiere, pure, blanke Angst“ – habe sie nie vergessen, so die Soziologin Ruth Abraham, um die es in dem Artikel geht: „Das war der Moment, in dem ich realisiert habe, dass ich die Beziehung zu meinem Kind kaputt mache, wenn mein Kind noch nicht mal zugeben kann, dass ihm etwas runtergefallen ist – weil es solche Angst hat vor mir“.
Die Schlussfolgerung von Abraham war nicht etwa, die Stellschrauben in der Erziehung zu regulieren, sich zu fragen, wo sie vielleicht nachbessern könnte. Nein, ihre Schlussfolgerung war frei von jeder Ambiguität – also der Fähigkeit, Zwischentöne zuzulassen statt alles Schwarz-Weiß zu sehen: „Erziehung ist eine Gemeinheit.“
Weiter sagt Abraham im Gespräch mit dem Magazin: „Ich habe das erste Mal realisiert, dass wir auf eine Art und Weise mit Kindern umgehen, die Gewalt total normalisiert. Und das wäre mit keiner anderen Bevölkerungsgruppe in irgendeiner Form in Ordnung.“
Zuerst dachte ich, sie redet von prügelnden Eltern. Klar, das ist nicht gut. Aber weit gefehlt. Abraham sieht offenbar jede Form von Autorität als Gewalt: „Die Idee, dass ich mein Kind erst verändern, also erziehen muss, damit es gut und richtig ist – dass ich es beeinflussen muss, damit es sich so verhält, wie ich das möchte – das ist Gewalt. Und mir wurde bewusst, dass ich mit dieser Erziehung das Vertrauensverhältnis zwischen meinem Kind und mir gefährde.“
Wie bitte? Beeinflussen, damit es sich so verhält, wie ich das möchte – das ist Gewalt? Dann ist jede Sozialisation Gewalt. Jedes „nicht auf die Straße laufen“, jedes „sag Bitte“, jedes „wir essen jetzt gemeinsam“ – Gewalt. Mit dieser Logik ist Elternschaft per definitionem ein Verbrechen. Man fragt sich, was Abraham eigentlich meint, wenn sie sagt, sie setze ihre Macht auf das „Minimum“ reduziert ein, „um körperliche und psychische Unversehrtheit zu bewahren.“ Ab welchem Punkt genau endet die Würdeverletzung und beginnt der Straßenverkehr? Und wer entscheidet das – der Dreijährige?
„Die Einstellung, dass die Erwachsenen bestimmen, wo es langgeht, stellte Abraham nun in Frage. Ihre Elternschaft sollte von nun an im Einklang mit ihren Werten sein.“
Form von Vernachlässigung
Das klingt nach Befreiung. In Wirklichkeit ist es Kapitulation. Kinder brauchen keine gleichberechtigten Verhandlungspartner – sie brauchen Menschen, die wissen, was gut für sie ist, und den Rücken dafür gerade halten. Das ist keine Gemeinheit. Das ist Fürsorge. Eine Gesellschaft, die das vergisst, erzieht keine freien Menschen – sie züchtet Narzissten, die nie gelernt haben, dass die Welt nicht um sie kreist. Was Abraham als Befreiung verkauft, ist in Wahrheit eine Form von Vernachlässigung mit soziologischer Verpackung.
„Sie überlegte, an welchen Stellen ihr bisheriges Verhalten als Mutter der Beziehung zu ihrem Kind geschadet haben könnte“, heißt es in dem Bericht im „Focus“: „In welchen Momenten sie bislang geschimpft hatte, obwohl eigentlich nichts Schlimmes passiert war.“ Und genau hier liegt die eigentliche Falle. Abraham hat offenbar irgendwann festgestellt, dass sie zu hart reagiert hat — auf eine Kleinigkeit, auf einen verängstigten Dreijährigen. Das ist ein legitimes Aha-Erlebnis. Viele Eltern kennen diesen Moment. Die vernünftige Reaktion darauf wäre: Nachjustieren. Mehr Augenmaß. Unterscheiden, wann Autorität nötig ist und wann nicht.
Aber Abraham macht das Gegenteil: Sie springt vom einen Extrem ins andere. Aus „ich habe zu viel geschimpft“ wird „Erziehung ist Gewalt.“ Aus „ich war manchmal unberechenbar“ wird „Autorität ist grundsätzlich falsch.“ Das ist keine Reifung — das ist Ambiguitätsintoleranz in Reinform. Die Unfähigkeit, im Graubereich zu leben, zwischen Kleinigkeit und echtem Fehlverhalten zu unterscheiden, zwischen berechtigtem Nein und Machtmissbrauch.
Wer diese Unterscheidung nicht aushält, braucht eine Totaltheorie. Und Totaltheorien sind immer bequemer als das mühsame Abwägen im Alltag. Das Tragische daran: Der Ausgangspunkt war menschlich und nachvollziehbar. Die Schlussfolgerung ist pathologisch.
Abraham beschreibt ihr Ideal so: Eltern setzen ihre Macht nur noch ein, wenn es um körperliche Unversehrtheit geht — Straßenverkehr, medizinischer Notfall. Alles andere: Kompromiss, Meinungsaustausch, kein Zwang, kein Schimpfen. Klingt auf den ersten Blick vernünftig. Ist es aber nicht.
Denn was hier als Würdeschutz verkauft wird, ist in Wahrheit eine kategorische Weigerung, zwischen Situationen zu unterscheiden. Ja, natürlich soll man die Meinung eines Kindes ernstnehmen. Ja, natürlich soll man nicht wegen jeder Kleinigkeit die Autorität rausholen. Das tut kein vernünftiger Elternteil. Abraham tut aber so, als ob es die einzige Alternative zum kompletten Verzicht auf Erziehung wäre. Vielleicht war es das bei ihr – das wissen wir nicht. Wir wissen nur: Abraham macht daraus ein Prinzip ohne Ausnahme — und das ist der entscheidende Unterschied zwischen Weisheit und Ideologie.
Es geht nicht um Macht
Ein Kind, das nicht schlafen will, obwohl es morgen früh aufstehen muss — Kompromiss? Ein Zwölfjähriger, der kein Gemüse essen möchte — gemeinsam erarbeitete Lösung? Ein Teenager, der die Schule für überflüssig hält — Meinung ernst nehmen, also durchgehen lassen? Die Logik von Abraham endet dort, wo das Leben anfängt. Denn das Leben bietet nun einmal Situationen, in denen Eltern entscheiden müssen — nicht weil sie Macht genießen, sondern weil sie mehr wissen, mehr überblicken, mehr Verantwortung tragen.
Das Verrückte: All das, was Abraham als revolutionäre Haltung verkauft — Würde achten, zuhören, nicht wegen Nichtigkeiten eskalieren — ist schlicht gutes Elternsein. Es hat nur keinen Namen gebraucht, weil es selbstverständlich war. Was Abraham daraus macht, ist etwas anderes: die Streichung des elterlichen Urteils als legitimes Instrument. Und das ist nicht Befreiung. Das ist Aufgabe von Verantwortung — mit akademischem Unterbau.
Nebenbei verdient ein Detail Erwähnung, das der Focus-Artikel diskret im Mittelteil versteckt: Abraham hat aus ihrer Haltung ein Geschäftsmodell gemacht. „Der Kompass“ heißt die Plattform, auf der Eltern Kurse und Coachings buchen können. Eine Mutter, die ihre eigenen Erziehungsfehler reflektiert — sympathisch. Eine Unternehmerin, die verunsicherte Eltern als zahlende Kundschaft gewinnt, indem sie ihnen erklärt, dass ihre bisherige Elternschaft im Grunde Gewalt war — das ist Ablasshandel. Profit inklusive.
Und dann wäre da noch die versehentliche Selbstenttarnung — und sie ist die vielleicht entlarvendste Stelle des ganzen Artikels. Auf die Frage, ob ihre Kinder denn freiwillig aufräumen, druckst Abraham zunächst herum: Sie beantworte diese Frage nur ungern, sie wolle ja kein Konzept verkaufen, das „funktioniert“, es gehe schließlich nicht ums Funktionieren, sondern um Menschenwürde. Seitenlang. Und dann, fast beiläufig: „Ja, meine Kinder räumen auf, wenn ich ihnen sage, sie sollen aufräumen.“ Manchmal auch nicht — „dann müssen wir halt eine Lösung finden.“
Ich glaube ihr das schlicht nicht. Das klingt nach dem, was man sagt, wenn man nicht zugeben will, dass die eigene Theorie im Alltag schlicht nicht funktioniert. Die ehrlichere Aussage steckt im Nebensatz: „Allerdings stehe ich auch nicht da und überprüfe das.“ Mit anderen Worten: Es passiert nichts. Kein Nachhaken, keine Konsequenz, keine „gemeinsam erarbeitete Lösung“ — sondern das, was Eltern ohne soziologischen Überbau schlicht Chaos nennen würden. Und tatsächlich räumt Abraham selbst ein: Das Leben mit ihren drei Kindern sei „nicht immer konfliktfrei“ — „Manchmal finden wir uns alle blöd und niemand räumt auf.“ Sie fügt hinzu, das sei auch nicht ihr Ziel gewesen. Was für eine Entlarvung. Das Ziel war also nicht, dass es funktioniert — das Ziel war, eine Haltung zu haben. Die Kinder können im Chaos sitzen. Hauptsache, die Würde ist gewahrt. Ich möchte nicht wissen, wie die Kinderzimmer aussehen.
Aufschlussreich ist auch Abrahams Tipp zum Thema Autorität: Man solle sich vorstellen, ein Kontingent von 300 Einsätzen elterlicher Macht zu haben — ein Budget, das bis zur Volljährigkeit des Kindes reichen muss. Klingt vernünftig, ist aber ein Kategorienfehler. Wer seinem Kind beibringt, den Tisch zu decken oder pünktlich zu erscheinen, „verbraucht“ keine Autorität — er übt sie aus. Souveräne Elternschaft ist kein Sparkonto. Die Metapher verrät, wie Abraham Macht grundsätzlich denkt: als etwas Bedrohliches, das man möglichst selten einsetzen sollte. Das ist nicht Weisheit. Das ist Angst vor der eigenen Elternrolle — theoretisch verbrämt.
Binsenweisheiten
Besonders dreist ist Abrahams soziologische Begründung für ihr Totalkonzept. Vertrauen, erklärt sie, entstehe aus der Summe von Erfahrungen mit einer Person — und wer erlebe, dass jemand „seine Macht für jede Kleinigkeit“ einsetze, könne dieser Person nicht mehr vertrauen. Umgekehrt entstehe Vertrauen, wenn Eltern kompromissbereit seien, zuhörten und ihre Macht nur einsetzten, wenn es gute Gründe gebe.
Das ist — und hier liegt die eigentliche Pointe — vollkommen richtig. Und es ist genau das, was normale Eltern seit jeher tun. Kein vernünftiger Vater, keine vernünftige Mutter setzt bei jeder Kleinigkeit die Autorität ein. Kein normaler Mensch schimpft wegen eines verschütteten Glases Wasser so, dass das Kind zittert – wie es bei Abraham nach eigener Aussage der Fall war. Was sie hier als Erkenntnis verkauft, ist das Eingeständnis ihres eigenen Erziehungsversagens – aus dem sie eine Ideologie ableitet. Fast so wie in der Politik – Habeck und Baerbock lassen grüßen. Das erklärt auch, warum sie bei Aussagen wie „Erziehung ist Gewalt“ landet. Offenbar aus eigener Erfahrung. Denn ganz offensichtlich war sie selbst nicht in der Lage, den ganz normalen Mittelweg zu gehen — und hat daraus dann eine Weltanschauung gebastelt. Wie so viele Ideologen, die heute die Politik beherrschen. Denn das kennen wir. Wer nicht aufräumen kann, erklärt Ordnung zum Fetisch der Unterdrückung. Wer nicht mit Geld umgehen kann, entdeckt den Kapitalismus als Wurzel allen Übels. Und wer nicht normal erziehen kann, erklärt Erziehung zur Gemeinheit. Die Ideologie ist immer die bequemere Lösung. Sie erspart die Mühe, an sich selbst zu arbeiten.
Und damit sind wir beim größeren Bild. Denn Abraham ist kein Einzelfall. Sie ist ein Symptom. Und nur deshalb schreibe ich diesen Artikel hier.
Denn was Abraham im Kleinen praktiziert, hat der Staat im Großen längst übernommen. Kitas, die keine Regeln mehr setzen, weil das die „Autonomie“ des Kindes verletze. Schulen, die nicht mehr durchfallen lassen, weil Scheitern das Selbstwertgefühl beschädige. Jugendämter, die Eltern begleiten statt fordern. Familiengerichte, die den Kindeswillen über alles stellen — auch wenn der Kindeswille gerade vier Jahre alt ist. Selbst das Geschlecht sollen sich Kindergartenkinder schon frei wählen können, als ob sie dazu in der Lage wären. Aber biologisches Geschlecht gilt in diesem Menschenbild als Herrschaftsmittel. Abraham ist vor diesem Hintergrund nicht die Ausnahme. Sie ist die Privatversion einer verqueren Ideologie, die in Deutschland – und nicht nur da – Staatsphilosophie wurde, die es ablehnt, den Menschen so zu nehmen, wie er ist, die selbst einfachste biologische Fakten ablehnt, wie die, dass es zwei Geschlechter gibt, und die statt auf Fakten auf ein völlig irreales Menschenbild setzt – mit den gleichen Wurzeln wie der Sozialismus.
Wie bei Marx
Denn genau dieses fatale Menschenbild, das hinter „Unerzogen“ steckt, ist dasselbe, das seit Jahrzehnten aus den Sozialwissenschaften in die Politik sickert und dort als rot-grüne Ideologie zur neuen Staatsdoktrin geworden ist: Nur so ist zu erklären, warum sie uns vormachen, jeder aus der Dritten Welt sei eine Bereicherung und zumindest potenziell eine Fachkraft. In dieser verqueren Ideologie reicht es, die richtigen Strukturen zu schaffen — dann wird der Mensch schon das Richtige tun. Autorität, Grenzen, Konsequenzen: alles überflüssig, alles verdächtig, alles Unterdrückung. Das ist kein neues Denken. Das ist die alte sozialistische Utopie in neuem Gewand: Forme die Verhältnisse um, und der Mensch wird gut. Bei Marx waren es die Produktionsverhältnisse. Bei Abraham ist es die Kinderstube.
In der Politik heißt das: Der Staat soll nicht fordern, sondern begleiten. Nicht urteilen, sondern verstehen. Nicht sanktionieren, sondern dialogisieren. Wer Bürgergeld kürzen will, ist herzlos. Wer Grenzen kontrollieren will, ist ein Nationalist. Jeder darf überall leben, egal mit welchem Pass und woher. Wer von Migranten Integration als Gegenleistung erwartet, diskriminiert. Das Muster ist identisch mit Abrahams Erziehungsphilosophie: keine Erwartungen, keine Konsequenzen, nur Würde und Kompromiss.
Was dabei herauskommt — in der Familie wie in der Gesellschaft — erleben wir gerade. Kinder, die nie ein Nein gehört haben, das Bestand hatte, lernen nicht, mit Frustration umzugehen. Sie lernen nicht, dass ihre Bedürfnisse zwar wichtig, aber nicht immer vorrangig sind. Sie lernen nicht, dass das Leben Anforderungen stellt, die man nicht wegverhandeln kann. Und wenn diese Kinder erwachsen werden — in die Politik gehen, Redaktionen leiten, Gesetze schreiben —, dann bringen sie genau dieses Menschenbild mit: Die Welt schuldet mir Verständnis. Widerspruch ist Angriff. Grenze ist Gewalt.
Solche Kinder kleben sich auf die Straße fürs Klima, auch wenn damit Rettungswagen im Stau stehen bleiben. Sie besetzen Universitäten und fordern „sichere Räume“ vor unbequemen Meinungen. Sie gehen in den öffentlichen Dienst und machen Diversitätsschulungen zur Pflicht. Sie werden Journalisten und finden es nicht der Rede wert, einem Artikel über das Ende der Erziehung eine einzige kritische Stimme beizufügen. Denn Kritik wäre ja — Gewalt.
Man muss kein Pessimist sein, um zu erkennen, wohin das führt. Man muss nur die letzten zwanzig Jahre deutscher Politik betrachten.
Und man muss verstehen, warum ein ehemals bürgerliches Magazin wie der „Focus“ einen solchen Artikel am Sonntagmorgen ohne eine einzige kritische Gegenstimme veröffentlicht. Weil die Redaktion genauso links ist wie in den anderen Medien. Und weil das Menschenbild von Abraham dort deshalb längst als selbstverständlich gilt. Keiner ruft mehr „Stopp“ und fordert zumindest ein paar Gegenstimmen. Weil dieses Menschenbild in diesen Redaktionen längst Luft ist — unsichtbar, weil allgegenwärtig. Man atmet es ein und aus, ohne es zu bemerken. Widerspruch wäre erst nötig, wenn man es noch als Meinung erkennen würde. Tut man aber nicht mehr. Sie stecken so fest in ihrer rot-grünen Blase, dass sie längst vergessen haben, für wen sie schreiben – für ein konservatives Publikum. Das ist der eigentliche Befund. Nicht Frau Abraham. Sondern, dass sich die Bürgerlichen, ob „Focus“, „Welt“, „Frankfurter Allgemeine“, CDU, CSU oder FDP vor lauter Anbiederung an rot-grün selbst abschaffen. Ruth Abraham ist nicht das Problem. Sie ist das Symptom. Das Problem ist, dass niemand mehr merkt, dass es eines ist.
Wenn Sie wollen, dass Artikel wie dieser nicht umsonst sind – klicken Sie hier.
Bild: Symbolbild/KI-generiert/Grok

