In diesem aktuellen Interview spricht der erfahrene Analyst und ehemalige CIA- und Außenministeriumsmitarbeiter Larry Johnson mit dem in China ansässigen Moderator Danny Hiong über die anhaltende US-Blockade im Persischen Golf. Johnson bewertet die Lage als strategisches Desaster für die Trump-Administration, das die Grenzen der amerikanischen Macht deutlich aufzeigt.
Die aktuelle Lage: Iran hält stand, China ignoriert die Blockade
Die Trump-Administration hat eine Marineblockade gegen den Iran verhängt, um den Öltransport durch die Straße von Hormuz zu stoppen – vor allem, um China zu treffen. Doch nach nur vier Tagen zeigt sich das Gegenteil: Iran hat laut Berichten bereits über 9 Millionen Barrel Rohöl durch den Golf von Oman transportiert.
Mehr als 20 Handelsschiffe passierten die Straße von Hormuz an einem einzigen Tag, während über 800 Schiffe im Persischen Golf unter iranischer Kontrolle stehen. Iran weigert sich, zu kapitulieren, und kontrolliert weiterhin die lebenswichtige Wasserstraße.
China hat Trumps Drohungen klar zurückgewiesen und erklärt, man werde die bestehenden Liefervereinbarungen einhalten. Statt Schwäche zu zeigen, demonstriert der Iran Souveränität und wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Larry Johnson vergleicht die Situation mit einem erwachsenen Sohn, der das Elternhaus verlässt: Der Iran ist nicht mehr abhängig und lebt sein eigenes Leben.
Fehlende Strategie und die Illusion der Blockade
Johnson kritisiert scharf das Fehlen jeglicher kohärenten Strategie in Washington. Die USA wechseln ständig die Taktik – von Drohungen über Truppenaufstockungen bis hin zu Verhandlungsangeboten.
Die Blockade sei eine Fassade, ein „Joke“, mit dem das amerikanische Publikum getäuscht werde. In der Realität sei es nahezu unmöglich, die riesige Fläche des Arabischen Meeres und des Indischen Ozeans effektiv zu überwachen.
Schiffe müssen weit offshore bleiben, um nicht von iranischen Küstenverteidigungs-Raketen, ballistischen Kurzstreckenraketen, Unterwasser-Drohnen, Überwasser-Drohnen und Luftdrohnen getroffen zu werden.
Ein anschauliches Beispiel: Der Flugzeugträger USS George H.W. Bush umfuhr Afrika, statt den Suezkanal und das Rote Meer zu nutzen – aus Angst vor Angriffen. Das sagt alles über die tatsächliche Machtposition der US-Navy aus.
Johnson zieht den historischen Vergleich zur seit 66 Jahren andauernden Blockade Kubas: Selbst dort, wo die USA geografisch viel bessere Kontrolle hatten, scheiterte die Strategie. Der Iran hat zusätzlich Vorteile durch Nachbarländer, den Kaspischen See und Swap-Geschäfte mit Russland.
Wirtschaftliche Konsequenzen: Der Öl-Schock kommt erst noch
Die Welt hat die vollen Auswirkungen eines 20-prozentigen Rückgangs der Ölversorgung noch nicht gespürt, weil die vor Kriegsbeginn beladenen Tanker erst jetzt ihre Ziele erreichen (Tanker fahren nur ca. 200 Meilen pro Tag).
Preise steigen bereits massiv – ein Barrel erreichte in Singapur angeblich 210 Dollar. Johnson warnt vor Kaskadeneffekten: höhere Treibstoffpreise, Düngermangel, Störungen bei Flüssiggas (25 % Weltanteil aus der Region) und Dünger (35 % Weltanteil).
In den USA berichten Landwirte bereits von verdreifachten Düngerpreisen und massiv gestiegenen Heukosten, was zur Reduzierung von Viehbeständen führen könnte – mit langfristig höheren Fleischpreisen.
Die globalen Folgen könnten eine Wirtschaftskrise auslösen, die mit der Großen Depression der 1930er Jahre vergleichbar ist. China hingegen ist zu 85 % energieautark; iranisches Öl macht nur einen kleinen Teil seiner Importe aus.
Militärische Realität und Eskalationsrisiken
Trotz Rhetorik von „zerstörten“ iranischen Raketenwerfern bleibt Irans Fähigkeit, die Straße von Hormuz zu kontrollieren, intakt.
Die USA planen weiter Truppenverstärkungen (u. a. 10.000 zusätzliche Soldaten) und haben Angriffe auf Atom- und Kraftwerke erwogen, diese Pläne aber offenbar zurückgestellt. Stattdessen wird über Spezialoperationen zur Sicherung hochangereicherten Urans diskutiert.
Johnson sieht die aktuelle Waffenruhe (die am Montag auslaufen könnte) als fragil. Israel blockiert Fortschritte bei Verhandlungen mit der Hisbollah, indem es eine Stadt im Südlibanon einnehmen will.
Ein echter Durchbruch wäre erst möglich, wenn Israel einem Waffenstillstand mit der Hisbollah zustimmt – wahrscheinlich in zwei Wochen aufgrund hoher Verluste.
Trump kündigte kürzlich einen 10-tägigen Waffenstillstand zwischen Libanon und Israel an, den Johnson jedoch skeptisch als Versuch wertet, die libanesische Regierung gegen die Hisbollah zu mobilisieren.
Historischer Kontext: Die Wurzeln des Konflikts im Libanon
Johnson gibt einen ausführlichen historischen Überblick über den libanesischen Bürgerkrieg ab 1975, die Rolle der USA, Israels und verschiedener konfessioneller Gruppen (Christen, Sunniten, Schiiten, Drusen).
Die Hisbollah entstand 1982 als Reaktion auf Angriffe auf Schiiten, unterstützt durch iranische Hilfe, während die USA Saddam Hussein im Iran-Irak-Krieg mit Waffen, Geld und Geheimdienstinformationen unterstützten – einschließlich Chemiewaffen.
Später folgte die Iran-Contra-Affäre, bei der die USA gleichzeitig Waffen an den Iran verkauften. Diese Widersprüche haben tiefe Wunden hinterlassen.
Langfristige Lektionen: Das Ende der unipolaren Welt
Johnson betont, dass Länder wie Iran, China und Russland Alternativen haben und sich auf Druck vorbereitet haben. Die USA überschätzen ihre Hebelwirkung massiv.
Das Scheitern der Blockade zeige die neue multipolare Realität. Er verweist positiv auf Russlands Erholung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unter Putin als Beispiel dafür, dass selbst schwere Krisen zu Erneuerung führen können.
Zusammenfassend malt das Gespräch ein Bild eines überforderten US-Imperiums, das mit veralteten Methoden (Sanktionen, Blockaden, Drohungen) gegen souveräne Staaten vorgeht, die sich nicht mehr einschüchtern lassen.
Die wirtschaftlichen Rückschläge treffen vor allem den Westen selbst, während Iran seine Position stärkt und China gelassen bleibt.
Die kommenden Wochen und Monate werden zeigen, ob Washington aus dieser Lektion lernt oder weitere kostspielige Fehler macht.