Von oben kommt nur noch Phrasendrescherei und unten sitzt der Schimmel tief. Aber es gibt einen Grund, warum ich der SPD treu bleibe, sagt unsere Autorin
Vergangene Zeiten: Willy-Brandt-Statue in der SPD-Zentrale
Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images
Eine Liebesheirat war das mit der SPD bei mir nie. Für Verliebtheit gibt es keinen Spiegelstrich, und in dieser Partei geht es strikt nach Vorschrift, da wird abgearbeitet, in einer Sprache, die von Romantik so weit entfernt ist wie die Partei vom Wahlsieg. Spätestens bei der ersten Sitzung des Ortsvereins beginnt der Alltag: Vereinsarbeit.
Es gibt einen Schriftführer, einen Vorsitzenden (neuerdings auch zwei, männlich und weiblich), einen oder mehrere stellvertretende Vorsitzende, eine Tagesordnung einen Kassenwart samt Kassenprüfern, alle möglichen Beisitzer für diverse „Themen“ und dazu all die anderen Worte, die sich einem im Munde herumdrehen, bis sie ihre magere Substanz ganz verlieren.
Nein, sexy ist die SPD spätestens nach Willy Brandt nicht mehr. Wer sich mit dieser Partei einlässt, hat keine Schmetterlinge im Bauch (was im Übrigen noch unangenehmer klingt als „Kreisvertreterversammlung“), sondern lernt, dass 50 Prozent Übereinstimmung als Mitgift genügen. Man tätigt eine Vernunftheirat. Deren Alltagstrott beginnt sofort nach Erhalt des Parteibuchs, und von vornherein muss man über einiges hinwegsehen.
Denn so eine alte Partei lässt im Bett die Socken an. Die hat ihre Gewohnheiten, unangenehm vielleicht, aber sie geben Struktur, und Struktur ist der sozialdemokratische Ersatz für Visionen – mit denen geht man bekanntlich zum Arzt. Parteistrukturen erfordern die Ochsentour. Man muss sich durchbeißen und sollte ein Ziel haben, ein bisschen Weltverändernwollen reicht nicht, man muss einen Posten ergattern wollen, sonst hält man nicht durch auf der alle zwei Jahre einberufenen „Hauptversammlung“. So heißt das zumindest in Berlin, wo der Ortsverein nicht Ortsverein ist, sondern „Abteilung“.
Wer keinen Posten ergattern und einfaches Mitglied bleiben will, fragt sich bei jeder Gelegenheit, warum er oder sie nicht aus der Partei austritt. Und doch bleibe ich. Irgend etwas bindet mich, dazu später mehr. Erst einmal weiter im Elend:
Auf der Hauptversammlung wird gewählt – und das dauert. Listen werden ausgeteilt, Erklärungen gemacht, Stimmen gezählt, Biere werden getrunken, Verbündete gesucht, wichtige Gesichtsausdrücke geübt. Es sind sehr viele Posten zu verteilen, und bei kaum einem ist ganz klar, wozu es ihn eigentlich geben soll. Stellvertretender Kreisdelegierter zum Beispiel – wissen Sie, was das ist? Oder „Seniorenbeisitzer“ – sitzt der neben den Alten? Oder Wahlkampfbeauftragter. Wobei der durchaus in Erscheinung tritt. Er managt auf unterster Ebene den Wahlkampf, wahrlich kein Zuckerschlecken.
Listen werden ausgeteilt, Erklärungen gemacht, Stimmen gezählt, Biere werden getrunken, Verbündete gesucht, wichtige Gesichtsausdrücke geübt
Der Wahlkampfmanager muss dafür sorgen, dass die müden Genossen wochentags um 7 Uhr zur „Frühverteilung“ an der S-Bahn stehen und „Wahlkampfmaterial“ verteilen, lächelnd. Dabei kriegt man einiges zu hören oder wird gar bedroht, mitten auf der Straße: „Willst Du eine Waffe am Kopf haben?“ Wahlkampf kann gefährlich sein, mancher wird zusammengeschlagen.
Außerdem erhält man Briefe vom Kassierer, man möge doch bitte spenden, wichtige Arbeit undsoweiter. Dann spendet man, weil gerade ein Genosse attackiert wurde oder ein SPD-Laden von Nazis beschmiert wurde oder einfach nur, weil man dieses vage Gefühl hat, diese Partei dürfe nicht untergehen. Doch hilft es nichts, die Zahlen gehen trotzdem runter, bei jeder Wahl tiefer.
Die SPD konnte es noch nie allen recht machen, es gehört zu ihrer DNA – bezeichnenderweise wird heute „Markenkern“ dazu gesagt – , ein Gesicht zu machen wie drei Tage Regenwetter, weil die Wirklichkeit nicht dem Parteiprogramm entspricht und das Parteiprogramm nicht den Träumen, die man mal hatte – lange her. Gerechtigkeit und so. Die Tragik der SPD ist, dass sie das Ziel Gerechtigkeit ersetzt hat durch „niemandem wehtun“, nicht mal den Überreichen mit den Übergewinnen, denn die, so geht die Legende, sichern die Arbeitsplätze.
In der SPD zwischen allen Stühlen
Zielstrebig setzt sich diese Partei zwischen alle Stühle, obwohl sie es so gern bequem hat, und fliegt dabei auf die Nase. Da liegt sie dann und weiß nicht, wie sie mit ihren alten Knochen wieder aufstehen soll. Die Muskeln sind schwach, der schwerfällig gewordene Körper hat zu oft nachgegeben, Widerstandstraining fehlt – „flexibel“ will man sein, für den „Fortschritt“, an den man eisern glaubt, während die Lunge pfeift. Jeder mediale Windhauch haut einen um, das Fähnchen hängt prompt anders herum, sein Rot so ausgebleicht, dass „rosa“ maßlos übertrieben wäre.
Rosa Luxemburg hat es früher gemerkt, aber hat das ihr und der Sache geholfen? Wer Parteimitglied ist, erhält von den Großen Vorsitzenden, zurzeit Bärbel Bas und Lars Klingbeil, Mails mit dem Betreff „Wir stehen an der Spitze der Veränderung“ – echt jetzt?! Welche Veränderung??!! Welche Spitze???!!!
Vor lauter Phrasendrescherei hat die SPD längst den Unterschied zwischen Spreu und Weizen verloren, von Hopfen und Malz ganz zu schweigen. Verheddert sich in bedeutungslosem Kauderwelsch, so dass es eine fremdschamige Qual ist, dem Vorsitzenden bei einem Interview, nunja, beizusitzen – er windet sich, bis jeder Inhalt garantiert unkenntlich wird.
Und weiter fragt man sich, ob man aus der Partei nicht endlich austreten soll, aus finanziellen und grundsätzlichen Gründen, nach jedem verkorksten Beschluss fragt man sich das, auch jetzt wieder, wo es darum geht die Benzinkonzerne zu subventionieren – sie nennen es „Kraftstoffmaßnahmenpaket“ oder „Tankrabatt“, irgendwas, das plausibel klingt und wenig bis gar nichts bringt. Man könnte eine Pro- und Kontra-Liste schreiben, was für und was gegen diese Partei spricht – aber das lässt man dann besser, denn einmal ist man schon ausgetreten und dann doch wieder eingetreten.
Dysfunktional
Warum, fragen Sie? Brauchen wir nicht die großen Tanker?, lautet die Gegenfrage. Es muss doch etwas Verlässliches geben in diesen unruhigen Zeiten, und auf das strukturelle Versagen der SPD ist wenigstens Verlass. Außerdem sind sie wirklich schwer in Ordnung, die sozialen und demokratischen Genossen von der Basis, ihr Einsatz ist bewundernswert, vor allem bei den Aufrichtigen, denen es nicht nur um Posten und Geltungsdrang geht, sondern wirklich noch um die Sache. (Welche war das noch gleich?)
Am Ende ist es eine Familienangelegenheit. Man kann aus seiner Familie nicht austreten, man hält bis zum bitteren Ende durch, auch wenn es sich noch so dysfunktional anfühlt. Blut ist roter als Wasser. Auch wenn die SPD hienieden wirklich nicht mehr gebraucht wird. Auch wenn sie, die einst so stolze, herrlich widersprüchliche, menschenfreundliche Volkspartei übers Volk stolpert, von Desaster zu Desaster. Solidarisch stolpert man mit.
Und wenn sie übermorgen den Löffel abgibt, organisiert die Familie die Beerdigung und wird über die Tote kein schlechtes Wort sagen. Bis dahin hofft man wider jede Vernunft, dass Totgesagte länger leben. Oder gar auferstehen, aus den Ruinen der selbstverschuldeten, furchtbar sachzwänglichen Unbeweglichkeit.
sexy ist die SPD spätestens nach Willy Brandt nicht mehr. Wer sich mit dieser Partei einlässt, hat keine Schmetterlinge im Bauch (was im Übrigen noch unangenehmer klingt als „Kreisvertreterversammlung“), sondern lernt, dass 50 Prozent Übereinstimmung als Mitgift genügen. Man tätigt eine Vernunftheirat. Deren Alltagstrott beginnt sofort nach Erhalt des Parteibuchs, und von vornherein muss man über einiges hinwegsehen.Denn so eine alte Partei lässt im Bett die Socken an. Die hat ihre Gewohnheiten, unangenehm vielleicht, aber sie geben Struktur, und Struktur ist der sozialdemokratische Ersatz für Visionen – mit denen geht man bekanntlich zum Arzt. Parteistrukturen erfordern die Ochsentour. Man muss sich durchbeißen und sollte ein Ziel haben, ein bisschen Weltverändernwollen reicht nicht, man muss einen Posten ergattern wollen, sonst hält man nicht durch auf der alle zwei Jahre einberufenen „Hauptversammlung“. So heißt das zumindest in Berlin, wo der Ortsverein nicht Ortsverein ist, sondern „Abteilung“. Wer keinen Posten ergattern und einfaches Mitglied bleiben will, fragt sich bei jeder Gelegenheit, warum er oder sie nicht aus der Partei austritt. Und doch bleibe ich. Irgend etwas bindet mich, dazu später mehr. Erst einmal weiter im Elend:Auf der Hauptversammlung wird gewählt – und das dauert. Listen werden ausgeteilt, Erklärungen gemacht, Stimmen gezählt, Biere werden getrunken, Verbündete gesucht, wichtige Gesichtsausdrücke geübt. Es sind sehr viele Posten zu verteilen, und bei kaum einem ist ganz klar, wozu es ihn eigentlich geben soll. Stellvertretender Kreisdelegierter zum Beispiel – wissen Sie, was das ist? Oder „Seniorenbeisitzer“ – sitzt der neben den Alten? Oder Wahlkampfbeauftragter. Wobei der durchaus in Erscheinung tritt. Er managt auf unterster Ebene den Wahlkampf, wahrlich kein Zuckerschlecken.Listen werden ausgeteilt, Erklärungen gemacht, Stimmen gezählt, Biere werden getrunken, Verbündete gesucht, wichtige Gesichtsausdrücke geübt Der Wahlkampfmanager muss dafür sorgen, dass die müden Genossen wochentags um 7 Uhr zur „Frühverteilung“ an der S-Bahn stehen und „Wahlkampfmaterial“ verteilen, lächelnd. Dabei kriegt man einiges zu hören oder wird gar bedroht, mitten auf der Straße: „Willst Du eine Waffe am Kopf haben?“ Wahlkampf kann gefährlich sein, mancher wird zusammengeschlagen.Außerdem erhält man Briefe vom Kassierer, man möge doch bitte spenden, wichtige Arbeit undsoweiter. Dann spendet man, weil gerade ein Genosse attackiert wurde oder ein SPD-Laden von Nazis beschmiert wurde oder einfach nur, weil man dieses vage Gefühl hat, diese Partei dürfe nicht untergehen. Doch hilft es nichts, die Zahlen gehen trotzdem runter, bei jeder Wahl tiefer.Die SPD konnte es noch nie allen recht machen, es gehört zu ihrer DNA – bezeichnenderweise wird heute „Markenkern“ dazu gesagt – , ein Gesicht zu machen wie drei Tage Regenwetter, weil die Wirklichkeit nicht dem Parteiprogramm entspricht und das Parteiprogramm nicht den Träumen, die man mal hatte – lange her. Gerechtigkeit und so. Die Tragik der SPD ist, dass sie das Ziel Gerechtigkeit ersetzt hat durch „niemandem wehtun“, nicht mal den Überreichen mit den Übergewinnen, denn die, so geht die Legende, sichern die Arbeitsplätze.In der SPD zwischen allen Stühlen Zielstrebig setzt sich diese Partei zwischen alle Stühle, obwohl sie es so gern bequem hat, und fliegt dabei auf die Nase. Da liegt sie dann und weiß nicht, wie sie mit ihren alten Knochen wieder aufstehen soll. Die Muskeln sind schwach, der schwerfällig gewordene Körper hat zu oft nachgegeben, Widerstandstraining fehlt – „flexibel“ will man sein, für den „Fortschritt“, an den man eisern glaubt, während die Lunge pfeift. Jeder mediale Windhauch haut einen um, das Fähnchen hängt prompt anders herum, sein Rot so ausgebleicht, dass „rosa“ maßlos übertrieben wäre. Rosa Luxemburg hat es früher gemerkt, aber hat das ihr und der Sache geholfen? Wer Parteimitglied ist, erhält von den Großen Vorsitzenden, zurzeit Bärbel Bas und Lars Klingbeil, Mails mit dem Betreff „Wir stehen an der Spitze der Veränderung“ – echt jetzt?! Welche Veränderung??!! Welche Spitze???!!!Vor lauter Phrasendrescherei hat die SPD längst den Unterschied zwischen Spreu und Weizen verloren, von Hopfen und Malz ganz zu schweigen. Verheddert sich in bedeutungslosem Kauderwelsch, so dass es eine fremdschamige Qual ist, dem Vorsitzenden bei einem Interview, nunja, beizusitzen – er windet sich, bis jeder Inhalt garantiert unkenntlich wird.Und weiter fragt man sich, ob man aus der Partei nicht endlich austreten soll, aus finanziellen und grundsätzlichen Gründen, nach jedem verkorksten Beschluss fragt man sich das, auch jetzt wieder, wo es darum geht die Benzinkonzerne zu subventionieren – sie nennen es „Kraftstoffmaßnahmenpaket“ oder „Tankrabatt“, irgendwas, das plausibel klingt und wenig bis gar nichts bringt. Man könnte eine Pro- und Kontra-Liste schreiben, was für und was gegen diese Partei spricht – aber das lässt man dann besser, denn einmal ist man schon ausgetreten und dann doch wieder eingetreten.DysfunktionalWarum, fragen Sie? Brauchen wir nicht die großen Tanker?, lautet die Gegenfrage. Es muss doch etwas Verlässliches geben in diesen unruhigen Zeiten, und auf das strukturelle Versagen der SPD ist wenigstens Verlass. Außerdem sind sie wirklich schwer in Ordnung, die sozialen und demokratischen Genossen von der Basis, ihr Einsatz ist bewundernswert, vor allem bei den Aufrichtigen, denen es nicht nur um Posten und Geltungsdrang geht, sondern wirklich noch um die Sache. (Welche war das noch gleich?)Am Ende ist es eine Familienangelegenheit. Man kann aus seiner Familie nicht austreten, man hält bis zum bitteren Ende durch, auch wenn es sich noch so dysfunktional anfühlt. Blut ist roter als Wasser. Auch wenn die SPD hienieden wirklich nicht mehr gebraucht wird. Auch wenn sie, die einst so stolze, herrlich widersprüchliche, menschenfreundliche Volkspartei übers Volk stolpert, von Desaster zu Desaster. Solidarisch stolpert man mit.Und wenn sie übermorgen den Löffel abgibt, organisiert die Familie die Beerdigung und wird über die Tote kein schlechtes Wort sagen. Bis dahin hofft man wider jede Vernunft, dass Totgesagte länger leben. Oder gar auferstehen, aus den Ruinen der selbstverschuldeten, furchtbar sachzwänglichen Unbeweglichkeit.