Viel ist gerade die Rede von einem Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige nach australischem Vorbild. SPD und CDU sind sich einigermaßen einig, dass TikTok, Instagram und Co. abhängig machen – wenn auch in der Union wenig Hoffnung auf eine Regulierung der Plattformen gesetzt wird.

Worauf sich Jugendliche schon jetzt vorbereiten können: Die Zeiten, in denen ihre Eltern und Großeltern müde lächelnd, aber insgesamt optimistisch auf Social Media blicken, sind vorbei. Stattdessen sind sie regelrecht alarmiert, angesichts von KI-Brainrot, schwacher Pisa-Ergebnisse, grassierender Online-Radikalisierung, einer gefühlten (männlichen) Einsamkeits-Pandemie und (mitunter anekdotischer) Evidenz zu immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen.

Was also tun? Am besten, man sattelt schon früh um und gewöhnt sich langsam wieder an das Lesen auf Papier gedruckter Buchstaben. Um der Gefahr eines kalten Social-Media-Entzuges zu entgehen, hier also eine Liste der fünf Bücher, die ich als Social-Media-Redakteur 14- bis 16-jährigen „Heavy-Usern“ sozialer Netzwerke empfehlen würde:

Für die, die das Milieu hinter dem Sylt-Video verstehen wollen: „Faserland“ von Christian Kracht

Wer die letzten zwei Jahre nicht unter einem Stein verbracht hat, wird sich an das virale Video erinnern, in dem Hitler-Gruß-zeigende Schnösel im Frühling 2024 auf Sylt zu „L’amour toujours“ tanzten. Für alle, die das Milieu dahinter verstehen wollen, gäbe es kein besseres Buch als Faserland von Christian Kracht. Zwar spielt der Roman in einem Deutschland vor unserer Zeit: Mitte der neunziger Jahre, und ist damit eher ein Porträt der Eltern heutiger Teenager. Der wohlstandsverwöhnte Jetset-Lifestyle auf Sylt, den der Roman zu Beginn beschreibt, ist jedoch noch immer derselbe.

Leider ebenfalls topaktuell ist das Männlichkeitsbild des namenlosen Protagonisten Ende 20. Dieser ist auf seiner Reise von Hamburg über Heidelberg und München zum Bodensee kaum anders zu beschreiben, als als rechtslibertäres Arschloch, das vor Verachtung gegenüber allem Weiblichen, Armen, Linken und Schwachen strotzt.

Wer bis jetzt mit dem Social-Media-Content von Männlichkeits-Influencern und Pick-Up-Artists interagierte, findet hier jedenfalls sein Aussteigerprogramm. Vorausgesetzt natürlich, man liest den Roman mit der nötigen Distanz.

Für die, die keine Lust auf die Musterung haben: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann

Mehr als hundert Jahre ist es her, dass junge Männer in Deutschland zum ersten Mal für einen Weltkrieg eingezogen wurden. Hundert Jahre später, beschreiben Historiker wie Jürgen Zimmerer ein drohendes Comeback der Epoche von Weltmächten und ihrer Großräume.

Erschreckend aktuell ist daher an Thomas Manns Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, das als Fragment zwischen 1910 und 1913 entstand, nicht nur der antimilitaristische Tenor, für alle, die keine Lust auf die Musterung haben, und lernen wollen, wie man einen epileptischen Anfall vortäuscht.

Mit einem Hochstapler als Hauptfigur, liefert Mann noch dazu ein Genre, das in den letzten Jahren in viralen Dokumentationen über den Tinder Swindler, Anna Delvey, oder das Fyre Festival auf Social Media rauf und runter diskutiert wurde.

Für die, die von zu Hause abhauen wollen: „Ellbogen“ von Fatma Aydemir

Für alle, die als Teenager mit dem Gedanken spielten, von zu Hause abzuhauen, lieferte die Autorin und Journalistin Fatma Aydemir 2017 einen Roman, der in der (post)migrantischen Bubble meiner Uni einschlug wie eine Bombe. Ellbogen erzählt die Geschichte der 17-jährigen Hazal, die sich neben Stress mit Securitys, Ladendiebstahl, Jobben in der Bäckerei und der Suche nach einem Ausbildungsplatz mit den unrealistischen Erwartungen ihrer Familie herumschlagen muss.

Als sie und ihre Freundinnen beim Feiern, an der Clubtür abgewiesen und auf dem Rückweg von einem deutschen Studenten dumm angemacht werden, brennen Hazal die Sicherungen durch. Auf der Flucht in Istanbul kommt sie bei einer dubiosen Bekanntschaft aus Facebook unter. Und bis auf den Namen der Social-Media-Plattform, über die sich die zwei kennenlernen, könnte die Geschichte auch heute noch genau so ablaufen.

Ein Einstiegswerk in den Feminismus: „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski

Es ist eigentlich ganz einfach: Wenn junge Männer wollen, dass junge Frauen sie mögen, sollten sie versuchen, junge Frauen zu verstehen. Und als logische Konsequenz daraus, Bücher junger Frauen lesen. Ein absolutes Standardwerk für den Einstieg in feministische Diskurse der letzten Jahre lieferte Margarete Stokowski mit Untenrum frei.

In einem Ton, der feministische Memes, Reels, TikToks und Karussellposts auf Instagram ausgezeichnet ersetzt und mit literarischen Passagen ergänzt, erzählt Stokowski aus autobiografischer Perspektive, was es heißt, als Frau im Berlin der letzten dreißig Jahre erwachsen zu werden. Was in der Mischung besonders gut funktioniert.

Vom übergriffigen Schachlehrer, dem ersten Mal im Studiwohnheim bis zum Versöhnen mit der eigenen Identität als Deutsch-Polin bleiben einige Denkanstöße und Brocken feministischer Theorie in Erinnerung. Kein Wunder, dass die Version des Buchs bei der Bundeszentrale für politische Bildung für schlappe 5 Euro vergriffen ist. Und leider aktuell nicht nachgedruckt wird.

Ein Realitätscheck für Ossis und Wessis: „Nullerjahre“ von Hendrik Bolz

Christian Barons klassenbewusster und autobiografischer Roman Ein Mann seiner Klasse über das Aufwachsen in der westdeutschen Arbeiterschicht Kaiserslauterns ist nicht zuletzt seit dem Deutschen Fernsehpreis den meisten ein Begriff. Etwas weniger bekannt ist hingegen Hendrik Bolz’ Roman Nullerjahre – Eine Jugend in blühenden Landschaften, der zum Großteil in einer Plattenbausiedlung in Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern spielt.

Alkoholismus, Arbeitslosigkeit und die Erfahrung, weniger Geld zu haben als andere, sowie durch schulische Leistung Anerkennung zu erlangen, sind nur einige Gemeinsamkeiten. Zusätzlich beschreibt Bolz aus eigener Erfahrung eine rechtsextreme Szene, die tief in der sozialen Arbeit und den Freizeitangeboten für Kinder und Jugendliche verankert ist.

Die Debatte darüber, was Radikalisierung in digitalen Räumen bedeutet, und welche Auswirkungen die „Baseballschlägerjahre“ noch heute auf Jugendliche haben, findet gerade ein trauriges Revival. Dass die Radikalisierung nach rechts auch ganz analog stattfinden kann, und welche Unterschiede noch immer zwischen Ost und West bestehen, zeigt Bolz in diesem Realitätscheck für Wessis und Ossis.

FaserlandChristian Kracht S. Ficher, 176 S., 13 Euro

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull Thomas Mann Insel,432 S., 18 Euro

Ellbogen Fatma Aydemir Hanser,272 S., 20 Euro

Untenrum frei. Margarete Stokowski Rowohlt, 256 S., 14 Euro

Nullerjahre. Hendrik Bolz Kiepenheuer & Witsch, 352 S., 14 Euro

pannen.Was also tun? Am besten, man sattelt schon früh um und gewöhnt sich langsam wieder an das Lesen auf Papier gedruckter Buchstaben. Um der Gefahr eines kalten Social-Media-Entzuges zu entgehen, hier also eine Liste der fünf Bücher, die ich als Social-Media-Redakteur 14- bis 16-jährigen „Heavy-Usern“ sozialer Netzwerke empfehlen würde:Für die, die das Milieu hinter dem Sylt-Video verstehen wollen: „Faserland“ von Christian KrachtWer die letzten zwei Jahre nicht unter einem Stein verbracht hat, wird sich an das virale Video erinnern, in dem Hitler-Gruß-zeigende Schnösel im Frühling 2024 auf Sylt zu „L’amour toujours“ tanzten. Für alle, die das Milieu dahinter verstehen wollen, gäbe es kein besseres Buch als Faserland von Christian Kracht. Zwar spielt der Roman in einem Deutschland vor unserer Zeit: Mitte der neunziger Jahre, und ist damit eher ein Porträt der Eltern heutiger Teenager. Der wohlstandsverwöhnte Jetset-Lifestyle auf Sylt, den der Roman zu Beginn beschreibt, ist jedoch noch immer derselbe.Leider ebenfalls topaktuell ist das Männlichkeitsbild des namenlosen Protagonisten Ende 20. Dieser ist auf seiner Reise von Hamburg über Heidelberg und München zum Bodensee kaum anders zu beschreiben, als als rechtslibertäres Arschloch, das vor Verachtung gegenüber allem Weiblichen, Armen, Linken und Schwachen strotzt.Wer bis jetzt mit dem Social-Media-Content von Männlichkeits-Influencern und Pick-Up-Artists interagierte, findet hier jedenfalls sein Aussteigerprogramm. Vorausgesetzt natürlich, man liest den Roman mit der nötigen Distanz.Für die, die keine Lust auf die Musterung haben: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann Mehr als hundert Jahre ist es her, dass junge Männer in Deutschland zum ersten Mal für einen Weltkrieg eingezogen wurden. Hundert Jahre später, beschreiben Historiker wie Jürgen Zimmerer ein drohendes Comeback der Epoche von Weltmächten und ihrer Großräume.Erschreckend aktuell ist daher an Thomas Manns Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, das als Fragment zwischen 1910 und 1913 entstand, nicht nur der antimilitaristische Tenor, für alle, die keine Lust auf die Musterung haben, und lernen wollen, wie man einen epileptischen Anfall vortäuscht.Mit einem Hochstapler als Hauptfigur, liefert Mann noch dazu ein Genre, das in den letzten Jahren in viralen Dokumentationen über den Tinder Swindler, Anna Delvey, oder das Fyre Festival auf Social Media rauf und runter diskutiert wurde.Für die, die von zu Hause abhauen wollen: „Ellbogen“ von Fatma AydemirFür alle, die als Teenager mit dem Gedanken spielten, von zu Hause abzuhauen, lieferte die Autorin und Journalistin Fatma Aydemir 2017 einen Roman, der in der (post)migrantischen Bubble meiner Uni einschlug wie eine Bombe. Ellbogen erzählt die Geschichte der 17-jährigen Hazal, die sich neben Stress mit Securitys, Ladendiebstahl, Jobben in der Bäckerei und der Suche nach einem Ausbildungsplatz mit den unrealistischen Erwartungen ihrer Familie herumschlagen muss.Als sie und ihre Freundinnen beim Feiern, an der Clubtür abgewiesen und auf dem Rückweg von einem deutschen Studenten dumm angemacht werden, brennen Hazal die Sicherungen durch. Auf der Flucht in Istanbul kommt sie bei einer dubiosen Bekanntschaft aus Facebook unter. Und bis auf den Namen der Social-Media-Plattform, über die sich die zwei kennenlernen, könnte die Geschichte auch heute noch genau so ablaufen.Ein Einstiegswerk in den Feminismus: „Untenrum frei“ von Margarete StokowskiEs ist eigentlich ganz einfach: Wenn junge Männer wollen, dass junge Frauen sie mögen, sollten sie versuchen, junge Frauen zu verstehen. Und als logische Konsequenz daraus, Bücher junger Frauen lesen. Ein absolutes Standardwerk für den Einstieg in feministische Diskurse der letzten Jahre lieferte Margarete Stokowski mit Untenrum frei.In einem Ton, der feministische Memes, Reels, TikToks und Karussellposts auf Instagram ausgezeichnet ersetzt und mit literarischen Passagen ergänzt, erzählt Stokowski aus autobiografischer Perspektive, was es heißt, als Frau im Berlin der letzten dreißig Jahre erwachsen zu werden. Was in der Mischung besonders gut funktioniert.Vom übergriffigen Schachlehrer, dem ersten Mal im Studiwohnheim bis zum Versöhnen mit der eigenen Identität als Deutsch-Polin bleiben einige Denkanstöße und Brocken feministischer Theorie in Erinnerung. Kein Wunder, dass die Version des Buchs bei der Bundeszentrale für politische Bildung für schlappe 5 Euro vergriffen ist. Und leider aktuell nicht nachgedruckt wird.Ein Realitätscheck für Ossis und Wessis: „Nullerjahre“ von Hendrik BolzChristian Barons klassenbewusster und autobiografischer Roman Ein Mann seiner Klasse über das Aufwachsen in der westdeutschen Arbeiterschicht Kaiserslauterns ist nicht zuletzt seit dem Deutschen Fernsehpreis den meisten ein Begriff. Etwas weniger bekannt ist hingegen Hendrik Bolz’ Roman Nullerjahre – Eine Jugend in blühenden Landschaften, der zum Großteil in einer Plattenbausiedlung in Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern spielt.Alkoholismus, Arbeitslosigkeit und die Erfahrung, weniger Geld zu haben als andere, sowie durch schulische Leistung Anerkennung zu erlangen, sind nur einige Gemeinsamkeiten. Zusätzlich beschreibt Bolz aus eigener Erfahrung eine rechtsextreme Szene, die tief in der sozialen Arbeit und den Freizeitangeboten für Kinder und Jugendliche verankert ist.Die Debatte darüber, was Radikalisierung in digitalen Räumen bedeutet, und welche Auswirkungen die „Baseballschlägerjahre“ noch heute auf Jugendliche haben, findet gerade ein trauriges Revival. Dass die Radikalisierung nach rechts auch ganz analog stattfinden kann, und welche Unterschiede noch immer zwischen Ost und West bestehen, zeigt Bolz in diesem Realitätscheck für Wessis und Ossis.



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