Ein verstörender, glänzend erzählter Roman über Macht, Verletzung und Befreiung: Die dänische Schriftstellerin Ulrikka S. Gernes lässt ein Mädchen aus den Schatten einer toxischen Liebe treten. Eine schmerzhafte Lektüre, die transformiert


Ein Falter in Gefangenschaft symbolisiert im Roman von Ulrikka S. Gernes schmerzhafte Verirrungen im Leben der Ich-Erzählerin

Foto: Nikita Teryoshin/Ostkreuz


Der Roman Ein Mädchen verließ das Zimmer der dänischen Autorin Ulrikka S. Gernes beginnt mit einem poetischen Bild: „Ein großer Nachtfalter hat sich in den Regionalzug nach Nykøbing Falster verirrt. Es ist ein Samstagabend Ende August, ich reise von einer Lesung in Vindeby nach Hause. Lolland mag schön sein, aber mich macht die Provinz immer nervös. Ich gehöre nicht dazu, auch hier nicht. Der Falter taumelt umher, prallt gegen die Scheiben.“

Der Falter, der in Gefangenschaft geraten ist und nach einem Ausweg sucht, weist auf die schmerzhaften Verirrungen hin, die Tanja Vester, Ich-Erzählerin dieses Romans, als junges Mädchen hat machen müssen. Sie erzeugen bei der längst erwachsenen Frau noch immer ein Gefühl der Unzugehörigkeit, das sie nach außen projiziert.

36 Jahre zuvor, im Jahr 1980, steht Tanja Vester kurz vor ihrem 14. Geburtstag. Sie besucht mit ihren Eltern eine Kunstausstellung, bei der ihr Vater seine Arbeiten zeigt. Tanja hat dessen alte Kamera dabei und fotografiert, als sie von einem Mann gefragt wird, ob sie Michelangelo Antonionis Film Blow up gesehen habe. Sie ist irritiert, umso mehr, als ihre Mutter sie dem Fremden ausführlich vorstellt, und mustert ihn: „Der Mann namens Eg hatte blaugraue Augen und braune Haare mit silbrigen Schläfen. In seinem Mundwinkel saß ein schiefes Grinsen, das ihn geheimnisvoll wirken ließ. Er sah mich an, als wartete er immer noch darauf, dass ich etwas sagte.“

Der Mann ist 32 Jahre älter als Tanja und hat selbst Kinder

Knud Eg Nielsen ist Schriftsteller, 32 Jahre älter als Tanja, hat Kinder in ihrem Alter. Sein unverhohlenes Interesse an Tanja zeigt sich, als er sie fragt, ob er sie fotografieren dürfe und sie ihm anschließend das Bild schicken möge. Das junge Mädchen lässt sich darauf ein. Tanja verspricht Eg, wie der Schriftsteller von seinen Freunden genannt wird, das Foto und schickt es ihm zu. Der bedankt sich mit einem leidenschaftlichen Brief, der klingt, als schriebe er einer erwachsenen Geliebten. Spätestens an diesem Punkt ahnt man, dass etwas völlig aus dem Ruder laufen wird.

Wie die Autorin Ulrikka S. Gernes, deren Vater Poul Gernes war, der seriell arbeitende Künstler, „dem nie etwas zu bunt wurde“, wie es in einem Artikel über ihn heißt, lebt auch Tanja mit ihren Eltern in einem Haus im Wald in Schweden, wo der Vater sein Atelier hat. Beide Eltern gehören dem alternativen Künstlermilieu an, und sind mit ihrer bröckelnden Ehe und der Karriere des Vaters beschäftigt.

Tanja steht mitten in der Pubertät, in der Neugierde und Unsicherheit gleich stark sind. Sie fühlt sich von Eg auserwählt und träumt sich arglos in dessen Arme. Rasch warten beide nur noch darauf, die gemeinsam in Briefen entwickelte Fantasie vom gemeinsamen Leben Wirklichkeit werden zu lassen. Eg mystifiziert sie, nennt sie seine „Alraune“ und lockt sie immer tiefer in die von ihm dominierte Fantasiewelt.

Wie manipulativ dieser Pakt ist, begreift sie nicht

Da Tanja selbst schreiben möchte, behauptet sie gegenüber den Eltern, sie interessiere sich für das Werk des Schriftstellers. Dass sie sich regelmäßig mit ihm trifft, bald auch über Nacht, tolerieren die Eltern. Tanja willigt in einen Pakt mit Eg ein: Er sei derjenige, der in den nächsten Jahren die Grenze ziehen müsse. Aber nur Tanja könne die Beziehung beenden. Wie manipulativ dieser Pakt ist, begreift das Mädchen nicht.

Als Tanja ihren 15. Geburtstag hinter sich hat und damit das in Dänemark erforderliche Schutzalter erreicht hat, in dem Menschen juristisch als einwilligungsfähig für sexuelle Handlungen gelten, schläft Eg mit ihr. Nichts an dieser Initiation wird im Roman als schön geschildert. Doch Tanja ist durch Egs manipulative Art seelisch längst abhängig, die Beziehung intensiviert sich, wird offiziell. In der dänischen Künstlerszene der 1980er-Jahre scheinen nicht nur die Eltern, sondern auch deren Freunde keinen Anstoß an dem ungleichen Paar zu nehmen.

Nicht nur Eg schimpft in einem Brief auf „die bürgerliche Welt, die weder die Kunst Deines Vaters noch Deine und meine Liebe je verstehen würde“. Er steht stellvertretend für eine Szene, die sexuelle Libertinage propagiert, die nicht einmal vor sehr jungen Menschen Haltmacht. An Tanja schreibt er freizügig, auch über eine ältere Freundin: „Irene ist sehr einsam. Manchmal besucht sie mich und wohnt ein paar Tage bei mir. Dann kriecht sie unter meine Bettdecke, und wir liegen uns in den Armen.“

Die Autorin Gernes schildert die Fragilität der Psyche

Ulrikka S. Gernes gelingt mit Ein Mädchen verließ das Zimmer etwas extrem Eindrückliches: Sie schildert in dem Roman, der zwischen Rückblenden und Reflexion wechselt, die Entwicklung dieser Mesalliance so konsequent aus Tanjas Perspektive, dass man erfasst wird von den Sehnsüchten und Träumen eines Mädchens an der Schwelle zum Erwachsenenleben. Der Wunsch, die Gebote der Eltern, die in dieser Familie ohnehin lax sind, über Bord zu werfen, die Hoffnung, als Geliebte eines bekannten Schriftstellers etwas von dessen Glanz abzubekommen, der drängende Wunsch, von einem weltgewandten Mann begehrt zu werden – all das lässt sich glaubhaft nachvollziehen.

Gernes schildert die Fragilität der Psyche im Moment aufkeimender Sexualität, deren ganze machtvolle Ungerichtetheit sich Ausdruck verschaffen will. Man begreift, wie wenig es braucht, eine junge Frau durch das Versprechen von Grandiosität zu beeindrucken. Gerade weil Tanja sich in diesem Roman zunächst nicht als Opfer, sondern als Erwählte begreift, wird ihre Schutzlosigkeit umso deutlicher, leidet man umso heftiger mit, während sich Egs Rücksichtslosigkeit als Kehrseite seiner pathologischen Romantik von einer Künstlerehe ohne Grenzen und einer ödipalen Bindung an seine Mutter offenbart.

Drei Jahre vergehen, zahlreiche Grobheiten bis hin zu halben Vergewaltigungen finden statt, ehe Tanja wirklich begreift, dass sie längst mit dissoziativen Störungen zu kämpfen hat, dass es besser wäre, Eg zu verlassen. Doch es braucht etliche Anläufe, ehe sie sich aus der Beziehung herauswinden kann. Deren böse Geister spuken weiter, haben ihr Gift tief in Tanja eingesenkt. Drogenkonsum, Ich-Verlust, Haltlosigkeit sind die Folgen. Doch Eg versucht nach Tanjas Trennung immer wieder, die Idealisierung zu aktivieren, droht sogar mit Selbstmord.

Er wird bis zu seinem Tod an der Richtigkeit seines Verhaltens festhalten

Neben der sensiblen Einfühlung in seine heranwachsende Protagonistin gelingt Gernes’ Roman aber noch etwas anderes: Er setzt den zahlreichen weltliterarischen Texten von Edgar Allan Poes Erzählung The Oval Portrait bis zu Vladimir Nabokovs Roman Lolita, in denen die verführerische Energie junger Frauen und deren Verlockungen idealisiert werden, die Perspektive einer Verlockten entgegen, die sich schließlich, wenn auch extrem versehrt, aus dem schädlichen und den Geist der Zeit in sich tragenden Liebesgestrüpp befreien kann.

Doch nicht nur das: Tanja, die selbst Schriftstellerin werden möchte, erscheint als eine junge Frau, die über das verfügt, was heute im Psychojargon Resilienz genannt wird. Sie reicht die Gedichte, die in der Zeit mit Eg entstehen, bei einem Verlag ein und wird zur gefeierten Lyrik-Debütantin. Tanjas späterer Versuch, Eg zu konfrontieren, scheitert dagegen bitterlichst. Er wird bis zu seinem Tod an der Richtigkeit seines Verhaltens festhalten.

Schreiben kann nichts ungeschehen machen

Mit dem Debütroman Ein Mädchen verließ das Zimmer, das 2024 unter dem Titel En pige forlod værelset erschien, gelang der 1965 geborenen Ulrikka S. Gernes in Dänemark ein Bestseller. Sie reiht sich ein in eine Tradition weiblichen autofiktionalen Schreibens, Namen wie Annie Ernaux oder Tove Ditlevsen fallen einem beim Lesen dieses Romans rasch ein. Und wie bei den Werken von Ditlevsen ist auch im Fall von Ein Mädchen verließ das Zimmer die in Hamburg lebende Übersetzerin Ursel Allenstein für die deutsche Version verantwortlich, die das Bezwingende dieses Verhältnisses in der deutschen Fassung in seiner ganzen Ambivalenz schillern lässt, wie die Flügel eines Falters.

Das ist eine Kunst, denn Ulrikka S. Gernes setzt die Sprache mit der Sensibilität einer Lyrikerin ein. Den Nachtfalter, der sich in den Zug verirrt hat, fängt die Protagonistin am Beginn des Romans mit ihren Händen ein: „Er schwirrt davon, mit hastigen Flügelschlägen steigt er zum Himmel auf. Ich folge ihm mit dem Blick. Binnen Sekunden ist er verschwunden, vom Blau verschluckt. Das Gefühl von ihm bleibt auf meiner Haut.“

Wie die Erzählerin dem Falter auf seinem Weg in die Freiheit noch nachspürt, so spürt man nach der Lektüre der Geschichte von Tanja noch nach. Schreiben kann nichts ungeschehen machen, aber schmerzhafte Erfahrungen und Prozesse zumindest aufheben und verwandeln.

Ein Mädchen verließ das Zimmer Ulrikka S. Gernes Ursel Allenstein (Übers.), Gutkind 2026, 384 S., 24 €

n Gefühl der Unzugehörigkeit, das sie nach außen projiziert.36 Jahre zuvor, im Jahr 1980, steht Tanja Vester kurz vor ihrem 14. Geburtstag. Sie besucht mit ihren Eltern eine Kunstausstellung, bei der ihr Vater seine Arbeiten zeigt. Tanja hat dessen alte Kamera dabei und fotografiert, als sie von einem Mann gefragt wird, ob sie Michelangelo Antonionis Film Blow up gesehen habe. Sie ist irritiert, umso mehr, als ihre Mutter sie dem Fremden ausführlich vorstellt, und mustert ihn: „Der Mann namens Eg hatte blaugraue Augen und braune Haare mit silbrigen Schläfen. In seinem Mundwinkel saß ein schiefes Grinsen, das ihn geheimnisvoll wirken ließ. Er sah mich an, als wartete er immer noch darauf, dass ich etwas sagte.“Der Mann ist 32 Jahre älter als Tanja und hat selbst KinderKnud Eg Nielsen ist Schriftsteller, 32 Jahre älter als Tanja, hat Kinder in ihrem Alter. Sein unverhohlenes Interesse an Tanja zeigt sich, als er sie fragt, ob er sie fotografieren dürfe und sie ihm anschließend das Bild schicken möge. Das junge Mädchen lässt sich darauf ein. Tanja verspricht Eg, wie der Schriftsteller von seinen Freunden genannt wird, das Foto und schickt es ihm zu. Der bedankt sich mit einem leidenschaftlichen Brief, der klingt, als schriebe er einer erwachsenen Geliebten. Spätestens an diesem Punkt ahnt man, dass etwas völlig aus dem Ruder laufen wird.Wie die Autorin Ulrikka S. Gernes, deren Vater Poul Gernes war, der seriell arbeitende Künstler, „dem nie etwas zu bunt wurde“, wie es in einem Artikel über ihn heißt, lebt auch Tanja mit ihren Eltern in einem Haus im Wald in Schweden, wo der Vater sein Atelier hat. Beide Eltern gehören dem alternativen Künstlermilieu an, und sind mit ihrer bröckelnden Ehe und der Karriere des Vaters beschäftigt.Tanja steht mitten in der Pubertät, in der Neugierde und Unsicherheit gleich stark sind. Sie fühlt sich von Eg auserwählt und träumt sich arglos in dessen Arme. Rasch warten beide nur noch darauf, die gemeinsam in Briefen entwickelte Fantasie vom gemeinsamen Leben Wirklichkeit werden zu lassen. Eg mystifiziert sie, nennt sie seine „Alraune“ und lockt sie immer tiefer in die von ihm dominierte Fantasiewelt.Wie manipulativ dieser Pakt ist, begreift sie nichtDa Tanja selbst schreiben möchte, behauptet sie gegenüber den Eltern, sie interessiere sich für das Werk des Schriftstellers. Dass sie sich regelmäßig mit ihm trifft, bald auch über Nacht, tolerieren die Eltern. Tanja willigt in einen Pakt mit Eg ein: Er sei derjenige, der in den nächsten Jahren die Grenze ziehen müsse. Aber nur Tanja könne die Beziehung beenden. Wie manipulativ dieser Pakt ist, begreift das Mädchen nicht.Als Tanja ihren 15. Geburtstag hinter sich hat und damit das in Dänemark erforderliche Schutzalter erreicht hat, in dem Menschen juristisch als einwilligungsfähig für sexuelle Handlungen gelten, schläft Eg mit ihr. Nichts an dieser Initiation wird im Roman als schön geschildert. Doch Tanja ist durch Egs manipulative Art seelisch längst abhängig, die Beziehung intensiviert sich, wird offiziell. In der dänischen Künstlerszene der 1980er-Jahre scheinen nicht nur die Eltern, sondern auch deren Freunde keinen Anstoß an dem ungleichen Paar zu nehmen.Nicht nur Eg schimpft in einem Brief auf „die bürgerliche Welt, die weder die Kunst Deines Vaters noch Deine und meine Liebe je verstehen würde“. Er steht stellvertretend für eine Szene, die sexuelle Libertinage propagiert, die nicht einmal vor sehr jungen Menschen Haltmacht. An Tanja schreibt er freizügig, auch über eine ältere Freundin: „Irene ist sehr einsam. Manchmal besucht sie mich und wohnt ein paar Tage bei mir. Dann kriecht sie unter meine Bettdecke, und wir liegen uns in den Armen.“Die Autorin Gernes schildert die Fragilität der PsycheUlrikka S. Gernes gelingt mit Ein Mädchen verließ das Zimmer etwas extrem Eindrückliches: Sie schildert in dem Roman, der zwischen Rückblenden und Reflexion wechselt, die Entwicklung dieser Mesalliance so konsequent aus Tanjas Perspektive, dass man erfasst wird von den Sehnsüchten und Träumen eines Mädchens an der Schwelle zum Erwachsenenleben. Der Wunsch, die Gebote der Eltern, die in dieser Familie ohnehin lax sind, über Bord zu werfen, die Hoffnung, als Geliebte eines bekannten Schriftstellers etwas von dessen Glanz abzubekommen, der drängende Wunsch, von einem weltgewandten Mann begehrt zu werden – all das lässt sich glaubhaft nachvollziehen.Gernes schildert die Fragilität der Psyche im Moment aufkeimender Sexualität, deren ganze machtvolle Ungerichtetheit sich Ausdruck verschaffen will. Man begreift, wie wenig es braucht, eine junge Frau durch das Versprechen von Grandiosität zu beeindrucken. Gerade weil Tanja sich in diesem Roman zunächst nicht als Opfer, sondern als Erwählte begreift, wird ihre Schutzlosigkeit umso deutlicher, leidet man umso heftiger mit, während sich Egs Rücksichtslosigkeit als Kehrseite seiner pathologischen Romantik von einer Künstlerehe ohne Grenzen und einer ödipalen Bindung an seine Mutter offenbart.Drei Jahre vergehen, zahlreiche Grobheiten bis hin zu halben Vergewaltigungen finden statt, ehe Tanja wirklich begreift, dass sie längst mit dissoziativen Störungen zu kämpfen hat, dass es besser wäre, Eg zu verlassen. Doch es braucht etliche Anläufe, ehe sie sich aus der Beziehung herauswinden kann. Deren böse Geister spuken weiter, haben ihr Gift tief in Tanja eingesenkt. Drogenkonsum, Ich-Verlust, Haltlosigkeit sind die Folgen. Doch Eg versucht nach Tanjas Trennung immer wieder, die Idealisierung zu aktivieren, droht sogar mit Selbstmord.Er wird bis zu seinem Tod an der Richtigkeit seines Verhaltens festhaltenNeben der sensiblen Einfühlung in seine heranwachsende Protagonistin gelingt Gernes’ Roman aber noch etwas anderes: Er setzt den zahlreichen weltliterarischen Texten von Edgar Allan Poes Erzählung The Oval Portrait bis zu Vladimir Nabokovs Roman Lolita, in denen die verführerische Energie junger Frauen und deren Verlockungen idealisiert werden, die Perspektive einer Verlockten entgegen, die sich schließlich, wenn auch extrem versehrt, aus dem schädlichen und den Geist der Zeit in sich tragenden Liebesgestrüpp befreien kann.Doch nicht nur das: Tanja, die selbst Schriftstellerin werden möchte, erscheint als eine junge Frau, die über das verfügt, was heute im Psychojargon Resilienz genannt wird. Sie reicht die Gedichte, die in der Zeit mit Eg entstehen, bei einem Verlag ein und wird zur gefeierten Lyrik-Debütantin. Tanjas späterer Versuch, Eg zu konfrontieren, scheitert dagegen bitterlichst. Er wird bis zu seinem Tod an der Richtigkeit seines Verhaltens festhalten.Schreiben kann nichts ungeschehen machenMit dem Debütroman Ein Mädchen verließ das Zimmer, das 2024 unter dem Titel En pige forlod værelset erschien, gelang der 1965 geborenen Ulrikka S. Gernes in Dänemark ein Bestseller. Sie reiht sich ein in eine Tradition weiblichen autofiktionalen Schreibens, Namen wie Annie Ernaux oder Tove Ditlevsen fallen einem beim Lesen dieses Romans rasch ein. Und wie bei den Werken von Ditlevsen ist auch im Fall von Ein Mädchen verließ das Zimmer die in Hamburg lebende Übersetzerin Ursel Allenstein für die deutsche Version verantwortlich, die das Bezwingende dieses Verhältnisses in der deutschen Fassung in seiner ganzen Ambivalenz schillern lässt, wie die Flügel eines Falters.Das ist eine Kunst, denn Ulrikka S. Gernes setzt die Sprache mit der Sensibilität einer Lyrikerin ein. Den Nachtfalter, der sich in den Zug verirrt hat, fängt die Protagonistin am Beginn des Romans mit ihren Händen ein: „Er schwirrt davon, mit hastigen Flügelschlägen steigt er zum Himmel auf. Ich folge ihm mit dem Blick. Binnen Sekunden ist er verschwunden, vom Blau verschluckt. Das Gefühl von ihm bleibt auf meiner Haut.“Wie die Erzählerin dem Falter auf seinem Weg in die Freiheit noch nachspürt, so spürt man nach der Lektüre der Geschichte von Tanja noch nach. Schreiben kann nichts ungeschehen machen, aber schmerzhafte Erfahrungen und Prozesse zumindest aufheben und verwandeln.



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