Eigentlich habe ich mir ganz fest vorgenommen, so schnell nichts mehr zum Thema Lufthansa zu sagen. Weil ich überzeugt war, es ist alles gesagt, und weil ich weder Sie noch mich langweilen will. Doch als ich die folgende Nachricht las, konnte ich mich einfach nicht beherrschen und musste in die Tasten greifen: „500 Passagiere sitzen über Nacht in Lufthansa-Fliegern fest“.

Was ist passiert? Die Flüge der betroffenen Kunden waren am Donnerstagabend nach starken Schneefällen gestrichen worden. So was kommt vor. Und für das Wetter kann keiner was. Außer Petrus. Blöd nur, dass die Menschen alle schon an Bord und die Flugzeuge startbereit waren.

Aber auch das sollte kein Problem sein. Dann bringt man die Menschen eben wieder zurück ins Terminal und von dort ins Hotel, würde nun jeder sagen, vor allem jeder Flughafen- und Airline-Manager. Doch nicht so bei Lufthansa und beim Münchner Flughafen.

„Zu diesem Zeitpunkt waren bereits alle Parkmöglichkeiten für Flugzeuge direkt am Terminal belegt und die Buskapazitäten auf den Vorfeldern eingeschränkt“, teilte der Flughafen laut „Focus“ in einer bemerkenswert technokratischen Sprache mit. Wobei auffällt, wie schonend mein früherer Arbeitgeber mit der Lufthansa und dem Flughafen umgeht.

Denn wesentliche Details „ersparen“ die Kollegen ihren Lesern. Passagiere berichteten später, dass etwa die Crew eines Airbus 320neo den Passagieren etwa alle 30 Minuten per Durchsage Hoffnung machte – man versuche, Busse zu organisieren. Erst um 2 Uhr morgens erfuhren die Passagiere laut „Ekstra Bladet“, dass der Flughafen München nun geschlossen sei und alle Busfahrer nach Hause gegangen seien, weil in München von null bis 5 Uhr das Nachtflugverbot gilt.

Mit anderen Worten: Die Menschen an Bord mussten nun den gesamten Rest der Nacht an Bord der geparkten Maschine verbringen. „Es gab weder ausreichend Essen noch Trinken für uns und unsere kleinen Kinder und auch keine Decken“, sagt ein Vater, der mit seiner Frau und den kleinen Kindern an Bord war, der dänischen Zeitung. „Sie hatten nur ein paar Wasserflaschen.“ Ein anderer Fluggast schimpfte: „Flüge können jederzeit gestrichen werden, aber die Leute auf unbestimmte Zeit im Flugzeug zurückzulassen, ist inakzeptabel.“

Besonders bezeichnend: Die Nachricht wurde erst über die dänische Zeitung bei uns bekannt – und dort zum Thema, weil ein Flug nach Kopenhagen betroffen war. Fast hat man den Eindruck, Fluggäste aus Deutschland und Journalisten hierzulande sind an Missstände schon derart gewöhnt, dass sie sie schlucken, ohne etwas zu veröffentlichen.

Ein Lufthansa-Sprecher sagte zur „Bild“: Die Fluggäste hätten nach Vorgabe des Flughafens aus Sicherheitsgründen an Bord bleiben müssen. „Aufgrund von Engpässen bei den Vorfeldbussen konnten die Passagiere dieses Fluges erst in den frühen Morgenstunden wieder ins Terminal gefahren werden.“

Empathie? Fehlanzeige. Statt dessen: Bürokratie-Modus.

Für mich selbst macht es leider keinen Sinn, bei der Pressestelle der Lufthansa nachzufragen: Der Konzern, der mit Steuergeldern vor dem Konkurs gerettet wurde, maßt sich an, selbst zu entscheiden, wer Journalist ist und wer nicht – und ignoriert Presseanfragen von kritischen Journalisten wie mir einfach. Dass die „Frusthansa“ damit auch Millionen Leser vor den Kopf stößt, ist ihr offenbar egal. Dabei haben auch diese Bürger den Konzern mit ihren Steuergeldern retten müssen: 2020 bekam die Lufthansa neun Milliarden Euro vom Staat – sonst wäre sie bankrott gewesen. Die politische Korrektheit zahlt sich aus.

Dieser neue Ausreißer am Münchner Flughafen ist leider symbolisch für den Niedergang Deutschlands. Und für das kolossale Verantwortungs-Versagen in diesem Land. In vielen Strukturen sieht keiner mehr veranlasst und/oder hat den Mut, selbst etwas zu bewegen. Und die Opfer fügen sich einfach – so offenbar auch in den Flugzeugen in München. Ein Zustand, wie man ihn sonst eher aus autoritären Regimen kennt.