Neben israelischen Palästinensern sind es vor allem askenasische Juden aus der Mittelschicht, die Israel verlassen. Das stößt bei denen, die bleiben, auf harsche Kritik – von links und rechts
Die politische Situation ist der Grund, weshalb viele Jüd:innen Israel aktuell verlassen. Dabei sollte das Land ein Zufluchtsort sein
Foto: Jack Guez/Getty Images
Rund 150.000 Israelis haben ihr Land seit Oktober 2023 verlassen, vor allem Angehörige der aschkenasischen Mittelschicht. Eine ähnliche Situation hat es in Israel noch nie gegeben. Die Auswanderungswelle bringt die israelische Gesellschaft an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.
Das Versprechen der zionistischen Bewegung war es, dem jüdischen Volk einen sicheren Zufluchtsort und Schutz vor Antisemitismus zu bieten. Aber wir sind an einem Punkt angelangt, an dem Israel zu einem der unsichersten Orte für Juden weltweit geworden ist. Der anhaltende Krieg mit der palästinensischen Hamas, der Hisbollah im Libanon, Syrien, dem Iran und den Huthis im Jemen bringt die israelische Gesellschaft an den Rand des Zusammenbruchs.
Im Gegensatz zu früheren Kriegen, in denen es dem israelischen Staat gelang, die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit und Rechtfertigung des Krieges zu überzeugen, hat ein großer Teil der Bevölkerung das Vertrauen in die israelische Regierung verloren.
Dieser Verlust begann aber nicht erst mit den Folgen des 7. Oktober. Er ist Teil eines längeren Prozesses des politischen Verfalls, den ich bereits während des Scheiterns der sozialen Protestbewegung von 2011 erlebt habe. Allerdings erreichte nach mehr als zwanzig Jahren unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Erosion der politischen Legitimität kurz vor dem 7. Oktober ihren Höhepunkt, als Zehntausende gegen die Justizreform demonstrierten.
Die Protestbewegung sah sich letztlich mit ihrem eigenen Scheitern konfrontiert: der Erkenntnis, dass Netanjahu bereits gegen den Gesellschaftsvertrag zwischen dem Staat und seinen Bürgern verstoßen hatte und nicht mehr innerhalb demokratischer Schranken agierte. Als die Korruptionsprozesse seine Versuche offenlegten, die Medien zu kontrollieren und Kritik zum Schweigen zu bringen, wurde klar, dass es bei dem Kampf nicht mehr um Politik ging, sondern um einen Staatsführer, der bereit war, demokratische Normen abzubauen, um sich an der Macht zu halten.
Viele Menschen fühlen eine tiefe Entfremdung zum Staat
Im Gegensatz zur Welle der Auswanderung Anfang der 2000er Jahre, die vor allem aus aschkenasischen Juden der Oberschicht bestand, sind es diesmal Familien der Mittelschicht, die aus Israel wegziehen. Sie haben das Privileg, sich einen Umzug leisten zu können und Arbeit zu finden, sei es im universitären Bereich, der Hightech-Industrie oder in Jobs, die auch online zu erledigen sind. Manche benutzen die europäischen Pässe, die sie über ihre Eltern haben, die aus Europa geflohen sind.
Andere sind Mizrahi-Juden, die von Portugal und Spanien Pässe erhielten, um die sephardischen Juden zu besänftigen, hunderte Jahre nach ihrer Vertreibung aus Spanien 1492. Ein Teil der jüdisch-israelischen und palästinensisch-israelischen Familien kommt aber auch ohne europäischen Pass in Europa an. Dann gibt es noch in Israel lebende palästinensische Staatsbürger, die vom anhaltenden Rassismus und der Dämonisierung des palästinensischen Volkes genug haben. Sie suchen den Kontakt zu palästinensischen Exilgemeinschaften auf der ganzen Welt, insbesondere in Berlin.
Der Grund dafür, sich aus dem Land drängen zu lassen, ist Verzweiflung. Dazu kommt akute Entfremdung, die für manche zur Scheidung von Israel führt. Zu meiner Überraschung traf ich bei einer Konferenz für Eventmanagement der Organisation ICE in der polnischen Hauptstadt Warschau auch einige zionistische Familien aus dem linken Spektrum und der politischen Mitte, die ausgewandert waren, um ihren Kindern einen sicheren Ort bieten zu wollen, einen geschützten Raum.
Diejenigen, die nicht gehen können – die unteren Schichten, Netanjahu-Wähler, die Ultraorthodoxen, Juden aus der früheren Sowjetunion und palästinensische Staatsbürger Israels – sehen die Situation jeweils aus ihrer ganz eigenen Perspektive. Dabei klammern sich alle an den israelischen Staat, in der Überzeugung, dass er sich zum Besseren wenden wird – jeder entsprechend seiner eigenen politischen Ausrichtung.
Jene, die Israel nicht verlassen können, hoffen, dass die Regierung sich für sie einsetzt
Die Ultraorthodoxen hoffen zum Beispiel darauf, die Dekrete aufzuhalten, die eine Wehrpflicht ihrer Söhne in der israelischen Armee vorsehen. Es geht um die Aufgabe, Israel zu verteidigen, durch Wehrdienst in den IDF. Unterdessen haben russische Juden, die selbst nach Israel ausgewandert sind, schon viel Mühe darauf verwendet, sich zu integrieren. Daher finden sie die Vorstellung, in ein drittes Land auszuwandern, schwierig.
Die unteren Schichten in Israel hoffen jetzt, da der Krieg vorbei ist, dass die rechte Regierung, die sie gewählt haben, etwas für sie tut: dass sie den Sozialhaushalt umverteilt und ihnen Entlastung in Bezug auf Reservedienst und die steigenden Lebenshaltungskosten bringt.
Die Mittelschicht, von denen die einen für und die anderen gegen Netanjahus Regierung gewählt haben, sucht auch einfach nur einen Moment der Normalität: die Rückkehr zum „6. Oktober“ wie man in Israel sagt, das Ende des Dienstes in der IDF-Reserve oder das Einhalten des Regierungsversprechens, Unternehmen und Haushalte für Schäden aus dem langen Krieg zu entschädigen. Es gibt allerdings Gemeinden in Nordisrael, die ohne Hoffnung sind, weil ihre Einwohner, vertrieben von der Angst vor Hisbollah-Raketen oder terroristischer Infiltration, sich irgendwo in der Landesmitte niedergelassen haben und nicht nach Hause zurückgekehrt sind.
Und es besteht die Befürchtung, dass Israel eine schwierige Phase der internationalen Isolation bevorsteht. Als Trump von einem Waffenstillstandsabkommen in Gaza sprach, argumentierte auch Oppositionsführer Jair Lapid vehement, dass es in Gaza keinen Völkermord gebe. Denn er wusste, dass das der schwerwiegende Vorwurf sein wird, mit dem Israel in den kommenden Jahren konfrontiert sein wird, selbst wenn sich das Regime ändern und Netanjahu zurücktreten sollte.
Die palästinensischen Bürger befürchten Vertreibung
Dann sind da noch die Eliten, die für Netanjahu stimmen: Sie träumen von weiteren Wahlsiegen und einer Begnadigung für Netanjahu, damit er nicht ins Gefängnis muss und sich weiterhin gegen die gegen ihn laufenden Korruptionsverfahren wehren kann.
Die palästinensischen Bürger, rund zwanzig Prozent der israelischen Bevölkerung, wiederum befürchten, dass Israel sie im Rahmen einer ethnischen „Säuberung“ oder eines „Transfers“, wie es von der extremen israelischen Rechten genannt wird, vertreiben wird. Sie sehen bereits, wie die israelische Regierung die Gelder für ihre Gemeinden innerhalb Israels streicht. „Laut jüngsten Umfragen befürworten etwa 56 Prozent der israelischen Juden unsere gewaltsame Vertreibung. Das ist eine große Bedrohung für uns“, sagt der israelisch-arabische Politiker Ayman Odeh.
Zudem ist in letzter Zeit die Zahl der Todesfälle infolge organisierter Kriminalität in ihren Städten und Dörfern besorgniserregend gestiegen. Die Knesset-Abgeordnete Aida Touma-Suleiman ist überzeugt, dass „Israel organisierte Kriminalität nutzt, um palästinensische Bürger zu kontrollieren“. Die israelische Regierung ergreife keine Sicherheitsmaßnahmen, um die kriminellen Organisationen zu stoppen, die in palästinensischen Städten und Dörfern innerhalb Israels ihr Unwesen treiben.
Auswanderungswelle wird ironischerweise als „Relocation“ bezeichnet
In der aktuellen Debatte über das Thema in Israel wird der massenhafte Exodus ironischerweise als „Relocation“ bezeichnet. Die „Relocation-Party“ oder die „Relocation-Welle“ wird als eine Bewegung der oberen Mittelklasse gesehen, ausgelöst von Menschen, die dank der Globalisierung außerhalb von Israel Arbeit finden können, sei es im Hightech-Bereich oder in anderen Jobs, die aus der Ferne ausgeführt werden können. Mithilfe der Unternehmen, die sie ins Ausland versetzen, nehmen diese Menschen einfach ihre Familien mit und wandern aus Israel aus.
Natürlich arbeiten nicht alle, die ich in Berlin treffe, im Hightech-Bereich. Aber das ist der Metapher egal. Sie meint ein komfortables Leben in Israel, von Klassen, die selbst in Israel in privilegierten, segregierten aschkenasischen Gemeinschaften mit den besten Schulen und einem direkten Weg zur Universität lebten. Diese Menschen gelten nun als unpatriotisch und egoistisch.
Während früher die Leute, die Israel verließen, als Verräter dargestellt wurden, die aus den Höhen des heiligen Landes herabsteigen („Yordim“, im Hebräischen), werden die neuen Auswanderer heute als Hedonisten ohne Wurzeln in Israel dargestellt. Man kennt diese Kritik an den „anywheres“ auch aus anderen Ländern. Sie wirkt ein wenig auch wie eine Ersatzhandlung: So können sie die wenigen Prozent der Reichen ignorieren, die viele Privilegien haben und weit entfernt vom Alltag der Arbeiterklasse in Israel sind.
Selbst Liberale werfen den Auswanderern fehlende Loyalität zu Israel vor
Selbst die Gegner von Netanjahus Regime betrachten diese Emigration als Verrat – wenn auch als eine andere Art fehlender Loyalität: Es ist der Schritt von Leuten, die bereit sind, ihre israelische Identität zu verkaufen, um ihre Kinder zu retten.
In der liberalen israelischen Zeitung Haaretz wird diese Auswanderung derzeit ausführlich diskutiert: Die Emigranten werden als Leute porträtiert, die ihre Koffer mit israelischen Snacks, nur in Israel hergestellten und verkauften Suppen-Croutons sowie hebräischen Kinderbüchern vollstopfen, damit ihre Kinder außerhalb Israels eine vage Erinnerung an die israelische Tradition haben. Das wirkt anstößig, weil diese Kinder in einer anderen Sprache aufwachsen und mutmaßlich nie an den Ort zurückkehren werden, aus dem sie stammen.
Doch es handelt sich nicht nur um eine Krise der Kinder, sondern um einen Mehrgenerationenkonflikt, der wiederum auch die zurückgelassenen israelischen Eltern der Auswanderer betrifft. Diese Eltern glaubten an den Staat Israel und an den Vertrag zwischen ihm und seinen Bürgern. Der Glaube wurde erschüttert, als sich zeigte, dass die Zurückbringung der Geiseln hintangestellt und stattdessen der Krieg fortgesetzt wurde, um Netanjahu zu retten.
Tiefe psychologische Wunde bei denen, die zurückbleiben
Die aktuelle Auswanderungswelle bringt den Zurückbleibenden – nicht nur Eltern, Kindern, Freunden und Arbeitskollegen – großes Leid. Es ist nicht nur ein enormer Verlust durch einen Braindrain, sondern auch eine psychologische Wunde, die alle Zurückgebliebenen spüren. Die Wunde speist sich aus der tiefen Enttäuschung der Zurückgebliebenen über das extrem rechte Vorgehen der Regierung in den besetzten Gebieten, die anhaltende Polarisierung der Gesellschaft, die wachsende Unfähigkeit, miteinander zu sprechen, sowie das Aufkommen jüdischer Milizen, die Demonstranten jagen und einen linken Diskurs unmöglich machen. Kurz: der Verlust der Möglichkeit, in Israel links zu sein.
Viele der israelischen Eltern, die zurückgelassen werden, waren Zionisten. Sie erzogen ihre Kinder mit dem Ziel, den zionistischen Traum zu verwirklichen, und müssen nun zusehen, wie ihre Kinder wegziehen. Manche bleiben ohne ihre Enkelkinder in Israel zurück und sterben dort; manche können ihre Enkelkinder außerhalb Israels nicht besuchen. In jedem Fall sehen sie den zionistischen Traum zerbrechen.
Andere Israelis wollen das Land verlassen, können es aber nicht, sei es wegen der Kinder, sei es, weil sie kein Visum bekommen, sei es, weil sie keine Arbeit im Ausland finden, oder sei es, dass sie die Ängste nicht ertragen können, die damit verbunden sind, Teil einer jüdischen Minderheit zu werden, wie es einst schon ihre Großeltern waren. Sie befinden sich in der Falle. Sie haben den Wunsch zu gehen, den Wunsch, nicht dort zu bleiben, wo sie sind. Diesen Wunsch nicht umsetzen zu können, führt zu Frustration und Traurigkeit, aber auch zu Spannung zwischen denen, die gegangen sind, und denen, die geblieben sind.
Die Zukunft der israelischen Diaspora ist unklar. Wenn Netanjahu verliert: Werden dann einige von ihnen zurückkehren?
Hisbollah im Libanon, Syrien, dem Iran und den Huthis im Jemen bringt die israelische Gesellschaft an den Rand des Zusammenbruchs.Im Gegensatz zu früheren Kriegen, in denen es dem israelischen Staat gelang, die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit und Rechtfertigung des Krieges zu überzeugen, hat ein großer Teil der Bevölkerung das Vertrauen in die israelische Regierung verloren.Dieser Verlust begann aber nicht erst mit den Folgen des 7. Oktober. Er ist Teil eines längeren Prozesses des politischen Verfalls, den ich bereits während des Scheiterns der sozialen Protestbewegung von 2011 erlebt habe. Allerdings erreichte nach mehr als zwanzig Jahren unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Erosion der politischen Legitimität kurz vor dem 7. Oktober ihren Höhepunkt, als Zehntausende gegen die Justizreform demonstrierten.Die Protestbewegung sah sich letztlich mit ihrem eigenen Scheitern konfrontiert: der Erkenntnis, dass Netanjahu bereits gegen den Gesellschaftsvertrag zwischen dem Staat und seinen Bürgern verstoßen hatte und nicht mehr innerhalb demokratischer Schranken agierte. Als die Korruptionsprozesse seine Versuche offenlegten, die Medien zu kontrollieren und Kritik zum Schweigen zu bringen, wurde klar, dass es bei dem Kampf nicht mehr um Politik ging, sondern um einen Staatsführer, der bereit war, demokratische Normen abzubauen, um sich an der Macht zu halten.Viele Menschen fühlen eine tiefe Entfremdung zum StaatIm Gegensatz zur Welle der Auswanderung Anfang der 2000er Jahre, die vor allem aus aschkenasischen Juden der Oberschicht bestand, sind es diesmal Familien der Mittelschicht, die aus Israel wegziehen. Sie haben das Privileg, sich einen Umzug leisten zu können und Arbeit zu finden, sei es im universitären Bereich, der Hightech-Industrie oder in Jobs, die auch online zu erledigen sind. Manche benutzen die europäischen Pässe, die sie über ihre Eltern haben, die aus Europa geflohen sind.Andere sind Mizrahi-Juden, die von Portugal und Spanien Pässe erhielten, um die sephardischen Juden zu besänftigen, hunderte Jahre nach ihrer Vertreibung aus Spanien 1492. Ein Teil der jüdisch-israelischen und palästinensisch-israelischen Familien kommt aber auch ohne europäischen Pass in Europa an. Dann gibt es noch in Israel lebende palästinensische Staatsbürger, die vom anhaltenden Rassismus und der Dämonisierung des palästinensischen Volkes genug haben. Sie suchen den Kontakt zu palästinensischen Exilgemeinschaften auf der ganzen Welt, insbesondere in Berlin.Der Grund dafür, sich aus dem Land drängen zu lassen, ist Verzweiflung. Dazu kommt akute Entfremdung, die für manche zur Scheidung von Israel führt. Zu meiner Überraschung traf ich bei einer Konferenz für Eventmanagement der Organisation ICE in der polnischen Hauptstadt Warschau auch einige zionistische Familien aus dem linken Spektrum und der politischen Mitte, die ausgewandert waren, um ihren Kindern einen sicheren Ort bieten zu wollen, einen geschützten Raum.Diejenigen, die nicht gehen können – die unteren Schichten, Netanjahu-Wähler, die Ultraorthodoxen, Juden aus der früheren Sowjetunion und palästinensische Staatsbürger Israels – sehen die Situation jeweils aus ihrer ganz eigenen Perspektive. Dabei klammern sich alle an den israelischen Staat, in der Überzeugung, dass er sich zum Besseren wenden wird – jeder entsprechend seiner eigenen politischen Ausrichtung.Jene, die Israel nicht verlassen können, hoffen, dass die Regierung sich für sie einsetzt Die Ultraorthodoxen hoffen zum Beispiel darauf, die Dekrete aufzuhalten, die eine Wehrpflicht ihrer Söhne in der israelischen Armee vorsehen. Es geht um die Aufgabe, Israel zu verteidigen, durch Wehrdienst in den IDF. Unterdessen haben russische Juden, die selbst nach Israel ausgewandert sind, schon viel Mühe darauf verwendet, sich zu integrieren. Daher finden sie die Vorstellung, in ein drittes Land auszuwandern, schwierig. Die unteren Schichten in Israel hoffen jetzt, da der Krieg vorbei ist, dass die rechte Regierung, die sie gewählt haben, etwas für sie tut: dass sie den Sozialhaushalt umverteilt und ihnen Entlastung in Bezug auf Reservedienst und die steigenden Lebenshaltungskosten bringt.Die Mittelschicht, von denen die einen für und die anderen gegen Netanjahus Regierung gewählt haben, sucht auch einfach nur einen Moment der Normalität: die Rückkehr zum „6. Oktober“ wie man in Israel sagt, das Ende des Dienstes in der IDF-Reserve oder das Einhalten des Regierungsversprechens, Unternehmen und Haushalte für Schäden aus dem langen Krieg zu entschädigen. Es gibt allerdings Gemeinden in Nordisrael, die ohne Hoffnung sind, weil ihre Einwohner, vertrieben von der Angst vor Hisbollah-Raketen oder terroristischer Infiltration, sich irgendwo in der Landesmitte niedergelassen haben und nicht nach Hause zurückgekehrt sind.Und es besteht die Befürchtung, dass Israel eine schwierige Phase der internationalen Isolation bevorsteht. Als Trump von einem Waffenstillstandsabkommen in Gaza sprach, argumentierte auch Oppositionsführer Jair Lapid vehement, dass es in Gaza keinen Völkermord gebe. Denn er wusste, dass das der schwerwiegende Vorwurf sein wird, mit dem Israel in den kommenden Jahren konfrontiert sein wird, selbst wenn sich das Regime ändern und Netanjahu zurücktreten sollte.Die palästinensischen Bürger befürchten Vertreibung Dann sind da noch die Eliten, die für Netanjahu stimmen: Sie träumen von weiteren Wahlsiegen und einer Begnadigung für Netanjahu, damit er nicht ins Gefängnis muss und sich weiterhin gegen die gegen ihn laufenden Korruptionsverfahren wehren kann.Die palästinensischen Bürger, rund zwanzig Prozent der israelischen Bevölkerung, wiederum befürchten, dass Israel sie im Rahmen einer ethnischen „Säuberung“ oder eines „Transfers“, wie es von der extremen israelischen Rechten genannt wird, vertreiben wird. Sie sehen bereits, wie die israelische Regierung die Gelder für ihre Gemeinden innerhalb Israels streicht. „Laut jüngsten Umfragen befürworten etwa 56 Prozent der israelischen Juden unsere gewaltsame Vertreibung. Das ist eine große Bedrohung für uns“, sagt der israelisch-arabische Politiker Ayman Odeh.Zudem ist in letzter Zeit die Zahl der Todesfälle infolge organisierter Kriminalität in ihren Städten und Dörfern besorgniserregend gestiegen. Die Knesset-Abgeordnete Aida Touma-Suleiman ist überzeugt, dass „Israel organisierte Kriminalität nutzt, um palästinensische Bürger zu kontrollieren“. Die israelische Regierung ergreife keine Sicherheitsmaßnahmen, um die kriminellen Organisationen zu stoppen, die in palästinensischen Städten und Dörfern innerhalb Israels ihr Unwesen treiben.Auswanderungswelle wird ironischerweise als „Relocation“ bezeichnet In der aktuellen Debatte über das Thema in Israel wird der massenhafte Exodus ironischerweise als „Relocation“ bezeichnet. Die „Relocation-Party“ oder die „Relocation-Welle“ wird als eine Bewegung der oberen Mittelklasse gesehen, ausgelöst von Menschen, die dank der Globalisierung außerhalb von Israel Arbeit finden können, sei es im Hightech-Bereich oder in anderen Jobs, die aus der Ferne ausgeführt werden können. Mithilfe der Unternehmen, die sie ins Ausland versetzen, nehmen diese Menschen einfach ihre Familien mit und wandern aus Israel aus.Natürlich arbeiten nicht alle, die ich in Berlin treffe, im Hightech-Bereich. Aber das ist der Metapher egal. Sie meint ein komfortables Leben in Israel, von Klassen, die selbst in Israel in privilegierten, segregierten aschkenasischen Gemeinschaften mit den besten Schulen und einem direkten Weg zur Universität lebten. Diese Menschen gelten nun als unpatriotisch und egoistisch.Während früher die Leute, die Israel verließen, als Verräter dargestellt wurden, die aus den Höhen des heiligen Landes herabsteigen („Yordim“, im Hebräischen), werden die neuen Auswanderer heute als Hedonisten ohne Wurzeln in Israel dargestellt. Man kennt diese Kritik an den „anywheres“ auch aus anderen Ländern. Sie wirkt ein wenig auch wie eine Ersatzhandlung: So können sie die wenigen Prozent der Reichen ignorieren, die viele Privilegien haben und weit entfernt vom Alltag der Arbeiterklasse in Israel sind.Selbst Liberale werfen den Auswanderern fehlende Loyalität zu Israel vorSelbst die Gegner von Netanjahus Regime betrachten diese Emigration als Verrat – wenn auch als eine andere Art fehlender Loyalität: Es ist der Schritt von Leuten, die bereit sind, ihre israelische Identität zu verkaufen, um ihre Kinder zu retten.In der liberalen israelischen Zeitung Haaretz wird diese Auswanderung derzeit ausführlich diskutiert: Die Emigranten werden als Leute porträtiert, die ihre Koffer mit israelischen Snacks, nur in Israel hergestellten und verkauften Suppen-Croutons sowie hebräischen Kinderbüchern vollstopfen, damit ihre Kinder außerhalb Israels eine vage Erinnerung an die israelische Tradition haben. Das wirkt anstößig, weil diese Kinder in einer anderen Sprache aufwachsen und mutmaßlich nie an den Ort zurückkehren werden, aus dem sie stammen.Doch es handelt sich nicht nur um eine Krise der Kinder, sondern um einen Mehrgenerationenkonflikt, der wiederum auch die zurückgelassenen israelischen Eltern der Auswanderer betrifft. Diese Eltern glaubten an den Staat Israel und an den Vertrag zwischen ihm und seinen Bürgern. Der Glaube wurde erschüttert, als sich zeigte, dass die Zurückbringung der Geiseln hintangestellt und stattdessen der Krieg fortgesetzt wurde, um Netanjahu zu retten.Tiefe psychologische Wunde bei denen, die zurückbleibenDie aktuelle Auswanderungswelle bringt den Zurückbleibenden – nicht nur Eltern, Kindern, Freunden und Arbeitskollegen – großes Leid. Es ist nicht nur ein enormer Verlust durch einen Braindrain, sondern auch eine psychologische Wunde, die alle Zurückgebliebenen spüren. Die Wunde speist sich aus der tiefen Enttäuschung der Zurückgebliebenen über das extrem rechte Vorgehen der Regierung in den besetzten Gebieten, die anhaltende Polarisierung der Gesellschaft, die wachsende Unfähigkeit, miteinander zu sprechen, sowie das Aufkommen jüdischer Milizen, die Demonstranten jagen und einen linken Diskurs unmöglich machen. Kurz: der Verlust der Möglichkeit, in Israel links zu sein.Viele der israelischen Eltern, die zurückgelassen werden, waren Zionisten. Sie erzogen ihre Kinder mit dem Ziel, den zionistischen Traum zu verwirklichen, und müssen nun zusehen, wie ihre Kinder wegziehen. Manche bleiben ohne ihre Enkelkinder in Israel zurück und sterben dort; manche können ihre Enkelkinder außerhalb Israels nicht besuchen. In jedem Fall sehen sie den zionistischen Traum zerbrechen.Andere Israelis wollen das Land verlassen, können es aber nicht, sei es wegen der Kinder, sei es, weil sie kein Visum bekommen, sei es, weil sie keine Arbeit im Ausland finden, oder sei es, dass sie die Ängste nicht ertragen können, die damit verbunden sind, Teil einer jüdischen Minderheit zu werden, wie es einst schon ihre Großeltern waren. Sie befinden sich in der Falle. Sie haben den Wunsch zu gehen, den Wunsch, nicht dort zu bleiben, wo sie sind. Diesen Wunsch nicht umsetzen zu können, führt zu Frustration und Traurigkeit, aber auch zu Spannung zwischen denen, die gegangen sind, und denen, die geblieben sind.Die Zukunft der israelischen Diaspora ist unklar. Wenn Netanjahu verliert: Werden dann einige von ihnen zurückkehren?