Ein Interview, das Europa wachrütteln sollte
In einem hochaktuellen Video-Interview mit dem renommierten Ökonomen, Hedgefonds-Manager und Gründer von Armstrong Economics, Martin Armstrong, wird schonungslos analysiert, warum Europa sich selbst in die Krise manövriert hat und welche dramatischen Veränderungen in den kommenden Jahren bevorstehen. Armstrong, bekannt für seine präzisen Zyklen-Modelle und seine jahrzehntelange internationale Erfahrung als Berater von Zentralbanken und Regierungen, zeichnet ein Bild von systemischem Versagen, das weit über bloße Wirtschaftsdaten hinausgeht.
Das Gespräch ist eine radikale Abrechnung mit der Euro-Politik, der Schuldenpolitik des Westens und der verzweifelten Suche europäischer Eliten nach externen Feindbildern.
Der unbezahlbare Schuldenberg
Im Zentrum von Armstrongs Analyse steht die globale Staatsverschuldungskrise, die seit dem Zweiten Weltkrieg unaufhaltsam wächst. Regierungen haben seit Jahrzehnten neue Schulden aufgenommen, um alte zu bedienen, ohne je Tilgung zu planen. In den USA übersteigen die Zinsausgaben bereits die Militärausgaben. „Ein Dreijähriger mit Taschenrechner kann das ausrechnen“, sagt Armstrong trocken. Wenn die Zinsen den gesamten Haushalt auffressen, folgen Sozialkürzungen und ziviler Unfrieden.
In Europa ist die Lage noch dramatischer. Bei der Euro-Einführung 1998 wurde Armstrong von den Verantwortlichen konsultiert. Seine klare Empfehlung: Um eine echte Weltwährung neben dem Dollar zu schaffen, muss der gesamte Staatsschuldenbestand konsolidiert werden, genau wie Alexander Hamilton es nach der Amerikanischen Revolution in den USA getan hatte. Helmut Kohl, damaliger Bundeskanzler, lehnte das kategorisch ab. Er handelte „wie ein Diktator“, gestand er später selbst, und ließ das deutsche Volk nicht abstimmen. Eine Volksabstimmung hätte er 7:3 verloren, weil die Deutschen es als Bail-out für Griechenland und Italien gesehen hätten.
Die Folge: Der Euro ist bis heute nur eine Fassade. Für Kapitalmärkte hat sich nichts geändert. Investoren fragen weiterhin: Deutschland? Italien? Frankreich? Die Risiken blieben national.
Armstrong, der sich selbst als „Trader, nicht als akademischen Ökonomen“ sieht, kritisiert scharf, dass fast alle gängigen Wirtschaftstheorien auf den 1930er-Jahren basieren, einer Zeit ausgeglichener Staatshaushalte. Keynes habe Defizite nur in Rezessionen erlaubt, doch Regierungen hätten das als Freibrief für Dauerdefizite missbraucht.
Heute bestehe die Geldmenge größtenteils aus Schulden selbst. Staatsanleihen dienen als Kollateral für Kredite, Quantitative Easing floss vor allem ins Ausland. China verkaufte 30-jährige US-Bonds und kaufte kürzere. „Die Theorien sind rein national ausgerichtet und ignorieren globale Kapitalströme“, so Armstrong.
Er verweist auf seine eigene Erfahrung. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde er von der Bank of China gerufen, weil dort nur Praktiker mit Trading-Erfahrung saßen. Gorbatschow habe den Untergang der UdSSR bewusst zugelassen, weil er Zyklen verstand und wusste, dass kein Imperium ewig währt.
Ablenkung von innerem Zerfall
Die Verzweiflung der europäischen Eliten sei mittlerweile so groß, dass sie einen Krieg mit Russland brauchen. „Jede Regierung, die innere Opposition hat, sucht einen externen Feind.“ Wer Kritik am Euro oder an der EU-Politik äußert, wird als „Putin-Puppet“ diffamiert.
Macron, den französische Spitzenkontakte als „petite Napoleon“ bezeichnen, habe seine Zustimmungsrate auf 11 Prozent sinken sehen und drei Generäle degradiert, die ihm widersprachen. Die Vorstellung, Russland konventionell zu besiegen und sich dessen Rohstoffe, geschätzt 75 Billionen Dollar, anzueignen, sei schlicht „delusional“. NATO-Generalsekretär Rutte habe genau diese Illusion kürzlich öffentlich zerstört.
Wirtschaftlich ist Europa bereits am Abgrund. Letztes Quartal nur 0,3 Prozent Wachstum. Japan und Deutschland schrumpfen. Die Gründe sind vielfältig: Corona-Lockdowns, die Zerstörung kleiner Betriebe, die Klimapolitik mit massiven Protesten gegen den E-Auto-Zwang, die Russland-Sanktionen mit explodierenden Energiepreisen und eine Migrationspolitik, die unqualifizierte Menschen ohne Sprachkenntnisse ins Land holt.
Armstrong erinnert: Amerika wurde groß durch „faire Diskriminierung“. Wer als Letzter vom Boot kam, musste erst Englisch lernen. In Europa verhindern Sprachgrenzen genau diese Integration. Die EU, einst als Handelsunion gedacht, sei zu einem zentralistischen Machtapparat mutiert, der lokale Kulturen und Regeln überrollt und sogar Ungarn bestraft, weil es nicht spurt.
Zurück zu Nationalstaaten
Armstrong prophezeit den Zerfall der EU entlang ethnischer und wirtschaftlicher Linien, ähnlich wie die Sowjetunion oder Jugoslawien. Die Unterschiede in Sprache, Kultur und Wirtschaftsstruktur, Industrie-Deutschland versus Tourismus-Spanien, seien zu groß für ein einheitliches System.
Das ursprüngliche Fed-System in den USA mit zwölf regionalen Banken sei genau dafür gedacht gewesen, regionale Kapitalströme auszugleichen. Heute ist alles zentralisiert und damit anfällig.
Gleiches gelte für Kanada mit Alberta als Rohstoffregion und Toronto als Finanzzentrum. Net-Zero-Politik und „soziale Gerechtigkeit“ zerstören Produktivität. Armstrongs zentrale Erkenntnis lautet: Soziale Gerechtigkeit, individuelle Freiheit und wirtschaftliche Effizienz können nicht gleichzeitig existieren. Eines hebt das andere auf.
China boomt, weil es die Familie nicht zerstört habe. Russland trotz enormer Rohstoffe nicht, weil Produktivität fehlt. Der wahre Reichtum einer Nation ist die Produktivität ihrer Menschen.
Direkte Demokratie und Neugestaltung
Trotz düsterer Kurzfrist-Prognose ist Armstrong langfristig optimistisch. Die Märkte werden den Wandel erzwingen. Er hofft auf mehr direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild, mit Volksabstimmungen über Krieg, Steuern und Reichtumssteuern. Gold steigt, weil es neutral ist, weder US- noch Euro-Schulden. Bis 2032 könnte es 8.000 bis 10.000 Dollar erreichen.
Europa sei verwundbarer als die USA, weil der Schuldenberg fragmentiert ist. Ein Ausfall Frankreichs würde sofort Italien, Spanien und die Banken ins Visier der Märkte nehmen.
Dennoch: „Es ist nicht das Ende der Welt. Wir überleben das. Alle 300 Jahre etwa kommt so eine Phase. Danach setzen wir uns hin und gestalten Regierung neu.“
Eine Mahnung an die Eliten
Martin Armstrongs Analyse ist keine Verschwörungstheorie, sondern das Fazit eines Mannes, der 50 Jahre lang mit Zentralbankern, Präsidenten und Kapitalmärkten auf Augenhöhe gearbeitet hat.
Er warnt: Die Politiker denken nur bis zur nächsten Wahl. Langfristige Lösungen gibt es nicht, solange sie Macht nicht abgeben wollen. Europa hat sich selbst zerstört, durch Arroganz, Zentralismus und Realitätsverweigerung.
Was kommt danach? Zerfall, Neugestaltung und hoffentlich mehr Demokratie statt Bürokratie.
Das Interview ist ein Weckruf. Wer es hört, versteht: Die Uhr tickt. Und sie tickt laut.