Marcus Klöckner kommentiert hier diese aktuellen Worte von Bundeskanzler Merz: „Die Geschichte lehrt uns: Beschwichtigung schafft keinen Frieden. Sie ermutigt den Aggressor. Wer heute einem naiven Pazifismus folgt, befördert die Kriege von morgen“. Gewiss sei, dass solche Worte die friedenspolitische Verwahrlosung einer Regierung dokumentieren würden, die lieber mit dem Kopf durch die Wand rennen wolle, als zur Vernunft zu kommen. Es werde jedoch höchste Zeit, dass die Politik den Pazifismus richtig zu verstehen beginne – am besten bis vorgestern. Von unseren Leserinnen und Lesern haben wir hierzu interessante E-Mails erhalten, wofür wir uns herzlich bedanken. Es folgt nun eine Auswahl der Leserbriefe, die Christian Reimann für Sie zusammengestellt hat.

1. Leserbrief

Guten Tag Herr Klöckner,

der Krieg in der Ukraine ist maßgeblich ein Krieg um die Vormachtstellung in Osteuropa, also ein “klassischer” Krieg, wie es sie seit Menschengedenken gibt. Aus demokratischer, aus europäischer, aus moralischer Sicht spricht alles für eine Verhandlungslösung auf Basis des ursprünglichen 28-Punkte-Plans. Allein das Machtstreben der Herrschenden verhindert diese bisher. Der Krieg wird von beiden Seiten – EU und Russland – als Erschöpfungskrieg geführt, was bedeutet, das er voraussichtlich noch jahrelang fortdauern und Europa, also die Mehrheit der Menschen hier, moralisch und wirtschaftlich erschöpfen wird.

Danke, Herr Merz!

Beste Grüße
Mike Koch

2. Leserbrief

Hallo Herr Klöckner, vielen Dank für Ihren Artikel.

Wenn alle Menschen
zu allen Zeiten
an allen Orten
in allen Situationen (zwischenmenschlich und zwischenstaatlich)
nach der Maxime „nicht beschwichtigen“ gelebt, gedacht und gehandelt hätten, könnten wir uns dann heute diese Frage (beschwichtigen oder nicht beschwichtigen) überhaupt stellen, gäbe es uns als Menschen überhaupt?

Konkret: Gäbe es uns noch, wenn in der Kuba-Krise Beschwichtigung keine Rolle gespielt hätte (Atomkrieg)?

Interessant wäre auch die transparente Darstellung des Erkenntnisprozesses, der zum Erkenntnisinhalt „nicht beschwichtigen“ führt.

Entwicklungsbiologie (Gehirn), Anthropologie und allgemeine Geschichtswissenschaft sind in diesem Zusammenhang sicher auch nicht uninteressant.

Zum Begriff „beschwichtigen“ schreibt die KI u.a.: Wogen glätten, beruhigen von Zorn und Wut, entschärfen einer Situation, besänftigen…

Das alles sollen wir also über Bord werfen???

Mit freundlichen Grüßen Udo und Ulrike Böttcher

3. Leserbrief

Guten Tag,

sie sind wie sie sind, scheinbar richtig, wie genannt, friedenspolitisch Verwahrlost, besessen, verbohrt und Friedensunfähig. Natürlich wäre es höchste Zeit für eine vernünftige, menschliche und friedensorientierte Politik, wie es das Friedensgebot unseres Grundgesetzes vorsieht. Damit einhergehend wieder eine sachorientierte und realistische Diplomatie mit Russland. Mit dem Wort Aggressor sollte Merz, der offensichtlich doppelmoralistisch und einäugig in Sachen militärischer Gewalt unterwegs ist, sorgsam sein. Wer die Kriege von heute herbeigeführt und die Basis für die von morgen schafft, sind die bekannten Kriegstreiber, Waffenlieferanten und Profiteure. Ein gesunder Pazifismus, gepaart mit guter Diplomatie, wirtschaftlichem und kulturellem Austausch unter den Völkern, schafft und nährt keine Kriege, Herr Bundeskanzler.

So einfach ist das kleine ABC eines guten und menschlichen Miteinanders.

Mit freundlichen Grüßen
Thomas Stöbe

4. Leserbrief

Guten Tag Herr Klöckner,

wir gehen offensichtlich beide gerade durch harte Zeiten. Pazifismus kann auch in der Tat nicht so naiv sein wie Bellizismus, vor allem auf der Verliererseite.

Doch es gibt leider fast nur noch Kriegstreiber im Westen. Jeder der diesen ominösen Waffenstillstand fordert ist ein Kriegstreiber. Meiner Meinung nach.

Es gibt auch nur wenige in Russland die daran erneut glauben (würden/könnten) und davon sind die meisten wahrscheinlich westliche Agen- oder Korrespondenten.

Das wahre Wesen dieses Krieges ist wohl eher das Russland gar nicht schnell gewinnen will. Erstmal wegen den Kosten, die ein schnellerer Vormarsch verursachen würde und zum anderen läuft es jenseits des Schlachtfelds ausnehmend gut für Russland.

Fast niemand im Westen ist in der Lage es richtig zu verstehen bzw. zu kommunizieren. Wer jedoch weiß wie inzwischen in der Ukraine gekämpft wird, nämlich mit Guerillataktik im ultrabreiten Todesstreifen mit 24/7-Überwachung, der zweifelt nicht daran.

Die Laien im Westen nennen es einen Abnutzungskrieg, eine Materialschlacht also. Das ist es auch, aber halt nicht bezüglich des „Menschenmaterials“. Es ist aber auf längere Sicht der entscheidende Faktor. Da beiden Seiten die Wehrtechnik so schnell nicht ausgehen wird, könnte es noch viele Jahre so weitergehen.

Es sei denn, man bekommt Probleme an der Heimatfront. Zum Beispiel wenn man Staaten doch etwas zu dauerhaft zu reich beschenkt, dies mit Kürzungen und Einschränkungen daheim refinanzieren oder irgendwann mit eigenen Soldaten intervenieren will.

Mit freundlichen Grüßen
Kai P.

5. Leserbrief

Hallo Herr Klöckner!

Vielen Dank für Ihre Betrachtungen in Ihrem Artikel „Der Kanzler und der „naive Pazifismus“ – friedenspolitische Verwahrlosung einer Regierung, die nicht zur Vernunft kommen will“.

Sie beziehen sich dabei auf die Aussage des Bundeskanzlers:

„Die Geschichte lehrt uns: Beschwichtigung schafft keinen Frieden. Sie ermutigt den Aggressor. Wer heute einem naiven Pazifismus folgt, befördert die Kriege von morgen“.

Ich habe zu diesem vor Kriegspropaganda strotzenden Satz ein sehr interessantes Video auf YouTube gefunden, in dem eine Rede von Prof. Glenn Diesen, einem Politikanalysten und Experten für europäische Sicherheit und russische Außenpolitik, er ist Norweger, wiedergegeben wurde. Diese knapp 15-minütige Rede hatte er kürzlich vor dem UN-Sicherheitsrat gehalten. Der Titel des Videos: „Medienmanipulation im Ukraine-Krieg: Glenn Diesen im UN-Sicherheitsrat“.

Hier ist der Link dazu.

Im Anschluß an die ca. 15-minütige Rede gibt er in dem Video noch einige Erläuterungen dazu, um den aktuellen gesellschaftlichen Rahmen besser auszuleuchten.

In seiner Rede vor dem UN-Sicherheitsrat zitiert Prof. Diesen Walter Lippmann wie folgt:

„Sobald die Öffentlichkeit den Gegner als das reine Böse betrachtet, sowohl die Bevölkerung als auch die Politiker, wird jede praktikable Friedenslösung abgelehnt werden. In einem Kampf zwischen Gut und Böse wird ein Kompromiss zur Beschwichtigung und der Frieden verlangt, dass Krieg geführt wird, da das Gute das Böse besiegen muss.“

Dies ist ein Grundsatz der Kriegspropaganda!

Dies ist keine Friedenspropaganda!

Lord Ponsonby hatte 1928 die Prinzipien der Kriegspropaganda in seinem Buch „Falsehood in Wartime“ veröffentlicht. Sie lauten folgendermaßen:

  1. Wir wollen keinen Krieg.
  2. Das feindliche Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg.
  3. Der Feind hat dämonische Züge.
  4. Wir kämpfen für eine gute Sache und nicht für eigennützige Ziele.
  5. Der Feind begeht mit Absicht Grausamkeiten. Wenn uns Fehler unterlaufen, dann nur versehentlich.
  6. Der Feind verwendet unerlaubte Waffen.
  7. Unsere Verluste sind gering, die des Gegners aber enorm.
  8. Unsere Sache wird von Künstlern und Intellektuellen unterstützt.
  9. Unsere Mission ist heilig.
  10. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht ist ein Verräter.

Wer diese Prinzipien als Schablone auf die Reden und Taten „unserer“ Politiker und Regierungsmitglieder legt, wird eine erschreckend große Übereinstimmung feststellen.

Und so ist dann auch die Aussage des Bundeskanzlers zu verstehen.

Ein Kompromiss, der uns jahrzehntelang als die hohe Schule der Diplomatie und als Ultima Ratio jeglicher Politik (Innen-/ wie Außen-) verständlich gemacht wurde hat ausgedient wenn die Kriegspropaganda des deutschen Kanzlers es so will.

Auch ein anders Zitat des Bundeskanzlers ist in diesem Zusammenhang noch erwähnenswert.

Der Zeitung „Rheinpfalz“ sagte er vor wenigen Tagen in einem Interview: „Wir erleben im Augenblick dieses Land in einem Zustand der tiefsten Barbarei.“ (gemeint ist Russland)

Dies von einem deutschen Kanzler zu hören, der als Regierungschef den Nachfolgestaat des Dritten Reiches vertritt, welches in seinem knapp vierjährigen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion täglich mehr als 10.000 Zivilisten ermordet und massakriert hat (Armeeangehörige sind dabei noch nicht eingerechnet.) ist ein unglaublicher Zynismus, an Amoralität nicht zu überbieten und eine Bankrotterklärung des deutschen Humanismus – oder wie Sie schreiben, Herr Klöckner, eine friedenspolitische Verwahrlosung.

Hat Deutschland wirklich so einen Kanzler verdient?

Mitnichten!!!

mfG
P. Schulz

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