Auch Agnostiker hören auf Erden manchmal einen Gottesbeweis. Etwa wenn die Fanfare aus Richard Strauss’ Also sprach Zarathustra ertönt – Nietzsches Triumphgesang über den toten Gott, wenn sie aufbraust und die Arena mit kosmischem, trommelndem Donner erfüllt. Und wenn nach dieser säkularen Eröffnung diese gewaltige, göttliche Stimme einsetzt.

Die von Elvis Presley. In Baz Luhrmanns Film EPiC: Elvis Presley in Concert wirkt dieser Moment – das obligatorische Opening der Live-Auftritte in den 1970ern (es waren rund 1.100, mehr als die Hälfte davon in Las Vegas) – fast wie eine Metapher: Für den Ungläubigen Nietzsche hätte dieses menschliche Organ – rau, sanft, mehrere Oktaven überspannend, einzigartig – der Gottesbeweis bedeuten können.

Ja, so viel Pathos muss schon sein, um annähernd zu beschreiben, was da auf der Leinwand vor sich geht. Als seine „Tondichtung“, so nennt es Luhrmann, vergangenes Jahr auf dem Toronto-Filmfestival Weltpremiere feierte, soll es einige Zuschauer förmlich aus den Kinosesseln gerissen haben.

Klingt nach dem gefundenen heiligen Gral

Waren sie etwa das erste Mal mit Elvis’ Erscheinung in diesem technisch aufwendig produzierten Film – die Farben leuchten, jede Paillette blinkt, jeder Schweißtropfen kullert sichtbar in Großaufnahme über die Stirn, und der Sound ist eine Wucht – in Berührung gekommen?

Haben sie die Konzertfilme Elvis – That’s the Way It Is (1970) oder Elvis on Tour (1972) nie gesehen, die – wenngleich etwas krisseliger – auch sehr imposant waren? Größtenteils auf nie gezeigten, verschollen geglaubten Aufnahmen, die bei diesen beiden Filmen entstanden, beruht EPiC. Auf rund 59 Stunden Material stießen Luhrmann und sein Team in einem Warner-Bros.-Archiv – in einem Salzbergwerk in Kansas.

Klingt ganz nach dem gefundenen Heiligen Gral und macht die Entstehungsgeschichte umso mythischer. Darunter fanden sich auch Mitschnitte der Proben, manchmal intim mit kleiner Band, dann ausladend samt Bigband und Chor. Sie zeigen einen konzentrierten Perfektionisten, der manchmal infantil herumalbert.

Elvis wird nie außerhalb der USA touren

Gefunden wurde auch ein langes Interview, in dem Elvis über sein Leben spricht; dieses liefert das verbale Hintergrundrauschen des Films, wenn der King gerade mal nicht singt. Als Elvis das erste Mal 1972 in seinem Leben überhaupt in New York auftrat (in anderen Teilen der Welt wird er nie touren), konnte die New York Times über seine Erscheinung im Madison Square Garden nicht genügend Superlative abfeuern.

Sie titelte ihren Bericht gar mit Like a Prince From Another Planet. Darin wird eine Szene beschrieben, als ein Mädchen ein Taschentuch auf die Bühne wirft. Elvis wischt sich die Stirn damit ab und wirft es zurück, „ein Geschenk aus Schweiß von einem erdigen Gott“.

Am Ende heißt es: „Er stand dort am Ende, seine Arme ausgestreckt, der große goldene Umhang gab ihm Flügel, ein Champion, der einzige in seiner Klasse.“ Seine grandiose, voller cooler Erotik sprühende Version eines Songs mit dem fast apokalyptischen Titel, die einer Lebensbilanz gleicht – Never Been To Spain –, erwähnt die Zeitung nicht. Aber wer konnte da schon ahnen, dass er fünf Jahre später sterben würde? Im Film ist dieses Lied zu hören.

Presley wollte sich politisch nicht öffentlich äußern

Luhrmann zeigt aber auch einen Ausschnitt aus einer Pressekonferenz vor dem triumphalen Konzert. Er ist bekannt, nicht neu. Als wollte Luhrmann dadurch noch etwas Bedeutsames, Diskurshaftes, Jetziges einstreuen. Denn auf die Frage einer Journalistin, ob er angesichts der Geschehnisse – sie spielt auf Vietnam an – den Wehrdienst heute verweigern würde, antwortet Elvis: „Honey, ich behalte meine persönliche Meinung dazu lieber für mich, denn ich bin nur ein Entertainer und möchte mich dazu lieber nicht äußern.“

Ja, er sagt wirklich „Honey“, und Luhrmann wiederholt das „I’m just an entertainer“ noch einmal bedeutungsschwer – als wollte er all jenen Honig ums Maul schmieren, die der Diskussion, ob ein Künstler sich ständig politisch äußern müsse oder eben nicht, überdrüssig geworden sind. Die Kunst um der Kunst willen, quasi „le rock ’n’ roll pour le rock ’n’ roll“, ist des Regisseurs unverkennbare Position.

Viele alte Songs aus der Rock-’n’-Roll-Zeit wie Hound Dog werden dann auch – zuweilen hektisch und pflichtschuldig – fürs Publikum von Elvis durchgehechelt. In den 70ern bestand sein Repertoire mehr aus zeitgenössischem Pop, Country und klassischem Gospel. Er sang auch den als politisch geltenden Dylan. Die mehr als zehnminütigen Cover-Varianten von Don’t Think Twice, It’s All Right zählen zum Besten, was man auf Platte von ihm hören kann.

Ob sich die jüngere Generation von Elvis begeistern lässt?

Im Film war hierfür offenbar kein Platz, aber für den perfekt ineinander verschraubten Mix aus seinem 60er-Hit Little Sister und Get Back der Beatles. Er singt ihn auf einem Hocker – und beim Zuhören haut es einen förmlich von jenem.

Auch wenn vieles wie eine Offenbarung wirkt – all diese nie gesehenen fantastischen Aufnahmen –, bietet EPiC keine faktischen Offenbarungen. So rast man zu Beginn wie in einer Arte-Doku durch Elvis’ wohlbekanntes Leben: das Aufwachsen in Armut, das Hüftwackeln, kreischende Fans, Militärdienst in Hessen, die kräftezehrende Verschwendung seines Talents für irrsinnige Fließbandkomödien in Hollywood.

Ob sich eine jüngere Generation dem neuen Elvis-Gottesdienst hingibt, wo andere Göttinnen längst die Bühnen besetzen, bleibt offen. Aber vielleicht genügt schon das Echo dieser Stimme, um für einen Moment wieder an ein Wunder auf Erden zu glauben.

EPiC: Elvis Presley in Concert Baz Luhrmann USA/Australien 2025, 96 Min.

;berspannend, einzigartig – der Gottesbeweis bedeuten können.Ja, so viel Pathos muss schon sein, um annähernd zu beschreiben, was da auf der Leinwand vor sich geht. Als seine „Tondichtung“, so nennt es Luhrmann, vergangenes Jahr auf dem Toronto-Filmfestival Weltpremiere feierte, soll es einige Zuschauer förmlich aus den Kinosesseln gerissen haben.Klingt nach dem gefundenen heiligen Gral Waren sie etwa das erste Mal mit Elvis’ Erscheinung in diesem technisch aufwendig produzierten Film – die Farben leuchten, jede Paillette blinkt, jeder Schweißtropfen kullert sichtbar in Großaufnahme über die Stirn, und der Sound ist eine Wucht – in Berührung gekommen?Haben sie die Konzertfilme Elvis – That’s the Way It Is (1970) oder Elvis on Tour (1972) nie gesehen, die – wenngleich etwas krisseliger – auch sehr imposant waren? Größtenteils auf nie gezeigten, verschollen geglaubten Aufnahmen, die bei diesen beiden Filmen entstanden, beruht EPiC. Auf rund 59 Stunden Material stießen Luhrmann und sein Team in einem Warner-Bros.-Archiv – in einem Salzbergwerk in Kansas.Klingt ganz nach dem gefundenen Heiligen Gral und macht die Entstehungsgeschichte umso mythischer. Darunter fanden sich auch Mitschnitte der Proben, manchmal intim mit kleiner Band, dann ausladend samt Bigband und Chor. Sie zeigen einen konzentrierten Perfektionisten, der manchmal infantil herumalbert.Elvis wird nie außerhalb der USA tourenGefunden wurde auch ein langes Interview, in dem Elvis über sein Leben spricht; dieses liefert das verbale Hintergrundrauschen des Films, wenn der King gerade mal nicht singt. Als Elvis das erste Mal 1972 in seinem Leben überhaupt in New York auftrat (in anderen Teilen der Welt wird er nie touren), konnte die New York Times über seine Erscheinung im Madison Square Garden nicht genügend Superlative abfeuern.Sie titelte ihren Bericht gar mit Like a Prince From Another Planet. Darin wird eine Szene beschrieben, als ein Mädchen ein Taschentuch auf die Bühne wirft. Elvis wischt sich die Stirn damit ab und wirft es zurück, „ein Geschenk aus Schweiß von einem erdigen Gott“.Am Ende heißt es: „Er stand dort am Ende, seine Arme ausgestreckt, der große goldene Umhang gab ihm Flügel, ein Champion, der einzige in seiner Klasse.“ Seine grandiose, voller cooler Erotik sprühende Version eines Songs mit dem fast apokalyptischen Titel, die einer Lebensbilanz gleicht – Never Been To Spain –, erwähnt die Zeitung nicht. Aber wer konnte da schon ahnen, dass er fünf Jahre später sterben würde? Im Film ist dieses Lied zu hören.Presley wollte sich politisch nicht öffentlich äußernLuhrmann zeigt aber auch einen Ausschnitt aus einer Pressekonferenz vor dem triumphalen Konzert. Er ist bekannt, nicht neu. Als wollte Luhrmann dadurch noch etwas Bedeutsames, Diskurshaftes, Jetziges einstreuen. Denn auf die Frage einer Journalistin, ob er angesichts der Geschehnisse – sie spielt auf Vietnam an – den Wehrdienst heute verweigern würde, antwortet Elvis: „Honey, ich behalte meine persönliche Meinung dazu lieber für mich, denn ich bin nur ein Entertainer und möchte mich dazu lieber nicht äußern.“Ja, er sagt wirklich „Honey“, und Luhrmann wiederholt das „I’m just an entertainer“ noch einmal bedeutungsschwer – als wollte er all jenen Honig ums Maul schmieren, die der Diskussion, ob ein Künstler sich ständig politisch äußern müsse oder eben nicht, überdrüssig geworden sind. Die Kunst um der Kunst willen, quasi „le rock ’n’ roll pour le rock ’n’ roll“, ist des Regisseurs unverkennbare Position.Viele alte Songs aus der Rock-’n’-Roll-Zeit wie Hound Dog werden dann auch – zuweilen hektisch und pflichtschuldig – fürs Publikum von Elvis durchgehechelt. In den 70ern bestand sein Repertoire mehr aus zeitgenössischem Pop, Country und klassischem Gospel. Er sang auch den als politisch geltenden Dylan. Die mehr als zehnminütigen Cover-Varianten von Don’t Think Twice, It’s All Right zählen zum Besten, was man auf Platte von ihm hören kann. Ob sich die jüngere Generation von Elvis begeistern lässt? Im Film war hierfür offenbar kein Platz, aber für den perfekt ineinander verschraubten Mix aus seinem 60er-Hit Little Sister und Get Back der Beatles. Er singt ihn auf einem Hocker – und beim Zuhören haut es einen förmlich von jenem.Auch wenn vieles wie eine Offenbarung wirkt – all diese nie gesehenen fantastischen Aufnahmen –, bietet EPiC keine faktischen Offenbarungen. So rast man zu Beginn wie in einer Arte-Doku durch Elvis’ wohlbekanntes Leben: das Aufwachsen in Armut, das Hüftwackeln, kreischende Fans, Militärdienst in Hessen, die kräftezehrende Verschwendung seines Talents für irrsinnige Fließbandkomödien in Hollywood.Ob sich eine jüngere Generation dem neuen Elvis-Gottesdienst hingibt, wo andere Göttinnen längst die Bühnen besetzen, bleibt offen. Aber vielleicht genügt schon das Echo dieser Stimme, um für einen Moment wieder an ein Wunder auf Erden zu glauben.



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